Nachruf auf Dr. Gerhard Kramer – bedeutender Tierzüchter und Netzwerker

Die Familie, Freunde und Wegbegleiter nehmen Abschied von Dr. Gerhard Kramer. Mit ihm verliert die Tierzucht einen visionär, welcher Praxis und Wissenschaft hervorragend vereinen konnte. Dr. Gerhard Kramer verstarb am 08. Dezember 2023 in seiner Heimat Beilrode in Sachsen.

Von Ernst-Jürgen Lode, Woldegk und Fritz Fleege, Oranienburg

Gerhard Kramer wurde am 11. März 1931 in einer Kaufmannsfamilie geboren. Er erlebte in seiner Kindheit und Jugend den Nationalsozialismus, den Krieg und auch die Besatzungszeit in allen Schattierungen. 1949 machte er sein Abitur in Torgau. Mit der Lehre legte er noch die Gehilfen- und Körmeisterprüfung für Bienen ab. 1951 begann sein Studium für Landwirtschaft an der Universität Leipzig. Seine Diplomarbeit schrieb er über Bienenkunde.

Anschließend war sein Weg in die Praxis vorgezeichnet als Tierzuchtleiter und stellvertretender Direktor des Tierzuchtgutes Herzberg-Woeten im Bezirk Schwerin. Dort sorgte er für Spitzenleistungen in der Herdbuchzucht aller Großtierarten bis hin zur Kaltblutzucht und für eine umfangreiche Lehrlingsausbildung.

Familiäre Gründe führten ihn 1968 zurück nach Beilrode. Im nahegelegenen Tierzuchtgut Köllitsch wurde er in die Leitungsspitze berufen. Ehrgeizig legte er 1960 das Tierzuchtleiterexamen in Berlin ab und promovierte 1963 in Leipzig zum Dr. agr. mit einer Arbeit über die Gänsezucht. Mit Energie und tatkräftiger Unterstützung seiner Mitarbeiter gelang es ihm, in Köllitsch in wenigen Jahren Rinder-, Schweine- und Schafbestände zu Spitzenzuchten zu entwickeln.

Die besten Tiere zeigte Köllitsch in den alljährlichen Ausstellungen der agra in Leipzig. Besucher aus dem In- und Ausland wechselten sich auf dem Tierzuchtgut regelmäßig ab. Für die Europäische Vereinigung der Tierzucht (EVT) war Köllitsch ein anerkannter Exkursionspunkt.

Ein Leben geprägt von Engagement

Dr. Gerhard Kramer (c) Fritz Fleege
Dr. Gerhard Kramer (c) Fritz Fleege

In der Wendezeit 1989/1990 zeigte Gerhard Kramer seine Fähigkeiten im gesellschaftlichen Bereich. Er kämpfte für die Erhaltung des Betriebes bei der Treuhand. Viele unangenehme Dinge waren damit verbunden, Abwicklungen, Entlassungen und persönliche Zweifel. Es musste in völlig neuen Dimensionen gedacht und viel improvisiert werden. 1992 wurde Köllitsch Teil der Landesanstalt für Landwirtschaft des Sächsischen Staatsministeriums.

Mit dem Lehr- und Versuchsgut Köllitsch ging es gut voran. 1996 wurde er in den Ruhestand verabschiedet. Auch danach war seine Meinung überall gefragt, in Vorständen und Vereinen, so im Sächsischen Schweine- und Rinderzuchtverein oder im Heimatverein. Bei der Restaurierung der Holländermühle und bei Chorkonzerten war seine Stimme gehört, ebenso wie bei der Wiederherrichtung der alten Hollandkirche in Beilrode. Wen wundert‘s, die Gemeinde Beilrode verlieh ihm dann 2021 die Ehrenbürgerwürde, die höchste Auszeichnung, die eine Kommune vergeben kann.

Auszeichnungen in Anerkennung seiner Leistungen in der Tierzucht und angewandten Genetik gehörten zu seinem beruflichen Wirken. Die DDR zeichnete ihn als „Verdienter Züchter“ und die Deutsche Gesellschaft für Züchtungskunde (DGfZ) 1996 in Würdigung seiner herausragenden Leistungen auf dem Gebiet der praktischen Züchtung sowie für die Förderung der Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Praxis mit der Adolf-Koppe-Nadel aus.

Dr. Gerhard Kramer: Bedeutender Netzwerker der Tierzucht

Kontakte, Gespräche, immer in Kommunikation um Lösungen und Entscheidungen bleiben, auch die Begleitung von Freunden, das waren Wesenszüge seines Lebens. Sich treffen, ob auf Schauen, in Betrieben oder Reisen mit Freunden, ehemaligen Tierzuchtleitern sowie praktizierenden Landwirten und Tierzüchtern – heute netzwerken genannt –, war ihm wichtig. So organisierte er ab 2001 Fachreisen zu den europäischen Nachbarländern Ungarn, Polen, Frankreich, Dänemark, Schweden, Italien, England, Tschechien, Holland, Irland, Spanien, Schweiz und Österreich, Litauen sowie nach Lettland, Estland, Kroatien und Slowenien.

Es wurden lokale und gemeinsame Probleme diskutiert und auch wirtschaftliche Verbindungen gepflegt. Hervorragende Betriebe lernten die Teilnehmer kennen und so manches exzellente Tier wurde bestaunt. Die Bauernzeitung berichtete umfassend darüber. Die letzte Reise, die er organisierte, fand im Sommer 2022 zur Holsteinschau nach Verden statt. Am 8. Dezember 2023 verstarb Dr. Gerhard Kramer in Beilrode. Mit ihm verlieren wir einen der bedeutendsten Tierzüchter, der Praxis und Wissenschaft ideal verbinden konnte. Wir nehmen Abschied von einem Freund, den wir vermissen werden, der in unseren Erinnerungen und Gesprächen weiterleben wird.

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Dr. Uwe Jentsch
Immer mitten drin stand Dr. Jentsch für viele Kulturen parat. Auch die Thüringer Braugerste lag ihm am Herzen. (c) Frank Hartmann
Schadstoffe im Fluss: Fische nur in Maßen verzehren

Das Sächsische Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie (LfULG) empfiehlt auf Basis ihrer jährlichen Untersuchung, Fische aus der Elbe nur in Maßen zu verzehren. Die Schadstoff-Werte im Fluss sinken seit Jahren, sind jedoch immer noch zu hoch in einigen Fischen.

Ihre Innereien sollte man gänzlich vom Speiseplan fernhalten: Elb-Fische sind zwar immer weniger mit Schadstoffen belastet, dennoch bleibt es ratsam, den monatlichen Verzehr zu begrenzen. Das empfiehlt das Sächsische Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie (LfULG) auf Grundlage seiner jährlich stattfindenden Untersuchungen. Laut der jetzt ausgewerteten Probenahme von 100 Fischen aus der Elbe ist der Anteil schadstoffbelasteter Fische von 16 auf 13 Prozent gesunken. Damit setze sich der positive Trend der Vorjahre fort, heißt es.

Schadstoffe im Fluss: Diese Fische sind mit Quecksilber belastet

Fünf Fische überschritten den Höchstwert für Polychlorierte Biphenyle (PCB). Acht Fische, vor allem Rapfen, wiesen unzulässig hohe Quecksilberwerte auf. Verzehrt werden sollten pro Person und Monat nicht mehr als zwei Kilogramm von kleinen oder mittleren Elbfischen. Räuberische Fischarten oder Arten mit bodenorientierter Ernährung weisen höhere Schadstoffgehalte als Freiwasserarten auf. Große Rapfen, Zander, Barben, Bleie, Welse und Döbel sollten daher nur gelegentlich verzehrt werden. (red)

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Fledermäuse und Windräder im Wald: Verlust des Lebensraums

Dass der Ausbau von Windrädern Konflikte mit der Bevölkerung in ländlichen Gebieten provoziert, ist hinlänglich bekannt. Zielkonflikte bei der Energiewende gibt es aber auch mit dem Naturschutz, wie eine neue Untersuchung zeigt.

So kommen an Windenergie-Anlagen nicht nur viele Fledermäuse zu Tode – die Anlagen verdrängen auch einige Arten weiträumig aus ihren Lebensräumen. Wenn die Turbinen bei relativ hohen Windgeschwindigkeiten in Betrieb sind, sinkt die Aktivität von Fledermausarten, die in strukturdichten Habitaten wie Wäldern jagen, im Umkreis von 80 bis 450 m um die Anlage um fast 80 %. So lautet das Ergebnis einer wissenschaftlichen Untersuchung von Forschern des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW) und der Philipps-Universität Marburg.

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Fledermäuse und Windräder im Wald: Artensterben und Langzeitfolgen

Viele heimische Fledermausarten wie das Große Mausohr (Myotis myotis) leben und jagen in Wäldern und seien daher vom Windenergieausbau in oder nahe Wäldern potenziell betroffen. Das betreffe nicht nur das unmittelbare Risiko der Kollision mit den Rotoren, sondern habe eben auch indirekte negative Auswirkungen auf diese Arten. Die Rotorbewegungen der Windenergieanlagen erzeugten neben sogenannten Wirbelschleppen auch Lärm. Beide Faktoren könnten sich über mehrere Hundert Meter auf Fledermäuse auswirken.

Wenn Waldfledermäuse Geräuschemissionen an den Windenergieanlagen vermeiden, verlieren sie weiträumig wertvollen Lebensraum. Weil der Ausbau der erneuerbaren Energien insbesondere bei der Windkraft boome, habe ein Ringen um weitere geeignete und rarer werdende Standorte begonnen. In diesem Zuge rückten als Standorte nun auch Wälder in den Fokus.

Um mögliche ökologische Langzeitfolgen für Fledermausbestände durch Windenergieanlagen in Waldgebieten minimal zu halten, sollten Windenergieanlagen nur in strukturarmen und somit fledermausarmen Wirtschaftswäldern aufgestellt werden, empfehlen die Wissenschaftler. Zukünftige Forschung sollte sich darauf konzentrieren, die Auswirkungen von Lärmemissionen an den Windenergieanlagen auf Fledermäuse genauer zu untersuchen. (red)

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Konflikte auf dem Land: Gibt es einen Dorffrieden?

Die Idylle vom harmonischen Leben auf dem Land – ist sie nur Traum oder Realität? Wen begrüßt man mit Kopfnicken, wen mit Namen, und mit wem entwickelt sich ein Gespräch? Was diese Fragen mit Frieden, Landleben und Zusammenhalt zu tun haben, erklärt Prof. Dr. Claudia Neu in einem Interview.

Das Interview führte Carina Gräschke

Frau Professor Neu, was bedeutet Frieden für Sie?

Als Kind der Nachkriegszeit, das in den 1970er-Jahren aufgewachsen ist, war in meinem Alltag kaum etwas anderes als Frieden, Demokratie und Wohlstand vorstellbar, andererseits bin ich noch sehr geprägt von den Erzählungen meiner Eltern und Großeltern von Krieg und Vertreibung.

Hat sich Ihr Blick durch den Krieg in der Ukraine verändert?

Es gab auch schon vor dem Ukrainekrieg gewaltsame Auseinandersetzungen und Kriege in Europa, aber nun erlebe ich die Zerbrechlichkeit von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Frieden als sehr nah.

Warum ist Frieden nicht nur im großen Maßstab, sondern auch im Kleinen so wichtig?

