Die Herde der Schäferei Hullerbusch in der Feldmark bei Carwitz in Mecklenburg-Vorpommern. © Michael Jurkschat

Schafhaltung: Mehr als Fleisch und Wolle

Die Beweidung mit Schafen wirkt sich positiv auf die Qualität des Acker- und Grünlands aus und leistet einen wesentlichen Beitrag für mehr Biodiversität. Das muss stärker in den Fokus rücken.

Von Dr. Michael Jurkschat, LELF Brandenburg

Ein Traditionsberuf ohne Zukunft? Mit dem Beitrag von Karsten Siersleben in der Zeitschrift „Schafzucht“ 1/2021 wurde noch einmal deutlich, wie instabil sich die Wirtschaftlichkeit der Schafhaltung in Deutschland darstellt. Das belegen auch die Gewinnschwankungen in Brandenburger Haupterwerbsschäfereien. Nach einem deutlichen Gewinnanstieg zwischen den Wirtschaftsjahren 2009/10 und 2016/17 – auch als Folge der Maßnahmen nach der letzten Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) und einem verbesserten Preisniveau für Lammfleisch war 2017/18 wieder eine deutliche Verringerung des Gewinns festzustellen (Tabelle). Ursachen waren stark gestiegene Kosten in Verbindung mit gesunkenen Einnahmen aus der Lammfleischerzeugung. Neuinvestitionen in moderne, arbeitssparende Technik und Ausrüstung sind bei einer angemessenen Entlohnung für den Betriebsleiter hier nicht möglich (siehe Gewinn nach Abzug der kalkulatorischen Personalkosten). Nach Meldung des Fördervereins der Deutschen Schafhaltung verdienen Schäfer deutlich unter dem Mindestlohn.



Nicht nur das Gras kurz gehalten

Es ist schwierig, jungen Leuten eine wirtschaftliche Perspektive in der Schafhaltung zu bieten und die Schafbestände zu halten. Damit stehen nicht nur die Realisierung von Dienstleitungen zur Landschafts- und Deichpflege mit Schafen und Ziegen zur Disposition, sondern auch die unbaren Leistungen, welche die Schafbeweidung in der Agrarlandschaft vollbringt. Dazu gehören:

  • die Anregung des Bodenlebens über den Eintrag von Kot und Harn,
  • die Wiederherstellung des Bodenschlusses der Pflanzenwurzeln nach dem Winter (Trittwirkung),
  • die Eindämmung der Populationen von Schadnagern,
  • die Verringerung des Unkrautbesatzes.

Im Jahresverlauf ergeben sich verschiedene Möglichkeiten der Einbindung der Schafbeweidung in die Flächenbewirtschaftung. Zwischenfrüchte werden angebaut, um Ackerflächen vor Erosion zu schützen und Stickstoffverluste zwischen der Ernte der Hauptfrucht und dem Ausbringen der nachfolgenden Ackerfrucht zu minimieren. Beispielsweise liegen bei einer Fruchtfolge von Mais nach Getreide die Flächen vom Sommer bis zum nachfolgenden Frühjahr brach. Der im Boden vorhandene Stickstoff unterliegt in dieser Zeitspanne der Gefahr, ausgewaschen zu werden und die Nitratbelastung im Grundwasser zu erhöhen. Die angebaute Zwischenfrucht bindet den Bodenstickstoff. Lässt man allerdings die Zwischenfrucht abfrieren und liegen, dann besteht das Risiko, dass die Nährstoffe über Zersetzungsprozesse in dem toten Pflanzenmaterial doch noch verlorengehen. Um dem vorzubeugen, ist ein Mulchen und anschließendes Einarbeiten mit Scheibenegge erforderlich (Kosten nach KTBL: Schlepper mit 83–120 KW für Mulchen 33,19–34,16 €/ha und für das Scheiben 21,89–22,18 €/ha).

Was Landwirte an Schafen schätzen

„Diese Kosten spare ich“ berichtet Dr. Frank Plessmann, der einen Marktfruchtbaubetrieb im Landkreis Uckermark bewirtschaftet. Seit mehreren Jahren lässt er die Zwischenfrüchte durch die Schäferei Kath beweiden und hat dabei sehr gute Erfahrungen gemacht. Die Vorteile der Schafbeweidung möchte er nicht missen und sieht neben den Kosteneinsparungen Vorteile in folgenden Punkten:

  • Verfügbarkeit der Nährstoffe aus Zwischenfruchtanbau über den Eintrag von Kot und Harn,
  • Erosionsschutz – das Wurzelwerk wird bei der Beweidung im Gegensatz zur mechanischen Bodenbearbeitung nicht gestört,
  • wirksame Unkrautbekämpfung auch ohne den Einsatz vom Herbiziden.
  • Mit den Schafen kommt man bei jeder Witterung auf die Flächen. Das Einarbeiten der Zwischenfrucht ist mit schwerer Technik nicht immer möglich.
  • Dort, wo die Schafe geweidet haben, ist der Besatz mit Mäusen stark reduziert.

