Unter den Geflüchteten sind viele Kinder aus den Kriegsgebieten in Syrien. Brandenburg hat bislang 60 Kinder und Angehörige aufgenommen. Damit habe das Land bis zum Jahresende bereits Dreiviertel der zugesagten Aufnahmen erfüllt, berichtet Innenminister Michael Stübgen am 22. Dezember 2020. (c) Wir packens an e.V.

Der Verein „Wir packen’s an“ bietet Hilfe für Geflüchtete – Nichts tun ist keine Option

Der Name ist Programm: Der Verein „Wir packen’s an“ bringt Brandenburger und Berliner zusammen, die Hilfsgüter sammeln, um sie in die Lager an Europas Grenzen zu schicken. Vor einem Jahr schickten sie den ersten Truck Richtung Griechenland.

Von Heike Mildner

Eine Lagerhalle am Rande von Bad Freienwalde (Ostbrandenburg) hat sich zu einem Umschlagplatz für Hilfsgüter entwickelt. Von außen grau und unscheinbar, innen nicht Saatgut oder Tierfutter, sondern Berge aus Plastesäcken und Kartons: Kleidung und Sachspenden aus ganz Deutschland, gesammelt von Menschen, die dem Brandenburger Verein „Wir packen’s an“ beim Helfen helfen. Vor einem Jahr, am 22. Januar fuhr der erste Truck mit Hilfsgütern los. Bisher sind es 17.

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Für die Winteraktion 2020/21 hat der Verein eine Lagerhalle angemietet. Hunderte Freiwillige haben dort wochenlang Spenden sortiert, verpackt und sechs große Trucks beladen. (c) wir packens an e.V.

Freitag, 28. Dezember 2019, Bad Freienwalde: Während die Politik noch diskutiert, ob minderjährigen unbegleiteten Geflüchteten geholfen wird, startet Andreas Steinert einen Aufruf für Sachspenden für die griechischen Flüchtlingslager: warme Kleidung, Kindersachen, Decken. Der Unternehmer aus Bad Freienwalde war zuvor selbst auf mehreren Rettungsmissionen im Mittelmeer unterwegs. „Dass Europa nicht mal in der Lage ist, ein paar Minderjährige in Würde unterzubringen, ist eine Schande für unser Land, unsere Regierung und unsere Gesellschaft insgesamt“, ist Steinert überzeugt, „nichts tun ist keine Option.“ Das sehen auch andere so. Zum Beispiel Miriam Tödter aus Berlin. Ihr Facebook-Post #MachtdenTruckvoll wird in wenigen Tagen 800 Mal geteilt.

Frühjahr 2020

Donnerstag, 9. Januar 2020: Auf seinem Firmengelände hat Steinert eine Sortierstrecke für Sachspenden eingerichtet. Am Abend treffen dort drei Lkw und mehre Pkw aus Berlin ein. Die Sachspenden werden von Freiwilligen sortiert und verpackt.

Donnerstag, 16. Januar: Der erste Truck setzt sich von Bad Freienwalde aus Richtung Griechenland in Bewegung. Hunderte Freiwillige hatten seit dem Aufruf zu Weihnachten Kleidung gespendet, Sammelstellen eingerichtet, Spenden sortiert, verpackt und den Truck beladen. Die Aktivisten beschließen, weiter zu sammeln.

Mittwoch, 22. Januar, Thessaloniki: Zur Koordination mit lokalen Partnerorganisationen ist der Ex-Sea-Watch-Geschäftsführer Axel Grafmanns in seinem Urlaub nach Griechenland gereist. Ursprünglich war geplant, die Hilfsgüter auf die griechischen Inseln zu schicken. Jedoch eskaliert die humanitäre Krise gerade: Geflüchtete von den Inseln werden aufs Festland gebracht, die nordgriechische Stadt Thessaloniki ist Hotspot für Zehntausende Geflüchtete aus Afghanistan und Syrien, darunter viele unbegleitete Minderjährige. Hier werden die ersten Spenden verteilt.

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Unter den Geflüchteten sind viele Kinder aus den Kriegsgebieten in Syrien. Brandenburg hat bislang 60 Kinder und Angehörige aufgenommen. Damit habe das Land bis zum Jahresende bereits Dreiviertel der zugesagten Aufnahmen erfüllt, berichtet Innenminister Michael Stübgen am 22. Dezember 2020. (c) Wir packens an e.V.
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Sie ähneln sich in ihrer Trostlosigkeit: In den Lagern an den südlichen Rändern Europas warten Geflüchtete auf die Bearbeitung ihrer Asylanträge, während Politiker taktieren. (c) wir packens an e.V.