Konflikte und Dissonanzen können sehr produktiv sein, um ein neues demokratisches Miteinander auszuhandeln. Hass, Unfrieden und Krieg hingegen zerstören das soziale Zusammenleben und kosten viele Ressourcen, nicht nur materiell, sondern auch emotional. Menschen verlassen ihre Heimat, wenn sie für sich keine (Über-)Lebenschancen mehr sehen und damit geht auch Humankapital vor Ort verloren. Dass Kriegstraumata – auf Täter- wie Opferseite – über Generationen hinweg weitergegeben werden, wissen wir ja heute.

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Konflikte auf dem Land: Reibung erzeugt Wärme

Prof. Dr. Claudia Neu
Prof. Dr. Claudia Neu, Universitäten Göttingen und Kassel, Lehrstuhl Soziologie ländlicher Räume. (c) Anna Tiessen

Frieden ist auch im Dorf wichtig. Gibt es Dorffrieden überhaupt?

In den vergangenen Jahren, in denen ich bei meiner Feldforschung so viele Dörfer besucht habe, erschien es mir eher so, dass räumliche Nähe nicht unbedingt Frieden, sondern Dissonanz erzeugt. Das Dorfleben ist wohl nicht ganz so friedvoll wie gern angenommen: alte Feindschaften, Konflikte und Rivalitäten spielen im Zusammenleben eine große Rolle. Das ist aber nicht unbedingt ein Widerspruch zu dem von vielen Dorfbewohnern empfundenen Gemeinschafts- und Zusammengehörigkeitsgefühl. Reibung erzeugt ja bekanntlich Wärme.

Gibt es dann dieses gute Landleben überhaupt, nach dem sich immer mehr Menschen in der Stadt sehnen?

Die Sehnsucht nach ländlichem Idyll ist kein neues Phänomen, denn schon die alten Griechen suchten das ursprüngliche Leben in Arkadien auf der Peleponnes. Bereits seit der römischen Kaiserzeit existiert eine idealisierte Naturbeschreibung eines locus amoenus, eines lieblichen Ortes, an dem Liebende sich auf Blumenwiesen und an plätschernden Bächlein vergnügen. Allerdings ist erst im Zeitalter der Industrialisierung die Stadt als Gegenbild zum Land konstruiert worden. Die Großstadt steht nun sinnbildlich für Anonymität, Schmutz und moralische Abgründe. Es geht also gar nicht so sehr um das „echte Leben“, vielmehr um den Gegenentwurf zu einer häufig als stressig und unkontrollierbar erlebten Welt.

Ein Wunschdenken also?

Gewissermaßen. Es geht ja auch um idealisierte Vorstellungen vom Landleben. Allerdings kannte die Kunst und Literatur von jeher auch den locus terribilis, den schrecklichen Ort, an dem Menschen schutzlos den Naturgewalten ausgeliefert sind wie im Gebirge, wo Kälte und Grausamkeit herrschen können. In den vergangenen Jahren sind nicht nur Landlust-Hefte in Millionenhöhe verkauft worden, sondern auch viele Romane entstanden, die die unschönen Seiten des Landlebens wie soziale Kontrolle, Missbrauch und Unfrieden behandeln.

Dörfliche Idylle
Dörfliche Idylle zieht auch viele Städter aufs Land. Doch mitunter ist das Leben anders als nur idyllisch. (c) IMAGO / Frank Drechsler

Konflikte auf dem Land: Ortstreue steigert Zusammenhalt

Und was ist mit dem Zusammenhalt? Ist er nicht typisch Land?

Zusammenhalt entsteht vor Ort vor allem dadurch, dass man sich begegnet. So entsteht der Eindruck, man würde sich kennen. Im Dorf treffen sich die Menschen womöglich häufiger und leben manchmal viele Jahrzehnte am selben Ort.

Gibt es Unterschiede?

Es gibt aber sehr feine Abstufungen wie man sich auf der Straße begegnet: Wird beim Grüßen nur mit dem Kopf genickt, wird mit Namen gegrüßt oder entsteht sogar ein Schwätzchen? Wer darf die Wohnung betreten, und wer kommt nur bis zum Gartenzaun? Die sozialen Interaktionsregeln im Dorf sind sehr fein austariert. In alten Stadtquartieren oder Kleinstädten geht es aber auch nicht viel anders zu, auch hier funktionieren die Nachbarschaften gut.

Wenn ich weiß, wo und wie jemand lebt, die Eltern und Verhältnisse kenne – warum schafft nicht allein das Wissen voneinander Frieden?

Lügen und Geheimnisse, Feindschaften und Freundschaften – das alles wird über Jahre im Dorfgedächtnis weitergegeben. Das kann eben auch sehr belastend sein. Armut im ländlichen Raum kann sehr hart und schmerzhaft sein, denn sie lässt sich eben nur schwer verstecken. Zudem beruhen die dörflichen Beziehungen auf Reziprozität, also darauf, dass man einmal Erhaltenes irgendwann wiedergeben muss – etwa Unterstützung beim Bau. Fehlen aber die Möglichkeiten etwas zurückzugeben, unterbleibt die Bitte nach Unterstützung oft. Viele empfinden Scham, nichts oder nur wenig zur Gemeinschaft beitragen zu können.

Dorffrieden: leben auf dem Dorf ist beeinflusst von demografischen Wandel

Welche Faktoren tragen zur Entstehung von sozialem Frieden auf dem Land bei?

Ich würde sozialen Frieden mit sozialem Ausgleich übersetzen. In Deutschland kennen wir den politischen Leitgedanken der Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse. Der diesen räumlichen Ausgleich zwischen den Regionen herstellen soll. Dies wird erreicht über vorhandene Arbeitsplätze, intakte Infrastruktur, attraktive Freizeit- und Mobilitätsangebote, Begegnungsorte. All das ermöglicht Menschen Teilhabe an der Gesellschaft. Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse ist in Deutschland allerdings nicht überall gegeben. Es gibt ländliche Regionen, in denen ist die Ausstattung mit Arbeitsplätzen und Infrastruktur weit überdurchschnittlich, in anderen weit unterdurchschnittlich.

Wie lässt sich Dorffrieden fördern? Als Einzelperson mit Offenheit, Respekt und der Bereitschaft, Konflikte zu lösen. Aber jenseits dieser Wege?

Dorffrieden wird öffentlich ausgehandelt. Dafür müssen sich die Menschen aber erst einmal öffentlich begegnen – etwa im Verein. Die Möglichkeiten zur Begegnung haben sich in den vergangenen Jahrzehnten jedoch deutlich verändert. Der demografische Wandel hat Vereine schrumpfen, soziale Medien neue Kontaktmöglichkeiten entstehen lassen und Corona hat das Interesse an öffentlicher Mitwirkung deutlich gebremst. Liegen nun die Dörfer im Clinch? Das kommt mir nicht so vor. Viele vermissen Begegnungsmöglichkeiten, doch sind auch mit ihrem privaten Glück ohne viele Kontakte zu anderen ganz zufrieden.

Gemeinschaftsinitiativen eröffnen raum zur Kommunikation

Das klingt nach Rückzug ins Private. Was ist mit Gemeinschaftsinitiativen, Engagement?

Gemeinsame Aktivitäten stärken den lokalen Zusammenhalt, die Mitwirkenden schaffen etwas zusammen, sie verändern mit ihrem Engagement das Leben vor Ort und gründen Soziale Orte. Und hier müssen nicht einmal alle immer mitmachen, die einen bringen vielleicht einmal einen Kuchen vorbei oder schwingen die Grillzange beim Sommerfest, die anderen meckern lieber am Zaun. So wird ein gemeinsamer Kommunikationsraum aufgespannt, der mehr Menschen einbindet als nur die Top-Aktiven. Das ist für die Vitalität eines Dorfes sehr wichtig.

Wie wird ein Dorf zu einem wirklich Sozialen Ort?

Leider gibt es hierfür keinen Bauplan. Soziale Orte reagieren auf Bedarfe vor Ort.

Können Sie das konkretisieren?

Wenn zum Beispiel eine Kneipe fehlt, dann gründen die Bürgerinnen und Bürger eine Genossenschaftskneipe. An einem anderen Ort fehlt womöglich etwas Anderes. Wichtig für das Entstehen Sozialer Orte ist, dass sich Menschen aus unterschiedlichen Bereichen – Zivilgesellschaft, Verwaltung, Unternehmen – zusammenschließen, um etwas auf die Beine zu stellen. Auch hier gilt, dass die Mitwirkenden nicht von vornherein feststehen, sondern sich je nach Ressourcen und Möglichkeiten zusammenschließen. So entstehen große Netzwerke oder ganz kleine Initiativen, die Begegnungs- und Kommunikationsräume vor Ort schaffen.

Vereine und Initiativen bringen das Dorf zusammen und schaffen Raum für Kommunikation. © Heike Mildner

Gleichwertigkeit auf dem Dorf schaffen und erhalten

Welche Trends sehen Sie für die Zukunft auf dem Land? Welche Herausforderungen müssen angegangen werden?

Der demografische Wandel stellt Deutschland in den kommenden Jahren vor große Herausforderungen, entlegene ländliche Räume werden hier besonders betroffen sein. Damit hängt zusammen, ob es uns als Gesellschaft gelingen wird, die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse annähernd für alle Regionen zu schaffen bzw. zu erhalten. Mit Sorge sehe ich, dass die Demokratie nicht mehr von allen Bürgerinnen und Bürgern als beste Staatsform angesehen wird, antidemokratische Kräfte greifen auch in ländlichen Räumen um sich.

Welche Rolle spielt die Landjugend dabei?

Jugendliche, Mädchen und Frauen sind oft unsichtbar in der ländlichen Gesellschaft, die noch immer als „männlicher Raum“ wahrgenommen wird. Freiwillige Feuerwehr, Landwirtschaft, Schützenverein, da können heute natürlich auch Frauen mitmachen, aber trotzdem sind hier weiterhin überwiegend Männer aktiv und sichtbar. Da ist es wichtig, dass es demokratische Jugendorganisationen auf dem Land gibt, die die Position aller jungen Menschen, egal welcher Herkunft und welchen Geschlechts, vertreten.

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Meerrettich im Spreewald
Reinhard und Marcel Mich bauen im Spreewald Meerrettich an. (c) Thomas Uhlemann

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Grüne Woche 2024: Von Start-Ups bis zur Kraftstoffwende

Vom 19. bis 28. Januar rückt die Grüne Woche wieder aktuelle Themen rund um Ernährung, Landwirtschaft und Gartenbau in den Fokus. Mehr als 300 Seminare und Fachdiskussionen bringen Expertinnen und Experten zusammen, um sich über wichtige Fragen rund um Ernährung, Landwirtschaft, Nachhaltigkeit, ländliche Entwicklung oder Kraftstoffversorgung auszutauschen.

„Ernährungssysteme der Zukunft: Gemeinsam für eine Welt ohne Hunger“ ist das Motto des 16. Global Forum für Food und Agriculture (GFFA), das im CityCube auf dem Messegelände stattfindet. Rund 2.000 internationale Gäste aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft werden sich austauschen, um gemeinsame Lösungen für eine Welt ohne Hunger zu erarbeiten.

Den politischen Höhepunkt bildet die Berliner Agrarministerkonferenz, zu der Bundesminister Cem Özdemir über 70 Kolleginnen und Kollegen aus aller Welt eingeladen hat. Hinzu kommen Vertreter von internationalen Organisationen, der Weltbank und der FAO, der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (www.gffa-berlin.de).

