Ein Besuch auf der Grünen Woche als Jugendlicher weckte Marco Glasers Liebe zu den Galloways. Heute ist er Haupterwerbslandwirt. (c) Sabine Rübensaat

Züchterfamilie Glaser: Entspannt erfolgreich

Auf ihrer Weide steht Ursus, seit Jahren der Top-Fleischrindbulle der Zuchtwertschätzung. Züchterfamilie Glaser aus Perleberg verbringt viel Zeit mit ihren „Fleckies und Gallies“ – die Basis für Vertrauen und kluges Entscheiden.

Von Heike Mildner

Kurz bevor im März 2020 das öffentliche Leben mehr oder weniger zum Erliegen kam, hatte Familie Glaser aus Perleberg ihren bisher größten Erfolg: Auf der 19. Bullenauktion der RBB Rinderproduktion Berlin-Brandenburg GmbH wurde ihr reinerbig hornloser Fleckviehbulle Anton für 20.000 Euro versteigert und sprengte damit alle Rekorde. Und dann ist da noch Ursus, Antons Großvater mütterlicherseits, dessen Nachkommen immer wieder für leuchtende Augen sorgen. Wir wollten wissen, wer und was hinter der erfolgreichen Zuchtarbeit steckt.

Zu Besuch bei Züchterfamilie Glaser

Mitte April besuchten wir Marco Glaser und seinen Vater, Manfred, in der Prignitz. Wir treffen uns im Funknetz-Niemandsland zwischen Perleberg und Pritzwalk. Das Dorf heißt Baek und hatte mal einen Bahnhof. Die Bahn fuhr bis 1975. Da war Manfred Glaser ein junger Mann und verschwendete noch keinen Gedanken an Rinderzucht, die heute seine Tage fast in Gänze füllt. Früher war er Heizungsbauer, heute Rentner. Der Haupterwerbslandwirt des Unternehmens ist sein Sohn Marco. Aber Arbeit gibt es reichlich, wenn man Tierzucht so versteht wie Glasers. Auch Manfreds Frau Doris, die die Buchführung erledigt, und Marcos Lebensgefährtin Sarah, die gelernte Landwirtin ist, aber im Krankenhaus arbeitet, helfen mit.

Hinter dem alten Baeker Bahnhof stehen die Färsen und Jungbullen der Glasers in frischem Stroh unter einem Wellblechdach. Unter ihnen: Lotta, die sich fürs Online-Färsenchampionat qualifiziert hatte und vergangenen Samstag für 3.000 Euro verkauft wurde.

Manfred Glaser steigt übers Gatter und verteilt Streicheleinheiten an die Jungtiere. Die sind entspannt und genießen. Nebenbei erzählt er, wie er Rinderzüchter wurde: Bei einem Besuch auf der Grünen Woche 1994 sieht sein 13-jähriger Sohn Marco Galloways und ist begeistert. Die Eltern lassen sich breitschlagen. Zwei Jahre später ersteigert der 15-Jährige seinen ersten Bullen, der beim Opa eingestallt wird, betätigt sich als Jungzüchter und entscheidet sich für eine Ausbildung zum Landwirt. Galloways sind sein Ding – und den Vater hat er mit seiner Begeisterung längst angesteckt. Gemeinsam bauen sie einen Zuchtbetrieb auf und haben mit ihren Galloways erste züchterische Erfolge.

Sanft und fordernd

Als Ende 2000 die Bovine Spongiforme Encephalopathie (BSE) aus dem Ursprungsland der Galloways in Deutschland ankommt, steigen Glasers auf Fleckvieh-Fleisch um. Auch diese Rasse kann ganzjährig auf der Weide stehen. Inzwischen haben Glasers einige Grünlandflächen kaufen oder pachten können, – unter anderem besagtes Gelände in Baek. Hier soll 2010 ein Offenfrontstall entstehen. Er wird dringend gebraucht, ein Wort, mit dem Genehmigungsbehörden meist nicht viel anzufangen wissen.

So sanft Manfred Glaser mit den Tieren umgeht, so fordernd tritt er mitunter an seine eigene Spezies heran. Von ihm wird viel erwartet: Fleiß, Einsatz, Steuern zahlen – und also erwartet er von anderen auch viel: Beamte sollen fleißig sein und im Sinne derer entscheiden, die Werte schaffen, Politiker sollen Wort halten und sich kümmern, wenn´s klemmt. Ansonsten wird auch schon mal einer „abgebürstet“. Das habe schon zu dauerhaften Freundschaften geführt, erzählt Manfred Glaser, in puncto Stall ging es allerdings nach hinten los und endete mit einem satten Bußgeld. Aber der Stall steht, und Grund für Ärger gibt es immer wieder neu: schlechtes Zaunmaterial, kurzsichtige Wolfspolitik, grüne Besserwisser, die Nichtstun als Naturschutz ausgeben …

