Zwiesprache mit seinen Tieren. Peter Schollbach mit einem Teil der Herde. (c) Wolfgang Herklotz

Uckermärker-Züchter: Abschied auf Raten

Seine Leidenschaft für Fleischrinder machte den Uckermärker-Züchter Peter Schollbach aus Kemmen weit über Brandenburgs Grenzen hinaus bekannt. Nun trennt er sich von einem Teil seiner Herde.

Von Wolfgang Herklotz

Immer schön der Reihe nach! Routiniert treiben die Männer Dutzende Rinder nach und nach in den Fangstand. Es handelt sich vor allem um Kühe und Färsen der Rasse Uckermärker, aber es sind auch Jungbullen und Kälber darunter. Sie alle werden gewogen, ein Teil der weiblichen Tiere wird auf Trächtigkeit untersucht.

Als die Kuh Selma an der Reihe ist, die fast 900 kg auf die Waage bringt, streift sich Patrick Salo von der RBB Rinderproduktion Berlin-Brandenburg GmbH den langen Plasteschutz über den Arm. „TU negativ“, befindet er schließlich. „Wir nehmen sicherheitshalber eine Blutprobe“, erwidert Peter Schollbach. „Selma war schon immer für eine Überraschung gut!“

Uckermärker zucht seit mehr als zwei jahrzehnten in kemmen

Seit dem frühen Morgen schon ist die Aktion auf dem Gut Kemmen bei Calau im Gange. Hier betreibt Peter Schollbach seit mehr als zwei Jahrzehnten seine Uckermärker-Zucht, für die er auf Messen und Auktionen schon viele Preise einheimsen konnte. Die für ihre Genügsamkeit und Vitalität bekannten Landschaftspfleger und deren Nachkommen stehen in vielen Mutterkuhherden Brandenburgs, Mecklenburg-Vorpommerns und anderer Bundesländer. Denn die Uckermärker verheißen nicht nur gute Fleischzunahmen, sondern auch unproblematische Abkalbungen.

Dass an diesem zunächst noch freundlichen Septembertag die gesamte Herde des Züchters auf den Prüfstand kommt, ist jedoch ungewöhnlich. Die Tiere werden sortiert, ein Teil geht wieder auf die Weide und später zur Schlachtung, ein anderer Teil zum Verkauf.

Peter Schollbach gibt sich gelassen. Doch wer weiß schon, wie es in seinem Innersten aussieht. „Ich habe dieses Jahr zum letzten Mal das Getreide vom Feld geholt. Nun trenne ich mich von einem großen Teil meiner Herde. Es wird Zeit, Abschied zu nehmen.“

„Schollbachs Uckermärker haben Qualität“

Warum gibt ein gestandener Mann, noch dazu von so stämmiger Natur, auf? Schollbach denkt nach. „Das lässt sich nicht in wenigen Sätzen erklären.“ Zudem ist erst das Geschäftliche abzuwickeln. Gemeinsam mit Paul Bierstedt von der RBB Rinderproduktion gehen die Züchter auf die einzelnen Tiere ein, verständigen sich über Angebote und Preise, treffen schließlich eine Vereinbarung. 16 Kühe und jeweils sieben tragende beziehungsweise deckfähige Färsen werden in der folgenden Woche vom Landwirtschaftsbetrieb Goßmar abgeholt. Geschäftsführer Enrico Jahre, der sämtliche Tiere mit begutachtet hat, ist sichtlich zufrieden. „Schollbachs Uckermärker haben Qualität und deshalb auch ihren Wert. Aber wir haben uns auf einen fairen Preis einigen können!“

Zudem wurde vereinbart, dass weitere 17 Rinder zu einem späteren Zeitpunkt veräußert und vorher gedeckt werden. Ein Trost für Schollbach. „Ich habe für die nächsten Monate noch Tiere um mich. Die betreue ich dann im Nebenerwerb.“

Zufrieden registriert er, dass sich die nunmehr getrennte Herde beruhigt hat. „Wir haben offenbar gut sortiert.“ Wenig später fallen erste Regentropfen, denen kräftige Schauer folgen. „Der Himmel weint …“ Ein symbolischer Akt an einem symbolischen Tag.


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züchterische Ambitionen ausleben

Peter Schollbach hatte frühzeitig seine Leidenschaft für Rinder entdeckt. Der gelernte Zootechniker übernahm nach dem Studium das damals Volkseigene Gut Kemmen, war mit gerade mal 27 Jahren schon Direktor. Die Leistung der hier gehaltenen Milchrinder ließ damals sehr zu wünschen übrig, betrug gerade einmal 2.700 kg pro Kuh und Jahr. „Das lag weniger an der Genetik und am Futter, sondern mehr an der Einstellung der Mitarbeiter!“

Schollbach gelang es, sie besser zu motivieren, indem er beispielsweise für geregelte Arbeits- und Urlaubszeiten sorgte. Bald lagen die Laktationswerte in Kemmen über dem Durchschnitt im Kreis. Und es gab erste Versuche, Milchrinder mit Bullen des sogenannten Genotyps 67 anzupaaren und eine Mutterkuhhaltung aufzubauen, was zu DDR-Zeiten noch ein Fremdwort war. Doch gerade das war ja das Reizvolle.

