Gemeinsamkeit als Teil der Therapie: Auch beim Skat kann man reden.

Fazendas da Esperanca: Chance auf einen Neustart

Techno-, Goa-, House-Party: Oft tanzen da auch Drogen mit. Das Spektrum der illegalen Aufputsch- und Betäubungsmittel in Deutschland wird auf rund 600 Produkte geschätzt. Die Fazendas da Esperanca, Höfe der Hoffnung, bieten Hilfe zum Ausstieg an. Gut Neuhof im brandenburgischen Markee ist eine der inzwischen sieben Einrichtungen hierzulande.

Von Jutta Heise (Text und Fotos)

Eigentlich ist Felix so ein bisschen der Typ knuffiger Knuddelbär, groß, stark, offen-kommunikativ, einer, an den man sich lehnen möchte, keiner, der selbst eine helfende Hand braucht. Spontan biete ich ihm das Du an: Klingt nach plumpem journalistischen Kalkül, ist, ich schwöre, die Ahnung, dass hier einer eine Begegnung auf Augenhöhe möchte. Felix ist 27 Jahre alt, zehn davon hat er mit Drogen gelebt, oder jedenfalls das getan, was er für Leben hielt, im Brandenburgischen ist er aufgewachsen, Hauptschulabschluss, Fleischerlehre, in diesem Beruf hat er gearbeitet.

Seit Februar ist die Fazenda da Esperanca in Markee sein Zuhause und viel mehr. Rekuperanten heißen sie, die sich hier einen Neustart aufbauen wollen, ohne Drogen, auf das vertrauend, was in ihnen steckt. Das Wort hat lateinische Wurzeln: Rekuperation heißt „sich wiedergewinnen, sich wiederfinden“. Gelassenheit, ein Gefühl zwischen Erhabenheit und Gleichgültigkeit hätten ihm die Drogen vorgegaukelt, sagt Felix. „Du fühlst dich stark, traust dich auf einmal, Mädels anzusprechen.“ Zu Hause habe es öfter „Krieg“ gegeben. Konfliktbewältigung habe er nie gelernt. Warum auch? Die Drogen lösten jeden Ärger in Nebel auf; Technopartys bestimmten seine Freizeit. „Ich war ein Spaßkonsument.“ Der Preis: Sozialkontakte gehen kaputt, seine Freundin verlässt ihn.

Du denkst nur noch an den nächsten Kick

Der Markt der illegalen Betäubungs- und Aufputschmittel hierzulande ist mit geschätzten 600 Produkten fast unübersehbar. Kokain, Heroin, Cannabis, Ecstasy, Speed sind längst „Klassiker“; sogenannte Neue Psychoaktive Substanzen, als Badesalze, Düngemittel, Kräutermischungen etikettiert, die die Wirkung bekannter Drogen imitieren, werden ebenso konsumiert. Das Internet hat sich als Vertriebsweg etabliert. In Großstädten liefern „Koks-Taxis“ den Stoff, wohin du willst. Felix landet bei Crystal Meth, einer Droge aus der Gruppe der Amphetamine, der in einigen Studien ein besonders hohes Suchtpotenzial nachgesagt wird: Sie wirken, geschnieft, geraucht, in Wasser aufgelöst injiziert, stark aufputschend, simulieren Wachheit, das Gefühl von Klarheit, unterdrücken zugleich Schlafbedürfnis und Hunger oder Durst, und das über vier bis zehn Stunden.

„Ich war 25, als Crystal in meinem Leben angekommen ist. Du denkst nur noch an den nächsten Kick, glaubst, ohne nichts mehr auf die Reihe zu kriegen.“ Dann geht alles ziemlich schnell. „Ich habe mich nicht mehr gewaschen, habe tagelang im Bett gelegen. Man ist nur noch müde.“ Felix wendet sich an eine Suchtberaterin; seine Sozialanamnese fällt positiv aus. Ein fester Job, damals ging er noch regelmäßig arbeiten, ein familiäres Umfeld, das trotz allem zu ihm hält – keine Kriterien für einen Ausstieg unter Obhut. Die Hausärztin empfiehlt Sport. „Ich fühlte mich total missverstanden.“ Der Tod seines Großvaters, einer wichtigen Bezugsperson, gibt den Anstoß, sich anderweitig Hilfe zu suchen. Im Internet findet er die Fazenda da Esperanca. Eine Mail, die seine Probleme beschreibt, ein Anruf, er wird aufgenommen. „Noch auf dem Weg hierher habe ich konsumiert.“

