Bereits am Abend vor der Demonstration setzte LsV mit Banner und Kerzen vor dem Landtag ein Zeichen. (c) LSV

Wolfanhörung: Zaun oder Jagdgewehr?

Höchst unterschiedliche Ansichten über den Wolf äußerten die Sachverständigen in einer Landtagsanhörung. Vor dem Parlamentsgebäude verdeutlichte eine kleine LsV-Demonstration die Nöte der Weidetierhalter. 

Von Karsten Bär

Kurzfristig organisiert und zu Beginn der Erntezeit vermochte die Demonstration von Land schafft Verbindung (LsV) Sachsen am Donnerstag voriger Woche vor dem Landtag in Dresden zwar nicht im gewohnten Umfang Teilnehmer auf die Straße zu bringen – aber immerhin ein Zeichen zu setzen. Mit Transparenten und einigen Traktoren machte ein Dutzend Landwirtinnen und Landwirte aus Sachsen auf die Probleme aufmerksam, mit denen sich Weidetierhalter aufgrund der Anwesenheit des Wolfes gegenübersehen.   

Anlass für die Demo war eine Sachverständigenanhörung, die der Landtagsausschuss für Umwelt und Landwirtschaft durchführte. Hintergrund sind drei Anträge zum Wolf – zwei von der AfD, in denen Bestandsbegrenzungen und gemeinsames Monitoring mit Polen gefordert wird, und einer von der Regierungskoalition aus CDU, Grünen und SPD, der Verbesserungen des Managements und des Herdenschutzes sowie die Beteiligung Sachsens an der Ermittlung einer Referenzgröße für die Wolfspopulation in Deutschland vorsieht.  

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Sachverständigenanhörung zum Thema Wolf im Sächsischen Landtag (c) Karsten Bär

Was gaben die Sachverständigen in der Anhörung zu Protokoll? Eine Zusammenfassung der wichtigsten Punkte: 

Ist der Wolf in Deutschland zu streng geschützt? 

Nein, sagten etwa der Vorsitzende der Gesellschaft zum Schutz der Wölfe, Dr. Peter Blanché, und der Leiter der sächsischen Fachstelle Wolf, Matthias Rau, und beriefen sich dabei auf EU-Recht. Hingegen verwiesen Norman Härtner (Sächsischer Jägerverein) und Dr. Adolf With (Landesjagdverband) darauf, dass der Wolf weder welt- noch europaweit bedroht sei, sein strenger Schutz in Deutschland aber zu gesellschaftlichen Konflikten führe. 

Der Zoologe Prof. Dr. Hans-Dieter Pfannenstiel verwies darauf, dass die Wölfe in Deutschland ein lokaler Bestand sind, der Teil einer europäischen Population ist und als solcher betrachtet werden müsse. Insofern sei der stabile Erhaltungszustand gesichert und eine Bejagung zur Vermeidung von Nutztierrissen anzuraten.  

Wie viel Hund steckt in den deutschen Wölfen? 

Das Thema Hybridisierung wurde von Härtner mit Verweis auf eine Untersuchung von Wolfsschädeln aus dem Senckenberg-Museum durch sächsische Jäger aufgeworfen. Ilka Reinhardt vom Wildbiologischen Büro Lupus machte deutlich, dass Hybridisierungen mit Hunden – bis auf sehr wenige Einzelfälle – nicht stattfinden. Bei den genetischen Untersuchungen, die regelmäßig vorgenommen werden, werde gezielt ein Vergleich der Abschnitte im Erbgut vorgenommen, die sich bei Hund und Wolf deutlich unterscheiden. Die Reinrassigkeit der Wölfe bestätigte auch Hans-Jörg Schrader, Referatsleiter im niedersächsischen Umweltministerium, für sein Bundesland. Landwirt Jörg Naumann vom LSV Sachsen erklärte, dass die Frage für Weidetierhalter irrelevant sei – ein Übergriff bleibe ein Übergriff. 

Ausgeräumt wurde in dem Zusammenhang auch der Mythos von der gezielten Ansiedlung von Wölfen in Sachsen. Pfannenstiel erklärte, dass es immer Wolfszuwanderungen gegeben habe, die jedoch zu DDR-Zeiten konsequent abgeschossen wurden. Adolf With verwies auf den in den 90er-Jahren verschärften Schutz von Wölfen in Polen, der zu einer Ausbreitung und Besiedelung nach Sachsen beigetragen habe. 

Was bringt eine Bestandsbegrenzung? 

Die Bejagung von Wölfen sei allein schon um des gesellschaftlichen Friedens willen notwendig, machten die beiden Vertreter der Jagdverbände deutlich. Biologe Pfannenstiel konstatierte einen Zusammenhang zwischen Wolfszahl und Zahl der Übergriffe. Jörg Naumann, der auch Legehennen hält, verwies auf die Bejagung des Fuchses, die Schäden an Nutztierbeständen vermeide, ohne den Bestand der Art zu gefährden. 

