(c) Birgitt Schunk

Naturschutzgebiet und Landwirtschaft: Wie ein 6er im Lotto

Flurbereinigungsverfahren kosten und dauern, doch der Aufwand lohnt sich – wie im thüringischen Creuzburg. Dort ist es gelungen, das Naturschutzgebiet „Wilhelmsglücksbrunn“ so zu entwickeln, dass auch die Landwirte profitieren.

Von Birgitt Schunk


Der Lenz hat es schwer in diesem Jahr. Noch sind die Apriltage recht kühl. Doch die Störche künden im Stiftsgut Wilhelmsglücksbrunn in Creuzburg längst vom Frühling. Galloway-Rinder und Wasserbüffel stehen auf der Weide, die Schafe sind im Stall. Der Bio-Hofladen hat geöffnet, den Thüringer Blechkuchen gibt es zum Mitnehmen. Ohne Corona würden sich die Besucher um diese Zeit schon die Klinke in die Hand geben, doch Restaurant, Café und Hotel bekamen auch hier eine Zwangspause verordnet.
Dennoch schauen Radler, Spaziergänger und Kunden gern vorbei – auch wenn es immer wieder mal regnet und stürmt. Zu sehen gibt es schließlich immer etwas, auch Käse aus der eigenen Manufaktur wird feilgeboten. „Vor Jahren hätten Gäste hier nicht trockenen Fußes eine Runde nach dem Essen oder dem Einkauf gehen können, denn um diese Zeit waren die Erdwege noch überall matschig“, sagt Angela Karsten, die sich gemeinsam mit ihrem Mann Frithjof um das Biohotel samt Restaurant & Café kümmert. Inzwischen aber fühlt man sich „bestens an den Rest der Welt angebunden“.

Grenzregion raus aus dem Dornröschenschlaf

Schild Creuzburg
(c) Birgitt Schunk

In der südthüringisch-hessischen Grenzregion am einstigen Eisernen Vorhang waren die Wege zu DDR-Zeiten jahrzehntelang eher stiefmütterlich behandelt worden, an touristische Anziehungspunkte war hier im Werratal nicht zu denken. Schließlich sollten keine Begehrlichkeiten in Richtung Westen geweckt werden.

Dass vieles sich zum Guten entwickelte, hat die Region vor allem dem Flurbereinigungsverfahren zu verdanken. Der Wegebau kam in Gang, Parkplätze für Pkw und Busse entstanden. „Für uns war das wie ein Sechser im Lotto“, erzählt Frithjof Karsten.

Entstanden ist allerdings noch weit mehr als asphaltierte Wege rund um das Anwesen, das eine lange und wechselvolle Geschichte hat. Das Stiftsgut wurde im Jahr 1426 in Verbindung mit Siederechten für die Salzgewinnung erstmals erwähnt. Doch die reichen Solequellen sind wahrscheinlich schon viele Jahrhunderte früher genutzt worden. 1997 wurde begonnen, das völlig verfallene Stiftsgut Schritt für Schritt mit viel Liebe, Geld und Aufwand zu sanieren – hier war kaum noch ein Stein auf dem anderen. Wenige Jahre später baute man zudem einen ökologischen Landwirtschaftsbetrieb mit südfranzösischen Lacaune-Schafen, Wasserbüffeln und Galloways auf, in dem Menschen mit Handicap heute Arbeit finden.

Biomarkt
(c) Birgitt Schunk

An vielen Ecken und Enden musste im Freistaat Thüringen – wie eben in Creuzburg auch – seit 1990 alles neu geordnet werden. Nicht nur Investitionen wie die ICE-Strecke und die Thüringer-Wald-Autobahn, die Tausende Grundstückseigentümer tangierten, sorgten für Handlungsbedarf. Auch andere Interessenkonflikte galt es durch die Flurbereinigung aus der Welt zu schaffen – gerade auch im einstigen Grenzraum.
„Hier in Creuzburg hatten wir Anfang der 1990er-Jahre den klassischen Fall wie vielerorts“, sagt Knut Rommel, der Abteilungsleiter vom Thüringer Landesamt für Bodenmanagement und Geoinformation. „Der Naturschutz hatte große Ideen und wollte Projekte umsetzen, das Land übernahm Flächen und die Landwirte beklagten, dass ihnen der Boden unter den Füßen weggekauft würde.“
Flurbereinigungsverfahren sollten deshalb alle Beteiligten an einen Tisch bringen und Ärger aus dem Weg räumen – so ähnlich war es auch rund um das Stiftsgut Wilhelmsglücksbrunn.

