Mit Schafen verschiedenster Land rassen und 100 Ziegen wandert Marthe Lohse durch das Schweriner Umland.

Wanderschäferin Marthe Lohse: Unterwegs mit tausend Schafen

Marthe Lohse ist Wanderschäferin. Trotz Wolfsangriffen, Schaf-Dieben und eines Arbeitsalltages, der ihr zu wenig Zeit für die Meisterschule lässt, kann sich die 22-Jährige keinen schöneren Beruf vorstellen.

Von Birgitt Hamm

Romantisch, wie man es aus alten Büchern oder Filmen kennt, ist meine Arbeit eher nicht“, sagt Wanderschäferin Marthe Lohse. „Ein wenig höchstens, wenn ich mit der Herde ziehe.“ Die 22-Jährige führt ihre Schafe über die Äcker und die Naturschutzflächen um Schwerin. In den Stall geht es nur, wenn ein Schaf krank oder verletzt ist. Oder Probleme beim Lammen hat. Unterstützt von ihren Altdeutschen Hütehunden Fluse, Lotte und Ruby schafft sie bis zu 20 Kilometer am Tag. Egal, ob die Sonne scheint, es regnet oder schneit. Ob Sonn- oder Feiertag, immer ist sie auf der Suche nach bestem Futter für ihre Herde, in der sich 1.000 Mutterschafe verschiedenster Landschafrassen tummeln – Schnucken, Skudden, Rhönschafe – und etwa 100 Ziegen.

Weil sie in der Natur mit Tieren arbeiten wollte

„Die brauchen wir für die Landschaftspflege. Schafe sind sehr wählerisch, aber Ziegen fressen auch ungeliebte Pflanzen wie Ginster“, erklärt die junge Schäferin, die sich für diesen Beruf entschieden hat, weil sie in der Natur mit Tieren arbeiten wollte. Und das möglichst artgerecht. „Meine Eltern sind mit uns viel per Rad unterwegs gewesen. Bei einer Tour entlang der Elbe haben wir die Seebürger Schäferei in Preten entdeckt“, erzählt sie. „Ich fand cool, was die machen, absolvierte gleich mein Schulpraktikum hier und begann 2015 die Ausbildung zur Wanderschäferin.“ Ein aussterbender Beruf, denn unter den ca. 900 Berufsschäfereien in Deutschland gibt es nur wenige dieser Art. Die meisten sind Koppel- und Hüteschäfereien. Marthe Lohses Arbeitgeber aus dem niedersächsischen Preten ist der einzige Wanderschäfer im Norden.

Marthes Arbeitstag beginnt jeden Morgen auf der Hofstelle, um mit den Kollegen die Aufgaben zu besprechen. Dann fährt jeder zu seiner Herde. Im Winter nutzt ein Kollege die Zeit, die Koppel ab- und wieder aufzubauen. „Im Sommer mach‘ ich das allein.“ Die Hunde helfen ihr, auf dem Weg die Herde zusammenzuhalten. Unter dem kritischen Blick der Schäferin, die sie mit knappen Kommandos lenkt: Fluse, bleib. Lotte, weit. Ruby raus! Besonders viel Arbeit haben die Hunde, wenn es an Dörfern oder Getreidefeldern vorbeigehen soll.

Wenn das Ziel erreicht ist, dürfen die Tiere sich satt fressen – jetzt im Winter an Ölrettich und Getreideauswuchs, Letzteres sehr zur Freude der Bauern. Die Hunde bleiben draußen. Die Schäferin, auf ihren Fangstock gestützt, hat die Herde um Leitschaf Klara im Blick. Das ist der Moment, in dem die Romantik des Schäferberufs durchscheint. Auch bei Winterkälte und Nebel. Alles ruht, alles ist friedlich. „Wenn die Tiere satt sind, treibe ich die Herde eng“, erklärt Marthe. „Schafe sind Wiederkäuer, dafür brauchen sie Ruhe. Ich nutze die Zeit für Gesundheitskontrollen und Klauenpflege.“


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Während der Lammzeit achtet sie besonders auf die werdenden Mütter. „Hilfe brauchen die Mutterschafe eher selten, manchmal muss ich bei Zwillings- oder gar Drillingsgeburten eingreifen.“ Es kann aber viel anderes passieren. Marthe hat in ihren fünf Berufsjahren so manche Katastrophe erlebt, die sie allein meistern musste. Ein noch frisches Beispiel: Wild trampelt einen Zaun nieder, Schafe büxten aus in eine Kuhherde. Die Rinder flüchteten auf eine andere Koppel. Das Ergebnis waren tote und verletzte Schafe, ein zorniger Bauer und viel Stress für die Schäferin.

Auch die Corona-Situation hat Folgen: „Die Menschen sind mehr draußen und rufen die Polizei, wenn Schafe oder Hunde außerhalb der Koppel sind.“ Dann kommt sie sofort und löst das Problem. Mit den meisten Bauern und Naturschützern steht sie in sehr gutem Kontakt. Die Schäferin und ihre Herde sind gern gesehen, um Felder und Natur ohne Chemie und Technik zu pflegen.

Schwipp, Schwapp und Mona

Nachts bleibt die Herde allein, vor Wölfen und anderen Feinden geschützt vom Elektrozaun und den Herdenschutzhunden. Schwipp, Schwapp und Mona haben tagsüber Freizeit, mischen sich erst abends unter die Schafe. Hundertprozentigen Schutz gegen Wolfsangriffe bieten aber auch sie nicht. Gerade in der Region um Demen, wo es einst einen großen Truppenübungsplatz gab, erlebte die junge Schäferin viele Angriffe. Doch jeden Wolf abzuschießen, ist für sie keine Option. „Aber warum kann man nicht Schreckschusswaffen nutzen?“ fragt sie.

An den Anblick toter und schwerverletzter Schafe hat sich Marthe noch nicht gewöhnt. Das Schlimmste für sie ist, wenn die vom Wolf gerissenen Tiere noch leben. „Ich darf sie nicht erlösen. Dazu fehlt mir der – für mich zuteure – Sachkundenachweis“, sagt sie, „und außerdem gibt es keine Entschädigung, wenn wir es selbst tun.“ Ein anderes Problem sind Diebe, die nicht nur die Elektrogeräte für die Zäune stehlen, sondern auch Schafe. Marthe warnt vor solchen Übergriffen, denn die Herdenschutzhunde schützen ihre Herde auch vor Zweibeinern.

All diese Maßnahmen bedeuten einen ungeheuren Mehraufwand, ohne höheren Absatz. Das regt Marthe auf und wird Thema ihrer Meisterarbeit sein. Seit diesem Jahr besucht sie die Meisterschule, obwohl der Arbeitsalltag ihr zu wenig Zeit lässt, den Unterricht vor- und nachzubereiten. „Das System ist für Schäfer unmöglich“, weiß sie. „Wolle und Fleisch bringen fast nichts ein. Wir müssen die Wolle billig exportieren, obwohl die Nutzungsmöglichkeiten auch in Deutschland wachsen. Und wir können das Fleisch nicht verkaufen, weil es preisgünstig aus Neuseeland importiert wird.“

Trotzdem gibt es für sie keinen schöneren Beruf. Den Tag draußen zu verbringen, umgeben von Hunden, Schafen und Ziegen, sie vor Krankheiten und Gefahren zu schützen, ist vielleicht nicht romantisch für die Schäferin, aber eine Arbeit, die sie sich nicht schöner vorstellen kann.

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