1998 wurde das einstige volkseigene Gut mit Geldern aus einer Stiftung von der Treuhandanstalt erworben, saniert und ausgebaut. Die ersten Jahre wurde die Fazenda als Pilotprojekt des Bundesfamilienministeriums mit einer Anschubfi nanzierung unterstützt.
1998 wurde das einstige volkseigene Gut mit Geldern aus einer Stiftung von der Treuhandanstalt erworben, saniert und ausgebaut. Die ersten Jahre wurde die Fazenda als Pilotprojekt des Bundesfamilienministeriums mit einer Anschubfinanzierung unterstützt.

Ein Ort der Lebensfindung

Adson will als freiwilliger Missionar das „Charisma der Fazendas“ weitertragen.
Adson will als freiwilliger Missionar das „Charisma der Fazendas“ weitertragen.

Kleberson Jasper ist seit acht Jahren Leiter des Gutes der Hoffnung in Markee. Er erläutert: „Wir sind kein klassisches Therapie- oder Nachsorgezentrum, in dem Alkohol- oder Drogenkranke therapiert und resozialisiert werden, sondern sehen uns als einen Ort der Lebensfindung. Menschen, die medizinische Begleitung beim Ausstieg benötigen, nehmen wir nicht auf.“ Gleichwohl steht man in Kontakt mit einer psychiatrischen Ambulanz, die bei Bedarf konsultiert werden kann. Eine Therapiekostenzusage der Rentenversicherung oder der Krankenkassen für den einjährigen Aufenthalt wird nicht gefordert. Das senkt die Hemmschwelle. Doch an Regeln muss man sich halten: keine Ersatz- oder Übergangsdrogen, kein Alkohol, keine Zigaretten, kein Fernsehen, kein Handy. Seit 2010 können Fazendas nach §§ 35 und 36 des Betäubungsmittelgesetzes Therapie statt Strafe durchführen. Ebenso können Sozialstunden abgeleistet werden.

Der Ursprung des Modells liegt in Brasilien und geht auf einen jungen Franziskaner aus Deutschland zurück. Es basiert auf drei Säulen: Arbeit, auf dem Feld, im Garten, bei Tieren, in Küche und Wohnhaus, strukturiert den Tag, soll körperliche Kraft, Durchhaltevermögen und Selbstbewusstsein stärken. Täglich sechs bis acht Stunden wollen in Markee Gänse, Hühner (die Fazenda ist als Legebetrieb registriert), Schafe, Kaninchen, Schweine versorgt werden. Felix wurden schon in den ersten Tagen seines Aufenthalts die Lämmer anvertraut. Zuverlässigkeit und Empathie sind gefragt, lange nicht geübt. Alle Fazendas sind bestrebt, unterstützt durch Spenden und Mittel aus einer Stiftung, selbstfinanziert zu agieren. In Markee werden die Eier an ein AWOHeim verkauft, die Gänse sind für Weihnachten vorbestellt, Früchte verarbeitet die Küche zu Marmeladen und Sirups. Sie werden im Hofladen verkauft, das Sortiment ist ergänzt durch Produkte, die Fazendas national und international herstellen.

Gemeinschaft heißt die zweite Säule des Modells: Alle Arbeiten, auch der umschichtige Reinigungs- und Küchendienst, handwerkliche Tätigkeiten werden je zwei Rekuperanten übertragen, um soziale Kompetenz zu stärken, die im Leben mit der Sucht meist auf ein niedriges Level gesunken ist. Die Unterkünfte haben Mehrbettzimmer, die Mahlzeiten werden gemeinsam eingenommen, Freizeitaktivitäten finden in der Gruppe statt. Der Tag beginnt mit einer Morgenandacht: Spiritualität heißt die dritte Säule. Sie sei ein Angebot für die Rekuperanten, eine Beziehung zum Glauben zu finden, keine Verpflichtung.

