Schäfermeister Ingo Stoll aus Langsdorf mit vom Wolf gerissenen Schafen auf dem Stralsunder Boulevard. © Norbert Fellechner

Tote Schafe auf dem Stralsunder Boulevard

Schäfermeister Ingo Stoll hat am Dienstag (04. Mai) mit einer öffentlichen Aktion auf dem Stralsunder Boulevard auf die nicht hinnehmbare Situation vieler Schafhalter nach der Rückkehr des Wolfs aufmerksam gemacht.

Von Gerd Rinas

Ingo Stoll wusste sich keinen Rat mehr: Der Schäfermeister hat heute Nachmittag vom Wolf gerissene, tote Schafe auf dem Stralsunder Boulevard ausgelegt. „Die meisten Menschen interessieren sich nicht für die Probleme, die Wölfe uns Schafhaltern verursachen. Die Leute, die meinen, hier im Land ist noch Platz für viel mehr Wölfe, sollten sich die geschundenen Schafe ansehen. Vielleicht gibt es dann ein Umdenken“, hofft Stoll. Die Aktion auf dem Stralsunder Boulevard dauerte knapp dreißig Minuten. Stoll hatte die toten Schafe kaum ausgelegt, da erteilte ihm die Polizei einen Platzverweis, dem der Landwirt folgte.

„Bilder ertragen, die gar nicht zu ertragen sind“

Seit April vergangenen Jahres hat Ingo Stoll schon 20 Schafe verloren. „Vor drei Wochen riss ein Wolf vier Mutterschafe, am vergangenen Wochenende vier Zuchtböcke. „Weitere drei Böcke wurden schwer verletzt, zwei werden noch vermisst“, berichtet der Landwirt. Die getöteten Tiere würden oft schrecklich aussehen: angefressen, mit durchgebissener Kehle, heraushängenden Gedärmen. „Immer wieder müssen Schafhalter nach Wolfsrissen in ihren Herden Bilder ertragen, die eigentlich gar nicht zu ertragen sind“, sagt der Schäfermeister, der in Langsdorf bei Tribsees 1.200 Mutterschafe hält.

In der Hauptgeschäftsstraße von Stralsund: Schafe nach Wolfsrissen. © Norbert Fellechner

60.000 Euro für Zäune – ohne Förderung

Vorwürfe, dass er seine Tiere nicht ausreichend schütze, lässt Ingo Stoll nicht gelten. „Ich habe schon über 60.000 Euro für ein Meter hohe Festzäune ausgegeben, als es noch keine Verpflichtung zum Grundschutz gab. Jetzt werden 1,20 m hohe Zäune gefordert. Die fehlenden 20 Zentimeter soll ich bezahlen. In Wirklichkeit muss ich ganz neue Zäune setzen“, empört sich der Schäfermeister. Er hat schon über 40 ha Weideland eingezäunt. „Die Kosten laufen aus dem Ruder“, befürchtet der Schafhalter, der auch stellvertretender Vorsitzender im Landesschaf- und Ziegenzuchtverbandes MV und Sprecher der Berufsschäfer im Bundesverband VDL ist.

Die jüngsten Tierverluste hatte er in den Franzburger Hellbergen. Die Schafe weideten in der Kernzone des Landschaftsschutzgebietes. 1,20 m hohe Festzäune konnten die Wolfsrisse nicht verhindern. Die Suche nach den vermissten Tieren ist in dem unwegsamen und unübersichtlichen Gelände schwierig. „In meinem Betrieb ist jetzt Lammzeit. Die Zäune habe ich beschafft, um mehr Zeit für die Tiere zu haben, um sie besser zu versorgen. Jetzt geht die Zeit drauf, um tote und verletzte Schafe zu suchen“, klagt Stoll.

Tote Schafe auf Stralsunder Boulevard: Auf sich allein gestellt

Dabei ist er auf sich allein gestellt: „Der Amtsveterinär, der nach der letzten Wolfsattacke da war, hat mir nicht geholfen, die verletzten Tiere einzusammeln. Als ich bei der Feuerwehr nachfragte, kam die Gegenfrage, ob ich dafür bezahlen würde. Von seinem Schafstall sind die Hellberge 33 Kilometer entfernt. „Zu weit, um die verletzten Tiere mit dem Trecker rauszuholen“, so Stoll, der auch Flächen der Stadt Franzburg als Weide nutzt.

Platzverweis von der Polizei. © Norbert Fellechner

Herdenschutz: In Brandenburg schon in Kraft

„Die Stadt will auf ihren Flächen keine Herdenschutzhunde, weil dort ein Naturschutzlehrpfad verläuft und man befürchtet, die Hunde könnten die Besucher angreifen. Ohne Herdenschutzhunde geht es aber nicht mehr“, meint Ingo Stoll. Er hofft, dass das Land Mecklenburg-Vorpommern rasch die jüngste EU-Verordnung vom 22. Februar zum Herdenschutz vor Wolfsattacken in Landesrecht umsetzt.

Danach sollen nicht nur das Beschaffen von Schutzzäunen und Herdenschutzhunden, sondern auch die Arbeitskosten und der Unterhalt gefördert werden. „In Brandenburg sind entsprechende Landesregelungen schon in Kraft“, sagt Ingo Stoll. Erst in der vorvergangenen Woche übergaben Vertreter von grünen Verbänden und Vereinen dem Vorsitzenden der Umweltministerkonferenz bei einer Demonstration in Schwerin ein Positionspapier mit gleichlautenden Forderungen.

„Die Protestaktion von Ingo Stoll in Stralsund zeigt, wie stark sich die Weidetierhalter in Mecklenburg-Vorpommern durch den Wolf emotional und finanziell unter Druck gesetzt sehen“, kommentiert Detlef Kurreck, Präsident des Bauernverbandes Mecklenburg-Vorpommern. „Sie verlieren bei Wolfsrissen ihre Tiere und müssen gleichzeitig erkennen, dass ihre Investitionen in Schutzmaßnahmen wirkungslos bleiben.“

Die Aktion in Stralsund zeige, wie dringlich die Wolfsproblematik sei. „Jetzt ist es höchste Zeit, zu handeln“, fordert der Bauernpräsident. „Einerseits muss der Wolfsbestand reguliert, andererseits müssen Aufwand und Kosten des Herdenschutzes finanziell angemessen unterstützt werden.“

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