Frischer Wind für die Lehrlinge

10.05.2017

© Filip Lachmann

Kevin mit Lehrlingen bei der Bestimmung der Wachstumsstadien.

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Wie es sich anfühlt, ein Lehrling zu sein, weiß Simone Pippig noch bestens. Schließlich schloss sie ihre Ausbildung zur Tierwirtin mit dem Schwerpunkt Rinderproduktion selbst erst vor fünf Jahren in der Agrargenossenschaft Kauern ab. Kaum hatte die 27-Jährige die ersten Schritte ihres Berufslebens in dem Ostthüringer Betrieb erfolgreich gemeistert, wurde sie auch schon direkt zur Lehrausbilderin ernannt. Seit 2015 kümmert sie sich mit ihrem gleichaltrigen Kollegen Kevin Binder um den innerbetrieblichen Nachwuchs. Die Ausbildungsschwerpunkte sind bei dem Duo klar verteilt: Während Simone die angehenden Tierwirte unter ihre Fittiche nimmt, hat Kevin als staatlich geprüfter Landbau-Techniker ein Auge auf die Landwirte in spe.

Dass die AG Kauern ihre Ausbildungsleitung in die Hände zweier so junger Fachkräfte legte, hatte einen einfachen Grund. So verabschiedete sich der langjährige Lehrausbilder Günther Gruner 2015 in den wohlverdienten Ruhestand, was eine Neubesetzung der Stelle erforderlich machte. „Solch ein Wechsel bietet immer die Gelegenheit, der Jugend eine Chance zu geben, zumal wir mit Simone und Kevin zu dieser Zeit zwei vielversprechende wie ehrgeizige Nachwuchskräfte im Unternehmen hatten“, erklärt Uwe Symann. Der stellvertretende Vorstandsvorsitzende war sich sicher, dass die beiden nicht nur der Ausbildungsarbeit neue Impulse verleihen, sondern aufgrund ihres Alters auch einen direkteren Zugang zu den Azubis erhalten würden.

 

Verantwortung wird gern übernommen

Die Rechnung des Vorstandes ging auf. Sowohl Simone als auch Kevin nahmen die Herausforderung ohne zu zögern an. „Es war immer mein Ziel, später im Berufsleben Verantwortung zu übernehmen. Vor allem deshalb habe ich an meine Ausbildung noch das Fachschulstudium in Stadtroda angehängt“, sagt Kevin. Ähnlich sieht es auch Simone, die derzeit per Fernstudium noch an dieser Zusatzqualifikation arbeitet. Denn Töchterchen Emma sorgte bei der Rothentalerin vor anderthalb Jahren für eine berufliche Auszeit. Seit Jahresbeginn ist sie wieder zurück im Betrieb, und ihr Landwirtschaftsstudium befindet sich inzwischen auf der Zielgeraden.

Die Ausbildungsleitung wurde dem Duo nicht über Nacht aufgebürdet. Vielmehr war es ein langfristig angelegter, fließender Übergang, der sich nahtlos an die eigene Lehrzeit anschloss. Zunächst schauten sie Gruner – der unmittelbar zuvor noch ihr eigener Mentor war – bei der Ausbildungsarbeit über die Schulter. Später griffen sie ihm dabei dann Stück für Stück ein bisschen mehr unter die Arme, bis er sich letztlich ganz aus dem Berufsleben zurückziehen konnte. Die Fußstapfen, die Gruner im Betrieb hinterließ, konnten sich sehen lassen. 65 Lehrlingen vermittelte er in 20 Jahren bei der AG Kauern die praktischen Fähigkeiten des Land- bzw. Tierwirts. Für dieses Engagement erhielt er, stellvertretend für das Unternehmen, 2013 von der Agentur für Arbeit Altenburg/Gera sogar das offizielle Zertifikat für Nachwuchsförderung. Bedenken, den damit verbundenen Erwartungen nicht gerecht werden zu können, hatten Simone und Kevin nicht. „Immerhin teilen wir uns nun die Aufgaben, die Herr Gruner davor allein bewältigen musste“, sagt Simone. Zusätzlich helfen ihnen die noch frischen Erinnerungen an die eigene Lehrzeit in Kombination mit dem pädagogischen Fachwissen aus der Fachhochschule, um die Ausbildungsmethoden weiter zu verbessern. „Zu zweit können wir beispielsweise den Lehrunterweisungen mehr Zeit einräumen, als es bisher möglich war“, fährt die Thüringerin fort.

In der Ausgestaltung der Ausbildung gibt das Unternehmen beiden Jungfachkräften freie Hand. „Es ist spürbar, dass uns die Geschäftsführung vertraut. Offenbar scheinen wir unsere Sache ganz ordentlich zu machen“, sagt Kevin verschmitzt. Für ihn liegt das Geheimnis guter Ausbildungsarbeit im richtigen Umgang miteinander. So sei es wichtig, eine ausgewogene Mischung aus Lockerheit und Respekt zu erzielen. Dass sie als Mittzwanziger, wie von Vorstand Symann erhofft, einen besseren Draht zu den Berufseinsteigern haben, glauben sie auch. „Es stimmt schon, dass wir auf andere Weise mit den Azubis reden, als es damals Herr Gruner mit uns getan hat. Sie geben uns auch das Feedback, dass sie es schön finden, so junge Ausbilder zu haben“, sagt Kevin. Und Simone ergänzt: „Gerade Azubis, die ein bisschen verschlossener sind, vertrauen uns ihre Sorgen und Probleme tendenziell eher an als erfahreneren Kollegen. Wir drängen niemanden, uns sein Herz auszuschütten, aber wenn es einem danach ist, haben wir für jeden ein offenes Ohr.“