Felix hat bei den Tieren wieder gelernt, was Verantwortung ist und was Empathie.
Felix hat bei den Tieren wieder gelernt, was Verantwortung ist und was Empathie.

Keine Insel im Dorf

Knapp drei Kilometer ist die Fazenda vom Dorf entfernt, eine Insel ist sie nicht. „Wir haben uns von Anfang an als ein Teil der Kommune gesehen und werden als solcher akzeptiert“, sagt Kleberson Jasper. Landwirte aus Markee helfen mit Futter für die Tiere, im Gegenzug mähen die Rekuperanten mal Flächen oder erledigen handwerkliche Arbeiten. „Hoffeste, das sonntägliche Hofcafé sind schon immer eine Einladung gewesen, uns zu besuchen.“ In der Coronakrise sind sie ausgesetzt, auch die Präventionsarbeit in Schulen ist zeitweilig eingestellt. Die 14 Doppelzimmer im Gästehaus stehen leer. Von den 28 verfügbaren Wohnplätzen ist, was uns wundert, nur ein kleiner Teil besetzt. Auch eine Konsequenz der Pandemie? Nicht nur, sagt Jasper. Für einen Ausstieg, manchmal nur auf Zeit, gibt es hierzulande eine Palette von Möglichkeiten: Kliniken, Suchtberatungsstellen, allein die Caritas unterhält 300, Selbsthilfegruppen, man setzt auf Substitution, Drogenersatzprogramme.

Der Hofladen ist täglich bis in die Abendstunden geöffnet. Hier fi nden sich auf nationalen und internationalen Fazendas hergestellte Produkte, so Honig, Marmeladen, brasilianischer Kaffee, Textilwaren und Schmuck.
Der Hofladen ist täglich bis in die Abendstunden geöffnet. Hier finden sich auf nationalen und internationalen Fazendas hergestellte Produkte, so Honig, Marmeladen, brasilianischer Kaffee, Textilwaren und Schmuck.

Im Mutterland ist das Fazenda Modell nach wie vor gefragt. Brasilien ist inzwischen nicht nur ein großer Drogenumschlagplatz, der Konsum hat auch im Land selbst erschreckende Ausmaße angenommen. 67 t Kokain beschlagnahmten die Behörden 2019, doppelt so viel wie im Jahr davor. Kokain, Ecstasy, Alkohol, Klebstoff – Adson hat alles probiert. Der 26-Jährige ist vor einigen Monaten nach Markee gekommen, um darüber zu berichten, wie er den Ausstieg aus einer neun Jahre dauernden Drogenkarriere geschafft hat. Es heißt, es gefriere einem das Blut in den Adern, hört man Verstörendes – wie seine Biografie: Adson stammt aus einer für brasilianische Verhältnisse gut aufgestellten Familie, hat eine Fachschule besucht.

Für seinen Einstieg in die Drogenwelt habe es viele Gründe gegeben, ins Detail geht er nicht. Illegale Aufputsch- und Betäubungsmittel könne man in seiner Heimat an jeder Ecke kaufen, sehr billig dazu. „Ich habe ohne Ziel gelebt, ohne Grenzen, ohne Scham.“ Er verkauft das Auto der Familie, klaut das für eine Operation der Schwester bestimmte Geld, Dealer sind seine Freunde, zweimal wird er festgenommen. Nach einer Überdosis ein Selbstmordversuch, seine Mutter lässt ihn in eine psychiatrische Klinik einweisen, aus der er flieht. Es braucht noch einige schwere Abstürze und die verzweifelte Drohung der Mutter, ihm ihre Liebe zu entziehen, ehe er sich auf eine Fazenda der Hoffnung begibt. Jetzt könne er den Menschen wieder in die Augen schauen, das sei das Allerwichtigste für ihn, sagt Adson.

Felix kennt Adsons ganze Geschichte. Er wünscht sich dessen Standhaftigkeit und macht Pläne: „Was mit Medien“ möchte er machen, wenn er die Fazenda verlässt. Fleischer sei nie so recht sein Ding gewesen. Glück auf den Weg.


Landwirt und Sohn.

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