Christel Duft mit dem guten Tröpfchen vom eigenen Weinberg. (c) Birgitt Schunk

Die Aromafänger von Landfactur

Handgemachtes für den Gaumen kommt aus der Landfactur in Kirchheilingen. Jetzt stagniert der Absatz. Doch die Genussmacher aus Thüringen setzen auf bessere Zeiten. 

Von Birgitt Schunk (Text und Fotos)

Der 13. März war in diesem Jahr ein Freitag. „An diesem Tag hatten wir die Kuchen für die Feier am darauffolgenden Sonnabend schon alle gebacken, als die Veranstaltung abgesagt wurde“, erzählt Christel Duft, die Chefin der Landfactur GmbH in Kirchheiligen. Es gab neue Ansagen zum Corornavirus, das öffentliche Leben wurde noch weiter runtergefahren, Feiern waren tabu.

„Von da an ging es fast auf null, was den Absatz angeht.“ Dennoch versuchte man seither, notwendige Arbeiten draußen fortzuführen. Mitte März bekamen die Weinreben den Frühjahrsschnitt. Ehe die Trauben im Herbst reif sind, wird noch viel Wasser die Unstrut entlang fließen. „Wir hoffen, dass es dann wieder halbwegs normal weiter geht.“ 

Der Hofladen von außen: Im Inneren warten regionale Köstlichkeiten auf ihre Käufer.

Die Landfactur im thüringischen Unstrut-Hainich-Kreis hat sich in den zurückliegenden Jahren einen guten Namen erarbeitet.  Fleischbrühe vom Täubchen, ein Glas Unstrut-Wein und Butterplätzchen, die auf der Zunge zergehen, kommen von hier. Feinen Senf gibt es ebenso wie Öle, Marmeladen und edle Liköre – und das alles handgemacht. Die Qualitätsprodukte, die gerne auch verschenkt werden, werden in Coronazeiten allerdings nicht sonderlich nachgefragt. Dennoch ist man in der Landfactur der Agrargenossenschaft Kirchheilingen überzeugt von diesem Angebotsprofil – und um gute Ideen für den Gaumen nicht verlegen.

Von Jahr zu Jahr wurde das Angebot erweitert – nicht durch Zukauf, sondern nur durch das, was vor Ort verfügbar ist. „Es ist der Versuch, die kleinen Kreisläufe wieder zu etablieren“, sagt Frank Baumgarten, der zum Vorstand der ortsansässigen Agrargenossenschaft Kirchheilingen gehört.  Mit der Landfactur Geld zu verdienen, sei allerdings nicht so einfach. Es gibt schließlich immens viel Handarbeit, die für Personalkosten sorgt. Aber genau dafür will man die Augen öffnen und werben. Schnelle Erfolge und große Gewinne gibt es da erst mal nicht.

„Viele Leute beteuern, sie wollen wirklich gute Produkte vor der Haustüre kaufen, die noch zubereitet werden wie zu Großmutters Zeiten“, sagt Baumgarten. „Wir haben das Angebot, sich darauf einzulassen und wollen sehen, wie ernst es die Kunden damit meinen.“ Gerade in Zeiten des Coronavirus ist immer wieder davon die Rede, wie wichtig doch die regionalen Landwirte sind. Und die wollen rund um Kirchheilingen zudem den Menschen zeigen, wie Plätzchen, Senf, Torten oder Öl produziert werden.

Kaffeeklatsch als Rezeptbörse 

Durch Glasscheiben sehen die Besucher in „Friedenszeiten“, wie fleißige Frauen und Männer heute die Gaumenfreuden auf traditionelle Art und Weise herstellen. Das alles soll nicht in Vergessenheit geraten. Einmal im Monat sind am langen Tisch im Hofladen die Senioren der Umlanddörfer zum Kaffeeklatsch zu Gast – auch wenn jetzt erst einmal Zwangspause ist. „Sie sind eine gute Quelle, von hier kommt manch eine Anregung für Rezepte“, weiß Landfacturchefin Christel Duft. Mit Schulen arbeitet man ebenso zusammen, um die Kinder auf den Geschmack zu bringen und ihnen beispielsweise „Von der Blüte zum Apfel“ zu zeigen, wie vieles vor Ort wächst und verarbeitet wird.



Landfactur ist eine 100-prozentige Tochter der Agrargenossenschaft Kirchheilingen und wurde 2015 gegründet. Sie bewirtschaftet heute sogar einen kleinen Weinberg mit 7.500 Quadratmetern an der Unstrut bei Großvargula. Zuvor lag der Anbau der Trauben in den Händen einer Beschäftigungsgesellschaft. „Als hier Veränderungen anstanden, konnte so der Weinanbau fortgeführt werden“, berichtet Christel Duft.

Die Stiftung Landleben, in der die Agrargenossenschaft sich gemeinsam mit vielen weiteren Akteuren für den ländlichen Raum engagiert, pachtete das Land, übernahm die rund 3.000 Rebstöcke der Sorte Regent und somit die Weinrechte. Bis zu 3.000 Flaschen lässt man in Dienstleistung alljährlich von Weinprofis in Bad Sulza produzieren. Wenn die Weinlese ansteht, helfen viele Leute in der Region mit. „Weil es ihr Weinberg ist“, weiß Duft. Sie sind mit Schere und Eimer zumeist nur für ein Gläschen zum Anstoßen und ein Essen aus Spaß an der Freud‘ im Einsatz. Und mit den Weintrauben kamen auch noch Stachelbeeren sowie Rote und Schwarze Johannisbeeren hinzu.

