Ist zurück in den Ställen: das Leicoma-Schwein. (c) Bettina Karl

Leicoma: Ossi mit Schlappohren

Der Name Leicoma ist ein Puzzle aus den Anfangssilben der DDR-Bezirke Leipzig, Cottbus und Magdeburg. Dort begann einst die Zucht dieser Rasse. 1985 wurde sie anerkannt. Nun sind die Schweine vom Aussterben bedroht.

Von Bettina Karl

Leicomas sind richtig angenehme Brüder“, lacht Wouter Uwland, als er den Mist aus dem Auslauf seiner Schweine schippt. „Die bleiben ruhig und wehren sich auch nicht gleich, wenn sie von aggressiveren Vertretern herkömmlicher Wirtschaftsrassen mal attaktiert werden“, berichtet der Niederländer aus eigener Erfahrung. Dabei steht er entspannt zwischen seinen Jungebern. Und in der Tat: Leicomas sagt man eine Menge Sanftmut und Gelassenheit nach.

Uwland ist einer von momentan sieben Züchtern der alten DDR-Rasse in Deutschland überhaupt. Und der größte noch dazu – mit 22 Zuchtsauen! Seine Schweinezucht- und -mastanlage liegt in Sachsen-Anhalt und gehört zur Raunitzer Agrar UG in WettinLöbejün, Ortsteil Gimritz. Glücklicherweise hatte das Institut für Nutztiergenetik in Mariensee, das zum Friedrich-Löffler-Institut gehört, noch tiefgefrorenes Sperma der Leicomas vorrätig. Damit begann der Landwirt im Januar 2019 seine Leicoma-Zuchtsauen zu belegen. Er hatte sie aus der Agrargenosschaft Bornum, SachsenAnhalt, im Sommer 2018 übernommen, als diese die Zucht der Rasse einstellten. Durchschnittlich brachten die Muttertiere zwölf lebende Ferkel zur Welt. „Gut bei dieser Rasse ist außerdem, dass die Ferkel alle sehr gleichmäßig sind und Verluste gibt es kaum“, so Uwland. Seine beiden Zuchteber, Sandro und Günter, werden Ende des Jahres auf die Station in Mariensee zur Spermagewinnung gehen.

Sandro und Günter heißen diese beiden Leicoma-Zuchteber der Raunitzer Agrar UG. Der Betrieb darf Besamungseber züchten, da er den SPF-Gesundheitsstatus nachweisen kann. (c) Bettina Karl

Seit 2012 ist Wouter Uwland im Saalekreis zu Hause und betreibt den Landwirtschaftsbetrieb. Nebenbei baute er sich gemeinsam mit seiner Frau Caroliene Uwland eine Direktvermarktung auf und verkauft unter anderem holländische Pommes und Käse. Aber es fehlten noch ein paar Erzeugnisse. Da kamen die LeicomaSchweine, deren Fleisch sich sehr gut dafür eignet, gerade recht. Ende Oktober starteten sie mit dem Verkauf von Leicomafleisch- und -wurstwaren (www.leicoma.de).

2011 nur noch 130 Leicoma-Herdbuchsauen

Entstanden ist die Rasse, die an den Schlappohren gut zu erkennen ist, in den 1970er-Jahren. Fünf Zuchtlinien aus etablierten Schweinerassen finden sich im Leicoma wieder: Duroc aus Amerika mit 46 %, die Deutsche Landrasse mit knapp 34, die Niederländische Landrasse mit rund zehn, das Estnische Bacon mit sechs und das Deutsche Sattelschwein mit fünf Prozent. „1985 erfolgte dann die Anerkennung der Leicoma in der DDR als eigenständige Rasse“, erinnert sich Dr. Frank Münch, Amt für Landwirtschaft, Flurneuordnung und Forsten Anhalt, Dessau. Seit vielen Jahren widmet er sich gemeinsam mit Hubert Scheuer, ehemaliger stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Agrargenossenschaft Bornum, und Prof. Uwe Hühn der Erhaltung dieser Rasse. Denn bis Anfang der 1990er-Jahre prägten die Leicoma die Schweinezucht in der DDR. „1990 gab es in der DDR über 5.000 Herdbuchsauen, 2011 waren es noch 130.


