Sebastian Kramer am Hochbeet für Besucher am Haus.

Solidarische Landwirtschaft trifft Permakultur

Für den Erfolg braucht es keine großen Flächen: Sebastian Kramer stellt das mit seinem Konzept von Permakultur und solidarischer Landwirtschaft in einem sächsischen Hausgarten unter Beweis.

Von Silvia Kölbel (Text und Fotos)

Auf der Suche nach einem sinnerfüllten Leben im Einklang mit der Natur hat Sebastian Kramer aus dem Mülsener Ortsteil Wulm nahe Zwickau (Sachsen) zuerst Ökologie und Naturschutz studiert. „Ich dachte, ich erfahre dort, wie man etwas von Grund auf Gutes tut. Das war aber nicht so, also habe ich nach zwei Semestern wieder aufgehört.“ 800 km Jakobsweg und viel Zeit zum Nachdenken ließen eine neue Idee entstehen. „Ich habe in Berlin an der Akademie für Permakultur zwei Jahre lang ein freies Fernstudium belegt und dieses mit einem Zertifikat als Permakultur-Designer abgeschlossen. Leider wird dieser Abschluss in Deutschland nicht anerkannt, in anderen Ländern aber schon.“

Permakultur ist ein Konzept, bei dem der Landwirt oder Gärtner der Natur genau auf die Finger schaut und diese beim Anbau von Nutzpflanzen so gut es geht nachahmt. Das Konzept gefällt Sebastian Kramer, weil es darauf ausgerichtet ist, nachhaltig zu wirtschaften und gesunde Lebensmittel zu erzeugen, ohne die Natur dabei auszubeuten. Für den jungen Obst- und Gemüseanbauer bedeutet Permakultur, durch geschickte Nutzung der verfügbaren Ressourcen mit einem möglichst geringen Aufwand an Arbeit, Kapital und Material ökonomisch zu wirtschaften.

Auf 2.500 m2 im Garten seiner Großeltern, deren Haus der 36-Jährige mit seiner Frau und den beiden Söhnen bewohnt, arbeitet Kramer an der Umsetzung seines Lebensentwurfes. Noch reichen die Einkünfte nicht aus, um den Lebensunterhalt ganzjährig zu sichern. „Von April bis Dezember lebe ich von den Einnahmen aus der Permakultur. Die übrigen drei Monate arbeite ich bei einem Lehmofenbauer in der Nähe. Das ist für mich etwas ethisch Korrektes und passt zu meiner Einstellung.“

Solidarische landwirtschaft: Wöchentlich eine Kiste

Seine Form der Direktvermarktung basiert auf der Idee der solidarischen Landwirtschaft, auch Solawi abgekürzt. Die Mitglieder der Gemeinschaft zahlen monatlich 100 € und erhalten dafür jede Woche eine Kiste mit Obst und Gemüse im Wert von 25 €. Im Frühjahr lädt Kramer an solidarischer Landwirtschaft (SoLaWi) Interessierte zu einer Informationsveranstaltung ein, um das Konzept vorzustellen und Fragen zu klären. Monatliche Gartenführungen und ein Jungpflanzenmarkt ergänzen das Einkommen.

Die Gartenfläche hat er in verschiedene Bereiche eingeteilt. Die Mutterpflanzen für die Saatgutvermehrung stehen in Hausnähe. „Pflanzen, die besondere Aufmerksamkeit brauchen, kultiviere ich im vorderen Bereich, damit ich sie ständig im Blick habe.“ Es schließt sich ein Bereich an, in dem ein zurzeit verwaister Geflügelstall steht und Kürbisse den Baum hochklettern. Den Kräuter- und Gemüsegarten bezeichnet Kramer als Sonnenfalle. Wenig Wind, eine rückwärtige Bepflanzung aus Apfelbäumen und Holundersträuchern sowie eine Steinmauer, die im Frühjahr die Wärme speichert, lassen die Pflanzen gut gedeihen. „Ich vergrößere damit das Erntefenster im Frühjahr um eine Woche nach vorn und im Herbst um eine Woche nach hinten“, so der Gärtner.

Auf 800 m2 mit Laub gemulchter Anbaufläche wachsen Zwiebeln, Knoblauch, Knollenfenchel, Kohlrabi, Gurken, Zucchini, Tomaten, Paprika, Kartoffeln, Mairüben, Salate, Stangensellerie, Pastinaken, Rote Bete, Mangold und Möhren. Wasser erhalten die Pflanzen über Tropfschläuche und mithilfe der Schwerkraft.


