Symbolfoto (c) Sabine Rübensaat

Kunde billig satt, Landwirt pleite?

Am diesjährigen Tag des Schweinehalters suchten Vertreter der Branche nach Orientierung und Perspektive. Dabei wurde klar: Lösungen kann es nur gemeinsam geben.

Von Heike Mildner

Der Saal der Heimvolkshochschule Seddiner See war voll, und auch online hatten sich noch Interessierte zum Tag des Schweinehalters am vergangenen Mittwoch dazugeschaltet. Die Probleme der Branche sind bekannt, die Konsequenzen daraus durch die jüngste Umfrage der Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN) aktuell und eindrücklich belegt: Über die Hälfte der Sauenhalter in Deutschland beabsichtigt, in den nächsten zehn Jahren den Betrieb aufzugeben, bei den Schweinemästern denken 42 % über diesen Schritt nach. „Auflagenflut, fehlende Perspektive und mangelnder Rückhalt machen Schweinehalter mürbe“, fasst die ISN die Gründe dafür zusammen. Die Afrikanische Schweinepest (ASP) wird nur von neun Prozent der Ferkelerzeuger und 14 % der Mäster in Deutschland als Grund angegeben. Das zeigt deutlich, wie schlecht die Lage schon ohne ASP ist, in Brandenburg kommt sie noch hinzu.

Vermarktung und Verarbeitung in ASP-Zeiten

Das Auftaktreferat „Perspektiven der Schweinehaltung in Brandenburg“ vonseiten des Ministeriums war wegen der turnusmäßigen Agrarministerkonferenz langfristig abgesagt worden, stand aber dennoch im augelegten Programm. Das sorgte für Irritationen. Anstelle des Perspektivbeitrags gab es Einblicke in die Praxis der Vermarktung und Verarbeitung von Schweinefleisch in Zeiten der ASP.  Horst Krüger, Geschäftsführer der Erzeugergemeinschaft Flämingfleisch mit 52 Mitgliedern, kauft Schlachttiere auf und vermarktet sie weiter. Fünf Tage nach dem ersten ASP-Fall in Sembten am 10. September 2020 habe sein Telefon nicht mehr aufgehört zu klingeln, berichtet er, dann noch mal große Verunsicherung nach dem Ausbruch im Hausschweinebestand am 17. Juli dieses Jahres. Er sprach über die Vermehrung der Bürokratie, die Wege zur Seuchenfreiheitsbescheinigung, die in jedem Landkreis etwas anders sind und ohne die ein Lkw nicht auf einen Schlachthof kommt. Seit ASP muss eine Zusatzerklärung gegeben werden, mit der der Tierhalter bestätigt, dass die Schlachttiere „nicht aus einem Sperrbezirk, Beobachtungsgebiet oder gefährdeten Gebiet im Sinne der Schweinepestverordnung stammen“ und „in den letzten 90 Tagen vor Lieferung keine lebenden Schweine aus einem wegen ASP eingerichteten Restriktionsgebiet eingestallt worden sind“.

Als einer derer, die diese Erklärung nicht unterschreiben können, sprach Frank Matheus, Vorsitzender der Agrargenossenschaft Neuzelle – ein breit aufgestelltes Unternehmen mit früher einmal 380 Sauen im geschlossenen System, eigener Landfleischerei und umfangreicher Direktvermarktung. Zur Genossenschaft gehören die Früchtequelle GmbH und die Bioweiderind GmbH „Neuzeller Bauernfleiß“ als zwei hundertprozentige Töchterfirmen. Mit insgesamt 160 Angestellten werden 5.500 ha Acker und Grünland sowie 240 ha Wald in 16 Ortschaften bewirtschaftet.

Schon bevor am 10. September 2020 der ASP-Fund im ca. zehn Kilometer entfernten Sembten bestätigt wurde, hatten sich die Neuzeller intensiv auf diesen „Tag X“ vorbereitet, berichtet Matheus. Man habe rechtzeitig am ASP-Monitoring teilgenommen, das Schlachtgewicht der Mastschweine allmählich von 120 auf 90 kg geenkt. Das schuf einen Puffer von sechs Wochen, der gerade bis zur Öffnung des Schlachthofes Kellinghusen für Schweine aus den ASP-Restriktionszonen reichte.

Das große Problem sei jedoch die Schlachtung der 380 Sauen gewesen. Da sich niemand fand, wurden sie letztlich in der eigenen Schlachterei geschlachtet, die für die großen Sauen nicht ausgelegt ist. Man habe den Tieren nach dem Betäuben und Töten die Köpfe abschneiden müssen, so Matheus. Zehn Tonnen Fleisch wurden unvergütet weggeworfen. Zwei Lkws habe man für 95 Cent/kg Schlachtgewicht frei Hamburg verkauft. Zehn Tier pro Woche konnten an Direktvermarkter in der Region geliefert werden.