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Grüne Woche 2024: Business Days, Startup-Days und mehr

Zusammen mit dem Enterprise Europe Network (een) veranstaltet die Messe am 19., 23., 24. Januar im Kleinen Stern (zwischen Halle 11.2 und 18) die Grüne Woche Business Days. Fachbesucher treffen hier auf nationale und internationale Experten aus Handel, Industrie, Forschung, Politik sowie Interessenverbänden. Sie können sich mit ihnen über aktuelle Entwicklungen, innovative Produkte oder anstehende Projekte austauschen und vernetzen (kurzelinks.de/busy-tage).

Fragen des Klimaschutzes im Verkehr werden auf dem Internationalen Fachkongress für erneuerbare Mobilität mit dem Thema „Kraftstoffe der Zukunft“ besprochen. Mehr als 60 Speaker aus Politik, Forschung, Verbänden und Wirtschaft werden am 22. und 23. Januar auf der Bühne im CityCube stehen (kurzelinks.de/E-Sprit).

Zum sechsten Mal finden am 23. und 24. Januar die Startup-Days statt. Neustarter aus der Agtech-und Foodbranche pitchen auf der Bühne in Halle 6.2. Eine Fachjury zeichnet das Siegerunternehmen aus. Umrahmung bieten Fachvorträge und Diskussionspanels zu Themen wie „GrünerNetzwerken“ oder „Neuer Wind in der Landwirtschaft durch Agtech-Startups“ (kurzelinks.de/Startup-Tage).

Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft lädt für den 24. und 25. Januar zum Zukunftsforum Ländliche Entwicklung in den CityCube ein. Mit mehr als 30 Panels und Expertenrunden steht es als hybride Veranstaltung unter dem Generalthema „Regionale Wertschöpfung in ländlichen Räumen“ (www.zukunftsforum-laendliche-entwicklung.de).

Am Tag des Ökologischen Landbaus am 25. Januar zeichnet das BMEL drei Betriebe als Sieger im Bundeswettbewerb Ökologischer Landbau 2024 für besonders innovative Konzepte aus.

Erstmals seit der Corona-Pandemie werden wieder Dörfer aus ganz Deutschland für ihr Engagement ausgezeichnet. Im Wettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ haben sich mehr als 1.100 Dörfer beworben, sieben von ihnen bekommen am 26. Januar die Auszeichnung in Gold und ein Preisgeld von 15.000 € zur Weiterentwicklung des Dorfes.

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Märkische Quarterhorse Ranch GmbH mit Günter und Elfi Mainka. Prämiert mit dem Pro agro Marketingpreis 2024 auf der Grünen Woche. (c) Sabine Rübensaat

Grüne Woche 2024: Was ist in den Hallen zu erwarten?

Auch bei etwas weniger belegten Hallen als vor Corona dürften die Angebote für ein volles Tagesprogramm locker ausreichen. So steht der ErlebnisBauernhof (Halle 3.2) in diesem Jahr unter dem Motto „Ernährung sichern. Natur schützen.“ Das Forum Moderne Landwirtschaft zeigt mit 35 Partnerorganisationen, wie Landwirtschaft die Ernährung sicherstellt und gleichzeitig das Tierwohl fördert, den CO2-Fußabdruck reduziert und den Naturhaushalt schützt. Das Thema Boden spielt dabei eine besondere Rolle.

Von den Flächenländern fehlt nur Schleswig-Holstein. Zehn Bundesländer präsentieren mit eigenen Länderhallen regionale Spezialitäten: Baden-Württemberg (5.2a), Bayern (22b), Berlin (22a), Brandenburg (21a), Hessen (6.2a), Mecklenburg-Vorpommern (5.2b), Niedersachsen (20), Nordrhein-Westfalen (5.2a), Rheinland-Pfalz (6.2a), Sachsen (21b), Sachsen-Anhalt (23b) und Thüringen (20).

Mit mehr als mit 80.000 Blumen, Pflanzen und Gehölzen widmet sich die Blumenhalle (2.2) auf über 3.000 m2 dem Motto „City of colours“. Die Erzeugergenossenschaft Landgard gestaltet dort mit der Initiative „Blumen – 1.000 gute Gründe“ großstädtisch angelegte Aufbauten und kreative Fotospots.

Das Bundeslandwirtschaftsministerium präsentiert in der BMEL-Halle 23a diese Themen: Gesunde Ernährung, Artenvielfalt&Klimaschutz, Ländliche Regionen&regionale Wertschöpfung, Zukunftsfeste Tierhaltung, Landwirtschaft & Recht auf Nahrung weltweit sowie Fischerei. Das Bundesumweltministerium konzentriert sich dagegen in Halle 27 auf zwei Themen: Moorschutz und Verbraucherrechte.

Neu ist die Halle 6.2b „Young Generation Hub“ für junge Themen. Die 25 ist erneut die Tierhalle, unter dem Dach „grünerleben“ finden sich Ökolandbau, Wald und Jagd in Halle 27. (red)

Das gesamte und ständig aktualisierte Programm finden Interessierte hier: www.gruenewoche.de/de/events/programm

Grüne Woche 2024: Eintritt und Anreise

  • Öffnungszeiten: vom 19.–28. Januar täglich von 10–18 Uhr, am zweiten Freitag (26.1.) von 10–20 Uhr.
  • Ticketpreise:
    • eine Tageskarte für Privatbesucher kostet 16 €
    • Kinder bis sechs Jahren sind frei.
    • Eine Familienkarte (zwei Erwachsene mit max. drei Kindern 6–13 Jahre) gibt es für 35€.
    • Für Schüler, Studierende und Azubis sowie für alle an den Sonntagen und ab 14 Uhr (Happy Hour) gelten ermäßigte Preise.
    • Fachbesucher zahlen 25€ für eine Tageskarte und können u.a. Garderoben sowie das Pressezentrum kostenlos nutzen.

Tipp: Eintrittskarten sollten möglichst vorab online erworben werden, das kann viel Zeit beim Einlass sparen (tickets.gruenewoche.de). An den Eingängen ist nur Barzahlung möglich. Gutscheine für Tages- und Familienkarten sowie das Happy-Hour-Ticket können (auch per Kartenzahlung) an den Fahrkartenautomaten der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) erworben werden. Sie werden an den „Helpdesks Ticketing“ an den Messeeingängen in gültige Eintrittskarten getauscht.

Pkw-Parken ist in der Regel nur auf den ausgewiesenen und kostenpflichtigen Parkplätzen möglich. Tipp: Während der Messe ist auch das Parkhaus im ICC geöffnet. Das Messegelände liegt ebenso wie die Stadtautobahn außerhalb der Umweltzone; eine Feinstaubplakette am Auto deshalb ist bei direkter Anfahrt nicht erforderlich.

Wichtige Info: Haustiere dürfen generell nicht auf das Messegelände mitgenommen werden; es gibt keine Unterbringungsmöglichkeiten in den Eingangsbereichen.

Grüne Woche 2024: Diese Vorteile haben Fachbesucher

Ein Schwerpunkt auf der Grünen Woche 2024 ist Regionalität. Aktiv will die Messe neue Kontakte zwischen Erzeugern und Abnehmern fördern. Für Fachbesucher gibt es einige Vorteile.

Von Ralf Stephan

Regionaler Genuss heißt einer der thematischen Schwerpunkte auf der diesjährigen Grünen Woche, die vom 19. bis 28. Januar in den Messehallen unter dem Berliner Funkturm stattfindet. Zwölf Bundesländer zeigen, was deutsche Regionalität zu bieten hat, darunter alle fünf ostdeutschen Flächenländer und Berlin. Der Erlebnis-Bauernhof in Halle 3.2. steht aus aktuellem Anlass unter dem Motto „Ernährung sichern. Natur schützen.“

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Das Forum Moderne Landwirtschaft und seine mehr als 35 Partnerorganisationen werden veranschaulichen, wie es der Landwirtschaft gelingt, die Ernährung mit hochwertigen, bezahlbaren Lebensmitteln sicherzustellen und gleichzeitig das Tierwohl zu fördern, den CO2-Fußabdruck zu reduzieren und den Naturhaushalt zu schützen. Besucherinnen und Besucher erfahren, warum die Tierhaltung für eine nachhaltige Landwirtschaft gebraucht wird und Innovationen auf dem Acker der Schlüssel für eine umweltverträgliche Zukunft sind.

Grüne Woche 2024: Rinderrassen im Fokus

In der Tierhalle 25 wird das Thema Tierwohl aufgegriffen. Zwar finden in diesem Jahr keine Leistungsschauen landwirtschaftlicher Zuchtverbände statt, Nutztiere werden aber dennoch zu sehen sein. Der Fokus liegt dabei auf den Rinderrassen.

Jeweils um 11, 13 und 16 Uhr werden im Schauring aber auch Schafe, Ziegen, Esel oder Pferde vorgestellt, außerdem zeigen Showreiterinnen und Kutscher ihr Können. Viel Platz erhalten die Heimtiere. In der Halle 27 werden zudem Alpakas, Hunde, Katzen sowie diverse Bewohner von Terrarien und Aquarien zu sehen sein.

Grüne Woche Fachbesucherticket: Die Vorteile

Fachbesucher aus den Branchen Ernährung, Landwirtschaft und Gartenbau können vorab online ein Fachbesucherticket erwerben. Neben kostenlosem Parken im ICC-Parkhaus, exklusivem Zutritt ins Pressezentrum zur Mitnutzung der dortigen Arbeits- und Besprechungsplätze ist auch die Garderobengebühr im Preis von 25 Euro am Tag oder 60 Euro für die Dauerkarte inbegriffen (normale Tickets: 16 bzw. 42 Euro).

Das Enterprise Europe Network Berlin-Brandenburg (een) veranstaltet zudem die „Grüne Woche Business Days“, bei denen sich internationale Geschäftskontakte anbahnen oder vertiefen lassen. Sie finden am 19., 23. und 24. Januar im Kleinen Stern statt, vier weitere Termine sind Online-Veranstaltungen. Die Registrierung ist bis zum 24. Januar möglich (kurzelinks.de/IGW-Fachbesuch).

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Landschlachthof Lehmann: Es geht nicht nur um die Wurst

Im Zuge der Bauernproteste wandten sich Lutz und Bettina Lehmann vom Landschlachthof Heinersdorf in Brandenburg an die Öffentlichkeit. Der Familienbetrieb kämpft mit den steigenden Kosten.

Das Interview führte Heike Mildner

Mit einer Brandmail wandten sich Lutz und Bettina Lehmann vom Landschlachthof Lehmann in Heinersdorf (Landkreis Oder-Spree) am Samstag vor der Bauerndemo u. a. an den Präsidenten der Handwerkskammer und Medienvertreter. Ein Brief, der Fragen stellt und wachrütteln will. Lehmanns solidarisieren sich mit den Bauern, für die sie als Lohnschlachter arbeiten, aber auch mit ihren Kunden, an die sie die steigenden Kosten nicht weitergeben können, weil jenen die Kaufkraft fehlt.

„Uns erdrückt die Last, welche in Berlin beschlossen wird bzw. welche uns die EU beschert! Wollen wir wirklich sehenden Auges Kräften das Land überlassen, die diese Missstände gut zu nutzen wissen? Wollen wir uns wirklich einer Regierung anvertrauen, die trotz Hinweisen von Fachleuten erst durch das Anrufen des BGH vorangegangene Fehlentscheidungen rückgängig macht?