Ganz am Anfang stand die Frage, wie man hier ein Naturschutzgebiet ausweisen kann und dabei Grundbesitzer und Landwirte mit ins Boot holt. „Ziel war ein Konsens, ohne enteignen zu müssen“, sagt Verfahrensleiter Michael Lehrach vom Planungsbüro Sweco GmbH in Weimar. „Ein Selbstläufer war dies allerdings nicht.“ Unzählige Gespräche waren mit allen Beteiligten notwendig. „Das Naturschutzgebiet war die Initialzündung, doch im Laufe des Verfahrens kamen immer wieder neue Ideen hinzu – der Appetit kam sozusagen beim Essen.“ Es wurde diskutiert, untersucht, geplant, verworfen, neu entwickelt und gebaut.

Zusammenlegen und entflechten

Um all die Vorhaben möglich zu machen, mussten Grundstücke angefasst, angekauft und getauscht werden – die Eigentumsverhältnisse wurden neu geordnet. Immerhin war man mit knapp 240 Eigentümern im Gespräch. Viele kleine Bewirtschaftungsflächen wurden zusammengelegt. Aus einem Flickenteppich mit schmalen Handtuchstreifen wurden größere Areale, mit denen die Bauern nun etwas anfangen konnten – das steigerte natürlich auch den Wert der Flächen, die nun größer und zudem durch den Wegebau besser erreichbar sind.

Die Zahl der Flurstücke halbierte sich. Das alles zahlte sich auch aus für den Biolandwirtschaftsbetrieb auf dem Stiftsgut. Hier stehen 40 Hektar am Stück für die Ganzjahres-weide bereit. Weil Flächen entflochten wurden, können der Ökolandbau, aber auch die konventionelle Landwirtschaft gleich nebenan besser wirtschaften als vorher. „Es kann auf Dauer ansonsten durchaus zu erheblichen Komplikationen kommen, wenn ein Nachbarbetrieb mittendrin kleine Flächen bewirtschaftet“, sagt Carlo Walther, der Geschäftsführer der Landwirtschafts GmbH Ifta mit ihren 1.800 Hektar.
Für seinen Betrieb hat sich der Aufwand bei der Verwaltung der Pachtflächen verringert, „da die einzelnen Grundstücke eines Landeigentümers nicht mehr sonstwo verstreut liegen“. Größe und Form der Flächen sowie das entsprechende Wegesystem machen außerdem Anbau und Ernte leichter. Dennoch hat der Agrarbetrieb wegen der Vorhaben des Naturschutzes auch Fläche im Ackerbau verloren. „Man hat aber im Verfahren gespürt, dass alle bemüht waren, den Schaden so gering wie möglich zu halten.“
Walther könnte sich gut vorstellen, dass man die Flurbereinigung auf den insgesamt 666 Hektar noch weiter hätte fassen können. „Das hätte am Ende noch mehr gebracht, so konnte nur ein Teil der Gemarkung bereinigt werden.“

Schafe gehören ebenso zu seinen „Bewohnern“ wie Gallowayrinder und Wasserbüffel. (c) Birgitt Schunk

Doch irgendwo müssen Grenzen gezogen werden, um irgendwann Ergebnisse zu erreichen. Das größte Verfahren in Thüringen beispielsweise umfasst rund 2.000 Hektar, im Schnitt gehen 20 Jahre ins Land, bis alles in Sack und Tüten ist. „Über Jahrzehnte hinweg werden wir nicht arbeitslos“, erklärte Uwe Köhler, Präsident des Thüringer Landesamtes für Bodenmanagement und Geoinformation, bei einem Rundgang zum Abschluss der Creuzburger Flurbereinigung. Bis Ende letzten Jahres wurden in Thüringen 51 Flurbereinigungsverfahren abgeschlossen. 167 Verfahren werden derzeit bearbeitet. „In den nächsten fünf Jahren wollen wir 50 weitere Verfahren abschließen und fast 30 neue ein leiten.“

Wie ernst es gemeint ist mit der Konsenssuche zeigt auch der Fakt, dass es in Creuzburg keine Klagen gab – lediglich zwei Widersprüche gegen den Flurbereinigungsplan. „Durch umfangreiche Moderationsprozesse ist es uns gelungen, die Zustimmung aller Beteiligten zu erreichen – aber das ging auch auf Kosten der Zeit“, sagt Knut Rommel vom Landesamt. Dem Gros der Bodeneigentümer kam das Verfahren auch entgegen.

Jede einzelne Maßnahme, die neben den Eigentumsfragen noch umgesetzt wurde, kennt Verfahrensleiter Michael Lehrach, der das Ganze im Detail vorangetrieben und begleitet hat.
Direkt am Gut kamen auf einer Länge von 300 Metern die Rohre wieder weg, in die man einst die „Alte Madel“ gezwungen hatte. Der Bach darf nun wieder natürlich in seinem Bett fließen, das schafft neue Strukturen für Pflanzen und Tiere. „Auf uralten Karten hatten wir zudem entdeckt, dass es hier einst Teiche gab, die später aber mit Unrat zugeschüttet wurden“, so Lehrach. Das Areal wurde beräumt, heute wird es von der „Alten Madel“ gespeist. Längst quaken hier wieder die Frösche.

