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Nicht nur in der Krise systemrelevant

Der Begriff „systemrelevant“ wurde bislang nur in Verbindung mit Gesundheitsberufen genannt, die das Land am Laufen halten. Doch auch von einer funktionierenden Land- und Ernährungswirtschaft ist unsere Gesellschaft abhängig. 

Es kommentiert Ralf Stephan

Von heute auf morgen hat sich unser Leben verändert. Ganz plötzlich tauchen Sorgen um enge Angehörige und Freunde auf, die bislang unnötig erschienen. Wir erleben Einschränkungen, die unseren Bewegungs- und Entscheidungsspielraum radikal beschneiden. Vieles, was im Privaten wie im Beruf als unumstößlich, nicht veränderbar oder auch einfach nur zuverlässig galt, ist auf einmal fraglich.

Eine besondere Dimension

Chefredakteur Ralf Stephan, Bauernzeitung
Ralf Stephan, Chefredakteur Bauernzeitung (c) Sabine Rübensaat

Diese Prüfung hat für Landwirte eine besondere Dimension. Sie müssen trotz allem Tiere, die ihnen anvertraut sind, füttern und versorgen. Formulare bearbeiten, Steuern prüfen, ja selbst Zeitung machen kann man heute im Home­office. Nicht aber Kühe melken. Ackerbauern mögen auf ihren Maschinen kein Problem mit der seuchenhygienisch nötigen Distanz zu anderen zu haben. Auch sie tragen aber eine besondere Verantwortung. Ob ein Kinofilm jetzt fertig wird oder nicht – wer merkt das schon. Auf dem Feld jedoch werden jetzt die Weichen für eine gute Ernte gestellt. Eine Ernte, das lässt sich nicht laut genug sagen, die die Ernährung von über 80 Millionen Menschen sichert. Einer Bevölkerung, die sich quasi über Nacht nicht mehr auf das Funktionieren globaler Handelsströme verlassen kann, wohl aber auf die stabile Lebensmittelversorgung aus dem eigenen Land.

Gut zu wissen, dass dies auch in der Gesellschaft immer noch so gesehen wird. Oder man sich zumindest noch rechtzeitig wieder darauf besinnt. Als dar­über zu entscheiden war, welche Bereiche der Gesellschaft als systemrelevant einzustufen und während der Krise mit Vorrang zu unterstützen sind, gab es um die Landwirtschaft keine lange Diskussion. Zumindest nicht auf Bundesebene. In manchen Ländern bedurfte es klärender Nachfragen, die aber – mit Abstrichen in Thüringen – im Sinne der Landwirtschaft beantwortet wurden. Diese Einstufung als unabdingbar wichtig für das Funktionieren des Landes hatte einen kleinen, aber wichtigen Nebeneffekt: Sie ist Balsam auf die Seelen vieler in der Landwirtschaft Tätigen. In der Vergangenheit haben sie viel zu oft das Gefühl ertragen müssen, ihre Arbeit sei eigentlich gar nicht mehr erwünscht, zumindest nicht mehr wertgeschätzt.

Die Nach-Corona-Zeit wird kommen

Jede Krise birgt Chancen. So auch diese. Auch wenn es derzeit alle Kraft kostet, den aus den Fugen geratenen Alltag zu bewältigen: Es wird eine Zeit nach Corona geben. Das Verständnis für eine stabile, leistungsfähige und nach hohen Standards arbeitende heimische Landwirtschaft sollte darin eine größere Rolle spielen als bisher.

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Wir wollen nach wie vor genau hinsehen. Zum Bespiel, wie die offiziell erklärte Systemrelevanz der Landwirtschaft vor Ort umgesetzt wird. Dass etwa Mitarbeiter, die jetzt im Frühjahr Schlüsselmaschinen bedienen, ihre Kinder nicht in der kommunalen Kita unterbringen dürfen, ist schlichtweg nicht hinnehmbar und muss sich ändern. Es sind am Ende gerade die vermeintlich kleinen Dinge, in denen sich Haltung, Achtung und Respekt äußern.


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