Wölfe im Wildpark Schorfheide. (c) Sabine Rübensaat

Über 300 Wölfe in Brandenburg

Brandenburg hat mit mehr als 300 Wölfen bundesweit die meisten, und seit November 2019 einen neuen Wolfsmanagementplan. Fragt sich allerdings, wer gemanagt werden muss: der Mensch oder der Wolf?

Von Heike Mildner

Eine der letzten Veranstaltungen vor Corona am Vormittag des 6. März: Gut 30 Wolfsinteressierte haben sich unterm Dach des LBV-Hauses in Teltow zur Winterschulung versammelt. Auf dem Programm: der Wolf. Jens Schreinecke, Wolfsbeauftragter des Landesbauernverbandes (LBV) führt ins Thema ein: deutlich mehr als 300 Wölfe, so viele wie in Schweden bei deutlich weniger Fläche. Das hat Folgen: 91.695 € Ausgleichszahlungen für 409 nachweislich vom Wolf gerissene ­Nutztiere allein 2018/19. Und die Risszahlen steigen trotz immer höherer Ausgaben für den Herdenschutz. Allein 2019 zahlte das Land Brandenburg für präventive Maßnahmen 1,2 Mio. €. Dabei würden Schadensausgleich und Auszahlung der Präventionsleistungen meist korrekt laufen, so Schreinicke.

Wolfsnachweise in Brandenburg, Stand Dezember 2019 (c) Landesamt für Umwelt Brandenburg
Bestandsentwicklung, Schadenregu­lierung, Risszahlen etc. stellt das Landesumweltamt auf seiner Webseite transparent dar. Hier der Stand von 12/2019: 41 Rudel, 8 Paare, 154 Welpen in 49 bestätigten Territorien.  (c) Landesamt für Umwelt Brandenburg

Die jüngst verabschiedete Novelle des Bundesnaturschutzgesetzes, die dem Wolf einen eigenen Paragraphen widmet, bringt keine große Veränderung, vermutet Schreinicke. Die Entnahme von Wölfen nach – früher „erheblichen“, jetzt „ernsten“ – Schäden ist immer noch ungenau geregelt, erst gerichtliche Auseinandersetzungen im Einzelfall werden mehr Klarheit bringen. Der LBV favorisiert ein aktives Wildtiermanagement: „Wir respektieren eine Anzahl von Wölfen, die muss aber aktiv gemanagt werden – bei Wölfen wie bei anderen Wildtieren auch“, ist Schreinicke überzeugt.

Gregor Beyer vom Forum Natur Brandenburg sieht das ähnlich und begründet es so: Die Anzahl der Wölfe ist seit dem 1. April 1992, als das Bundesjagdgesetz im Osten eingeführt wurde, kontinuierlich gestiegen. In der DDR wurden eingewanderte Wölfe geschossen. Heute ist die Wolfspopulation stabil und wird weiter steigen.

Im Jahr 2030 könnte es 25.000 Wölfe in Deutschland geben

Wildbiologen rechnen mit acht Tieren pro Rudel und einem jährlichen Zuwachs von 36 %. Die offiziellen Zahlen vorausgesetzt, könnte es in zehn Jahren 25.000 Wölfe in Deutschland geben, hat Beyer hochgerechnet. Wo die „Kappungsgrenze“ liegt, wisse niemand. Geburt, Tod, Zuwanderung und Abwanderung zeichnen eine oszillierende Tendenzkurve, die bis an die Lebensraumkapazität steigt. Limitierender Faktor sei das Angebot an Nahrung, und die sei hierzulande reichlich vorhanden.

Gregor Beyer vom Forum Natur Brandenburg (c) privat

„Wildtiere müssen die Akzeptanz derer besitzen, die von ihnen real betroffen sind“, sagt Beyer und plädiert für Wissen statt Märchen. Ein „Doppelmärchen“ sei, dass der Wolf in Deutschland ausgestorben war und heute eine gefährdete Art ist. Als der Wolf 1992 in der FFH-Richtlinie als „streng geschützte und prioritäre Art“ eingestuft wurde, habe sich der Bestand der „baltisch-osteuropäischen Wolfspopulation“, zu der der nationale Wolfbestand in Deutschland im Wesentlichen gehört, auf einem Tiefpunkt befunden. Heute sei mit deutlich über 8.000 Individuen der Erhaltungszustand gesichert, argumentiert Beyer.

Es gibt keine „Problemwölfe“

Dass der Wolf scheu ist, sei das nächste Märchen. Beyer ist überzeugt davon, dass der Wolf nur scheu bleibt, wenn er bejagt wird. Beispiele für unscheues Verhalten gibt es genug, und aus dem Publikum kommen gleich noch ein paar mehr. Auch die Kategorie „Problemwolf“ ordnet Beyer diesem Märchen zu. Denn was der Mensch aus guten Gründen als Problem ansieht, sei aus der Perspektive des Wolfes meist normales wölfisches Verhalten.

Was also ist zu tun? Handlungsgrundlage in Brandenburg ist seit dem 20. September 2019 der Wolfmanagementplan. Als hart errungener Konsens zwischen Landnutzern, Naturschützern und Landesregierung legt er Regeln für den Umgang mit dem Wolf fest.  Das ist viel im Vergleich zu dem, was andere Bundesländer haben. Beyer ist es dennoch zu wenig: Eigentlich müsste der Wolfsbestand gemanagt werden, um langfristig die Akzeptanz der Betroffenen zu sichern. Aber natürlich muss sich Brandenburg an die Bundesgesetze halten.

Geteilte Landschaft für langfristige Akzeptanz

Beyer strebt eine wildökologische Raumplanung für den Wolf an, die die Landschaft teilt in:

  • Wolfsschutzareale (große zusammenhängende Landschaftskomplexe wie Waldgebiete, Truppenübungsplätze, Bergbaufolgelandschaften oder große Schutzgebiete mit eher geringerer menschlicher Besiedlung),
  • Wolfsmanagementareale (nach festgelegter Akzeptanzgrenze wird hier der Wolfsbestand aktiv gemanagt) und
  • Wolfsproblemareale wie urban geprägte Bereiche sowie Siedlungsbereiche um Wohnbebauungen im ländlichen Raum, in denen der Wolf nicht toleriert wird.
Mit Herdenschutzhunden versuchen Schäfer, die Sicherheit ihrer Tiere zu gewährleisten. Nicht immer mit Erfolg.
(c) Sabine Rübensaat

Bis es soweit ist, werden vermutlich noch viele Nutztiere dem Wolf zum Opfer fallen. Wie groß die Anstrengungen der Nutztierhalter und der zuständigen Mitarbeiter im Landesumweltamt sind, wurde im Vortrag von Verena Harms und Carina Vorgel deutlich.

200 Vor-Ort-Termine zur Präventionsberatung allein im vergangenen Jahr sprechen eine deutliche Sprache. Die Fachfrauen ermutigen ausdrücklich, diese Beratungsmöglichkeit in Anspruch zu nehmen. Auch wenn die Mindestanforderungen an den Herdenschutz einheitlich geregelt sind: Jeder Betrieb ist anders, und ein wolfsgeschultes Auge sieht oft mehr als eines, das jeden Stein auf dem Gelände kennt.



 

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