Von 380 auf 140 Sauen

Derzeit dürfen die Neuzeller nur noch 140 Sauen halten, nur so viel Schweine produzieren, wie sie selbst vermarkten können. Personal und Abschreibung seien jedoch gleich, so Matheus. Zudem sei die Vermarktung über die eigene Landfleischerei nur so lange erlaubt, wie es im Umfeld keinen ASP-Fall bei einem Hausschwein gibt. „Das müssen wir unbedingt verhindern“, appellierte Matheus und empfahl den Kollegen, mit den kleinen Schweinehaltern in ihrem Umfeld zu sprechen und zum temporären Ausstieg zu ermuntern. Das Allerwichtigste sei jedoch, darauf zu drängen, dass der Gesetzgeber eine Entschädigungsregelung für Ausfälle aufgrund behördlicher Anordnungen im Tierbereich schafft, so Matheus. Momentan gebe es keine Grundlage, dass man beispielsweise für die Folgen eines Besamungsverbotes entschädigt werde. Für die 100 ha Schneisen im Mais, die die Genossenschaft angelegt hat, sieht das anders aus.


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Arbeit am Regionalsiegel

Berlin als Markt zu erschließen, ist das große Ziel des Neuen Brandenburger Wegs des LBV. Helfen soll ein Regionalsiegel, an dem der Verband pro agro gerade arbeitet. „Wir waren vor 20 Jahren schonmal so weit“, konstatiert Geschäftsführer Kai Rückewold, die Chancen stünden aber jetzt besser. Zudem sei „ein interessantes Projekt auf den Weg gebracht“ worden, über das erst demnächst Genaueres zu berichten sei. Aber auch hier werde „das erste Schwein nicht vor 2024 am Haken hängen“, deutete Rückewold an. Derzeit sei man dabei, das von der EU anerkannte Regionalsiegel für Baden-Württemberg auf Brandenburg umzumünzen. Pro agro plädiert dafür, es als Grundlage zu verstehen und um ein Qualitätsfleischprogramm zu ergänzen.

Sebastian Kühn, geschäftsführender Gesellschafter des Familienunternehmens EWG Eberswalder Wurst GmbH, wird in seinem Vortrag deutlicher: „Corona, ASP usw. sind nur ein Brandbeschleuniger. Das Problem mangelnder Wertschätzung gibt es schon länger.“ Es nutze nichts, auf den Handel zu zeigen, der sei nur der verlängerte Arm des Verbrauchers, und der wähle zumeist billig, wenn er die Wahl habe. „Wir sind nur so gut, wie wir mit Ihnen sein können, müssen aber auch den Verbraucher gewinnen, den Mehrpreis zu bezahlen“, wendet sich Kühn an die Schweinehalter. „Niemand wird Ihnen eine Lösung auf dem Silbertablett präsentieren. Wenn wir es nicht schaffen, gehen wir krachen, und der Verbraucher merkt es erst, wenn es zu spät ist!“, ist Kühn überzeugt.

Geschäftsbücher öffnen als Weg

Rewe sei der einzige Handelspartner, der sich bereit erklärt habe, ausschließlich regionales Fleisch anzubieten. Darum könne der Betrieb 600–700 Schweine pro Woche verarbeiten, erläutert Kühn. Die Verarbeitungsquote liege bei 50 %, das mache es so schwer, die Quantität zu steigern. Eine Blaupause für andere Projekte könne aber sein, dass alle Beteiligten die Bücher öffnen, um zu schauen, wer an welcher Stelle welchen Mehrwert erzielt hat. Kühn riet den Schweinehaltern außerdem, sich derzeit nicht auf lang laufende Verträge einzulassen. Mit 1,40 –1,50 €/kg sei man nicht in der Lage, Ställe umzubauen, gab Kühn zu bedenken. „Wir wissen alle nicht, wo der Zug hinfährt.“


Kommentar
Dass es zum Mittagessen zum Tag des Schweinehalters nicht Schwein, sondern (hoffentlich regionales) Huhn gab, ist aufgefallen, aber kein Affront, sondern eine Unaufmerksamkeit. Und dass der Beitrag des Agrarministeriums zu „Perspektiven der Schweinehaltung in Brandenburg“ ersatzlos ausfiel, ist hoffentlich nur ein Kommunikationsproblem und kein böses Omen. Über das künftige Regionalsiegel für „gesicherte Qualität aus Brandenburg“ sollte man allerdings länger nachdenken – auch über das Äußere. Es mag aus vielen Gründen verlockend sein, das Zeichen aus Baden-Württemberg für Brandenburg zu adaptieren. Aber in den Landesfarben Rot und Weiß erinnert es doch sehr an ein Verbotsschild (siehe oben). Das könnte nach hinten losgehen.


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