Wir haben nur einen kleinen Schlachthof, einen kleinen Familienbetrieb. Aber wir sorgen uns um unsere Angestellten, um unsere Azubis und um unsere Bauern und Kunden.“ Wir sprachen Donnerstag vor Weihnachten mit Bettina Lehmann, studierte Agraringenieurin, die im Landschlachthof Lehmann die Buchhaltung erledigt. Zudem ist sie im Gemeinderat und für die Landfrauen aktiv, engagiert sich in der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) und sitzt für die Linke im Kreistag.

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Landschlachthof Lehmann: Druck auf die Entscheidungsträger erhöhen

Was hat bei Ihnen das Fass zum Überlaufen gebracht?

Wir haben schon etliche Politiker verschiedener Parteien von Landes- und Bundesebene angeschrieben und teils auch auf dem Hof gehabt, zum Beispiel Mathias Papendieck, Sarah Damus, Thomas Domres, Isabel Hiekel. Und wir waren bei etlichen Demos – ohne dass sich etwas geändert hätte. Wir stehen ja in direkter Beziehung zu selbstvermarktenden Landwirtschaftsbetrieben und selbstständigen kleinen Bauern und kennen deren Probleme, die indirekt ja auch unsere sind.

Die gegenwärtige Politik sorgt im Eiltempo dafür, dass uns allen die Luft ausgeht und wir unsere Existenzgrundlagen verlieren. Wir haben in dem Brief, der auch an den Präsidenten der Handwerkskammer gerichtet war, aufgefordert, aktiv zu werden, sich mit den Bauern zu verbinden, eine Unterstützergemeinschaft zu bilden und den Druck auf die Entscheidungsträger zu erhöhen. Die Antwort von der Handwerkskammer kam schnell, fiel aber eher lauwarm aus: Man werde sich eine Position erarbeiten, wir mögen uns an die Abgeordneten wenden. Diesen Weg gehen wir aber schon lange, ohne dass es irgendetwas gebracht hätte.

Seit 20 Jahres im Haupterwerb Landschlachthof

Es gibt nicht mehr viele Landschlachthöfe wie Ihren in Brandenburg. Wie haben Sie es geschafft, am Markt zu bleiben?

Bisher haben Augenmaß und Bescheidenheit geholfen. Im Zuge der EU-Zertifizierung haben ja viele aufgrund eines Übersetzungsfehlers aufgehört: Zuerst hatte es geheißen, man bräuchte unterschiedliche Räume zum Schlachten, Zerlegen und Verarbeiten. Dann hieß es, es reiche eine zeitliche Trennung. Wir hatten den Platz für die verschiedenen Bereiche, haben maßvoll investiert und viel gearbeitet.

In den Anfangsjahren sind wir nur selten mal in Urlaub gefahren. Das hier ist unser Leben! Statt zu erben, haben wir etwas aufgebaut: Der Schlachthof gehörte zur Tierzucht Heinersdorf. 1984 bis 1990 wurden hier Notschlachtungen durchgeführt, nach der Wende stand er leer. Lutz war Angestellter, hatte noch keinen Meistertitel, durfte den Schlachthof aber für Hausschlachtungen mieten. 1993 hat er seinen Meister gemacht und in Heinersdorf nach Feierabend im Nebenerwerb geschlachtet und verarbeitet. Im Jahr 2000 konnten wir den Schlachthof von der Treuhand kaufen, seit 20 Jahren ist er unser Haupterwerb. 2011 kam mit Leader-Förderung der Hofladen dazu.

Wie ist die aktuelle Situation?

Von unseren drei Kindern will keines den Schlachthof weiterführen. Sie sehen ja, mit welchen Sachen wir uns rumschlagen, wie die Belastungen, nicht zuletzt die bürokratischen, wachsen und immer weniger dabei für uns hängenbleibt. Das Ende der Fahnenstange ist erreicht. Mit der Explosion der Energiepreise dachte ich schon, jetzt müssen wir dicht machen.

Wir sollten auf einmal 800 Prozent mehr Abschlag zahlen. Das entpuppte sich zwar als Fehler, aber mit 200 Prozent mehr im Monat ist der Strom immer noch deutlich teurer. Und auch die Kosten für die Wartung oder Reparatur der Maschinen sind erheblich gestiegen.

Bürokratie und Zertifizierungen immer teurer und aufwendiger

Wobei wir bei der Bürokratie wären…

Es gibt so viele Vorschriften, Normen und Listen, an die andere ein Häkchen machen, und auch Zertifizierungen werden immer teurer. Ein paar Beispiele: Wenn wir unsere Arbeitssachen hier waschen würden, müssten wir nachweisen, dass sie dabei sauber nach Lebensmittelstandard werden. Das ist kompliziert, daher kommen sie in eine zertifizierte Reinigung, in der sie nach HACCP (Hazard Analysis Critical Control Point – kurz HACCP – soll die Lebensmittelsicherheit gewährleisten, Anm. der Red.) behandelt werden. Die Kosten dafür haben sich verdoppelt.

Oder die Bio-Zertifizierung fürs Lohnschlachten: Es gibt eine verbandsübergreifende, die ist jetzt fast dreimal teurer als im ersten Jahr. Eine neue Kasse, eine neue Waage im Hofladen, elektronische Arbeitszeiterfassung, eine neue Betäubungszange, die jeden Schritt erfasst und aufzeichnet… Sogar der Toaster, den unsere Mitarbeiter verwenden, muss aus Arbeitsschutzgründen regelmäßig kostenpflichtig überprüft werden!

Wie viele arbeiten denn hier?

Insgesamt sind wir fünf: Mein Mann und ich, Nicole im Hofladen, John-Paul, der fast Geselle ist, und Natalia im zweiten Lehrjahr. Die Woche über ist Lohnschlachten und -verarbeiten, am Freitag öffnen wir den Hofladen. Eine überschaubare Struktur, aber wir müssen alles einhalten und nachweisen, wie ein Schlachthof mit 500 Angestellten

Alle reden von Regionalität und doch wird es immer schwerer. Was müsste passieren?

Eine wirksame Stärkung der kleinen Strukturen durch tatsächlichen Bürokratieabbau, eine Honorierung der kurzen Wege – das wären vielleicht erste Schritte, damit regionale Lebensmittel, die mit Sorgfalt produziert werden, auch bezahlt werden können.

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Mit Fachkompetenz, Engagement und einem Fundus voller Ideen will Ralf Oehme immer stärker am Markt präsent sein. (c) Sabine Rübensaat
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Regionalvermarkter des Jahres gekürt in Sachsen-Anhalt


Sachsen-Anhalts beste Regionalvermarkter 2023 wurden gekürt. Von der Bauer Freigeist GmbH bis zur Landfleischerei Ferchland – entdecken Sie die preisgekrönten Geheimtipps und ihre kulinarischen Schätze. Ein Wettbewerb, der Innovation und regionale Vielfalt feiert!

Von AMG

Sachsen-Anhalts „Regionalvermarkter des Jahres 2023“ stehen fest. Bei einer Galaveranstaltung im Naumburger Ortsteil Henne wurden Ende November die fünf besten lokalen Produzentinnen und Produzenten geehrt. Für jede touristische Region des Landes war hierfür ein Gewinner ermittelt worden.

Der Sieg in dem Wettbewerb, der in diesem Jahr seine Premiere feierte, ist mit einem Preisgeld in Höhe von 1.000 € verbunden. Die Regionalvermarkter seien „die kleinen Perlen einer großen Branche“, teilte die Agrarmarketinggesellschaft Sachsen-Anhalt (AMG) dazu mit. Die heimische Ernährungswirtschaft verfüge demnach nicht nur über international erfolgreiche „Flaggschiffe“, sondern beheimate auch zahlreiche kleine, aber feine Erzeuger von Lebensmitteln in herausragender Qualität. Diese würden nicht selten als „Geheimtipp“ von Kunde zu Kunde getragen.

Um sie ins Rampenlicht zu stellen, sei in diesem Jahr erstmals der Wettbewerb zum „Regionalvermarkter des Jahres“ durchgeführt worden. Die Sieger, ermittelt von einer Fachjury, erhielten nun aus den Händen von Schirmherr und Landwirtschaftsminister Sven Schulze ihren Preis.

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Regionalvermarkter des Jahres 2023: Fünf Preisträger

Und das sind die Gewinnerinnen und Gewinner in den Regionen:

„Der Wettbewerb macht die Potenziale der Direktvermarktung in Sachsen-Anhalt sichtbar und bietet eine Gelegenheit zur Weiterentwicklung und zum Austausch in den wichtigsten Wirtschaftszweigen unseres Landes“, erklärte Minister Schulze.

Im Mittelpunkt stehe die regionale Kulinarik, die Landwirtschaft, Gastronomie und Tourismus verknüpfe. „Unser Ziel ist es, mit dem Preis die Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen zu stärken und zu fördern“, sagte Schulze.

Lob von der Jury

Die dreiköpfige Jury, bestehend aus der Marketing-Professorin Ute Höper, dem Praxisexperten Wolf Fischer von der Landesanstalt für Landwirtschaft und Gartenbau (LLG) sowie Dehoga-Präsident Michael Schmidt, hatte sich intensiv mit den Bewerbern auseinandergesetzt und von deren Innovationskraft, Kreativität und Engagement beeindruckt gezeigt. Der Regionalvermarkter-Wettbewerb wird von der AMG organisiert und vom Ministerium für Wirtschaft, Tourismus, Landwirtschaft und Forsten unterstützt. Partner ist das Naumburger Hotel und Gasthaus „Zur Henne“.

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Die „Hühner-WG“ ist ein Slogan zu dem sich jeder sein eigenes Bild im Kopf machen kann. Somit bleibt es im Gedächtnis und schafft Sympathie (c) IMAGO/Countrypixel

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Susanna Karawanskij im Interview: Neuer Agrarstrukturgesetz Entwurf

Die Landesregierung leitete dem Landtag in Thüringen den neuen Entwurf für ein Agrarstrukturgesetz zu. Wir fragten Agrarministerin Susanna Karawanskij, warum er sich kaum von der ersten Version unterscheidet.

Das Interview führte Frank Hartmann

Frank Hartmann: Frau Ministerin, den ersten Entwurf für ein Agrarstrukturgesetz – Agrar- und Forstflächenstrukturgesetz (AFSG) – haben Sie Mitte März vorgelegt. Vorige Woche einigte sich das Kabinett auf einen Gesetzentwurf, der in den Landtag eingebracht wird. Welche Probleme hatten Ihre Koalitionspartner mit dem Gesetz, dass es so viel Zeit dafür brauchte?

Susanna Karawanskij: Die Erarbeitung eines Agrarstrukturgesetzes ist ein zentrales Vorhaben der rot-rot-grünen Landesregierung. Mit dem Gesetz betreten alle Länder, die ein solches Gesetz planen, durchaus juristisches Neuland, sodass es richtig war, sich für die inhaltliche Debatte und die rechtliche Bewertung des Gesetzes die notwendige Zeit zu nehmen. Richtig ist aber auch, dass auch ich nicht glücklich war, dass die Rechtsförmlichkeitsprüfung im Justizministerium doch sehr viel Zeit in Anspruch genommen hat.

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Thüringer Agrarstruktur schützen

Für den ersten Entwurf gab ein Verbändebündnis ein Gutachten in Auftrag, das verfassungsrechtliche Bedenken formuliert: Warum hat Sie das nicht beeindruckt?

