Mit Herdenschutzhunden versuchen Schäfer, die Sicherheit ihrer Tiere zu gewährleisten. Nicht immer mit Erfolg. (c) Sabine Rübensaat

Akt der Verzweiflung

Die kontroverse Aktion des Schäfermeisters Ingo Stoll auf dem Stralsunder Boulevard führte zu Diskussionen – beim Thema Wolf sollte man jedoch möglichst schnell agieren.

Es kommentiert Gerd Rinas

Passanten auf dem Stralsunder Boulevard trauten ihren Augen nicht, als am 4. Mai ein Transporter hält und Landwirte auf einer Plane vier Schafe auf das Straßenpflaster legen: Die Tiere, einst prachtvolle Zuchtböcke, sind nicht mehr am Leben. Mit hoher Wahrscheinlichkeit sind sie Opfer von Wolfsattacken: teils mit Kehlbiss getötet, teils erst nach langem Todeskampf verendet.

Mit der Aktion will Schäfermeister Ingo Stoll die Aufmerksamkeit auf eine Situation lenken, die von Teilen der Öffentlichkeit bisher kaum zur Kenntnis genommen wird: Viele Schäfer kämpfen seit der Rückkehr des Wolfes nicht nur wirtschaftlich um ihre Existenz – sie sind auch physisch und psychisch an ihren Grenzen angelangt.

KEINE HILFE VOM VETERINÄRAMT

Gerd Rinas ist Landesredakteur in Mecklenburg-Vorpommern. (c) Sabine Rübensaat
Gerd Rinas ist Landesredakteur in Mecklenburg-Vorpommern. (c) Sabine Rübensaat

Im konkreten Fall vermisste Ingo Stoll zum wiederholten Mal nach einer Wolfsattacke einige seiner Tiere. Bei dem Versuch, in schwer zugänglichem Gelände verletzte und sterbende Tiere zu finden, blieb der Schäfermeister auf sich gestellt: Statt Hilfe anzubieten, warf das Veterinäramt ihm vor, seine Schafe zu vernachlässigen. Die Feuerwehr beschied ihm bei seiner Anfrage, dass er die Kosten für einen Einsatz tragen müsste. Stoll wusste sich keinen Rat mehr – und brachte seine toten Schafe in die Stadt. Ein Akt der Verzweiflung, ein öffentlicher Hilferuf! Er dürfte dem wegen seiner ruhigen und überlegten Art geschätzten Schäfermeister am Ende seines Berufslebens nicht leichtgefallen sein.

Die Aktion löste in den regionalen Medien Diskussionen aus. Das Meinungsbild von Lesern und Usern ist gespalten. Viele, die sich kritisch zu Stolls Aktion äußern, sehen den Tierhalter in der Pflicht, seine Tiere wirksam zu schützen. Was das im Einzelnen bedeutet, davon haben nur wenige eine Vorstellung. Die Praxis der Weidehaltung mit ihren vielen verschiedenen Betriebskonzepten lässt eher mehr als weniger Zweifel aufkommen, ob eine Strategie mit immer mehr hohen Zäunen und mit Rudeln von Herdenschutzhunden, die vielerorts nötig wären, tatsächlich geeignet ist, die Koexistenz von Weidetieren und Wölfen zu ermöglichen – und unbeherrschbare Situationen zu verhindern.

Statt in akuter Not alleingelassen zu werden, müssen Weidetierhalter, deren Tiere Wolfsangriffen ausgesetzt sind, Hilfe von Ämtern, Feuerwehr oder Polizei in Anspruch nehmen können. Die Kosten dafür hat das Land zu tragen. Denn es kann nicht im öffentlichen Interesse sein, dass Tiere orientierungslos umherirren, womöglich den Straßen- und Bahnverkehr gefährden oder irgendwo qualvoll verenden und erst nach Tagen aufgefunden werden.

wolfsattacken: EXTREME NOTSITUATION

Dass ausgerechnet Mecklenburg-Vorpommerns Agrarminister, Till Backhaus, dem Schäfermeister nach seiner Aktion Vorwürfe macht, kann nur verwundern. Die Argumente, die Backhaus anführt, mögen für sich genommen zutreffend sein. Aber sind Zweifel am vom Schäfer Geschilderten und Hinweise auf Fördermittel das, was ein Weidetierhalter in extremer Notsituation von „seinem“ Minister erwarten kann?

Die Wahrheit ist, dass der Mehraufwand der Tierhalter durch den Wolf bisher nicht ansatzweise ausgeglichen wird. Ganz zu schweigen von den physischen und psychischen Belastungen. Anstatt endlich zu handeln, spielen verantwortliche Politiker immer noch auf Zeit. Beim Thema Wolf sind es gerade die Grünen: Erst Ende April haben die Umweltminister die Entscheidung über einen Praxisleitfaden zum Abschuss von „Problemwölfen“ auf ihren Druck hin in den Herbst verschoben. Unterdessen wächst die Wolfspopulation unkontrolliert weiter.

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