Der Brand in der Schweinezuchtanlage Alt Tellin hatte sich am Dienstagnachmittag auf alle 18 Ställe der Anlage ausgebreitet. © Privat

Viele Tiere bei Großbrand in Schweinezucht Alt Tellin verendet

Dem Feuer in der Schweinezuchtanlage Alt Tellin sind laut Betreiber 55.000 Ferkel und Sauen zum Opfer gefallen. 1.300 Tiere konnten gerettet werden.

Der Beitrag wurde aktualisiert am 9. April 2021

Der Großbrand in der Schweinezuchtanlage in Alt Tellin am 30. März hat große Teile der Anlage zerstört. Die Staatsanwaltschaft Stralsund ermittelt wegen des Verdachts der fahrlässigen Brandstiftung. Bisher sehe es nach einer technischen Ursache aus, sagte der Sprecher der Stralsunder Justizbehörde. Den Gesamtschaden schätzt der Eigentümer der Anlage, die LFD Holding GmbH, auf etwa 40 Millionen Euro. Darin seien Erlösausfälle eingerechnet, hieß es ebenfalls am Donnerstag.

In den beiden Gebäudekomplexen mit jeweils neun Ställen breitete sich der Brand begünstigt von Wind aus wechselnder Richtung rasch von Stall zu Stall aus. Wegen sehr starker Hitze- und Rauchentwicklung konnte das Feuer nur von außen bekämpft werden. „Es wäre unverantwortlich gewesen, Feuerwehrmänner in die brennenden Ställe zu schicken“, sagte der Sprecher des Landkreises Vorpommern-Greifswald, Achim Froitzheim, am 30. März gegenüber der Bauernzeitung. Mehrere Stalldächer waren zudem mit Photovoltaikanlagen bestückt. Letztlich habe man die Ställe „kontrolliert abbrennen lassen müssen“. 75 Feuerwehrleuten konnten das Übergreifen der Flammen auf Futtersilos und eine Biogasanlage verhindern. Letztere wurde vorsorglich stundenlang mit Wasser gekühlt. In den Abendstunden dauerten die Löscharbeiten an, immer noch stiegen Rauchwolken vom Brandort auf.

ÜBERLEBENDE TIERE IN ANDERE HALTUNGEN GEBRACHT

Bei Ausbruch des Feuers am Dienstagmorgen befanden sich nach Erkenntnissen des Schweriner Agrarministeriums 9.000 Sauen und rund 50.000 Ferkel in der Anlage. Später korrigierte die LFD Holding die Zahl der Sauen auf etwa 7.000. Feuerwehrleute und Mitarbeiter konnten etwa 1.300 Tiere aus den Ställen retten. 700 Schweine wurden noch am gleichen Abend in andere Haltungen der LFD-Holding in Brandenburg gebracht. Die übrigen überlebenden Tiere kamen über Nacht in einer Siloanlage und wurden dort mit Wasser und Futter versorgt. Einzelne Sauen und Ferkel mussten wegen ihrer schweren Brandverletzungen notgetötet werden. Der Abtransport der überlebenden Tiere in andere Haltungen wurde am folgenden Tag fortgesetzt. Ein LFD-Sprecher kritisierte militante Tierschützer, die Lkw-Fahrer, die Tiere aus der Anlage brachten, mit Steinen beworfen und die Transporte mit Autos verfolgt haben sollen.

Die Schweine wurden in der Anlage in Buchten und auf Matten aus Kunststoff gehalten. Bei dem Großbrand in der Schweinezuchtanlage Alt Tellin sind Tiere zusammen mit großen Mengen Kunststoff verbrannt. Eine Fachfirma ist derzeit dabei, das Gelände der Anlage von toten Tieren zu beräumen, teilte ein Unternehmenssprecher am Dienstag mit. Angaben zur Brandursache standen noch aus. Unterstützt vom Technischen Hilfswerk und Kriminalisten, versucht ein Brandgutachter, die Ursache des Feuers zu ermitteln. Bestimmte Bereiche dürften nur beräumt werden, wenn der Experte dabei sei, sagte ein Sprecher der Polizei in Anklam.

Die „größte Sauenanlage Europas“

Das Genehmigungsverfahren für die Großanlage in Alt Tellin zur Ferkelaufzucht mit 10.500 Sauen begann 2008. Nach mehrjährigen Kontroversen zwischen Behörden, Anwohnern und Umweltverbänden wurde der Firma Straathof die Genehmigung zur Errichtung der Anlage im September 2010 erteilt.

Eine Klage des BUND auf Aufhebung der Genehmigung wurde vor dem Verwaltungsgericht Greifswald im März 2017 einmal verhandelt und danach vertagt. Adrianus Straathof, einstiger Betreiber der Anlage, die als „größte Sauenanlage Europas“ gilt, ist wegen mehrerer Tierschutzverstöße in Deutschland mit einem Tierhaltungsverbot belegt. Er hat die Funktion des Geschäftsführers 2015 abgegeben, seine Firma ist an ein Bankenkonsortium übergegangen, bestätigte Unternehmenssprecher Dr. Ralf Beke-Bramkamp.

