Antje Kochlett baut die Königin der Blumen für ein besonderes Wässerchen und als duftenden Gaumenschmaus an.

Rosen: Betörender Duft am Fuße der Veste

Antje Kochlett hat sich den Rosen verschrieben. Ihre Blumenköniginnen wachsen zu Füßen der Wachsenburg in Holzhausen (Thüringen) und werden in ein edles Wässerchen verwandelt. Auch haben es die duftenden Blüten in die feine Küche geschafft.

Von Birgitt Schunk (Text und Fotos)

Irgendwie schließt sich für sie an den „Drei Gleichen“, dem mittelalterlichen Burgenensemble mitten in Thüringen rund 20 Kilometer von Erfurt entfernt, der Lebenskreis. Am Fuße der Mühlburg ist Antje Kochlett groß geworden, an der Burg Gleichen ging sie zur Schule. „Nun habe ich mir unterhalb der Wachsenburg einen Traum erfüllt“, sagt sie, blickt hinauf zur Veste und geht zufrieden über ihr Feld. Sie ist angekommen. Ein atemberaubender Duft kriecht dabei in die Nase. Die 44-Jährige hat sich den Rosen verschrieben. Das Tagewerk ist an diesem Nachmittag fast schon geschafft. Um die Blüten der rosafarbenen Schönheiten in ihrer ganzen Pracht zu ernten, muss sie früh aufstehen. Zum Sonnenaufgang ist der Gehalt an ätherischen Ölen am höchsten.

Die Ideen mussten reifen

Antje Kochlett baut keine Rosen für Gebinde oder Sträuße an. „Das machen schon genug andere“, sagt sie – und war lange auf der Suche nach dem Besonderen. Sie stellt heute „Thüringer Rosenwasser“ her und liefert edle Blüten für feine Salate, Limonaden oder Bowle.

2010 hatte die studierte DiplomGartenbauingenieurin am Ortsrand von Holzhausen ein Stück Land gekauft. Sechs Jahre lang lag die Fläche brach. Gemäht wurde zwar, viel mehr passierte aber nicht. Die Ideen mussten reifen. „Irgendwann philosophierte ich mit einem Freund, und er erzählte von der Damaszener Rose, mit der er in Bulgarien Bekanntschaft gemacht hatte“, blickt sie heute zurück. „Da wusste ich: Das wär‘s.“ Und so nahm das Vorhaben seinen Lauf. Als Erstes testete Antje Kochlett das Erdreich, weil sie wusste, dass Rosen kalkhaltige Böden mögen. Schließlich ist sie gelernte chemisch-technische Assistentin für Umweltanalytik.

Erst über Umwege kam sie zum Gartenbau, denn vor dem Studium absolvierte sie noch eine Ausbildung zur Kauffrau im Groß- und Einzelhandel. „Mit 27 kam mir die Erleuchtung, dass ich eigentlich etwas ganz anderes will – ein Job im Büro oder Labor war nichts für mich.“ Sie meldete sich fürs Gartenbaustudium an – kein einfacher Schritt in jener Zeit. Schließlich war sie da alleinerziehende Mutter und musste fortan als Studentin mit weniger Geld irgendwie über die Runden kommen. Ob sie denn verrückt sei, fragten sich nicht nur ihre Eltern.

Nach dreieinhalb Jahren hatte sie ihr Diplom jedoch in der Tasche. Die Betriebe standen aber nicht Schlange, um ihr einen Job im Gartenbau anzubieten. „Ich sei überqualifiziert mit den drei Abschlüssen, hieß es immer wieder – wahrscheinlich befürchteten die Arbeitgeber, sie müssten mir ein sattes Gehalt zahlen“, sagt sie. „Ich hätte auch für weniger gearbeitet.“ So musste sie weiter Umwege zum Traumberuf in Kauf nehmen und brachte erst einmal Büromöbel an Mann oder Frau.