Robert Scheringer von der Agrarprodukte Großfahner eG in der Nähe von Erfurt sieht einen großen Vorzug der Schafbeweidung darin, dass nach dem Abweiden der Zwischenfrüchte die Bodenoberfläche ausreichend rückverfestigt und die Befahrbarkeit hergestellt ist. Das ist die Voraussetzung für das zeitnahe Ausbringen der Gülle der 600er-Milchviehanlage im Betrieb.

Auch für den Landwirtschaftsbetrieb Schulze-Kahleyß im Landkreis Märkisch-Oderland hat die Trittwirkung der Schafe eine große Bedeutung. Dieser ließ Schäfermeister Wilfried Vogel im Herbst 2020 eine Luzerne-Erstansaat beweiden. Beim Mähen eines jungen Bestandes mit Kreiselmähern besteht die Gefahr, dass die Pflanzen samt Wurzelwerk ausreißen. Dies passierte bei der beweideten Fläche nicht. Daneben schätzt der Betriebsinhaber natürlich auch die Verbisswirkung bezogen auf Unkraut. Im Vergleich zu dem benachbarten gleichaltrigen, unbeweideten Luzernebestand ist der Bestand heute kräftiger und stabiler.

Nährstoffbilanz
Die Nährstoffbilanz für die Fläche ist bei der Schafbeweidung immer negativ, sofern
keine Zufütterung erfolgt. Eine Berücksichtigung der Schafbeweidung in der
Düngebilanz ist deshalb auch nicht erforderlich. Allerdings sind dem Flächeneigentümer Anzahl der Tiere und Dauer der Beweidung mitzuteilen.

Schäfermeister Jens Kath macht in seinem Umfeld die Erfahrung, dass wieder zunehmend Interesse an Beweidung von Zwischenfrüchten besteht. Die sichtbaren Ergebnisse der Beweidung von Zwischenfruchtflächen waren überzeugend für einige Landwirte in seiner Nachbarschaft.

Merinoschafe von Schäfer Helmut Biermann auf einer Weide in Brandenburg
Merinofleischschafe aus der Herde von Helmut Biermann aus Berge (Brandenburg) bei der Beweidung von Saaten. © Michael Jurkschat

Nährstoffe im Kreislauf erhalten

Grundsätzlich kann man feststellen, dass die Zwischenfruchtwirkung für die Nachfolgefrucht durch die Schafe eher verbessert wird, da:

  • der größte Teil der Nährstoffe im Wurzelwerk der Zwischenfrucht gespeichert ist (circa 75 % der organischen Substanz),
  • der aus der oberirdisch verfügbaren Biomasse aufgenommene Futterstickstoff zu 75–95 % durch die Schafe in Form von Harn und Kot wieder ausgeschieden wird.

Dies bestätigen auch Untersuchungen in Australien, wo die Schafbeweidung traditionell in die Fruchtfolgerotation auf Ackerflächen eingebunden ist. Hier stellte man auf Flächen, welche vor Anbau von Triticale, Hafer oder Raps intensiv mit Schafen beweidet wurden, ein besseres Auflaufen der Folgefrüchte fest. Die Menge an frischen Trieben war bei intensiver Beweidung in Abhängigkeit von der Art der Folgefrucht um 26–70 % höher. Die Körnererträge und die Stickstoffgehalte bei Hafer und Raps waren auf den vor Anbaubeginn intensiv beweideten Flächen in der Tendenz ebenfalls größer. Dies wurde auf eine verbesserte Pflanzenverfügbarkeit des Stickstoffes infolge der Schafbeweidung zurückgeführt.