Ist wieder da: das Leicoma-Schwein

Was wird aus uns? Liebhaber bitte melden!

Der Hybridschweinezuchtverband Nord/Ost e.V., Sitz in 17139 Malchin, Mecklenburg-Vorpommern, hat als einziger Zuchtverband 2018 die Leicoma in sein Programm aufgenommen. Jetzt sucht er Schweinehaltungs- und -zuchtbetriebe, die diese Rasse, deren Fleisch sich gut für die Direktvermarktung eignet, (er-)halten wollen:

Tel. 03994/2093-0
www.schweinezucht-mv.de


Anfang 2015 stellte sich für den letzten verbliebenen Zuchtbetrieb der Rasse mit 20 Zuchtsauen und zwei Zuchtebern im Deckeinsatz der Agrargenossenschaft Bornum e. G. die Frage: Wie weiter, Leicoma?“, fasst Münch den Niedergang der Rasse zusammen. Schon 2011 zog das Land Sachsen-Anhalt die Notbremse. Gemeinsam mit dem Mitteldeutschen Schweinezuchtverband, der den Hauptteil der Rasse in ihrem Zuchtbuch nach der Wende geführt hatte, stellte das Land einen Antrag bei der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE), die Leicoma als vom Aussterben bedrohte Rasse anzuerkennen. Dem Antrag wurde stattgegeben. Doch wie konnte es so weit kommen? Hauptursache sieht Dr. Münch darin, dass die leicomablütigen Mastschweine nicht dem Standard entsprachen, den die deutschen Schlachthöfe nach der Wende forderten. „Die Schweine hatten eine höhere Fettauflage und somit einen geringeren Magerfleischanteil, als vom Handel gewünscht. Das passte aber nicht in die Maske und brachte finanzielle Abzüge für die Mäster. Viele Schweinehalter stiegen darum auf große Zuchtunternehmen, sogenannte Global-Player, um, weil die einfach wirtschaftlicher waren. Und das zählt“, resümiert Münch.

Versuche für den Neubeginn mit Leicoma

Um neue Zuchtbetriebe für die Rasse zu gewinnen, mussten wirtschaftliche Perspektiven her. Für deren Prüfung wurde ein Versuch in der Prüfstation der Landesanstalt für Landwirtschaft und Gartenbau Sachsen-Anhalt in Iden durchgeführt. Die Ausgangssituation war schwierig. Der sehr kleine Bestand an reinrassigen Zuchtsauen war der begrenzende Faktor. Zusammenfassend stellte man fest, dass die Rasse Leicoma ihre in früheren Jahren in Prüfungen festgestellten überdurchschnittlichen Wachstumsleistungen (1.001 g Prüftagzunahme) beibehalten hatte. Die Merkmale des Fleischanteils und der -qualität blieben ebenso erhalten. Für die reinrassigen Probanden wurde ein Fleisch-Fett-Verhältnis von 1:0,45 und ein Magerfleischanteil von 56,8 % ermittelt, sodass von insgesamt acht Versuchsschweinen sieben in die Handelsklasse E eingestuft werden konnten.

Extrawissen

Rassemerkmale Leicoma

Leicoma ist eine großrahmige weiße Mutterrasse mit längeren Borsten, die sich durch Robustheit, hohes Wachstumsvermögen, kräftige und stabile Fundamente sowie sehr gute Gesäugeanlage (meist 8/8 Zitzen bei guter Verteilung aufgrund der überdurchschnittlichen Länge) auszeichnet. Die letzten Zuchtsauen hatten durchschnittlich 12,5 lebend geborene Ferkel. Durch die charakterliche Gelassenheit, besondere Sorgsamkeit und Umsicht der Sau, die kräftigen Fundamente (Einfluss auf Aufsteh- und Liegeverhalten) und überdurchschnittliche Milchleistung, liegen die Verluste bei den Saugferkeln deutlich unter denen vergleichbarer Wirtschaftsrassen, sodass letztlich circa 30 Ferkel pro Jahr und Sau abgesetzt werden können. Damit wird die Anzahl der weniger geborenen Ferkel wieder ausgeglichen. Durch den überdurchschnittlichen intramuskulären Fettanteil hebt sich die Rasse von vergleichbaren Genealogien ab. Das führt zu einer besonderen Fleischqualität mit guten Geschmackseigenschaften. Verschiedene Schweinehalter hatten die Rasse unter robusten Haltungsbedingungen erfolgreich gemästet und die Produkte über die Direktvermarktung vertrieben.