Rosenwasser aus eigener Destille

Und irgendwann fügte sich dann doch alles zum Guten. Eine Biokräutergärtnerei in Holzhausen, in der sie ein Praktikum absolviert hatte, fragte an, ob sie einsteigen wollte. „Das waren ganz wertvolle und schöne Jahre für mich“, denkt Antje Kochlett zurück. Sie arbeitete in Anbau, Verkauf und Beratung, organisierte die Märkte und fuhr über Land. Der Betrieb siedelte jedoch nach Erfurt um, die Gartenbauingenieurin stieg 2014 aus und musste fortan wieder sehen, wie sie ihre Familie mit Jobs über Wasser hielt.

In dieser Zeit kreisten die Gedanken noch mehr als sonst um ihren halben Hektar Land, auf dem es allerdings weder Wasser noch Strom gab. 2017 kaufte sie dann 2.000 Rosenstöcke aus Bulgarien. Da hatte sie schon längst ausgemacht, dass der Boden passt, es auf der Fläche keine Staunässe gibt und die Leewinde unterhalb der Wachsenburg für ein gutes Klima sorgen. „Es weht immer ein Lüftchen – das ist gut gegen Mehltau.“ Zuvor hatte sie den Boden ruhen lassen, Chemie blieb außen vor. Von Anfang an setzte die Gartenbauingenieurin auf Ökolandbau. Bei allem Tun war sie stets auf sich gestellt. „Ich konnte keinen fragen, musste meine Erfahrungen selbst machen.“ Seither hält sie ihre Rosen auf einer Höhe von anderthalb Metern. Im Juli werden die Pflanzen gestutzt. Schema F gibt es nicht. „Jede einzelne Rose braucht einen individuellen Schnitt.“

Bis letztes Jahr arbeitete sie mit einer Manufaktur in Weimar zusammen, um aus den Blüten Rosenwasser zu gewinnen. Doch je mehr geerntet wurde, desto aufwendiger waren die ständigen Fahrten dorthin. Im Frühjahr hat Antje Kochlett eine eigene Kupferdestille angeschafft. Da im Juni täglich geerntet wird, gibt es pro Tag zwei Durchläufe, die jeweils sechs Stunden dauern. Aus dem 50-Liter-Edelstahltank kommt das Rosenwasser in Flaschen. Inzwischen ist die Rosengärtnerin in zahlreichen Läden mit ihren Produkten vertreten, die auch an den Biogroßhandel Naturkost Erfurt gehen. Außerdem hat sie eine Präsentbox entwickelt, die gerne als Mitbringsel oder Geschenk gekauft wird. Sogar Bonbons aus Rosenwasser ließ Antje Kochlett bei einem Zuckerbäckermeister bereits in Handarbeit fertigen. „Vielleicht ist das noch ausbaufähig.“

Auf Märkten ist sie öfters unterwegs, noch stärker als bislang will sie aber auch auf die Gastronomie setzen. Desserts, Herzhaftes und Salate mit dem edlen Wässerchen oder Blüten kommen an. „Rosenwasser macht sich auch gut in einem Glas Sekt – garniert mit einer Blüte ist das schon etwas Besonderes“, sagt sie. Dabei will sie mit dem Vorurteil aufräumen, dass dies alles nur etwas für die Damenwelt sei. Auch mit Wodka und Gin will sie kombinieren – und nächstes Jahr etwas für die Herren kreieren. Mit einer regionalen Mosterei hat sie zudem Säfte mit einem Schuss Rosenwasser auf den Weg gebracht. „Schon auf dem letzten Weihnachtsmarkt in Suhl war die heiße Rosenquitte – also Quittensaft mit Rosenwasser – der Renner.“