Zeit für die nächste Revolution?

In den 1970er-Jahren begründete der Landwirt Robert Rodale den Begriff „Regenerative Organic Farming“ – also regenerative Landwirtschaft. Seitdem haben Pioniere wie Gabe Brown, Joel Salatin und Dr. Elaine Ingham die Bewegung geprägt. In Amerika ist sie schon im “mainstream” angekommen. In Deutschland hat sie noch ein Nischendasein. mehr


Jedes Hügelbeet versorgt der Permakultur-Gärtner im Abstand von zwei Wochen mit je 1.000 l Wasser. „Damit zwinge ich die Pflanzen, in die Tiefe zu wachsen und dort nach Wasser zu suchen.“ Die rund 30 m3 Laub, die Kramer jeden Herbst auf den Flächen verteilt, bilden eine humose, lockere Schicht mit gutem Wasserhaltevermögen. Die Beete wurden die letzten acht Jahre kein einziges Mal umgegraben. Unkraut sei kaum ein Thema, „und wenn, lässt es sich leicht mit der Hand herausziehen. Möhren und Pastinaken kann ich ebenfalls ohne Hilfe von Spaten oder Grabegabel aus der Erde ziehen“, nennt Kramer einen weiteren Vorteil seiner Bewirtschaftungsmethode. Die Kulturen sind so aufeinander abgestimmt, dass auf jeder Fläche bis zu drei Ernten aufeinander folgen.

Anbau von Gemüse in Mischkultur

So wachsen Salate zwischen Kürbissen, gemischt mit Grünkohl. Die Kürbissamen steckt Kramer im Mai direkt zwischen die jungen Salatpflanzen. Wenn der Salat allmählich die Fläche räumt, ranken die Kürbisse über den Hügel. „Frieren die Kürbisblätter beim ersten Frost ab, hat dann der Grünkohl Platz genug, um weiter zu wachsen. Das ist dann die dritte Kultur auf dieser Fläche“, beschreibt der Gärtner sein Konzept.

Der Boden ist locker und humos.
Der Boden ist locker und humos.

Auch bei der Sortenwahl geht er geschickt vor. Eisbohnen vertragen Fröste bis -5 °C. Bewährt haben sich eine Eichblatt- und eine Romana-Salatsorte. Rucola hat Kramer des Befalls mit Erdflöhen wegen durch Hirschhornwegerich ersetzt. Auf dem Hügel mit dem Wurzelgemüse wachsen abwechselnd Rote Bete und Pastinaken. Auch Zwiebeln und Möhren haben sich als Mischkultur bewährt. Der Knoblauch dagegen vagabundiert durch den Garten und sucht sich seinen Platz selbst.

Bäume sind integriert

Das Kräuterbeet, das kein abgeschlossener Bereich ist, betreut im Wesentlichen seine Partnerin Steffi Groß, die als Yoga-Lehrerin arbeitet. Die Engelwurz, mit bis zu 3 m Wuchshöhe eine stattliche Erscheinung, überragt an verschiedenen Stellen alle um sie stehenden Pflanzen. Ringelblumen, die auch der Gesundung des Bodens dienen, recken ihre orangenen Blütenköpfe an verschiedenen Stellen im Garten in die Höhe. An den Beeträndern gedeiht Beinwell. „Er verhindert, dass das Gras in die Beete wächst. Beinwell verrottet zudem schnell, hebt dabei den pH-Wert des Bodens an und liefert Nährstoffe“, erklärt Kramer.


Auch die Bäume erfüllen mehrere Funktionen: Sie liefern Früchte zum Ernten und Laub zum Mulchen, ihre Blüten locken Insekten an und sie sind Schattenspender – in Hitzesommern wie 2018 und 2019 ein nicht zu unterschätzender Faktor. Deshalb achtet Kramer bei der Neuanpflanzung auf die richtige Artenwahl. 20 bis 30 % Lichtabsorption oder anders gesagt eine etwa sechsstündige leichte Beschattung seien ein optimaler Wert, den zum Beispiel der Maulbeerbaum mit seinem späten Austrieb oder der Blauglockenbaum liefern. Gepflanzt hat der Gärtner auch Mispelbäume, eine alte Obstart, von der er sagt: „Die Früchte enthalten mehr Vitamin C als eine Zitrone.“

Bei der Auswahl der Bäume lässt sich Sebastian Kramer auch gern von der Natur überraschen. Kleine Eschen und Ahorne haben sich ihren Platz bereits selbst gesucht, das sind Baumarten, die mit ihrem Laub nicht den pH-Wert des Bodens senken und die Kramer auch ihrer tiefen Wurzeln wegen gerne sieht. Ganz im Gegenteil zu den Fichten, die noch zum Altbestand gehören und nach und nach anderen Arten weichen sollen.