Freitag, 7. Februar, Chios: Miriam Tödter erwartet in Chios einen Truck, der am Montag in Bad Freienwalde losgefahren ist und die Winteraktion abschließt. „Gerade hier in Chios ist die Not sehr groß, 6.000 Menschen sind eingezwängt in ein Camp, wo eigentlich nur 1.500 Menschen reinpassen“, erlebt sie vor Ort. Nicht einer, sondern sechs Trucks mit Hilfsgütern sind es am Ende des ersten Winters.

Samstag, 29. Februar, Bad Freienwalde: Mit neun Mitgliedern wird der Verein gegründet, Andreas Steinert ist Vorsitzender.

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Sie packen’s an, bunt gemischt mit hartem Kern in der Mitte: Andreas Steinert (stehend, 5. v. l., r. daneben Axel Grafmanns, auf der Bank in der Mitte Miriam Tödter. (c) wir packens an e.V.

Montag, 23. März, Chios: Corona breitet sich aus, auf den griechischen Ägäis-Inseln droht eine medizinische Katastrophe: Unhygienische Bedingungen, kaum genug Wasser zum Trinken, keine Seife und Menschen auf engstem Raum. Der Brandenburger Verein organisiert ad-hoc eine Isolierstation mit Krankenversorgung für 18 Infizierte. Vorstandsmitglied Axel Grafmanns ist für die Koordination mit der Partnerorganisation zuständig, der Verein sammelt über Social-Media- Kanäle Geld fürs Projekt.

Mittwoch, 20. Mai, Bad Freienwalde: Die Covid19-Beschränkungen werden nach und nach aufgehoben, der Verein startet wieder durch. Sammelstellen in Weimar, Naumburg und Herzogenaurach unterstützen die neue Aktion: „Wir schicken nun Hilfsgüter nach Samos, Chios und Patras – Plätze, die weniger im Fokus der Öffentlichkeit stehen.“

Sommer 2020

Mittwoch, 3. Juni, Europäischer Tag des Fahrrads: 142 gespendete Fahrräder sind neben anderen Hilfsgütern nach Chios unterwegs. Die Fahrräder verweisen auf den Zusammenhang von Fluchtbewegungen und Klimakatastrophe. Ganz konkret helfen sie, Entfernungen zu überwinden: zwischen getrennt untergebrachten Familien, für Behördengänge oder Einkäufe.

Mittwoch, 29. Juli, Internet: Der Verein ist für den Smart Hero Award nominiert. Damit zeichnen die Stiftung Digitale Chancen und Facebook seit 2014 Projekte aus, die soziale Medien für den guten Zweck nutzen. Eine unabhängige Jury entscheidet, wer von den Nominierten gewinnt. Einen Sonderpreis stellt der Publikumspreis dar, der über ein Voting auf der Webseite vergeben wird.

Donnerstag, 6. August, Chios: Der letzte Sommertransport: Axel Grafmanns und Miriam Tödter begleiten gemeinsam mit Schauspielerin Katja Riemann, die sich vor Ort ein Bild von der Lage machen will, dessen Ankunft. Sie sind noch dort, als nach ersten bestätigten Fällen ein Corona-Lockdown verhängt wird. Alle Verwaltungseinrichtungen im Lager sind geschlossen, Asylverfahren stehen still und es gelten verschärfte Ausgangsbestimmungen. Der Verein ist vorbereitet und hat medizinische Güter im Umfang von ca. 50.000 € nach Chios geliefert und eine Isolierstation aufgebaut. Zwei deutsche Ärztinnen von „Wir packen‘s an“ sind im Einsatz.

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(c) wir packens an e.V.

Mittwoch, 9. September, Moria: In der Nacht brennt das Flüchtlingslager Moria auf Lesbos. „Es war absehbar, dass etwas Schlimmes passieren wird. Die Zivilgesellschaft hat seit Monaten gewarnt. Wenn sie Menschen unter absolut erbärmlichen Bedingungen in einem Lager halten, ohne ausreichend Wasser, Essen und Gesundheitsversorgung, und dann noch ein Zaun gezogen wird, um einen Corona-Lockdown durchzusetzen, dann genau das: eine Katastrophe“, fasst Axel Grafmanns zusammen.

Mittwoch, 16. September: Innerhalb einer Woche hat der Verein 17.000 € an Spenden gesammelt. Grafmanns fliegt nach Lesbos, um die Hilfe zu koordinieren und die Lage zu sondieren. Mittlerweile ist im Auftrag des Vereins der erste Hilfstransport aus Athen nach Lesbos unterwegs. Um Zeit zu sparen, wurden Nahrungsmittel und Hygieneprodukte im Wert von 9.000 € in Athen gekauft, die nun bis zum Wochenende auf Lesbos geliefert werden: palettenweise Reis, Linsen, Konserven, Elektrolyte und Windeln.

