Ein vorschriftsmäßig aufgebautes Weidenetz mit fünf horizontalen Litzen unter Strom. Zäune sollten auch bei Nichtnutzung elektrifi ziert sein. (c) Fritz Fleege

Der richtige Zaun: Wölfen keine Chance bieten

Schäfer stehen vor mittlerweile großen Herausforderungen beim Schutz ihrer Tiere. Mit Weidenetzen oder Litzenzäunen lassen sich die großen Beutegreifer in der Regel abwehren.

Von Ulrich Klausnitzer, Fachbüro für Naturschutz & Landschaftsökologie; Carola Förster, Matthias Rau und Gerhard Riehl, Sächsisches Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie

Der in Europa und Deutschland praktizierte Schutz bedrohter Arten hat große Beutegreifer wie den Wolf wieder heimisch werden lassen. Dies stellt alle Weidetierhalter vor neue Herausforderungen. Als wirksamer Herdenschutz vor Übergriffen durch den Wolf hat sich bisher der Einsatz von mobilen Elektrozäunen erwiesen. Verwendet werden Weidenetze oder Litzenzäune. Die Höhe und Art dieser eingesetzten Zäune wird neben der erwarteten Schutzwirkung auch durch weitere, je nach Betrieb und Standort unterschiedliche Kriterien bestimmt. Dazu zählen die Häufigkeit des Zaunumbaus, der Einsatz von Herdenschutzhunden, die vorherrschenden Bodenverhältnisse und die aktuelle Bestandssituation der ansässigen Wolfspopulation.

In einigen Bundesländern ist ein Mindestschutz definiert. Dieser beschreibt, wie die Tiere mindestens vor dem Wolf zu schützen sind. In Sachsen sind dies bei Elektrozäunen ein mindestens 90 cm hohes Weidenetz oder ein Litzenzaun, bestehend aus vier Litzen (Abstand 20–20–20–30 cm), die eine Mindestspannung von 2.000 Volt auf den Zäunen entlang der gesamten Koppel aufweisen müssen. Empfohlen wird ein Schutz über das Mindestmaß hinaus. Die Höhe der Elektrozäune sollte 100 cm nicht unterschreiten. An dem vom Weidezaungerät am weitesten entfernten Punkt sollte stets eine Zaunspannung von mindestens 4.000 Volt bei einer Belastung mit einem Widerstand von 500 Ohm eingehalten werden.

Wölfe: Herdenschutz mit Elektrozäunen

Es sollten nur Weidezaungeräte verwendet werden, die mindestens eine Entladeenergie von 3,0 Joule aufweisen oder laut Herstellerangaben zur Wolfs- bzw. Wildabwehr geeignet sind. Bei geringen Zaunlängen (2 x 50-m-Netze) können auch Geräte mit einer niedrigeren Entladeenergie die wolfsabweisende Wirkung sicherstellen. Die Spannung und Energie sollten immer an das Zaunsystem angepasst und nicht unter- oder überdimensioniert sein. Für eine stabile Stromversorgung empfehlen sich Geräte mit 230 Volt (Netz) oder 12 Volt (Akku) Versorgungsspannung. Die Akkus sind regelmäßig mit geeigneten Ladegeräten nachzuladen. Eine gute Möglichkeit für eine sichere Energieversorgung der Akkus von Frühjahr bis Herbst ist die Ergänzung mit einem passenden Solarmodul.

Entscheidend für die Funktionsfähigkeit des elektrischen Weidezaunsystems ist die sachgerechte Erdung mit mehreren mindestens 1–2 m langen und verzinkten Erdstäben. Diese werden im Idealfall im Abstand von 3 m an immer feuchten Stellen in den Boden eingeschlagen. Alle Verbindungen zwischen Gerät und Erdstäben sind fest miteinander zu verbinden. Technische Hilfsmittel zur Überprüfung der Zaunspannung sind empfehlenswert.

Empfohlen werden Weidenetze von 105–122 cm Höhe mit Maschenweiten von maximal 20 cm und Gesamtzaunlängen nicht länger als 2 km. Der Gesamtwiderstand des Netzzauns sollte möglichst kleiner als 1,0 Ohm/m sein (siehe Produktkataloge). Bei besonders steinigen oder trockenen Bodenverhältnissen mit geringer Leitfähigkeit gibt es die Möglichkeit, Netze mit einem eingebauten Erdungsleiter zu verwenden oder sogenannte Plus-Minus-Netze aufzustellen. Weidenetze sind immer straff aufzubauen und an den Ecken zu spannen. Bei Bodenunebenheiten oder in hängigem Gelände können Stabilisierungspfähle sinnvoll sein.