Mit der Föderalismusreform im Jahr 2006 wurde die Zuständigkeit für den landwirtschaftlichen Grundstücksverkehr vom Bund auf die Länder übertragen. Seitdem beißen sich die Länder die Zähne aus, wenn es darum geht, das geltende landwirtschaftliche Grundstücks-, Landpacht- und Siedlungsrecht zu modernisieren. Die Anforderungen an so ein Gesetz haben sich seitdem verändert und das mussten wir ebenso berücksichtigen.

Die verfassungsrechtlichen Einwände nehmen wir sehr ernst. Wir haben diese abgewogen und sind der Ansicht, dass wir angesichts eines offensichtlichen Problems handeln müssen, um die Agrarstruktur in Thüringen wirksam zu schützen. Letztlich teilen alle Akteure unsere Analyse, dass die Entwicklung am landwirtschaftlichen Bodenmarkt regionale Agrarbetriebe finanziell an Grenzen bringt und gegenüber kapitalstarken Investoren benachteiligt.

Wir stehen vor einem Generationswechsel in der Landwirtschaft, und bisher hat nur jeder dritte Betrieb eine Nachfolge in Aussicht. Wenn wir angesichts dieser drängenden Situation untätig blieben, würde uns das zurecht ebenso vorgeworfen. Im Übrigen lassen die an dem Gutachten beteiligten Verbände die Antwort offen, wie sie mit den bodenmarktpolitischen Fragen inhaltlich umgehen wollen.

Kleine Unterschiede im neuen Entwurf

Trotz der Kritik am ersten Entwurf finden sich keine wesentlichen Änderungen: Die Anzeige- und Genehmigungspflicht soll befristet wieder bei 0,25 ha liegen. Worin unterscheidet sich der neue Entwurf noch?

Die bis zum Ende des Jahres 2028 befristete Beibehaltung der Mindestgröße bei der Genehmigungspflicht der Veräußerung landwirtschaftlicher Grundstücke und beim Vorkaufsrecht auf 0,25 ha ist keine Bagatelle. Einerseits kritisierten die landwirtschaftlichen Verbände, dass der Gesetzentwurf zu sehr in das Eigentumsrecht eingreift. Andererseits äußerten die meisten Akteure, dass an der in Deutschland einmalig niedrigen Genehmigungsfreigrenze von 0,25 ha festgehalten wird. Hier haben wir einen tragbaren Kompromiss formuliert.

Die Regelung der Anteilskäufe wird intensiv diskutiert. Hier gilt es jedoch zu differenzieren, denn „die“ Anteilskäufe gibt es nicht. Die Handlungsmöglichkeiten eines Bundeslandes auf diesem Gebiet sind auf den landwirtschaftlichen Grundstücksverkehr beschränkt. Im Gesetzentwurf haben wir diesen begrenzten Spielraum bestmöglich berücksichtigt. Wir sind hierbei auf die weitere Diskussion mit dem Bund und die Gesetzgebungsvorhaben in Brandenburg und Sachsen gespannt. Durch die Anhörungen haben wir wichtige Erkenntnisse für die agrarpolitische Diskussion gewonnen. Die Standpunkte stehen sich teilweise konträr gegenüber, wie etwa an den Stellungnahmen des TBV und der AbL erkennbar ist. Und bei Gesprächen wurde deutlich, dass auch die Verbändepositionen intern nicht immer unumstritten sind.

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Susanna Karawanskij ist seit September 2021 Landesministerin für Infrastruktur und Landwirtschaft. (c) IMAGO /Jacob Schröter
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Kaufvorrang für Landwirte

Warum wurden wesentliche Kritikpunkte, etwa genehmigungsfreie Verkäufe der Kommunen oder Konkretisierungen, wann ein Share Deal versagt wird, außer Acht gelassen?

Wir haben uns die Kritik genau angeschaut und geprüft, was man davon umsetzen kann. Die gewünschten Änderungen müssen sich schlüssig in den Gesetzestext einfügen und daher konnte nicht jeder Hinweis im Entwurf abgebildet werden. Die Kommunen haben es durch ihre Planungen in der Hand, landwirtschaftliche Grundstücke auch ohne Genehmigung zu veräußern oder zu erwerben.

Daran ändert sich grundsätzlich nichts. Bei der Regulierung von Anteilskäufen gelten dieselben Kriterien wie beim Grundstückskauf, indem Landwirtinnen und Landwirten im Interesse einer bäuerlich geprägten Agrarstruktur Kaufvorrang erhalten.

Hand aufs Herz: Rechnen Sie mit einem zügigen parlamentarischen Verfahren?

Der Verlauf des parlamentarischen Verfahrens liegt in der Hand der Abgeordneten des Thüringer Landtags. Ich hoffe, dass die Mehrheit der Abgeordneten des Landtags mit uns übereinstimmt, dass wir dringend Regelungen brauchen, um die Vielfalt der Thüringer Agrarstruktur zu erhalten. Insofern freue ich mich auf die Diskussion im Landtag.

Wann legt das Agrarministerium einen zweiten Agrarstrukturbericht vor?

Das Ministerium veröffentlicht pro Legislaturperiode einen Bericht zur Agrarstruktur in Thüringen. Das ist im Jahr 2021 erfolgt. Der Agrarstrukturbericht ist wichtig, um die agrarstrukturelle Lage in Thüringen zu beurteilen und ergänzt das Agrar- und Forstflächenstrukturgesetz. Rechtlich verbindlich ist am Ende das vom Thüringer Landtag beschlossene Gesetz. Unbenommen hiervon werden wir natürlich auch in der kommenden Legislaturperiode einen Agrarstrukturbericht vorlegen.

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Karawanskijs Entwurf für ein Agrarstrukturgesetz hat Wirkung. Von Kritik an Details bis hin zu Grundsätzlichem ist alles dabei. (c) IMAGO / Imagebroker

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Charlottenhof Härtensdorf: Nordmanntanne läuft am besten

Für den Charlottenhof in Härtensdorf sind Weihnachtsbäume ein wichtiges Standbein. Familie Roder erzeugt und vermarktet sie bereits seit mehr als 30 Jahren.

Von Silvia Kölbel

Der Charlottenhof in Härtensdorf, gelegen am Rand des Erzgebirges in der Nähe von Zwickau, ist vor 30 Jahren unter der Regie seiner Gründer, der Wiedereinrichter Bernd und Monika Roder als Ackerbaubetrieb mit Getreide- und Kartoffelanbau gestartet. Heute erwirtschaftet der Familienbetrieb, den seit sieben Jahren die Hofnachfolger Marcus und Ivonne Roder unter familiärer Mithilfe der Betriebsgründer führen, die Hälfte der Erlöse durch eine Weihnachtsbaumkultur auf 20 der 200 ha Ackerland. Mit der Kultur von Weihnachtsbäumen begann das Betriebsgründerpaar bereits 1992.

Vom Kartoffelanbau hat sich der Betrieb schweren Herzens vor ein paar Jahren getrennt. „Die Nachfrage vor allem nach Einkellerungskartoffeln war zuletzt rückläufig. Von den ursprünglich 6,5 Hektar Kartoffeln blieben nur noch 1,5 Hektar übrig. Die Entscheidung gegen die Hackfrüchte fiel, als wir 30.000 Euro in neue Erntetechnik hätten investieren müssen“, berichtet Monika Roder.

Zum Betrieb gehören noch 10 ha Grünland und 7 ha Wald. Auf dem Grünland weiden bis kurz vor Weihnachten rund 250 Enten, 250 Gänse und 40 Puten, welche die Familie im eigenen Schlachthaus schlachtet und direkt vermarktet. Masthähnchen und Suppenhühner als Verwertung der Legehennen runden die Geflügelhaltung ab.

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Charlottenhof Härtensdorf: Weihnachtsbäume als Sonderkultur

„Für die Weihnachtsbäume, die zu den Sonderkulturen auf dem Acker zählen, bekommen wir keine Fördermittel. Dieser Betriebszweig muss sich also selbst tragen“, erklärt Ivonne Roder. Die gelernte Pferdewirtschaftsmeisterin hat in den Hof eingeheiratet. Die drei Kinder, Malte (12), Merle (14) und Tim (18) unterstützen, entsprechend ihrer Möglichkeiten, die Eltern auf dem Hof. Merle kann sich vorstellen, in zwei Jahren eine Lehre auf dem Familienbetrieb zu beginnen.

Etwa Mitte November beginnt auf dem Charlottenhof die Weihnachtsbaumsaison. Wiederverkäufer, darunter viele Floristen, Gärtnereien und Kunden, die einen Acht-Meter-Baum benötigen, melden sich meist zuerst und noch vor dem eigentlich Verkauf, der traditionell nach dem Totensonntag beginnt. „An Firmen, Kirchen und auch für die Schlossweihnacht in Zwickau liefern wir die großen Bäume aus“, so Marcus Roder. Etwa 30 bis 40 Bäume pro Saison versendet der Betrieb per Paketdienst. Die Kunden ordern ihre Bäume über den Online-Shop. „Wir haben Kunden auf der Insel Usedom, die ursprünglich hier aus der Gegend stammen. Sie bestellen jedes Jahr bei uns einen Baum“, berichtet Monika Roder.

Die Hauptverkaufszeit beginnt meist 14 Tage vor Weihnachten. „Wenn das Wetter passt, packen Familien auch einen Picknickkorb und verbringen einen schönen Nachmittag auf der Plantage“, so Ivonne Roder. Gelegentlich wählen Kunden auch schon im Sommer einen Baum aus und markieren diesen. „Wir haben nichts dagegen, nur meistens funktioniert das nicht, weil sich entweder andere Kunden für diesen Baum entscheiden oder weil das Markierungsbändchen vom Wind verweht wird“, hat Monika Roder beobachtet. Vor Dieben schützen Roders ihre Plantage nicht, nur vor Wild. „Das Tor lassen wir immer auf, weil der finanzielle Schaden durch gewaltsames Aufbrechen größer ist als der Verlust eines Baumes“, so Marcus Roder. „Wer unbedingt zu Weihnachten unter einem geklauten Baum sitzen möchte und das mit seinem Gewissen vereinbaren kann, der soll das machen“, geht auch Ivonne Roder mit dem Thema entspannt um.

Verkaufsschlager Nordmanntanne

Wie überall hat sich die Nordmanntanne als beliebtester Weihnachtsbaum auch auf der Plantage von Familie Roder die Spitzenposition erobert. Sie wächst auf 80 % der Fläche, mit großem Abstand gefolgt von der Blaufichte. Etwa 2 % der Fläche teilen sich Kiefern, Colorado-Tannen, Rotfichten und Serbische Fichten. Die Nordmanntanne ist nicht nur bei den Kunden beliebt, sondern auch bei den Anbauern.

Als Pfahlwurzler kam die ursprünglich aus dem Kaukasus stammende Baumart mit den zurückliegenden trockenen Jahren besser zurecht, als beispielsweise die flach wurzelnde Fichte. Trotzdem mussten Roders in einem Jahr Ausfälle von 10 bis 20 % bei den neu gepflanzten Bäumen verkraften. Die Hälfte der gepflanzten Nordmanntannen wachsen zu einem schön geformten Weihnachtsbaum heran. Das Grün der anderen Hälfte verwertet der Betrieb als Deck- und Schmuckreißig. Um für einen gleichmäßigen Wuchs im oberen Bereich des Baumes zu sorgen, wird die Saftzufuhr nahe der Spitze mit speziellen Scheren gedrosselt. „Die Kunden erwarten einen dichten Baum. Auf das Wachstum der Seitentriebe nehmen wir allerdings keinen Einfluss“, so Marcus Roder.