Demgegenüber betonten Peter Blanché und Ilka Reinhardt, dass es auch einzelne Wölfe sein können, die Schäden verursachen. Eine Obergrenze löse demnach das Problem nicht. Das wird durch die von Schrader geschilderten Erfahrungen aus Niedersachsen gestützt, wo es regionale Schwerpunkte für Nutztierrisse gibt, während auch stark vom Wolf besiedelte Regionen unauffällig bleiben. Wildbiologin Reinhardt sagte, entscheidend sei das erlernte Verhalten der Wölfe. 


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Was bringt die Entnahme auffälliger Wölfe? 

Die selektive Entnahme von Wölfen, die erweiterte Herdenschutzmaßnahmen überwinden oder anderweitig auffällig werden, stößt auch bei Blanché und Reinhardt auf Zustimmung. In Niedersachsen, wo es seit 2019 zehn Ausnahmegenehmigungen für die Entnahme einzelner Individuen gab, wird dies bereits konsequenter als anderswo praktiziert. Jagdverbandsvertreter With beklagte indessen, dass in Sachsen erteilte Abschussgenehmigungen mit Klagen überschüttet und beteiligte Vertreter von Politik und Verwaltung anonym bedroht würden.  

Was bringt Herdenschutz? 

Jörg Naumann machte auf den teils bis ans Unzumutbare reichenden Aufwand aufmerksam, den der Herdenschutz mit sich bringt. Elektronetzzäune benötigten schwere Batterien, die nicht selten gestohlen würden oder in mitunter unzugängliches Gelände gebracht werden müssten. Darüber hinaus sei der Einsatz von Herdenschutzhunden in touristisch genutzten Gebieten riskant – und komme überdies „legalisiertem Hundekampf“ gleich, so der Landwirt. Komme es doch zu Übergriffen, werde dem Halter oft Nachlässigkeit vorgeworfen.  

Als „effektivstes Mittel“ bezeichnete hingegen Ilka Reinhardt den Herdenschutz, er müsse konsequent und flächendeckend durchgeführt werden. Entnahme bringe hingegen maximal kurzzeitig Erfolg. Die Erfahrung zeige, dass Risse oft dort auftreten, wo einzelne Wölfe neu auftauchen und die Halter nicht vorbereitet sind. Aus Sicht von Dr. Regina Walther vom Schaf- und Ziegenzuchtverband besteht insbesondere bei den Klein- und Hobbyhaltern Beratungsbedarf. 

Gab es bei der Anhörung „Aufreger“? 

Aufgrund der Festlegung, dass Teilnehmer der Demonstration nicht der öffentlichen Anhörung als Zuschauer folgen durften, wurde einigen Landwirten und Jägern zunächst der Zutritt zum Landtag verwehrt. Später füllten sich die Besucherränge jedoch. 

Aufhorchen ließ während der Anhörung die Linken-Abgeordnete Antonia Mertsching mit ihrer Frage, ob es Sanktionen gegen von Wolfsangriffen betroffene Tierhalter gebe, wenn diese den Mindestschutz nicht eingehalten haben, oder ob dies vom Freistaat so „hingenommen“ werde.    

Barbara Menzel und Marcel Buschmann.
Barbara Menzel und Marcel Buschmann (c) Karsten Bär

Zäune bauen wie im Wildgehege? 
Zu den Demonstranten zählte auch Barbara Melzer. Sie hält gemeinsam mit ihrem Mann Marcel Buschmann in Käbschütztal im Landkreis Meißen 400 Mutterschafe und deren Nachzucht. „Wir sind nicht gegen den Wolf“, sagt sie. „Das ist ein faszinierendes Tier. Aber er muss in Grenzen gewiesen werden.“

Wolfssichtung gibt es in ihrer Gegend immer wieder – auch in der Nähe der Herde. Zwei Mal hat das Schäferpaar bereits morgens an der Koppel die Folgen eines Wolfsangriffs vorfinden müssen.

Gemeldet haben sie die Vorfälle nicht – sie glauben, dass dabei nur Gründe gesucht werden, dem Halter die Schuld zuzuschieben und Versäumnisse beim Herdenschutz nachzuweisen. „Viele Leute machen es sich leicht“, meint Barbara Melzer. Doch um einen Wolf wirklich abhalten zu können, müssten die Zäune so beschaffen sein, wie die im Wildgehege Moritzburg – was in der Praxis unmöglich sei. 

Allein der Aufwand für den Mindestschutz sei enorm: Je höher die Netzzäune, umso höher der Aufwand und umso größer die benötigten Batterien. Erschwert wird dies, wenn das Gelände, etwa in Naturschutzgebieten, unzugänglich sei. Geld, so viel stehe fest, gleiche die Belastungen für die Weidetierhalter nicht aus – vor allem nicht die psychischen, unter denen Schäfer leiden, deren Herde angegriffen wurde. 


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