Der Abstand der Leiter bei Litzenzäunen beträgt vom Boden 20–40–60–90–120 cm. Der Abstand der Pfähle richtet sich nach der Art des verwendeten Leitermaterials und sollte nicht mehr als 6 m zueinander betragen und vorhandene topografische Besonderheiten berücksichtigen. Der Widerstand der Leiter sollte möglichst kleiner als 0,5 Ohm/m sein. Es sollten nur Isolatoren von guter Qualität eingesetzt werden. Für einen effektiven Auf- und Abbau der Zäune gibt es auch verschiedene Haspelsysteme.

Nachtpferche und Herdenschutzhunde

Unter gewissen Bedingungen (unübersichtliche Tageskoppeln in schwierigem Gelände, Hüteschäferei) kann die nächtliche Unterbringung der Herde in einem Pferch sinnvoll sein. Dazu können Weidenetze von 120–145 cm Höhe eingesetzt werden. Bei der Nutzung von Festzäunen (vorzugsweise stabile Knotengeflechtzäune mit Maschenweiten kleiner 20 cm) müssen diese außen zusätzlich mit stromführenden Leitern versehen werden. Der Abstand der Leiter vom Boden sollte 20 cm (gegen Untergraben) und 90–110 cm (gegen Überklettern) betragen. Nachtpferche dürfen nicht zu klein bemessen werden, um genügend Ausweichfläche bei Wolfspräsenz außerhalb des Zaunes zu haben.

Der Einsatz von Herdenschutzhunden gegen den Wolf ist sehr effektiv, erhöht jedoch die Aufwendungen der Weidetierhaltung erheblich und verlangt noch höhere Sachkenntnis. Unter den Bedingungen in Deutschland werden Herdenschutzhunde bereits erfolgreich hinter gut funktionierenden Elektrozäunen bei der Schafherde eingesetzt.

Täglich überprüfen und kontrollieren

Ein Wolf beobachtet seine potenzielle Beute geduldig und fast immer von uns unbemerkt. Auf elektrische Schläge beim Kontakt mit Weidezäunen reagiert er empfindlich und speichert diese als abschreckende Erfahrung ab. Entdecken Wölfe Schwachstellen im Herdenschutz oder ungeschützte Schafe, nutzt er die Chance, um die Tiere zu reißen. An stromlosen Zäunen können Wölfe die Überwindbarkeit dieser Zäune erlernen. Deshalb sollten diese Zäune auch bei Nichtnutzung entweder immer elektrifiziert oder abgebaut werden.

Wölfe tendieren dazu, zuerst unter einem Hindernis hindurch zu schlüpfen oder dieses zu untergraben. Das Zaunspringen erfordert hingegen einen Lernprozess. Aus diesen Gründen ist es wichtig, dass elektrifizierte Weidenetze einen bodenbündigen Abschluss haben und bei Litzenzäunen der unterste stromführende Leiter maximal 20 cm über dem Boden angebracht ist. Damit der Elektrozaun bei Annäherung oder Berührung seine abschreckende Wirkung voll entfalten kann, muss ausreichend Spannung und Energie „auf dem Zaun“ sein. Hierfür ist eine korrekte und ausreichende Erdung notwendig. Fehlerhafte Erdung ist die häufigste Ursache nicht funktionierender Elektrozaunsysteme. Sich nach dem Aufbau verschlechternde Spannungswerte des Zaunsystems sind durch regelmäßige Prüfung zu beseitigen. Diese Überprüfungen sind in einem Weidetagebuch zu protokollieren.

Oft führen nicht sachgemäß ausgeführte Klemmverbindungen (Knoten- oder Wickelverbindungen) zu massiven Spannungsverlusten im Weidezaunsystem. Es sollten deshalb immer die von den Herstellern angebotenen Verbindungselemente genutzt werden. Bewuchs, der den Zaun berührt, führt zu Leistungsverlust. Das sind nicht nur heranwachsendes Gras, sondern auch über den Zaun streichende Äste. Das sogenannte „Freibrennen“ der Trasse durch eine hohe Zaunspannung funktioniert nur bei frischem Bewuchs. Besser ist es, den Bewuchs beim Aufstellen entlang der zukünftigen Zaunlinie zu beseitigen. Auch extreme Wettersituationen (Überschwemmungen, Schneeverwehungen) können ein Elektrozaunsystem zum Erliegen bringen.