Im Abstand von 1,20 Meter mal 1,20 Meter kommen die kleinen Bäume in den Boden. „Die ersten vier bis fünf Jahre erfolgen die Pflegearbeiten mit dem Traktor, später mit einer 70 Zentimeter breiten Spezialmaschine, ein Einachser, mit dem man mähen, spritzen und düngen kann“, so Marcus Roder. Zwischen 10 und 20 Jahre stehen die Bäume bis zur Ernte in der Plantage. Die Vorweihnachtszeit ist bei Roders in jeder Hinsicht sehr arbeitsintensiv, denn nicht nur die Ernte der Bäume steht an, sondern auch das Schlachten des Weihnachtsgeflügels, mit dem die Familie vier Tage vor dem letzten Verkaufstag beginnt.

Auch Gänse vermarktet der Charlottenhof. (c) Silvia Kölbel
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Eine erfolgreiche Vermarktung gelingt nur mit Vermarktung gelingt nur mit Einfallsreichtum und gezielter Werbung. Einfallsreichtum und gezielter Werbung. (c) Bernhard Henning
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Holzspalter bedienen: Sicherer Umgang bei Holzarbeiten

Sind die von Schädlingen und Sturm geschädigten Bäume sicher gefällt worden, geht es ans Aufarbeiten. Da in den Wäldern derzeit sehr viel Schadholz vorwiegend zu Brennholz verarbeitet wird, gibt die für die Forstarbeit zuständige Berufsgenossenschaft, die SVLFG, an dieser Stelle Sicherheitshinweise beim Umgang mit Holzspaltern.

Wer davon größere Mengen aufarbeiten muss, sollte dafür einen Säge-Spalt-Automaten einsetzen. Arbeitssicherheit und Arbeitskomfort steigen durch die Automatisierung der Arbeit erheblich. Sie sind zwar nicht ganz billig. Wird aber ein solcher Holzspalter gemeinschaftlich gekauft, halten sich die Kosten für den Einzelnen in überschaubaren Grenzen.

Vereinzelt können die Maschinen inzwischen auch schon ausgeliehen werden. Interessierte können sich zum Beispiel bei der örtlichen Waldbauernvereinigung, der Forstbetriebsgemeinschaft oder bei den Maschinenringen und Betriebshilfsdiensten danach erkundigen, ob dort diese Möglichkeit besteht.

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Sicherer Umgang mit Sägen und Spaltern

Falls nicht auf einen Säge-Spalt-Automaten zurückgegriffen werden kann, sollten nachfolgende Tipps zum sicheren Umgang mit Spaltern und Sägen beachtet werden: Werden Holzspalter alleine und vorschriftsgemäß bedient, sinkt das Unfallrisiko. Ungefährlich ist die Arbeit trotzdem nicht. „Wir erleben zum Beispiel häufig, dass Menschen die am Spalter arbeiten, durch zurückschlagende Stammteile getroffen werden. Besonders gefährlich sind krumm gewachsene Stammstücke oder Stücke mit Ästen“, so Robert Strixner, der bei der SVLFG im Bereich Prävention tätig ist.

Auch wenn die Leistungsfähigkeit mancher Ein-Mann-Spalter dazu verleitet, mit mehreren Personen daran zu arbeiten, ist dies verboten. Zu groß ist die Gefahr, dass bei solchen Geräten der Spaltmechanismus ausgelöst wird, während eine zweite Person zum Beispiel noch ein schief im Spalter liegendes Stammstück nachjustiert.

Schwere Verletzungen könnten die Folge sein. Grundsätzlich sind beim Arbeiten mit dem Holzspalter diese Regeln zu beachten:

Um schwerere Holzstücke rückenschonend an den Spaltarbeitsplatz zu bewegen, empfiehlt die Berufsgenossenschaft, dabei Stammheber zu verwenden. Für leichtere Holzstücke hat sich der Einsatz eines Sappis bewährt. Das günstig erhältliche Universalwerkzeug hilft an einem langen Arbeitstag, das Bücken und Anheben zu reduzieren.

Persönliche Schutzausrüstung gehört dazu

Egal für welche Art der Brennholzaufarbeitung man sich auch entscheidet, die passende Persönliche Schutzausrüstung (PSA) muss dabei immer getragen werden. Darauf weist die Berufsgenossenschaft ausdrücklich hin. Dazu gehören in diesem Fall:

Die Arbeitskleidung muss eng anliegen, damit sie nicht von beweglichen Maschinenteilen erfasst werden kann. Noch sicherer ist es, die bei der Wald zu tragende Forst-PSA einschließlich Schnittschutzkleidung und Schutzhelm auch bei der Aufarbeitung von Brennholz zu tragen.

Weitere Hinweise zu Körperschutz hat die SVLFG in einer Broschüre zusammengestellt. Sie kann kostenlos hier ebenso heruntergeladen werden wie ein Flyer zur Sicherheit beim Brennholzaufarbeiten: kurzelinks.de/sicher-holzen. (red)

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HTW Dresden testet Verfahren zur Beregnung: Tropfen oder Strahl?

Studenten der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Dresden haben Beregnungsverfahren am Beispiel des Kartoffelanbaus in Sachsen-Anhalt verglichen. Es ging um die Frage, wie durch Bewässerung der Mangel an Wasser ausgeglichen werden kann. Hier stellen sie ihre Forschungsergebnisse vor.

Von Luisa Köckritz, Max Aschhoff, Friedemann Conrad Richter, Niclas Zapfe, Prof. Sven Reimann, HTW Dresden

Seit einigen Jahren spürt die landwirtschaftliche Praxis verstärkt die Veränderungen im jährlichen Witterungsgeschehen. Steigende Jahresdurchschnittstemperaturen, eine Ausweitung der Vegetationsperiode sowie Extremwetterereignisse begleiten den laufenden Prozess des Klimawandels. Abhängig von Region und Standortbedingungen bestimmt die Menge an pflanzenverfügbarem Wasser immer mehr den Ertrag und die Qualität der Ernteprodukte.

Bis 2018 waren eine begrenzte Verfügbarkeit von Wasser sowie Trocken- und Hitzephasen bis hin zur Dürre kaum von größerer und anhaltender Relevanz. Inzwischen stellen sich viele Betriebe jedoch folgende Fragen:

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Ein zunehmendes Augenmerk liegt hierbei auf acker- und pflanzenbaulichen Maßnahmen, z. B. die Steigerung der Gehalte an organischer Bodensubstanz als Speicher für Wasser und Nährstoffe oder die optimal standortangepasste Bodenbearbeitungsintensität zur Senkung unproduktiver Wasserverluste.

Weitere Strategien basieren auf einer angepassten Fruchtfolgegestaltung sowie der Schaffung optimaler Bodenstrukturverhältnisse (standortangepasste Kalkung). Parallel wird auch immer wieder die Frage einer Zusatzbewässerung landwirtschaftlicher Kulturen diskutiert.

Wassermangel: Ist Bewässerung sinnvoll?

In einem studentischen Projekt an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden (HDW Dresden) wurde das Thema Bewässerung am Beispiel des Kartoffelanbaus in einem Agrarunternehmen in Sachsen-Anhalt analysiert und bewertet. Der Klimawandel forciert die prinzipiellen Fragen zur Wasserverfügbarkeit sowie der Ansprüche unterschiedlicher Interessengruppen, ferner die Diskussion um ein effizientes und nachhaltiges Wassermanagement.

Grundsätzlich, ist die Frage nach Sinn und Vertretbarkeit einer zusätzlichen Bewässerung von Kulturpflanzenbeständen am jeweiligen Standort zu stellen. Nach Daten des Umweltbundesamtes verbraucht die Landwirtschaft für den Zweck der Beregnung, derzeit 2 bis 2,5 % der deutschen Gesamtwasserentnahmen.

Beregnung: Die Entscheidung wird stark beeinflusst

Die Entscheidung zur Beregnung wird stark durch die Beregnungswürdigkeit einer Kultur sowie die realisierbare Effizienz der Maßnahme beeinflusst. So ist Getreide im Vergleich zu Gemüse, Zuckerrüben oder Kartoffeln sicherlich deutlich weniger beregnungswürdig. Die Folgen wiederkehrender Trockenjahre limitieren zudem die verfügbaren Wassermengen, was in bestimmten Regionen zu einem amtlichen Verbot oder zur Begrenzung der Entnahme von Oberflächen- und/oder Grundwasser führt.

Jede Effizienzsteigerung der Beregnung mit dem Ziel verlustarmer, aber bedarfsgerechter Versorgung der Pflanze ist somit unumgänglich, soll an einer Bewässerung festgehalten werden. Neben dem Wasserbedarf der Kultur sind vor allem die spezifischen Standorteigenschaften ausschlaggebend. Der Boden beeinflusst insbesondere über die Porengrößenverteilung und das Bodengefüge wesentliche Faktoren, wie das Wasserhaltevermögen, die nutzbare Feldkapazität (nFk) sowie die Wassertransporteigenschaften.

Dürre: Boden-Art ist entscheidend

Die Unterschiede zwischen Sand- und Tonböden als Extreme sind in Praxis ebenso bekannt, wie die ausgewogeneren Eigenschaften speicherfähiger Schluffböden. In enger Beziehung zur nutzbaren Feldkapazität steht die durchwurzelte Zone des Bodens, bestimmt durch die Gründigkeit und Durchwurzelbarkeit sowie die Wurzelleistung der Kulturen (Intensität, Tiefe). Kartoffeln beispielsweise nutzen in der Regel den Bodenwasserspeicher schwerpunktmäßig bis 40 cm, maximal bis 60 cm Tiefe aus.

Wasser effizient einsetzen
Zukünftig wird es darum gehen, wie knappes Wasser möglichst produktiv in der Landwirtschaft eingesetzt werden kann. (c) Prof. Sven Reimann

Wasser-Bilanz: Standortspezifische Werte und die Kartoffel

Standortspezifische Werte für Niederschlag und Evapotranspiration bilden die Basis für die klimatische Wasserbilanz und die daraus resultierende, an die Kultur angepasste, Bewässerungssteuerung. Standorte mit weniger als 600 mm Jahresniederschlag gelten in der Regel als Defizitstandorte, welche eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit für Wasserdefizite während der Hauptvegetationsphase aufweisen.

Der Transpirationskoeffizient von Kartoffeln wird meist mit ca. 500–600 l/kg TS (notwendige Liter Wasser je Kilogramm erzeugter Trockensubstanz) angenommen. Defizite schlagen sich in erheblichen Ertrags- und Qualitätsminderungen nieder. Bei einem mittleren Transpirationskoeffizienten von 550 l/kg TS und einer Vegetationszeit von 140 Tagen ergibt sich im Zeitraum von Bestandesschluss bis beginnende Reife für den Standort im Projekt in Abhängigkeit vom Ertragsniveau ein mittlerer Tageswasserverbrauch von 4–4,5 l/m2. Innerhalb dieser Phase besitzt die Kartoffel den höchsten Wasserbedarf. Kritisch ist vor allem die Phase ab dem Knollenansatz (BBCH 40).

Bewässerung: Das Stadium der Entwicklung ist relevant

Für die Bewässerungssteuerung ist relevant, ab welchem Entwicklungsstadium der Kartoffel eine Beregnung erfolgen soll. Unter Beachtung der durchwurzelbaren Bodentiefe wurden sogenannte Bewässerungsschwellen auf Basis % nFk definiert.

