Schreiadler in Not

24.05.2018

© Thomas Krumenacker

Der Schreiadler ist ein geschickter Bodenjäger. Zu seiner Beute gehören kleine Wirbeltiere bis zur Größe junger Feldhasen sowie Wirbellose und Aas.

Er trägt Pommern im Namen – der „Clanga pomarina“, der Pommernadler oder auch Schreiadler. Trotz des starken Namens ist der „Clanga pomarina“ für viele Menschen ein völlig unbekannter Vogel. Wer ihn trotzdem einmal in freier Wildbahn gesehen hat, ist ein Glückspilz. Seinen Anblick vergisst man nicht: Mit 61 bis 66 Zentimetern Länge die kleinste Adlerart Deutschlands und nur wenig größer als der Mäusebussard, beeindruckt er durch seine typischen brettartigen Adlerflügel und eine Flügelspannweite von rund 1,60 Metern. Die Weibchen sind größer als die Männchen. Die kräftigen Beine in einem augenfälligen, hellen Braun befedert, jagt er vor allem Mäuse auf der Fußpirsch. Mit seinem Hakenschnabel tötet der gefiederte Jäger seine Beute kompromisslos – wenn er sie denn aufspüren kann.

 

Immer weniger Beutetiere


Denn genau da liegt der Haken: „Durch den Schwund der Grünlandflächen und Stilllegungen findet der Schreiadler immer weniger Beutetiere“, sagt Dr. Andreas Kinser von der Deutschen Wildtier Stiftung. „Seit vielen Jahren schon ergreifen wir daher Schutzmaßnahmen in Mecklenburg-Vorpommern und arbeiten mit Land- und Forstwirten zusammen, um gemeinsam dem bedrohten Greif das Überleben zu sichern. So hatte die Deutsche Wildtier Stiftung im Naturpark Feldberger Seenlandschaft bereits 2014 und 2015 knapp 60 ha Acker- und Grünland erworben, um die Nahrungssituation für den Schreiadler, der in dieser Region eines seiner letzten Schwerpunktvorkommen hat, zu verbessern. In einem großen, vom Bundesamt für Naturschutz geförderten Projekt wurden außerdem knapp 450 ha land- und forstwirtschaftlicher Flächen in fünf Brutgebieten durch Vertragsnaturschutz geschützt.


Allen schlechten Nachrichten zum Trotz: In den letzten zwei Jahren wurden im Land etwa 20 neue Ansiedlungen festgestellt. Dabei wurden entweder zwischenzeitlich aufgegebene Brutgebiete wiederbesiedelt oder aber neue Lebensräume erschlossen. Allerdings ist das keine Entwarnung. „Wir beurteilen die Neuansiedlungen vorsichtig und müssen abwarten, ob sich daraus stabile Brutpaare für die Zukunft entwickeln“, sagt Dr. Wolfgang Scheller vom Büro Salix in Teterow, der in Mecklenburg-Vorpommern die Zählungen des Schreiadlers koordiniert. Die Gefahr, dass neubesiedelte Lebensräume nach kurzer Zeit aufgegeben würden, sei groß. In den meisten Brutgebieten beobachten die Ornithologen eher eine weitere Verschlechterung der Lebensbedingungen.


„Um einen echten Trendwechsel für den Schreiadler herbeizuführen, bedarf es mehr als vereinzelter Schutzprojekte. Grundlegende Veränderungen für die Artenvielfalt werden erst gelingen, wenn Landwirte und Förster mit Natur- und Artenschutz ein Einkommen erzielen können“, sagt Andreas Kinser. Und hofft auf Entscheidungen in der Politik: „Die anstehenden Verhandlungen zur Neugestaltung der Agrarpolitik der Europäischen Union bieten dazu die beste Gelegenheit.“

 

Mindestens 50 Hektar Wiese pro Horst


Mittlerweile sind die bedrohten Pommernadler aus ihrem Überwinterungsgebiet im südlichen Afrika in ihre ostdeutschen Brutgebiete zurückgekehrt. Leider gilt es in vielen Ländern entlang der Zugroute noch immer als besonders männlich, einen Adler zu töten. Ist die Reise geschafft, stehen in den Brutgebieten umgehend „Hochzeit und Eigenheimsanierung“ an. Nachwuchs muss her. Ein anspruchsvolles Unterfangen, denn Schreiadler sind sehr empfindlich gegenüber Störungen im Brutgebiet. Deshalb gibt es in MV und Brandenburg spezielle Gesetze, um die Brutplätze und den umliegenden Wald zu schützen. Fast noch wichtiger aber sind ausreichend Nahrungsflächen. Mindestens 50 ha Wiesen und Weiden im Umkreis von drei Kilometern um den Horst sollten es schon sein. Dort kann der Schreiadler Kleinsäuger, Reptilien und Amphibien gut erbeuten. Um ihm zu helfen, wäre etwa die Nutzung von bisher mit Marktfrüchten bestellten Ackerflächen als Ackerfutterflächen sinnvoll. Die Renaturierung von Söllen und Gräben würde Amphibien als Beute des Schrei­adlers fördern. Nachteile, die Flächeneigentümern bzw. -bewirtschaftern durch eine Schreiadler-gerechte Wirtschaftsweise entstehen, müssen ausgeglichen werden. „Erst dann steigt das Hoffnungsbarometer für den Schreiadler“, so Artenschützer Kinser.

 

 

 

130 Adler-Brutpaare
Von den nur noch rund 130 Adler-Brutpaaren in Deutschland leben drei Viertel in Mecklenburg-Vorpommern und ein Viertel in Brandenburg. Zwischenzeitlich brach der Bestand seit Mitte der Neunziger Jahre um 25 % ein. 

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