Defekte Zäune bieten dem Wolf ein leichtes Eindringen in die Koppeln. Bestehende Zäune können mit blau-weißem Band in Bereichen von Wildwechseln visuell verbessert werden. Verschlissene Zaunbestandteile sind auszutauschen. Ein Weidezaun ist lückenlos aufzubauen, auch die Tore müssen elektrifiziert sein. Zu erhöhten Ebenen, die als Einsprunghilfe für Wölfe dienen können (Böschungen, Heu- oder Silageballen, Anhänger), ist ausreichend Abstand zu halten. Gewässer sind ein- oder auszuzäunen. Gräben oder Rinnen können durch elektrifizierte Ketten mit Entkopplungswiderstand abgesichert werden.

Herdenschutz: Maßnahmen nach einem Übergriff

Nach einem Übergriff durch den Wolf in die Herde sind Schwachstellen zu beseitigen. Oft ist die Verbesserung der Stromführung und der Erdung nötig. Meist müssen die Unterschlupfmöglichkeiten (Bodenunebenheiten und Senken) am Zaun abgesichert werden. Gelegentlich können eine Erhöhung des Zaunes und/oder das Anbringen von Flatterband (Breitbandlitze ohne Strom) noch sinnvoll sein, um ein mögliches Überspringen zu vermeiden.

Bei einem Ausbruch der Herde oder von Einzeltieren sollte die Koppel vergrößert und die Bauweise des Zauns oder die Koppelform verändert werden. Möglicherweise kann durch rechtwinklig herausstehende stromführende Zaunabschnitte oder einen zweiten außenstehenden Elektrozaun ein Wolf auf Abstand gehalten werden. Weitere Möglichkeiten sind eine Verlagerung der Weide oder eine Behirtung.

Unattraktive deutsche Schafhaltung
Die Schafhaltung wird unattraktiv. Innerhalb von zwölf Jahren reduzierte sich der deutsche Bestand laut Eurostat-Statistik um mehr als 42 Prozent auf heute 1,49 Millionen Schafe. So manche Schafrasse ist durch ihre geringe Population vom Aussterben bedroht. Etwa 930 Schäfereien gibt es noch im Haupterwerb. Die Schäfer haben viel Arbeit für zu wenig Geld. Aber Schafe halten nicht nur das Gras kurz, sondern verdichten den Boden am Deich, erhalten die Kulturlandschaft und tragen zum Erhalt der Artenvielfalt bei.
www.wir-lieben-schafe.com

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Förderung von Präventionsmaßnahmen

Beachten Sie, dass die Präventionsmaßnahmen zum Schutz vor Übergriffen durch den Wolf in den Bundesländern von den Bewilligungsbehörden nach sehr unterschiedlichen Verwaltungsvorschriften auf ihre Zweckmäßigkeit geprüft und finanziell unterstützt werden. Der Umfang der geförderten Materialien ist ebenfalls unterschiedlich geregelt. Die Spanne reicht von Weidezaunkomponenten, um den Mindestschutzkriterien zu genügen, bis hin zu Materialien, um den empfohlenen Schutz umzusetzen. Konkrete Informationen sind auf den entsprechenden Internetseiten der einzelnen Länder, bei den zuständigen staatlichen Verwaltungen oder den Herdenschutzberatern zu bekommen. Füllen Sie die Antragsformulare unbedingt vollständig aus und reichen Sie nachvollziehbare Angebote ein.

Verschiedene Projekte bieten weitere Informationen: „Herdenschutz in der Weidetierhaltung“ des Deutschen Verbandes für Landschaftspflege (DVL), das Projekt „LIFEstockProtect“ im deutschsprachigen Alpenraum, „Herdenschutz Niedersachsen“ des Nabu Niedersachsen sowie „Alternative Herdenschutzmaßnahmen“ des Bundesamts für Naturschutz (BfN) und weitere regionale Initiativen im Herdenschutz. In Sachsen werden auch im Jahr 2021 Seminare zum Weidezaunbau und Herdenschutz vor Wölfen angeboten. Dabei arbeiten die Förder- und Fachbildungszentren sowie die Fachstelle Wolf des Sächsischen Landesamtes für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie mit Spezialisten für Weidetechnik zusammen.

FAZIT

Fachlich guter Herdenschutz ist die Voraussetzung, um das Risiko von Wolfsübergriffen zu minimieren. Ein fachlich solider Umgang mit Elektrozäunen ist sehr wichtig. Dazu müssen die bestehenden technischen Möglichkeiten voll ausgeschöpft werden. Künftig wird man sich auch neue Möglichkeiten der Koppel- und Tierüberwachung (GPS, Drohnen, Geofencing, Digitalisierung) erschließen müssen. Ebenso wichtig ist die Aus- und Weiterbildung zur Verbesserung des Herdenschutzes vor Wölfen.


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