Während die Azubi-Zahl im Vorjahr bundesweit ein neues Rekordtief erreichte, gelang es dem Unternehmen laut den Jungausbildern bisher immer, genug geeignete Interessenten für die angebotenen Lehrstellen zu finden. „Wir stellen uns als Betrieb regelmäßig in regionalen Schulen vor, laden die Schulklassen zudem an unsere verschiedenen Standorten zur Besichtigung ein. Außerdem arbeiten wir sehr gut mit der Arbeitsagentur zusammen“, sagt Simone. Sie denkt auch, dass die verschiedenen Lehrgänge und Weiterbildungsmöglichkeiten, die den Lehrlingen ermöglicht werden, den Betrieb besonders attraktiv machen. Derzeit betreut sie gemeinsam mit Kevin sechs Lehrlinge. Zwei angehende Landwirte befinden sich im ersten Lehrjahr, zwei weitere sowie eine Tierwirtin sind im zweiten. Die Nummer sechs im Bunde ist eine Tierwirtin im dritten Lehrjahr. Momentan kümmern sich beide verstärkt um die mittlere Gruppe, wie Simone berichtet: „In zwei Wochen sind die Zwischenprüfungen, sodass wir gerade in der heißen Vorbereitungsphase stecken.“ An diesem Tag geht es für die drei Azubis zunächst in den Kuhstall am Standort Grobsdorf. Die Rinderproduktion ist ein wichtiges wirtschaftliches Standbein der AG Kauern. Somit müssen auch die betriebseigenen Landwirte die Grundlagen der Tierhaltung aus dem Effeff beherrschen. Rund 390 Milchkühe sowie 350 Färsen und Kälber hält der Betrieb an den Standorten Grobsdorf und Hilbersdorf. Die durchschnittliche Milchleistung liegt bei 11 300 kg pro Kuh. An den Melkstand müssen die Azubis heute zwar nicht, dafür sollen sie eine Tierbeurteilung durchführen.

Voraussichtlich die Letzten im alten Stall

Obwohl Simone als Tierwirtin diese Aufgabe gut allein übernehmen könnte, holt sie sich einen externen Experten zur Unterstützung: „In der Regel arbeiten wir bei den Tierbeurteilungen mit den Kollegen des Landesverbands Thüringer Rinderzüchter zusammen. Insbesondere im Hinblick auf aktuelle Entwicklungen oder Feinheiten bei der Beurteilung können sie den Azubis noch ein paar mehr Tipps und Tricks nennen als ich.“ Nichtsdestotrotz unterstützt Simone ihre Schützlinge tatkräftig bei der tierischen Inspektion. Aller Voraussicht nach bereitet sie in den betagten Stallmauern gerade die letzten Lehrlinge auf die Zwischenprüfung vor. Denn am Unternehmenssitz in Kauern nimmt zurzeit ein Neubau sichtlich Konturen an. Bereits im Sommer soll die hoch automatisierte Anlage für die Grobsdorfer Einrichtung in Betrieb genommen werden. Als Besonderheit ist darin für Jahresende zudem die Eröffnung eines Cafés in der zweiten Etage angedacht, von dem aus die Besucher direkt auf die Kühe schauen können. Doch für Simones Prüflinge spielt diese Zukunftsmusik im Moment keine Rolle.

Simone nimmt sich der Tierwirt-Azubine Anna an. Diese soll als Nächstes an ihrem Leittext zum Thema „Tiergerechte Haltung von Kühen“ weiterarbeiten. Gemeinsam gehen sie daher den aktuellen Stand durch. Unterdessen fährt Kevin mit den Landwirt-Azubis Nils und Leon raus aufs Feld. Dort zupft er etwas Wintergerste aus dem Boden, zückt sein Taschenmesser und bittet die jungen Männer zur Bestimmung des Entwicklungsstadiums nach BBCH-Code.

 

Für die Azubis in Teilzeit

Die Lehrausbildertätigkeit führen Simone und Kevin in Teilzeit aus. Wie viel Zeit die Nachwuchsarbeit in Anspruch nimmt, können beide nur schwer einschätzen. „Das schwankt ziemlich stark. Vor wichtigen Ereignissen wie der Zwischenprüfung investieren wir natürlich besonders viel Zeit. Dann folgen wiederum etwas ruhigere Phasen“, sagt Simone. Hinzu kommen noch diverse organisatorische Pflichten wie die Anmeldung der Azubis zu den Prüfungen oder für die überbetriebliche Ausbildung. Da sie jedoch den Lehrplan gemeinsam abarbeiten, kommen ihre Hauptaufgaben nicht zu kurz. „Es ist vor allem wichtig, dass wir uns untereinander immer auf dem Laufenden halten, nicht das Simone gerade mit den Azubis im Stall ist, obwohl ich sie brauche. Aber das klappt völlig reibungslos“, versichert Kevin. Der Techniker kümmert sich im Betrieb als stellvertretender Abteilungsleiter Pflanzenbau hauptsächlich um den Pflanzenschutz. Vom Frühjahr bis zum Herbst ist dies hinsichtlich der rund 2 100 ha Ackerland ein Fulltime-Job. Simones Arbeitsreich ist hingegen das Büro. Von ihrem Schreibtisch aus managt sie vorrangig die Getreideaufnahme und Ernteüberwachung. Auch wenn sie die Büroarbeit mag, möchte sie den direkten Umgang mit den Tieren – den sie im Zuge der Ausbildungsarbeit weiterhin hat – keineswegs missen.

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