Das Gelände der Werraaue unweit des Gutes wurde außerdem neu modelliert – Vertiefungen halten heute das Wasser relativ lange, wenn der Fluss über die Ufer tritt. Vögel, Amphibien, Insekten und Wasserbüffel fühlen sich hier wohl. Ein Beobachtungsstand ermöglicht den Besuchern einen nahen Einblick in diesen besonderen Lebensraum. Und auch an der Werra direkt waren die Bagger im Einsatz. Der Fluss hat bei Creuzburg einen künstlichen Arm erhalten, der dem fließenden Wasser die Geschwindigkeit nimmt.
Noch sieht man allerdings die Narben der Erdarbeiten. „Die Natur wird sich das Areal jedoch zurückholen – hier soll sich ein Auwald entwickeln“, sagt Lehrach. Die Uferfläche hat sich verdoppelt, die Erosion ist zudem geringer, Tiere und Pflanzen sind willkommen.

Naturschutzgebiet ist öffentliches Eigentum

Möglich wurden all diese Maßnahmen, weil das Naturschutzgebiet Wilhelmsglücksbrunn mit seinen rund 78 Hektar und Uferrandstreifen – in der Summe rund 36 Hektar – in öffentliches Eigentum kam. Auf einer Länge von 2,4 Kilometern erhielt der Werratal-Radweg, der sich zuvor in einem sehr schlechten Zustand befand, außerdem eine Asphaltdecke. Für die Kommune war das alles ein Segen. „Hier ist ein Kleinod entstanden, das es ohne das Flurbereinigungsverfahren nicht geben würde“, sagt Bürgermeister Rainer Lämmerhirt.

Das Städtchen Creuzburg bringt es auf rund 2000 Einwohner und ist weithin bekannt. Dafür sorgt nicht nur die Creuzburg hoch über dem Ort, gerade auch bei Radlern und Kanufahrern ist die Region beliebt. Mit dem Stiftsgut Wilhelmsglücksbrunn und den Naturschutzflächen samt ihrer immensen Artenvielfalt ist ein ganz besonderer Anziehungspunkt hinzu gekommen. „Das bringt nicht nur Touristen hierher, sondern tut auch den Einheimischen gut, die gerne hierher kommen.“ Creuzburg gilt deshalb als Erfolgsgeschichte. „Mit der Flurbereinigung ist es hier geglückt, Naturschutz, Landwirtschaft, Wasserwirtschaft und Tourismus erfolgreich unter einen Hut zu bringen. Das Verfahren war ein Gewinn für die gesamte Region“, ist auch Thüringens Infrastrukturstaatssekretärin Susanna Karawanskij während des Rundgangs angetan.
Insgesamt 1,9 Millionen Euro wurden in das Flurbereinigungsverfahren investiert. 90 Prozent flossen als Fördermittel, 10 Prozent steuerte die Teilnehmergemeinschaft vor Ort bei. In das Stiftsgut selbst flossen über 127.000 Euro Fördermittel der Dorferneuerung.

Der Landwirtschaftsbetrieb auf dem Stiftsgut kann nun ohne weite Wege biologisch wirtschaften. Mit Arnold Vogt verschlug es vor Jahren einen gebürtigen Liechtensteiner ausgerechnet hierher, der die Landwirtschaft von der Pike auf gelernt hat und Alm-Erfahrungen mitbrachte – eine gute Fügung. Seine Lacaune-Schafe – alles Herdbuchzucht – sorgen für frische Milch, die zu verschiedenen Käsesorten, aber auch Joghurt und Kefir verarbeitet wird. Der anfangs kleine Hofladen hat sich gemausert und das Angebot an Bio-Produkten Schritt für Schritt erweitert. Heute kann man hier fast alles für den täglichen Bedarf bekommen.

Wenn in Creuzburg heute noch Wünsche offen bleiben, dann ist es wohl der Erhalt der Infrastruktur. Neue Wege zu bauen, kommt immer gut an und läuft mit Fördergeldern, befindet der Bürgermeister. Doch an den Unterhalt in ein paar Jahren, wenn die ersten Reparaturen anfallen, mag er am liebsten noch nicht denken. „Für dieses Problem brauchen wir dringend eine Lösung“, sagt auch Knut Rommel vom Landesamt. „Die Kommunen schieben in den kommenden Jahren sonst eine Bugwelle vor sich her, die sie selbst nicht mehr beherrschen – wir können die Gemeinden nicht alleine lassen mit dem Problem.“

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