Vor-/Nachbeweidung von Acker- und Grünland

Bei mildem Spätherbst und Frühwinter entwickeln sich die Saaten stärker. Dies kann negative Folgen haben:

  • Auftreten von Pilzbefall: Unter einer Schneedecke baut sich die Getreidepflanze allmählich ab. Dies ist mit der Bildung von CO2 verbunden, welches den Pilzbefall fördert. Es kommt zur Bildung von sogenanntem Schneeschimmel. Die Menge an CO2 steigt mit der Menge an vorhandener Biomasse. Durch die Schafbeweidung wird diese verringert und der Gefahr der Schneeschimmelbildung vorgebeugt.
  • Erfrieren der angesetzten Ähre: Ist die Getreidepflanze in der Entwicklung bereits fortgeschritten, bilden sich im Halm bereits die Ähren aus. Diese sterben bei plötzlich einsetzendem Frost ab und beginnen danach zu faulen. Nach Abfressen durch die Schafe schiebt die Pflanze erneut.
  • Förderung der Bestockung: Der Verbiss der überschüssigen Vegetation verbessert die Lichtverhältnisse. Die Pflanze wird dementsprechend zur Ausbildung der Seitentriebe angeregt.

Traditionell wird für die Beweidung der Saaten das Hüten empfohlen. Über das Hüten lassen sich Verbiss und Tritt gezielter beeinflussen als beim Koppeln. Robert Scheringer berichtet allerdings, dass sogar in den zuletzt sehr trockenen Jahren (Niederschlagsmengen lediglich bei circa 400 mm) eine intensive Beweidung mittels Koppeln auf Wintergerste und Grünroggen zu besseren Erträgen führte. Er sieht als Ursache hierfür vor allem die Anregung der Spross- und Wurzelmasseentwicklung durch den Verbiss und Tritt. Dies trägt zu einem besseren Nährstoff- und Wasseraufnahmevermögen der Pflanze bei. Außerdem spart er Kosten. Die Mäuseplage wäre ohne Schafe sehr aufwendig und nur mit Mäusegiftködern zu überwinden. Weiterhin erübrigt sich der Fungizideinsatz in den Saaten. Er ist überzeugt: „Die Schafe passen zu hundert Prozent in unser Betriebskonzept. Deshalb haben wir den Mutterschafbestand auf 1.000 Stück ausgebaut“.

Extrawissen
Schafhalter mit geringer Flächenausstattung sind in hohem Maße auf die Fremdflächenbeweidung angewiesen. Neben der Weidetierprämie ist der im Punkt 8 des Forderungskataloges für die deutsche Schafhaltung formulierte Vorschlag, Ackerbaubetrieben Anreize für die Schafbeweidung von Brachflächen, Zwischenfrüchten und Auswuchsflächen zu setzen, unbedingt zu unterstützten.

Im Spätwinter und zeitigen Frühjahr ersetzt die Schafbeweidung das Striegeln und Walzen. Maulwurfshaufen werden „planiert“ und die Gänge der Wühlmäuse zugetreten. Überständige Pflanzenrückstände und zeitig austreibende Unkräuter und Obergräser werden gefressen. Für die wertvolleren Futtergräser verbessern sich die Konkurrenzbedingungen. Die Vorweide endet witterungsabhängig mit Einsetzen des Wachstumsschubes.

Die Wiesennachweide als „Pflegemaßnahme“ zum Ende der Nutzungsperiode sollte erst sechs Wochen nach dem letzten Spätsommerschnitt erfolgen, sodass die Graswurzeln genügend Reservestoffe einlagern können. Auch eine Nachbeweidung von Pferdeweiden mit Schafen hat positive Effekte. Der stark selektive und tiefe Verbiss durch Pferde führt zur starken Verunkrautung der Weiden (insbesondere Ampfer, Brennnesseln). In einem Vergleich von Nachmahd und Schafbeweidung als Pflegemaßnahme wurden Brennnessel, Ackerkratzdistel und Breitwegereich gut verbissen. Bei den beiden zuletzt genannten Unkräutern war das Vorkommen im Folgejahr zurückgedrängt.


FAZIT: Landwirt und Schäferei profitieren gleichermaßen von der Schafbeweidung bei Fremdflächennutzung. Die Schäferei nutzt kostengünstig Futter und spart Stallfuttertage im Winter. Der Landwirt profitiert von der Einsparung von Arbeitsgängen und dem stabilisierenden Einfluss der Schafe auf die Bodenfruchtbarkeit. Die Nährstoffbilanz ist für die Flächen bei der Schafbeweidung immer negativ, sofern keine Zufütterung erfolgt, und daher ist sie in der Düngebilanz auch nicht zu berücksichtigen.



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