Nach der Wende, das Gut wurde nun von der Treuhand verwaltet, wollte Schollbach seine züchterischen Ambitionen ausleben und den Betrieb kaufen. „Aber das wurde mir anfangs verwehrt.“ Ende 1994 übernahm er Teillose aus der treuhänderischen Bewirtschaftung und machte sich selbstständig. Erst drei Jahre später gelang es ihm, das Gut zu erwerben.

Doch Zuschüsse für dringend notwendige Investitionen konnte Uckermärker-Züchter Schollbach nicht mehr beanspruchen, die Förderung für denkmalgeschützte Gebäude war ausgelaufen. Nichtsdestotrotz gelang es dem Inhaber, eine bemerkenswerte Zucht aufzubauen, die bundesweit Anerkennung fand. „Zu meinen besten Zeiten hatte ich sechs Mitarbeiter und bis zu 500 Hektar in Regie!“

Teamarbeit: Patrick Salo  untersucht die Rinder auf ihre  Trächtigkeit, Paul Bierstedt  dokumentiert.
Teamarbeit: Patrick Salo untersucht die Rinder auf ihre Trächtigkeit, Paul Bierstedt dokumentiert. (c) Wolfgang Herklotz

Bei einem großen Teil davon handelte es sich um sogenannte Rekultivierungsflächen in ehemaligen Bergbaugebieten. Als 2010 der spektakuläre Böschungsrutsch in Nachterstedt publik wurde, gab es umfangreiche Sperrungen. Sie betrafen auch Schollbach. Zudem verlor er Pachtflächen. „Wenn plötzlich fast die Hälfte der Flächen nicht mehr bewirtschaftet werden kann, ist das ein riesiges Problem.“

Der Kemmener Uckermärker-Züchter häufte Schulden an, bekam erst Jahre später einen eher bescheidenen Ausgleich von der Bergbaubehörde. Als Enttäuschung erwies sich auch die anfangs so erfolgversprechende Direktvermarktung. „Die Leute lobten das saftige Fleisch aus meiner Mutterkuhhaltung. Aber als sie feststellten, dass die Rouladen im Discounter um 50 Cent preiswerter waren, wendeten sie sich ab.“

Peter schollbach: „Am Ende wird alles gut“

Als wichtiges Standbein bewährte sich in diesen schwierigen Zeiten, als Regionalhändler eines bekannten Unternehmens für Weide- und Stallausrüstungen aktiv zu sein. „Man verdient ja nicht in der Landwirtschaft, sondern an ihr“, bemerkt er mit einem bitteren Lächeln. So gelang es, Einkommensverluste zu minimieren.

Doch der Gedanke, den Betrieb aufzugeben, beschäftigte ihn schon seit Jahren. Nun, nachdem er das Rentenalter erreicht hat, ist der Zeitpunkt herangekommen. Einen Nachfolger habe er nicht finden können, dafür aber einen Käufer für die Immobilie. „Meine Tiere sind in Goßmar gut aufgehoben, das beruhigt mich sehr. Und ich habe ja in den nächsten Monaten noch zu tun, wenn ich mich um die restlichen Rinder kümmere.“

An Müßiggang ist bei dem Kemmener ohnehin nicht zu denken. Er engagiert sich im Beirat der Tierseuchenkasse Brandenburgs, ebenso für die Initiative „Land schafft Verbindung“. Und wird weiterhin den Jungzüchterverein des Rinderzuchtverbands nach Kräften unterstützen.

Schollbach nutzt an diesem Tag die Gelegenheit, um Paul Bierstedt von der RBB Rinderproduktion noch einige Unterlagen und Fotos erfolgreicher Bullen und Mutterkühe mitzugeben. Er schätzt den für die Fleischrindzucht und -vermarktung Verantwortlichen sehr, der seinerzeit bei ihm ein Freiwilliges Ökologisches Jahr absolvierte.

Und Bierstedt wiederum erinnert sich gern an Schollbach, der ihm viel vermittelt und ihn wie einen väterlichen Freund behandelt hat. Zum Abschied umarmen sich die beiden. „Am Ende wird alles gut. Und wenn es nicht gut ist, ist es noch nicht zu Ende!“ Ein Leitspruch, eingerahmt in Schollbachs Büro.


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