BEEINDRUCKEND: AUF TUCHFÜHLUNG MIT URSUS

Da Glasers relativ spät nach der Wende in die Landwirtschaft eingestiegen sind, liegen die insgesamt 197 Hektar in Teilstücken verstreut in der Landschaft. Vom Stall in Baek geht es in 15 Autominuten zur Weide bei Krampfer. Die Katzenköpfe der Landstraße sind von Teer überzogen wie Streusel von Zuckerguss. Glasers kennen jeden Huckel. Noch ein Stück durch den Wald und wir parken neben zwei Dutzend Windrädern auf der einen und vier Mutterkuhherden auf der anderen Seite. Drei Fleckvieh-Familien und die Galloways stehen auf den 16 ha bei Krampfer. Marco Glaser und seine Lebensgefährtin Sarah, die gerade ihre Schicht im Krankenhaus beendet hat, sind hier mit den Kühen zugange.

Einen Graben und zwei Elektrozäune weiter stehen wir mit ihnen inmitten einer kompletten Kuhfamilie: der von Ursus, dem Top-Bullen der deutschen Zuchtwertschätzung mit aktuellem Relativzuchtwert Fleisch (RZF) von 138. Ursus heißt Bär – das passt. Jahreszeitlich bedingt ist er gerade ziemlich gefordert, sein enormes Zuchtpotenzial weiterzugeben, was laut aktueller Zuchtwertschätzung zu 85 Prozent gesichert ist. „Sieht ein bisschen geschafft aus, aber bis August hat er sich wieder erholt“, sagt Manfred Glaser augenzwinkernd.

Derweil müssen sich die Bauernzeitungsgäste erstmal an das Gefühl gewöhnen, ohne Zaun dem imposanten Rind und seiner Gefolgschaft gegenüberzustehen. Aber alle Sorge ist unbegründet: Die „Fleckies“ und „Gallies“, wie Marco Glaser seine Lieblinge ruft, sind allesamt tiefenentspannt, mit dem Nachwuchs beschäftigt und höchstens ein bisschen neugierig.

Züchterfamilie Glaser: Vertrauen aufbauen

Kein Wunder, denn sie sind an Menschen gewöhnt und haben noch keine schlechten Erfahrungen gemacht. Für Marco Glaser ist die geradlinige Unvoreingenommenheit der Rinder genau das, was er an der Arbeit mit ihnen schätzt. Er ist jeden Tag hier draußen, gerade jetzt in der Abkalbezeit.

Zum Alltag gehören tägliches Füttern, Streuen, Tränken, nach den Kühen sehen und auf ihre Bedürfnisse reagieren. Und das macht Marco Glaser nicht nebenbei, es ist sein täglich Brot. Der Wind pfeift kalt über die Weide. Die neugeborenen Kälber bekommen eine Decke über. Und da die Mutterkühe ihm vertrauen, darf er das auch. „Führig machen“ müssen Glasers ihre Vorführtiere daher eigentlich nicht. Die vertrauensbildenden Maßnahmen gehören für alle Rinder zur Tagesroutine. Aktuell sind es 377, darunter sechs Bullen und 150 Mütter.

„Das Wichtigste für einen Züchter ist der lange Atem“, ist Marco Glaser überzeugt. Schließlich sei Zuchtarbeit generationenübergreifend und brauche bei Rindern eben viel Zeit. Dass Glasers Fleckvieh ganz besonders friedfertig ist, hat sich herumgesprochen. Eine Eigenschaft, die Ursus seinen Nachkommen in die Wiege legt und die unter menschlicher Fürsorge weiter gedeiht.

Wegen der geografisch ausgewogenen Betriebslage zwischen Mecklenburg und Brandenburg war Züchterfamilie Glaser sowohl bei den Brandenburgischen Landwirtschaftsausstellungen (BraLa) als auch bei den Mecklenburgischen (MeLa) immer wieder mit ihren Tieren erfolgreich am Start – zuletzt mit Ursus-Tochter Rabea. Bei der Jubiläums-BraLa, die am kommenden Wochenende stattfinden sollte und nun ein zweites Mal verschoben wird, wollte sich die nächste Generation Glaser vorstellen: Die fünfjährige Mathilda gehe mittlerweile so souverän mit den Kälbchen um, dass sie einmal am Jungzüchterwettbewerb teilnehmen müsste, erzählt Marco Glaser. Aber daraus wird nun erstmal nichts. Stattdessen müssen sich Großeltern, Eltern und Kinder weiter mit den Folgen eines Virus herumschlagen, gegen das ihre Kälber längst routinemäßig über die Muttermilch immunisiert werden.

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