Eigentümer der LFD Holding GmbH mit 14 Tochterunternehmen, einschließlich der Betriebsstätte Alt Tellin, insgesamt rund 55.000 Sauenplätzen und zehn Biogasanlagen sowie 400 Mitarbeitern in sechs Bundesländern ist seit 2020 die Schweizer Terra Grundwerte AG.

BUND: „Viel zu lange weggeschaut“

Einen Tag nach dem Großbrand in der Schweinezuchtanlage Alt Tellin hatten sich am Mittwochnachmittag über 100 Menschen vor der Anlage in Alt Tellin zu einer Mahnwache versammelt. Auf Transparenten waren Sprüche zu lesen wie: „Wir haben es satt. Stoppt Tierfabriken“. „Das tausendfache Tierleid ist unerträglich“, sagte die Geschäftsführerin des BUND MV, Corinna Cwielag. „Erst wurden Konzepte vorgelegt, wonach die trächtigen Muttersauen die Anlage im Brandfall mit der Geschwindigkeit von Wildschweinen verlassen würden, später wurden die Tiere zur Brandlast erklärt, am Ende sollte eine Sprinkleranlage helfen.“ Immer wieder sei erklärt worden, dass die Anlage absolut sicher sei. Der BUND fordert, die Genehmigung für die „gigantische, tierquälerische und umwelttoxische Anlage“ aufzuheben. Der Brand zeige, dass „viel zu lange weggeschaut“ wurde, so Cwielag.

Backhaus: „Großanlagen passen nicht in die Zeit“

Till Backhaus, Mecklenburg-Vorpommerns Agrar- und Umweltminister sah sich vorige Woche im Kreuzfeuer der Kritik. Teilnehmer der Mahnwache hielten dem SPD-Politiker vor, die Schweinezuchtanlage in Alt Tellin, die als „größte Ferkelaufzucht in Europa“ gilt, genehmigt zu haben. Backhaus wies diesen Vorwurf und gleichlautende Darstellungen in den Medien zurück. Tatsächlich übte das Schweriner Agrar- und Umweltministerium zum Zeitpunkt der Genehmigung der Anlage 2012 nur die Dienst-, nicht aber die Fachaufsicht auf die genehmigende Behörde aus. Die lag beim Wirtschaftsministerium.

Nach Bekanntwerden des Großbrandes in der Schweinezuchtanlage Alt Tellin hatte Backhaus von einer Tragödie gesprochen. All jene, die beim Bau gegen diese „Ferkel-Fabrik“ protestiert hatten, sähen sich nun im Recht. Auch er wolle solche Großanlagen nicht, sie passten weder in die Zeit noch ins Land. „Von der gesetzgeberischen Seite muss gehandelt werden, damit sich solche Tragödien nicht ständig wiederholen“, forderte Backhaus mit Blick auf den Brand in der Schweinemastanlage in Kobrow bei Sternberg Ende Februar mit mehreren Tausend toten Tieren.

Bemühungen um einen besseren Brandschutz durch eine Bundesratsinitiative seien 2019 an Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner gescheitert. Der agrarpolitische Sprecher der Grünen im Bundestag, Friedrich Ostendorff, erklärte, dass die „Megaanlage offensichtlich völlig verantwortungslos geführt“ worden sei. Sie sei einst vom „berüchtigten“ Adrianus Straathof aufgebaut worden, der mittlerweile in Deutschland mit einem Tierhaltungsverbot belegt sei.

„Wirtschaftlichkeit kann nicht vor Tierschutz stehen“

Warnungen vor dem Weiterbetrieb der Anlage habe es genug gegeben. Der Brandschutz von solchen Mega-Anlagen gehöre jetzt überall auf den Prüfstand gestellt, um Tiere zumindest zukünftig besser zu schützen. „Wirtschaftlichkeit kann nicht vor Tierschutz stehen“, betonte der Grünen-Politiker.

Der Deutsche Tierschutzbund wies darauf hin, dass bereits seit Jahren große Bedenken wegen des Brandschutzes in der Anlage Alt Tellin bestanden hätten. „Grundsätzlich wird trotz bauordnungsrechtlicher Anforderungen noch nicht genug dafür getan, solche Tragödien auf den Anlagen zu verhindern oder ihr verheerendes Ausmaß zumindest zu beschränken“, kritisierte Tierschutzbund-Präsident Thomas Schröder. Bei einer großen Tierzahl sei die Rettung aller Tiere quasi unmöglich, insbesondere wenn Sauen fixiert seien. Realistische Rettungsmöglichkeiten im Brandfall bestünden nur, wenn der Brand frühzeitig festgestellt, der Tierbestand klein und das Haltungssystem angepasst sei. Tiere müssten idealerweise in Buchten an Außenwänden gehalten werden, mit von außen zu öffnenden Fluchttüren. Alle baulich technischen Brandverhütungs- und Brandbekämpfungsmaßnahmen sollten ausgeschöpft werden – zum Beispiel feuerfeste Materialien, Sprinkleranlagen, Brandmauern oder feuerfeste Türen.

Die Tierschutzorganisation ProVieh forderte die Politik als Gesetzgeber auf, solche großen Tierfabriken nicht mehr zu genehmigen; es müsse ein Umdenken stattfinden, hieß es.

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