Doch auch im Permakulturgarten wächst nicht alles von alleine und auch nicht alles gleich gut. Schwierigkeiten gibt es jedes Jahr mit den Kreuzblütengewächsen, zu denen alle Kohlarten zählen, aber auch Radieschen, Rettiche und eben Rucola. Viele Schadinsekten lassen sich das Gemüse, das der Gärtner eigentlich verkaufen möchte, schmecken. „Das hängt vermutlich mit dem Rapsanbau auf den umliegenden Flächen zusammen. Der zieht die Insekten an“, vermutet Kramer und überlegt deshalb, alle Kreuzblütler nächstes Jahr unter Insektenschutzvlies zu kultivieren.

Frostschäden inklusive

Auch die Spätfröste machten im Mai vor dem Beerenobst im Garten nicht halt. „Normalerweise gedeihen bei mir auch Erdbeeren, Himbeeren oder Stachelbeeren. Nur dieses Jahr leider nicht. Die Blüten sind erfroren.“ Auch an anderer Stelle gab es Misserfolge: „In meinem ersten Permakultur-Jahr haben mir die Schnecken die Pflanzen weggefressen“, berichtet Kramer. Heute bevölkern Kröten und Schnegel, das ist eine dem Gärtner freundlich gesinnte Schneckenart, die sich von abgestorbenen Pflanzenresten ernährt, den Garten. Auch Laufenten haben schon gute Dienste geleistet. Allmählich entstehe ein funktionierendes Ökosystem, so Kramer. Gleich vorn am Haus steht ein Hochbeet dicht an der Hauswand. Darin wachsen Schlangengurken an der Hauswand empor, dazwischen Stangensellerie, Paprika, ein paar Blumen. „Dieses Hochbeet habe ich hauptsächlich für die Besucher angelegt, damit sie sehen, dass man auch auf kleinstem Raum etwas anbauen kann.“

Solidarische Landwirtschaft mit Eigener Pflanzenanzucht

Seine ersten Samen kaufte sich Kramer bei biologischen Saatgutanbietern, nicht unbedingt ein Erfolg. Der Gärtner sagt: „Viele der Pflanzen kamen hier nicht zurecht. Inzwischen verwende ich zu 90 % eigenes Saatgut von standortangepassten Pflanzen.“ Seine Jungpflanzen zieht Kramer im energieautarken Gewächshaus, das mit der Wärme verrottender Pflanzen gespeist wird.

Auch die Verbesserung des Bodens überlässt Kramer nicht dem Zufall. Angelehnt an die Terra-Preta-Kultur arbeitet der Gärtner ebenfalls mit Holzkohle und fermentierten Pflanzenresten, denen er Melasse und zur Gärung Milchsäurebakterien zusetzt. „Inzwischen bestehen meine Hügelbeete aus zehn bis 15 Prozent dieser selbst erzeugten Erde.“ Diese an bioverfügbaren Nährstoffen und Spurenelementen reiche Erde lasse ein an Nährstoffen reiches Obst und Gemüse wachsen. „Lebensmittel werden so zu Heilmitteln“, ist sich Kramer sicher und orientiert sich dabei an einem Zitat, das dem antiken Arzt und Gelehrten Hippokrates zugeschrieben wird: „Eure Nahrungsmittel sollen eure Heilmittel sein und eure Heilmittel eure Nahrungsmittel“.

Ein Satz, dem Kramer vertraut: „Ich glaube daran, das hochwertige Nahrungsmittel in der Lage sind, uns wieder gesund zu machen. Viele Nahrungsmittel besitzen heutzutage zu wenig Inhaltsstoffe.“ Seine Philosophie vermittelt Kramer den Mitgliedern der solidarischen Landwirtschaft und auch seinen Gartengästen. „Ich verkaufe auch ein gutes Gefühl. Meine Vision ist, dass es in Zukunft viele solcher Gärten rund um Zwickau gibt. Kleine Oasen könnten entstehen, in denen sich die Menschen die Nahrungsmittelhoheit wieder zurückholen. Darin sehe ich eine lebenswerte Zukunft.“

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