Auf dem Weg nach Frankenheim hatten Landwirte bei Reichenhausen schon mal klargemacht, dass Wölfe nicht willkommen sind. (c) Birgitt Schunk

Zweifel an Rissgutachten: Recht auf Zweitprobe fehlt

Das Umweltministerium stockt die Förderung für den Herdenschutz auf. In der Rhön macht das Zweifel an den Rissgutachten aber nicht wett.

Von Birgitt Schunk

Auch in der Rhön hat sich der Wolf inzwischen niedergelassen. Bei Tiefenort und Zella/Rhön sind zwei Wolfsfähen als territoriale Einzeltiere eingestuft. Gerissene Kälber sorgten zuletzt für Unruhe. Jetzt lud das Kompetenzzentrum Wolf, Biber, Luchs des Thüringer Umweltministeriums nach Frankenheim. Dort kündigte Britta Krämer, zuständige Referatsleiterin im Umweltministerium, an, dass die Förderrichtlinie Wolf/Luchs überarbeitet wird.

Zahlreiche Weidetierhalter waren gekommen und hielten mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg. FOTO: BIRGITT SCHUNK
Zahlreiche Weidetierhalter waren gekommen und hielten mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg. (c) Birgitt Schunk

Künftig finanzielle Unterstützung bei den „Betriebskosten“ des Herdenschutzes

Neben der bisher bekannten Präventionsförderung zum Anschaffen von Herdenschutzzäunen und -hunden soll es künftig auch eine finanzielle Unterstützung bei den „Betriebskosten“ des Herdenschutzes geben. Geregelt ist dies über die „Gemeinschaftsaufgabe Verbesserung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes“ (GAK).

Brandenburg und Sachsen-Anhalt etwa haben diesen neuen GAK-Fördergrund bereits in Programme umgesetzt. Krämer zufolge kann es künftig 1.920 Euro pro Jahr für den Unterhalt von Herdenschutzhunden geben. 1.230 Euro erhalten Schaf- und Ziegenhalter für einen mobilen, wolfssicheren Zaun je Kilometer und Jahr. Allerdings gebe es eine Deckelung bei 450 €/ha und Jahr.

Thüringer Richtlinie: Rinder- und Pferdehalter nicht berücksichtigt

Krämer hofft, dass die Richtlinie Ende des Jahres in Kraft treten kann, spätestens aber zu Beginn der Weidesaison. Im Entwurf der Thüringer Richtlinie fanden, anders als in Sachsen-Anhalt, Rinder- oder Pferdehalter noch keine Berücksichtigung. Mehrfach verwies das Kompetenzzentrum darauf, dass optimale Maßnahmen des Herdenschutzes durchaus griffen. Dies belege das Ohrdrufer Pilotprojekt „Fachstelle Herdenschutzhunde Thüringen“.

2021 habe es noch keinen bestätigten Wolfsriss gegeben. Diese Aussage allerdings zogen zahlreiche Weidetierhalterinnen und -halter, die nach Frankenheim gekommen waren, in Zweifel. Erst in diesem Jahr waren fünf tote Kälber in der Region aufgefunden worden, die aus Sicht der Landwirte Opfer einer Wolfsattacke waren. Über Gutachter und DNA-Proben wurde dies aber nicht bestätigt.


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harsche kritik und fehlendes vertrauen in komepetenzzentrum

Ende August wurde im Dermba-cher Ortsteil Hartschwinden dieses Kalb Opfer einer Attacke.
Ende August wurde im Dermbacher Ortsteil Hartschwinden dieses Kalb Opfer einer Attacke. (c) privat

Deshalb kommt seit Wochen harsche Kritik aus der Rhön (Bauernzeitung 31/2021, S. 8/9). „Es gibt kein Vertrauen in das Kompetenzzentrum“, sagte Dr. Harald Bräutigam, der Geschäftsführer der Landschaftspflege-Agrarhöfe Kaltensundheim. Er sei seit 30 Jahren Jäger und habe bereits Wolfsrisse beim Wild gesehen. „Dann folgten fünf tote Kälber, und bei allen Nutztieren konnte der Wolf angeblich nicht nachgewiesen werden – vielleicht, um nicht zahlen zu müssen.“

Daneben wurden in Frankenheim auch Sachkunde und Neutralität der Gutachter angezweifelt. Frieder Beyer, Berufsschäfer aus Hessen, kann nicht nachvollziehen, „wieso Wolfsfanatiker als Ausbilder für hiesige Rissgutachter herangezogen werden“. Zweifelhaft erscheint ihm auch, dass bei der Gesamtheit der Risse immer nur bei einem verschwindend geringen Anteil der Wolf bestätigt werde.