30 Heidelbeersträucher werden ebenso abgeerntet, Holunderblüten zudem gesammelt. Auf Streuobstwiesen wachsen außerdem Äpfel, Birnen und Quitten heran. „Alles alte Sorten, die es heute kaum noch gibt.“  Ist alles per Hand geborgen, wird aus dem Obst Marmelade, Fruchtaufstrich, Saft oder Likör hergestellt. „Wir fangen ehrliche Aromen ein und bieten damit eine ganz besondere Qualität an. Wir wollen, dass die Menschen dies wieder schätzen“, sagt Duft. „Sie haben verlernt, wie saisonal schmeckt.“ Deshalb wollen die Genussmacher der kleinen Manufaktur den Verbrauchern dies wieder nahe bringen. Kunden können zudem in Kirchheilingen ihr eigenes Obst zu Saft verarbeiten lassen.

Die Mengen sind in der Landfactur natürlich begrenzt. Ist die Heidelbeermarmelade alle, gibt es erst mit der neuen Ernte Nachschub. „Wir kaufen kein Obst von sonstwoher zu, um es zu verarbeiten“, sagt Duft. Selbst die Walnüsse für den Senf stammen von Bäumen, die in der Region wachsen, und werden gesammelt.  Lediglich beim Ingwerlikör wird eine Ausnahme gemacht. „Ingwer wächst nicht vor der Haustüre und den Alkohol dürfen wir auch nicht selbst produzieren.“ Gesüßt wird der Likör übrigens mit Honig aus der Heimat.



Den Senf baut die Agrargenossenschaft selbst an. Auch hier hat man erst seine Erfahrungen machen müssen. Nicht jede Sorte ist geeignet, um daraus den würzigen Aufstrich für die Bratwurst zu produzieren. Die Senfproduktion ist das jüngste Kind der Landfactur. Lein fürs Ölpressen bezieht der Betrieb aus Bösleben. Die Zwiebeln fürs Chutney kommen aus Herbsleben. „Auch damit bleiben wir in der Region“, so die Landfactur-Chefin. 

Fleischtauben und Butterplätzchen 

Darüber hinaus hat der kleine Betrieb noch eine besondere Sparte. Die Agrargenossenschaft hält Fleischtauben, die hier vermarktet werden. Nach dem Kochen der Täubchen werden mit viel Handarbeit die Knochen entfernt, Brühe und Fleisch kommen ins Glas und werden vermarktet. „Daraus kann man eine schmackhafte, stärkende Suppe machen, die gerade in der kalten Jahreszeit gut tut“, sagt Christel Duft. Sie weiß, dass früher solche Mahlzeiten gerne den Frauen überbracht wurden, die entbunden hatten. So sollten die sogenannten Wöchnerinnen wieder zu Kräften kommen. „Daher der Name Wochensuppe.“ 

Die Plätzchen werden per Hand geformt und einzeln aufs Blech gelegt und die Kuchen sind auch schon fertig.

Gut im Geschäft ist die Landfactur auch mit ihrem Backwerk – und das nicht nur zur Weihnachtszeit. Die Plätzchen gehen das ganze Jahr über gut. 18 Sorten sind im Angebot, von Hand gebacken wird wie zu Hause und natürlich mit Butter. Auch für Hochzeiten oder runde Geburtstage werden gerne Torten oder Kuchen bestellt. Doch auch diese großen Veranstaltungen wurden im März erst einmal auf Eis gelegt.

Ansonsten finden die Feiern wenige Schritte entfernt im Saal des „Alten Speichers“ statt, den die Agrargenossenschaft Kirchheilingen gepachtet hat und vermietet. Hier wird meist nicht nur Backwerk aus der Landfactur aufgefahren, sondern von der Schlachteplatte über Lammbraten bis zum Rinderfilet in Rotweinsoße auch Deftiges, denn die Genossenschaft betreibt ebenso eine Landfleischerei mit elf Filialen. Rinder, Schafe und Schweine, die hier vermarktet werden, stammen aus eigener Aufzucht oder Betrieben, mit denen man kooperiert.

Direktverkauf und Onlineshop 

An den Mann oder die Frau gebracht werden die Qualitätsprodukte der Landfactur im eigenen Hofladen in Kirchheilingen unmittelbar neben dem Verwaltungssitz der Agrargenossenschaft. Vom Verkaufsraum aus können Kunden die gläserne Produktion verfolgen. Doch auch hier wurde erst mal alles runtergefahren. Auf den Weg in den Supermarkt will man aber verzichten. „Wenn man es dorthin ins Regel schafft und seine Produktion dafür ausgebaut hat, kann es auch schnell passieren, dass man da wieder rausfliegt – darauf wollen wir uns nicht verlassen“, sagt Frank Baumgarten. Und so probiert man es im Direktverkauf und über den Online-Shop, über den einige Landfactur-Produkte wie Liköre, Säfte oder Fruchtaufstriche, aber natürlich auch Spezialitäten der Landfleischerei erhältlich sind.

Sieben Mitarbeiter hat die Landfactur. Sie ernten, backen, pressen und mahlen, doch sie sind auch in der Garten- und Landschaftspflege eingesetzt. Und sie tüfteln stets an neuen Ideen. „Wir sind sozusagen gleichzeitig unsere eigene Forschungs- und Entwicklungsabteilung“, sagt Christel Duft und hofft wieder auf bessere Zeiten.


Weitere Informationen unter www.landfactur.de 


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