Mastschweine aus Anpaarung Pietrain x Leicoma erreichten bei einem Schlachtgewicht von 130 kg sogar ein Fleisch-Fett-Verhältnis von 1:0,29 und einen Magerfleischanteil von 59,6 %. Damit konnten sie alle in die Handelsklassen S beziehungsweise E eingestuft werden. Eine zu erwartende Verfettung war bei diesem Mastendgewicht nicht erkennbar. Es erhöhte sich ausschließlich der Fleischanteil. 2018 nahm der Hybridschweinezuchtverband Nord/Ost e.V. die Leicoma in sein Zuchtprogramm auf. Laut einer Vereinbarung zwischen ihm und den Landesanstalten/Landesämtern aller ostdeutschen Bundesländer unterstützen die Länder den Zuchtverband bei der züchterischen Betreuung der Schweine.

Interessengemeinschaft geplant

Auf dem Hoffest der Raunitzer Agrar UG in Gimritz Ende Oktober
Auf dem Hoffest der Raunitzer Agrar UG in Gimritz startete Ende Oktober die Direktvermarktung von Leicomafleisch- und -wurstwaren. (c) Bettina Karl

Zurzeit gibt es sieben Landwirtschaftsbetriebe, die sich der Zucht der Leicoma verschrieben haben. Dazu gehört die Raunitzer Agrar UG von Wouter Uwland. Darüber hinaus gibt es einen ökologisch wirtschaftenden Betrieb in der Altmark/Sachsen-Anhalt, einen Betrieb der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen (GEH) mit zwei Zuchtsauen, zwei kleinere Betriebe in Sachsen und in Thüringen sowie einen Landwirt in Mecklenburg-Vorpommern, der mit drei Sauen in Freilandhaltung züchtet. Diese Unternehmen trafen sich im Juni 2019 in Bernburg zu einem Erfahrungsaustausch. Das Fazit der Veranstaltung: Man will enger zusammenarbeiten. Es soll einen ständigen Gedankenaustausch geben und sie halten es für sinnvoll, sich auch mit anderen Leicomahaltern, die noch nicht im Zuchtbuch stehen, in Verbindung zu setzen.

„Um die Rasse zu erhalten, ist eine schnelle Bestandsaufstockung mit Erweiterung der genetischen Variabilität und die Einbeziehung weiterer Züchter dringend notwendig. Um weitere Zuchtbetriebe wieder für die Rasse zu gewinnen, muss es wirtschaftliche Perspektiven geben“, fordert Münch. Dafür und zur Unterstützung soll eine Interessengemeinschaft zur Förderung der Rasse gegründet werden. Diese soll unter Beteiligung der ostdeutschen Bundesländer unter dem Dach des Hybridschweinezuchtverbandes Nord/Ost erfolgen. Münch sieht die Zukunft der Leicoma in der regionalen Direktvermarktung. Dafür sei es das ideale Schwein. „Die Züchter und Mäster müssen Verbindung mit Kleinstschlachtstätten in der Region aufnehmen. Idealerweise mit solchen, die schon über ein Netzwerk mit ein paar regionalen Filialen verfügen und Wurst- und Fleischwaren platzieren können“, rät er weiter. Dazu gehört auch eine entsprechende Internetvermarktung. Das Beste ist natürlich eine eigene Marke. „Es ist eine Nische und es gehört viel Passion und Glaube an die Rasse dazu“, appelliert er.

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