Mit Erreichen beziehungsweise Unterschreiten dieses Wertes wird beregnet und der Bodenwasservorrat in der Regel bis zu einer Obergrenze von 80 % nFk aufgefüllt (Abb.1). Die verbleibenden 20 % dienen als Pufferkapazität für Niederschlagsereignisse, um Auswaschungen und Erosion sowie möglichen Sauerstoffmangel im Wurzelbereich zu vermeiden.

Abbildung 1: Bewässerungssteuerung der Kartoffel

Abbildungen 3 Tropfbewässerung
nach: Müller, M. et al. (2020): Tropfbewässerung zu Kartoffeln. Beratungsblatt Funktionsprinzip. Hg. v. ALB Bayern e.V. und LfL Bayrische Landesanstalt für Landwirtschaft

Abhängig von der Nutzungsrichtung der Kartoffel liegt die Bewässerungsschwelle in der Regel bei 50–60% nFk. Unterhalb von 30 % leidet die Pflanze unter starkem Trockenstress. Alternativ ist eine Steuerung der Bewässerung auch über Tensiometermessungen (Saugspannung des Bodens) realisierbar. Ziel ist stets, eine bedarfsgerechte Wasserversorgung, kontinuierlich sicherzustellen.

Die Art des Bewässerungsverfahrens beeinflusst wesentlich die Wassereffizienz einer Beregnungsmaßnahme. Grundsätzlich können Bewässerungsverfahren in eine (klassische) Beregnung und Verfahren der Mikrobewässerung unterteilt werden. Beregnungsverfahren umfassen die bekannten Reihenregner sowie teilmobile und mobile Beregnungsmaschinen (Linear-, Kreisregner, Düsenwagen, etc.).

Die Mikrobewässerung, unterteilbar in ober- und unterirdische Verfahren, beinhaltet die sogenannte Tropfbewässerung. Bereits ein Vergleich der Überkopfberegnung mittels Trommelregner mit Kanone gegenüber einer bodennahen Tropfbewässerung macht Unterschiede in der Wassernutzungseffizient deutlich.

Neuere Untersuchungen gehen von einer um 25–30 % höheren Effizienz der Tropfbewässerungsmaßnahme aus. Verdunstungen in der Luft, von der Pflanzenoberfläche oder vom Boden sind hierbei eliminiert bzw. signifikant verringert. Gleichsam erfolgt eine effizientere Abgabe des Wassers nahe am Bedarfsort.

Limitierte Verfügbarkeit von Wasser

Im Studentenprojekt wurde geprüft, inwiefern bei limitierter Wasserverfügbarkeit im Betrieb, eine Tröpfchenbewässerung Vorteile gegenüber den langjährig etablierten Verfahren mittels Trommelregnern und Linearmaschine besitzt und welche Aufwendungen damit einhergehen.

Durch die bereits vorhandene Bewässerungsinfrastruktur sind etwa 400 ha beregnungsfähige Fläche im Unternehmen vorhanden, von denen jährlich ca. 25 % zum Kartoffelanbau dienen. In den vergangenen Jahren wurde die verfügbare Wassermenge infolge behördlicher Anordnungen bereits deutlich reduziert.

Negative Wasser-Bilanz

Perspektivisch ist eine weitere Minderung der Menge nicht auszuschließen, ebenso wie eine mögliche dauerhafte Untersagung von Beregnungsmaßnahmen in klassischen Überkopfverfahren. 2023 wurde diese im betroffenen Gebiet bereits verfügt. Zunächst wurde eine Bewässerungsbedarfsplanung vorgenommen, woraus die mögliche Strategie abgeleitet werden konnte.

Mit durchschnittlich 537 mm Jahresniederschlag zählt der Unternehmensstandort zu den Defizitstandorten. Als Grundlage der Bedarfsplanung diente die mittlere klimatische Wasserbilanz des Standortes (KWB), basierend auf einem zehnjährigen Betrachtungszeitraum der Einzeldaten. Hierbei wurde zwischen den Szenarien „Normaljahr“ sowie „Trockenjahr“ unterschieden. Abbildung 2 zeigt für den Vegetationszeitraum der Kartoffel eine stetig voranschreitende negative Wasserbilanz, unabhängig des betrachteten Szenarios.

Abbildung 2: Klimatische Wasserbilanz für Köthen

Geisenheimer Bewässerungssteuerung: Einzelwassergaben berechnen

Die Berechnung der Höhe der Einzelwassergaben wurde in Anlehnung an das Geisenheimer Modell durchgeführt. Sie bezieht verschiedene Boden- bzw. Wurzeltiefen in Abhängigkeit vom Wachstumsstadium der Pflanze (BBCH 20–39: 0–30 cm Wurzeltiefe; ab BBCH 39: durchwurzelter Bereich von 0–50 cm Bodentiefe) sowie verschiedene Bewässerungsschwellen ein. Die ermittelten Werte beziehen sich auf eine flächige Zusatzwassergabe und mussten für die Tropfbewässerung entsprechend angepasst werden.

Abbildungen 3 Tropfbewässerung
nach: Müller, M. et al. (2020): Tropfbewässerung zu Kartoffeln. Beratungsblatt Funktionsprinzip. Hg. v. ALB Bayern e.V. und LfL Bayrische Landesanstalt für Landwirtschaft

Berücksichtigt wurden zwei denkbare Varianten der Tropfbewässerung (Abb. 3), das Zwischendamm- sowie das Dammkronenverfahren (ZDV, DKV). Neben dem Geisenheimer Modell existieren in der Praxis zahlreiche weitere Optionen, welche teilweise auch als App-Anwendung verfügbar sind.

Im Laufe des Projektes wurde deutlich, dass es durchaus sinnvoll ist, die Praxiserprobung der neuen Bewässerungstechnik stufenweise vorzunehmen. Alle Kalkulationen und Planungen wurden in skalierbaren Einheiten vorgenommen. Nach dem ersten Umsetzungsjahr auf begrenzter Fläche soll das Agrarunternehmen damit eine Entscheidung zur weiteren Nutzung des Dammkronen- oder Zwischendammverfahren treffen können, was in einer definierten Flächenausdehnung mündet.

Kosten der Beregnungstechnik im Vergleich

Der maximal realisierbare Umfang an Bewässerungsfläche wird unter anderem vom Zeitpunkt des Bewässerungsbeginns, dem Wasseranspruch der Kultur, der hierfür notwendigen Wassermenge je nach Verfahren (ZDV, DKV), die Einordnung in trockenes oder normales Jahr, und nicht zuletzt durch die insgesamt verfügbare Wassermenge bestimmt. Ein Vergleich der Verfahrenskosten unter den betrieblichen Bedingungen zeigte nicht überraschend, dass die Kosten der etablierten Techniken (Linearmaschine, Schlauchtrommelregner) geringer ausfallen als in den Tropfbewässerungsverfahren.

Grund sind höhere feste Maschinenkosten, vor allem jedoch höhere variable Maschinenkosten (unter anderem für Tropfschläuche, Verbinder). Hinzu kommen erheblich höhere zusätzliche Lohnkosten für die Verlegung der Tropfschläuche im Frühjahr sowie deren Rückbau vor der Ernte im Herbst. Auch zwischen den beiden Tropfbewässerungsverfahren existieren Unterschiede, welche sich aus dem deutlich höheren Material- und Zeitaufwand im Dammkronenverfahren ergeben.

Deutlich mehr wird vermarktungsfähig

Auf Grundlage der Gesamtkosten ist der Einsatz der Linearmaschine die günstigste Beregnungsoption, gefolgt vom Schlauchtrommelregner. Beide Varianten unterscheiden sich kostenseitig nur geringfügig. Etwa dreifache Kosten entstehen bei der Tröpfchenbewässerung im Zwischendammverfahren.

Teuerstes Verfahren ist die Tröpfchenbewässerung im Dammkronenverfahren, wo etwa die fünffachen Kosten im Vergleich zu den etablierten Beregnungsverfahren anfallen. Demgegenüber stehen erwartete Mehrerlöse, die sich vorrangig aus einer deutlich höheren Menge vermarktungsfähiger Ware bei Verwendung der Tropfbewässerung ergeben.

Ergebnisse anderer Studien untermauern dies, insbesondere da im betrachteten Fall der Anbau von Industriekartoffeln erfolgt. Die Umstellung auf Tropfbewässerung schlägt sich deutlich in zwei zusätzlichen Arbeitsspitzen im Jahr nieder, welche im Mittel der Jahre auf den Mai sowie den Zeitraum September bis November fallen. Für den erstmaligen Einsatz der Bewässerungsverfahren wurden unter den betrieblichen Bedingungen ein jährlicher Arbeitszeitbedarfe von 0,8 Akh/ha für die Linearmaschine, circa 2,5 Akh/ha für den Einsatz des Schlauchtrommelregners sowie rund 9,2 Akh/ha für das Zwischendammverfahren bzw. 14,6 Akh/ha für das Dammkronenverfahren ermittelt.

Kartoffel-Anbau: Handlungsempfehlung für die Praxis

Im Ergebnis des Forschungsprojektes wurde eine Handlungsempfehlung zur betrieblichen Umsetzung erarbeitet. Hierbei zeigen Jahre mit einem normalen Witterungsverlauf ein Bewässerungsbedarf der Kartoffeln ab BBCH 40, wobei eine Bewässerungsschwelle von 50 % nFk angesetzt wird.

In Trockenjahren sollte in Erwägung gezogen werden, ab BBCH 20 mit einer Bewässerungsschwelle von 50 % nFk zu arbeiten. Um zwischen normalen und trockenen Jahre unterscheiden sowie entsprechend in der Bewässerung reagieren zu können, wurde dem Betrieb ein einfaches Tool an die Hand gegeben, dass zunächst einen unkomplizierten Einstieg in die Tröpfchenbewässerung erlaubt.

Die Kalkulationen zeigen jedoch, dass in Trockenjahren die verfügbare Wassermenge zum begrenzenden Faktor wird. Auch mit verbesserter Wassereffizienz der Verfahren gegenüber den herkömmlichen Techniken stößt die Tröpfchenbewässerung an die Grenzen für eine optimale Versorgung der Pflanzen bei vollem Anbauumfang. Ursächlich ist hierfür die betriebsspezifische Situation einer Limitierung der Wasserrechte. Hier wird situationsabhängig zwischen einer Begrenzung der Bewässerungsfläche oder suboptimaler Bewässerungsintensität der Gesamtfläche abzuwägen sein.

Für die Handlungsempfehlung wurden die Gabenmengen und Gabendauern auf die technischen Parameter der Systeme abgestimmt, sodass variable praxistaugliche Lösungen entstanden. Die Punkte Wassermanagement und Bewässerungssteuerung wurden recht simple gehalten, um zunächst einen einfachen Einstieg im ersten Umsetzungsjahr zu sichern. Später kann aus diversen am Markt befindlichen Lösungsansätzen ausgewählt werden und eine Verfeinerung der Parameter für die betrieblichen Erfordernisse erfolgen.

Verfahren zur Beregnung – Ein Fazit

Der Ansatz der Tröpfchenbewässerung bietet eine reale Chance zur effizienteren Bewässerung im Kartoffelanbau trotz limitierter Wassermenge. Die Versorgung der Pflanzen kann gleichzeitig bedarfsgerechter als bisher erfolgen. Parallel werden unproduktive Wasserverluste deutlich reduziert. Kritischer Faktor bleibt jedoch die perspektivische Höhe der betrieblichen Wasserrechte.

