Mitarbeiter und Feuerwehrleute konnten etwa 1.300 Tiere aus den Ställen ins Freie führen. Für mehr als 55.000 Ferkel und Sauen gab es keine Rettung vor den Flammen. (c) Stefan Sauer/DPA

„Das Brandschutzkonzept war völlig unzureichend“

Dem Deutschen Tierschutzbund zufolge gab es bereits seit Jahren große Bedenken hinsichtlich des Brandschutzes in der Schweinezuchtanlage Alt Tellin. Doch hätte der Großbrand verhindert werden können? Ein Interview mit Anton Baumann, Feuerwehr-Fachberater sowie Sachverständiger und Störfallbeauftragter für Biogasanlagen im Ruhestand.

Das Interview führte Gerd Rinas

Sie haben 2017 als Gutachter für den Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) am Verwaltungsgericht Greifswald an der Verhandlung seiner Klage zur Aufhebung der Genehmigung der Schweinezuchtanlage Alt Tellin teilgenommen und das Brandschutzkonzept der Großanlage als völlig unzureichend eingeschätzt. Warum?
Die Planer der Schweinezuchtanlage haben das Risiko der Bildung von Methangas und explosionsfähiger Atmosphäre aus der Gülle unter dem Spaltenboden falsch eingeschätzt. Ferkelaufzuchtställe werden im Vergleich zu Schweinemastställen wärmer beheizt. Auch die Gülle erwärmt sich mehr, und es kommt schneller zu anaerober Gärung. Dabei entsteht Biomethan. Zusammen mit Luft kann das Gas eine zündfähige Atmosphäre bilden. Ich habe vor Gericht an zehn Beispielen erläutert, wie es so zu Verpuffungen in Schweineställen gekommen ist. In mehreren Fällen entstanden daraus Folgebrände. Auslöser können eine weggeworfene Zigarettenkippe sein, ein Handy, das zu Boden fällt, ein Kurzschluss in der elektrischen Anlage oder Kunststoffteile, die sich elektrostatisch aufgeladen haben. Wir kennen bisher die Ursachen für das Feuer in Alt Tellin nicht. Die bekannten Fakten deuten für mich am ehesten auf die Zündung eines Gas-Luft-Gemisches als Auslöser des Brandes hin.

Porträt Anton Baumann_Alt Tellin_Sachverständiger und Störfallbeauftragter Biogasanlagen im Ruhestand
Anton Baumann ist Sachverständiger und Störfallbeauftragter für Biogasanlagen im Ruhestand, Feuerwehr-Fachberater und war 30 Jahre aktives Mitglied der Feuerwehr.
(c) privat

Augenzeugen berichteten, dass das Feuer sich sehr schnell von Stall zu Stall ausgebreitet hat.
Die Ställe sind verbunden. Wenn sich Gas-Luft-Gemisch in Güllekanälen entzündet, kann das Feuer rasch über verschiedenste Kanäle und Schächte auf andere Ställe übergreifen. Wir haben deshalb im Genehmigungsverfahren eine Luftabsaugung auch unter dem Spaltenboden gefordert. Das hätte aber hohe Kosten verursacht. Außerdem behauptete die Gegenseite, dass Biogas aus Schweinegülle erst ab 35 °C entsteht. Wir haben wissenschaftlich belegt, dass dies schon ab 15 °C eintritt. Leider blieben unsere Argumente ohne Konsequenzen.

Schreibt der Gesetzgeber die Entlüftung der Güllekanäle vor?
Nein. Er gibt aber vor, dass keine Brand- und Explosionsgefahr entstehen darf. Wie dies sicher gestellt wird, ob durch Be- oder Entlüftung oder andere Methoden der Brandvermeidung und Explosionsunterdrückung, ist Sache des Stallbetreibers. Er muss eine Gefährdungsbeurteilung und eine Risikoanalyse vornehmen und dafür gegebenenfalls Fachleute hinzuziehen.

Brandwände bzw. Brandabschnitte sollen Feuer aufhalten. Warum haben diese Maßnahmen den Feuerwehrleuten in Alt Tellin nicht mehr Zeit verschafft?
Normalerweise sind Brandabschnitte Verteidigungslinien für die Feuerwehren. In der Regel kann ein Löschzug einen Brandabschnitt halten. In der Anlage Alt Tellin mussten die Kameraden den Innenangriff wegen der starken Hitze- und Rauchentwicklung und des sich rasch ausbreitenden Feuers aber schon nach kurzer Zeit abbrechen. Dass die Ställe so schnell hintereinander abgebrannt sind, könnte darauf hindeuten, dass Brandabschnitte nicht eingehalten wurden. Mehrere Stalldächer waren zudem mit Photovoltaikanlagen bestückt. Ob und welche Folgen das für den Löschangriff hatte, lässt sich aus der Ferne schwer abschätzen.

Viele Tiere bei Großbrand in Schweinezucht Alt Tellin verendet

Dem Feuer in der Schweinezuchtanlage Alt Tellin sind laut Betreiber 55.000 Ferkel und Sauen zum Opfer gefallen. 1.300 Tiere konnten gerettet werden. mehr

Hätte der Brand durch korrekten Brandschutz in der Schweinezuchtanlage Alt Tellin verhindert werden können?
Das Brandschutzkonzept der Schweinezuchtanlage Alt Tellin und die Behörden, die es prüften, haben versagt. Wir haben vor Gericht auf die gravierenden Mängel hingewiesen, danach ist vier Jahre nichts passiert. Nun sind mehrere Zehntausend Tiere verendet. Ich habe große Zweifel, ob sich eine so große Zahl von Tieren wie in Alt Tellin evakuieren lässt und ob solche Riesenanlagen überhaupt brandsicher errichtet werden können. Und wenn, dann nur zu Kosten, die die Wirtschaftlichkeit infrage stellen dürften. Im Fall Alt Tellin hätte, wenn überhaupt, die gesamte Anlage und nicht nur die Biogasanlage nach der 12. BImSch-Verordnung, der sogenannten Störfallverordnung, genehmigt werden müssen. Sie stellt höchste Schutzanforderungen. Leider ist es zu dieser Entscheidung nicht gekommen.

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