Sonntag, 20. September, Berlin: Über 60 Organisationen fordern auf dem Berliner Wittenbergplatz die sofortige Evakuierung aller griechischen Lager.

Dienstag, 29. September, Berlin: Bei den Smart Heroes Awards kommt „Wir packen’s an“ auf den 2. Platz mit 10.000 € Preisgeld. Andreas Steinert: „Was für eine schöne Anerkennung für die engagierten Menschen in der Region. Es zeigt: Brandenburg und Ostdeutschland sind mehr als AfD und Rechtsradikalismus.“ Die Wintersammelaktion unter dem Motto: „Der Winter kommt – unsere Solidarität ist grenzenlos“ hat bereits begonnen.

Herbst 2020

Donnerstag, 8. Oktober, Internet: Der Träger des deutschen Buchpreises, Saša Stanišic, unterstützt den Verein mit einer Benefizlesung. Stanišic, der selbst flüchten musste, sagt: „Ich weiß, wie sich das anfühlt, irgendwo nicht willkommen zu sein, aber ich bin viel glücklicher darüber, zu wissen, wie es sich anfühlt, wenn man Unterstützung und Zuspruch erhält.“

Freitag, 9. Oktober, Zollbrücke: Thomas Rühmann und Tobias Morgenstern vom „Theater am Rand“ werden Botschafter des Vereins.

Samstag, 24. Oktober, Bad Freienwalde: Die Sortierer sind nun täglich am Werk. Die erste Lieferung der Winterhilfsaktion ist fertig: 60 Kartons mit Winterkleidung gehen in das Lager Sari Kani nach Rojava im Norden Syriens, in dem viele vertriebene Familien leben. 40 Sammelstellen in ganz Deutschland schicken ihre Spenden nach Bad Freienwalde. Dort werden sie sortiert und in einheitlichen Kartons sinnvoll kombiniert. Parallel wird im Internet Geld für die Bezahlung der Transporte gesammelt.

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Für die Winteraktion 2020/21 hat der Verein eine Lagerhalle angemietet. Hunderte Freiwillige haben dort wochenlang Spenden sortiert, verpackt und sechs große Trucks beladen. (c) Wir packens an e.V.

Winter 2020

Advent, Berlin: Vor dem Reichstagsgebäude wird gesungen – mit Masken und Abstand. Motto: „Herzversagen stoppen – Singen zum Advent für grenzenlose Solidarität mit Geflüchteten“. Mit dabei: die Singer-Songwriterin Dota Kehr.

Sonntag, 8. Dezember, Bad Freienwalde: 5.000 Kartons sind gepackt. Parallel klicken sich die Anpacker die Finger wund, um bei der Aktion „Herzenswunsch“ der DKB-Bank möglichst weit vorn zu landen.

Montag, 21. Dezember: Der Klickmarathon bei der Aktion „Herzenswunsch“ der Deutschen Kreditbank AG hat sich gelohnt: Spenden von 50.000 € gehen auf das Konto der Anpacker.

Kurz vor Silvester setzt sich der achte Truck der Winteraktion mit Hilfsgütern nach Rojava/Nordsyrien in Bewegung. Zwei weitere Trucks brechen Anfang Januar 2021 Richtung Bosnien auf. Das Lager Lipa ist abgebrannt: Schnee und Kälte, keine Unterkünfte, keine Heizmöglichkeit und mittlerweile auch keine Essensversorgung, teilt der Verein mit. Andreas Steinert und Axel Garfmanns fahren nach Bosnien, um vor Ort Lebensmittel zu kaufen. Das Vereinskonto ist gut gefüllt: Die Internet-Community „Volksverpetzer“ hat in einer Spendenkampagne 242.901 € für „Wir packens an“ gesammelt.

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Die Trucks aus Bad Freienwalde kamen noch vor Weihnachten 2020 in Griechenland, Bosnien und Syrien an. Die Transporte kosten Geld, auch dafür wurde im Internet gesammelt. (c) Wir packens an e.V.

Mittlerweile hat der Verein aus Bad Freienwalde 90 Mitglieder. All die Ideen und Talente zu koordinieren, ist eine weitere Herausforderung: Es gibt Austausch in den sozialen Medien, Vorstandssitzungen und Mitgliederversammlungen. Auf Facebook und der Internetseite des Vereins lässt sich verfolgen, wie dem trostlosen Vegetieren an Europas Grenzen mit Menschlichkeit und ganz konkreter Hilfe begegnet wird. Ein Selbstläufer? Wohl kaum. Eine Ausnahme? Leider noch.


Weitere Infos und Spendenkonto: https://wir-packens-an.info


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