Über den höheren Anteil vermarktungsfähiger Ware wird, basierend auf den vorgenommenen Kalkulationen trotz höherer Aufwendungen die Wirtschaftlichkeit der Maßnahme gesichert. Im Zuge einer stufenweisen Einführung der Tröpfchenbewässerung kann dies überprüft werden.

Alternativ wäre der Weiterbetrieb der bisherigen konventionellen Beregnungsverfahren denkbar. Das umfasst jedoch das Problem der geringeren Effizienz als auch die offene Frage, ob derartige technische Lösungen in Zukunft uneingeschränkt erlaubt bleiben.

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Um die punktuellen Messwerte der smarten Wettersensoren auch vom Punkt in die Fläche zu bringen, wird eine handelsübliche Multispektraldrohne genutzt.
Um die punktuellen Messwerte der smarten Wettersensoren auch vom Punkt in die Fläche zu bringen, wird eine handelsübliche Multispektraldrohne genutzt. (c) Thomas Piernicke

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Nutzhanf anbauen: Pflanze mit Potenzial

Rund um Anbau, Ernte und Vermarktung von Hanf ging es bei einer Konferenz im MAFZ Erlebnispark in Paaren. Noch fristet die universell einsatzbare Faserpflanze ein Nischendasein. Doch das soll sich ändern.

Von Wolfgang Herklotz

Der Hanf an sich ist eine anspruchslose Pflanze, sofern man keine Ansprüche an sie hat! Ein humorvolles, wenngleich stark verkürztes Fazit, das Antonia Schlichter, Anbauleiterin der Felde Fibres GmbH, am Ende der Hanfkonferenz am 14. November im MAFZ Erlebnispark Paaren zog. „Politik trifft Nutzhanf“, so lautete das Motto der von der im niedersächsischen Dahlenburg ansässigen GmbH veranstalteten Tagung, an der neben Politikern, Beratern und Vertretern verschiedener Verbände auch Landwirte teilnahmen.

Ziel war es, Erfahrungen bei Anbau, Ernte und Vermarktung zu vermitteln und dazu beizutragen, dass der Hanf sein Nischendasein überwindet. Denn im Vorjahr wurde die Faserpflanze deutschlandweit auf gerade mal 7.000 ha angebaut. Dies hat nicht nur mit bürokratischen Hürden und mangelhaften Rahmenbedingungen, sondern auch mit vielen Bedenken auch bei den Praktikern selbst zu tun.

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Hanf: Betriebswirtschaftlich und ökologisch interessant

Dabei hat Hanf als Tiefwurzler/ Pfahlwurzler viele Vorzüge. Er ist äußerst resistent und wachstumsfreudig, muss nicht vor Insekten geschützt werden und lockert den Boden auf. Zudem trägt er überdurchschnittlich viel Organika ein und trägt dazu bei, die Nitratwerte im Boden zu reduzieren.

Hanf ist somit eine Kultur, die betriebswirtschaftlich wie ökologisch zu punkten vermag. Der übergroßen Mehrheit der Bevölkerung ist allerdings nicht klar, wofür Hanf alles genutzt werden kann. Doch es gibt einiges zu beachten. Zunächst muss zwischen dem Sommerhanf als Hauptkultur und dem Winterhanf als Zwischen- oder Zweitfrucht unterschieden werden. Welche Herausforderungen speziell mit dem Sommerhanf verbunden sind, machte Christoph Röling-Müller deutlich. Er betreibt ein Agrar- und Serviceunternehmen in Niedersachsen, bietet Beratungs- und weitere Dienstleistungen an, so bei der mechanischen Unkrautregulierung und bei der Hanfernte, vom Mähen und Dreschen über das Wenden und Schwaden bis zum Pressen und Transport.

„Die Aussaat erfolgt ab Ende März, gedüngt wird nur verhalten und zwar teils organisch, teils mineralisch.“ Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln sei tabu, geerntet werde ab Anfang August. Allerdings müsse sich der Landwirt auf eine schlechte Bestandsetablierung bei ungünstiger Witterung und auf Wildschäden einstellen, ebenso auf mindere Erträge bei einem verfehlten Erntebeginn. „Bei guter Kulturführung und optimalem Wetter sind aber Hektarerträge von bis zu zwölf Tonnen Stroh und bis zu 1,6 Tonnen Nüsse möglich“, betonte Röling-Müller.

Teilnehmer einer sommerlichen Exkursion aufs Hanffeld, darunter Antonia Schlichter (M.). (c) Gerhard Richter
Teilnehmer einer sommerlichen Exkursion aufs Hanffeld, darunter Antonia Schlichter (M.).
(c) Gerhard Richter

Absatzwege sichern

Als Lösungsansätze für die Zukunft benannte er die Entwicklung von Anbauleitfäden und staatliche sowie private Versuche zu Sorten, Düngung und Anbauverfahren. Zugleich gelte es, Beratungsringe zu etablieren und sichere sowie rentable Absatzwege aufzubauen. Nicht zuletzt müssten „besorgte Bürger“ aufgeklärt werden, die hinter dem Hanfanbau schon mal die Produktion von Marihuana vermuteten.

Für Aufklärung der anderen Art sorgt das Leibniz-Institut für Agrartechnik und Bioökonomie e.V. (ATB) in Potsdam-Bornim, das neben grundlagenorientierten Arbeiten auch für eine angewandte Forschung steht. Eine Arbeitsgruppe beschäftigt sich hier speziell mit Naturfasertechnologien. Im Fokus stehen Rohstoff- und Materialeigenschaften und die Entwicklung von neuen Methoden sowie Geräten für das Qualitätsmanagement. „Ein wichtiges Anliegen ist es, die Verfahren zu vereinfachen, so bei der Strohaufbereitung und beim Reinigen der Schäben“, erklärte Dr. Hans-Jörg Gusovius.

Das Institut verfüge über entsprechende Labor- und Technikkapazitäten für die Aufbereitung von Faserpflanzen und die Analytik vom Rohstoff bis zu Produkten. Zugleich kooperiert das ATB mit weiteren Forschungseinrichtungen sowie Landwirtschafts- und Industrieunternehmen und betreut verschiedene Projekte sowie Graduierungsarbeiten von Studierenden und Doktoranden.

Besseres Umfeld nötig

Von einem regelrechten „Teufelskreis der Hanfökonomie“ sprach Buchautor Jonas Westphal. Als Beispiele dafür führte er die Einbettung von Nutzhanf in ein internationales Drogen-Kontroll-System und die damit verbundenen Auflagen an. Wegen hoher Kosten für Transport und Saatgut stehe nur eine finanziell geringe Rendite in Aussicht, Investoren und Banken übten Zurückhaltung, und auch der Forschungsstand lasse zu wünschen übrig. „Auf der anderen Seite hat Hanf aber ein großes Potenzial, um die Nachhaltigkeitsziele zu erreichen.“

So könne die Faserpflanze dazu beitragen, das Grundwasser und die Meere zu schützen, indem der Wasserverbrauch reduziert wird und ebenso der Stickstoffeintrag. Hanffasern seien recycelbar und CO2-neutral, sorgten als Dämmung für einen geringeren Energieverbrauch in Gebäuden. Gerade in der langfristigen CO2-Bindung liegt eine große Chance für ein nachhaltiges und regionales Bauen. Nicht zuletzt gibt es vielfältige Einsatzmöglichkeiten im Bereich der Medizin, Ernährung und Tierfütterung, so Westphal.

Um Faserhanf als nachhaltiges und wirtschaftliches Produkt zu fördern, ist die politische Unterstützung zur Förderung eines günstigeren regulatorischen Umfelds und die Unterstützung der Produktionskapazitäten und Infrastruktur unverzichtbar. „Notwendig sind zugleich Bildungsinitiativen, um eine wachsende Nachfrage und Akzeptanz von Faserhanfprodukten zu sichern.“

Für ein gesellschaftliches Umdenken sprach sich auch Martin Brassel von der Hanffaser Uckermark eG aus. Diese arbeitet eng mit Anbauern zusammen, sorgt für Saatgut und Beratung sowie Betreuung bei der Anbaumeldung von Sommerhanf. Das Zeitfenster zwischen der geforderten Blühmeldung und der Ernte sei sehr eng. „Wir empfehlen den Landwirten, schon die ersten Hanfblüten anzuzeigen, um noch einen Puffer für die ebenfalls erforderliche Erntefreigabe zu haben.“ Die Genossenschaft verarbeitet Hanfstroh, das auf 60 bis 100 cm Länge geschnitten, auf Schwad gelegt und dann der sogenannten Feldröste unterzogen wird. Daraus werden verschiedene Dämmstoffe hergestellt.

Vielfältig sind die Einsatzmöglichkeiten von verarbeiteten Hanfpflanzen. Sie können als Dämmmaterial und Baustoffe, aber auch als Textilien, Öle oder Kosmetika verwendet werden. (c) Wolfgang Herklotz

Nachhaltigkeit und Schutz für den Boden

Wie Brassel betonte, beschattet der Hanf in den Sommermonaten den Boden und schützt diesen vor Überhitzung und Austrocknung. „Somit ein wichtiger Beitrag auch zum lokalen Klima.“ Weitere Vorträge beschäftigten sich mit der Zukunft der deutschen Naturfaserindustrie sowie mit Hanfbaustoffen und der CO2-Bindung. Hervorgehoben wurde, dass die Zertifizierung von Kohlendioxid eine große Chance bietet, die Nachhaltigkeitsziele der EU noch zu übertreffen.

Über Winterhanf für die textile Nutzung und bürokratische Herausforderungen sprach Ulrik Schiötz, Geschäftsführer der Felde Fibres GmbH. Das vor zwölf Jahren gegründete Unternehmen stellt hochwertige, verspinnbare Textilfasern aus Brennnessel, Leinen und Hanf her. Im kommenden Jahr soll im Temnitzpark in Ostprignitz-Ruppin eine zweite Anlage in Betrieb gehen, die jährlich bis zu 20.000 t Hanfstroh zu 6.000 t Textilfasern verarbeitet.

Schiötz: „Wir suchen noch Landwirte, die den Hanf als Zwischen- beziehungsweise Zweitfrucht anbauen.“ Diese wird in der zweiten Julihälfte bis spätestens Anfang August ausgesät und ab Mitte Januar bis spätestens Mitte März geerntet. Das Stroh wird mit bis zu 300 €/t vergütet, durch Boni sind zusätzliche 60 €/t möglich.

Politik gefordert

Felde Fibres unterstützt die Landwirte nach eigenen Angaben nicht nur den gesamten Anbau über, sondern entschädigt sie auch bei Ernteausfällen. Als Grundlage für die Zusammenarbeit wird eine enge und vor allem langfristige Kooperation gewünscht. Die Hanfkonferenz gab nach Einschätzung des Veranstalters einen tiefen Einblick in die Branche, von der Wissenschaft über die praxisnahe technische Entwicklung bis hin zu Anbau, Ernte und Verarbeitung.

Aufgezeigt wurde die vielseitige Nutzbarkeit und die damit einhergehende Unabhängigkeit, die Deutschland mit dieser Pflanze erreichen kann, erklärte Antonia Schlichter. „Nun ist es an der Politik, die Weichen zu stellen, damit die Nische zu einem etablierten Markt wachsen kann.“ Es liege auch in der Hand der Landwirte, ihre Fruchtfolge zu er[1]weitern, um die Verarbeiter mit Rohstoffen zu versorgen. „Nur so kann ein Markt langfristig Bestand haben.“

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Je nach Standortbedingungen entwickelt sich die Biomasse (u.). (c) Linda Lechner

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