Das wies das Umweltministerium zurück. „Unser Personal ist nicht auf beiden Augen blind“, sagte Dr. Hans-Jürgen Schäfer, Abteilungsleiter Naturschutz im Umweltministerium. „Wir haben nicht ansatzweise das Ziel, berechtigte Entschädigungen vorzuenthalten.“ Er erinnerte daran, dass sein Haus den Abschuss der Problemwölfin von Ohrdruf beantragt hatte. „Das ist vom Gericht allerdings verboten worden.“

Forderungen zur Rissbegutachtung
Aus Sicht des Thüringer Bauernverbandes, des Ziegen- und des Schafzuchtverbandes ist das Vertrauensverhältnis zwischen den Weidetierhaltern und Rissgutachtern des Kompetenzzentrums Wolf, Biber, Luchs beschädigt. Um die Unzufriedenheit mit dieser Situation auszuräumen, fordern sie:

■ eine kostenlose Beratung für Tierhalter zur Herdensicherung
■ Anerkennung von Rissbegleitern des landwirtschaftlichen/jagdlichen Berufsstandes. Hierzu zählen Tierhalter oder Jäger, die jahrelange praktische Erfahrungen mit Weide-/Wildtieren gesammelt und erfolgreich an mehreren aufeinander aufbauenden Seminaren teilgenommen haben
■ ein Recht auf eine genetische Zweitprobe von Speichelspuren an den Bisswunden des gerissenen Tieres, die an das akkreditierte Institut für forensische Genetik und Rechtsmedizin (ForGen) in Hamburg gehen soll. Die Analysekosten für die Zweitproben sind vom Land zu tragen.
■ Professionalisierung der Ausbildung der staatlichen Rissgutachter
■ Erstellung eines Ablaufplanes zur Rissbegutachtung
■ Einsatz eines Weidetierschutz-Gremiums; dies soll Weideflächen identifizieren, die „nicht zumutbar zäunbar“ sind; eine Entschädigungszahlung muss hier auch ohne vorherige Schutzmaßnahme erfolgen.

„Ich fühle mich ausgeliefert und kann mich nicht wehren“

Zuvor hatten die Referentinnen vom Kompetenzzentrum erläutert, dass der Erfolg einer Riss-Untersuchung auch abhängig von der DNA-Probenstelle sei. Die Erfolgsquote an den Fraßstellen sei nicht so hoch wie an der Bissstelle. Katrin Dänner, die in Kaltennordheim einen Familienbetrieb führt und selbst mit einem getöteten Kalb betroffen war, bekam wie ihre Kollegen keine Bestätigung für einen Wolfsriss und somit keine Entschädigung. „Es gab bei der Untersuchung kein Ergebnis. Was heißt das: Ist nichts dran an den Proben, sind sie vertauscht oder wie?“ Überall gebe es Rückstellproben, hier aber nicht. „Ich fühle mich ausgeliefert und kann mich nicht wehren – es muss möglich sein, auch anderswo eine Probe einzureichen, die dann anerkannt wird.“ Sie forderte, einen Leitfaden zu erarbeiten, in dem nicht nur die Pflichten der Landwirte stehen, sondern auch deren Rechte.

„Seit der Wolf hier nachgewiesen wurde, haben wir fünf getötete Kälber in der Region – das müssen wir nicht schönreden“, sagte auch Kathleen Franke, die in Schafhausen einen Familienbetrieb führt. Sie forderte, wissenschaftliche Erkenntnisse zum Wolf aus anderen Ländern zu nutzen und nicht das Rad in Thüringen neu zu erfinden. „Hier wird ein Aufriss gemacht: Es werden Gelder in Größenordnungen rausgeschmissen.“

Britta Krämer verwies darauf, dass es immer auf den Blickwinkel ankomme: „Es gibt auch Stimmen, die sagen, dass die Schaf-Ziegen-Prämie rausgeworfenes Geld ist. Das Problem der Weidetierhalter ist nicht der Wolf, sondern die geringen Einkommen. Und deswegen wollen wir sie optimal unterstützen.“ Die Wölfe seien schon ein Jahr hier in der Region – doch auch vorher habe es schon tote Kälber auf den Weiden gegeben. Die habe aber früher keiner in Verbindung mit dem Wolf gebracht.


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