Agrarbetrieb unterstützt mit Blühstreifen

Noch baut Antje Kochlett weiter ihr Vertriebsnetz auf. Die Homepage wird neu gestaltet, ein Onlineshop eingerichtet. Ebenso plant die Rosengärtnerin ein
Grünes Klassenzimmer, um auch das Wissen um den Anbau unter die Leute zu bringen. Für beide Vorhaben bekommt sie Untersützung über Leader – eine Fördermöglichkeit, die regionale Akteure im ländlichen Raum unterstützt. 2.500 Quadratmeter Fläche hat sie außerdem hinzugepachtet. „Das ist alles noch ausbaufähig, aber Schritt für Schritt“, sagt sie. Zu tun hat sie ohne Ende, für den Lebensunterhalt reicht es aber noch nicht. Deshalb arbeitet sie nach wie vor in der ambulanten Altenpflege. Bevor sie hier täglich ihren Dienst antritt, hat sie in den heißen Erntewochen meist schon ab fünf Uhr drei Stunden lang Rosenblüten gepflückt. Nach dem Job geht es in der Saison am Feierabend bis in den späten Abend weiter. 18 Stunden am Tag und wenig Schlaf sind dann Alltag. „Eine intensive, aber trotzdem schöne Zeit“, sagt sie.

Die Ernte von diesem Jahr: 200 kg Blüten.

In diesem Jahr ließ sie sich in der Erntezeit freistellen, „weil sonst langsam alles über den Kopf wächst“. Mit einer verständnisvollen Chefin sei das machbar gewesen. Die Arbeit gebe ihr übrigens nicht nur Sicherheit, sondern tue auch gut. „Die älteren Leute schließt man ins Herz, da kommt viel zurück.“ Immerhin konnte sich Antje Kochlett in diesem Jahr schon „den Luxus von zwei Erntehelfern leisten“. Zwei Minijobber gehen ihr somit zur Hand, ebenso ihr Lebenspartner. Obgleich die Damaszener Rose zwei bis drei Jahre bis zum ordentlichen Ertrag braucht, wurden 2019 bereits 180 Kilogramm frische Blüten und 15 Kilogramm Knospen geerntet. In diesem Jahr waren es 200 Kilo Blüten.

Und immer wieder geht der Blick bereits ins nächste Jahr. Dann will sie mit den immerhin drei Gasthöfen in Holzhausen die Blütezeit vermarkten und Gäste hierherholen. Besucher dürfen dann bei der Ernte mithelfen und sich gleichzeitig die Rose als Gaumenschmaus, die dann vor Ort in verschiedenen Variationen auf den Teller kommen soll, munden lassen. Ein Bienenvolk tut derzeit ebenso sein Werk und liefert den ersten Honig vom Rosenfeld. Mit dem Agrarbetrieb Thörey hat man gute Nachbarn. „Gleich nebenan hat das konventionelle Unternehmen einen Blühstreifen angelegt und auf Pflanzenschutz verzichtet, um meinen Bioanbau nicht zu gefährden“, sagt Antje Kochlett. Ihr kleiner Betrieb gehört zum Netzwerk des Praxiszentrums Ökologischer Landbau. „Ich bin hier zwar wohl das kleinste Licht, aber trotzdem werde ich gut betreut, wenn es um Vermarktungswege oder Förderungen geht. Wir denken sogar über einen Feldtag bei mir nach.“


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Regenbogen als Glückssymbol

Die Rosenliebhaberin hat noch einiges vor mit der Königin der Blumen. Majestätisch soll es dabei aber nicht zugehen. „Ich mag das Ursprüngliche, das Bodenständige“, sagt sie und kann sich über Schmetterlinge, Bienen, Feldhasen, Bussarde oder Falken freuen, die sie immer wieder sieht, wenn sie bei ihren Damaszener Rosen ist. Als sie die Pflanzen seinerzeit in den Boden brachte, nieselte es. Als sie fertig war, kam die Sonne und mit ihr ein Regenbogen. „Das war wie ein gutes Symbol für den Beginn und die Zukunft.“ Ihre drei Berufe kommen ihr heute samt den Jobs zwischendurch immer wieder zugute. Irgendwie sollte alles so sein …

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