(c) Seiffert, DJV

Wildtier-Monitoring: Wissen, wo der Hase läuft

Wen interessiert, wie viele Einwohner in einer Stadt leben, kann auf Zahlen der staatlichen Melderegister zurückgreifen. Geht es aber um die Anzahl von Feldhase und Co., erhält man dank Wildtier-Monitoring fundierte Daten aus Jägerhand.

Von Christoph Feyer

Bestimmt ist es Ihnen auch schon aufgefallen: Jedes Jahr, kurz vor Ostern, wird in der Presse über die Entwicklung der hiesigen Feldhasenbesätze berichtet. Das ist natürlich kein Zufall. Die Zahlen stammen von den Jägern und Jägerinnen, und einen besseren Zeitpunkt für deren Veröffentlichung gibt es nicht. Aber woher wissen die Grünröcke, wie viele Mümmelmänner aktuell auf Wiesen und Feldern wilde Haken schlagen? Nun, sie werden beim Wildtier-Monitoring gezählt. Nicht alle, aber immerhin so viele, dass damit das Wildtier-Informationssystem der Länder Deutschlands (kurz Wild) möglichst exakte Statistiken erstellen kann.



Bereits seit dem Jahr 2000 betreiben der Deutsche Jagdverband (DJV) und seine Landesjagdverbände das Projekt Wild. Dabei handelt es sich um ein bundesweites Monitoringprogramm vorrangig für jagdbare Arten. Der Wildtierzensus ist dabei aber kein Selbstzweck, denn die Landesjagdgesetze der Länder fordern möglichst genaue Kenntnis über die einzelnen Wildbestände.

Bei dem Projekt Wild handelt es sich dennoch um ein freiwilliges Erfassen von Wildtierbesätzen in den Revieren. In Hessen kommt noch eine verpflichtende Zählung der Feldhasenbesätze hinzu. Vom Bayerischen Jagdverband wird das „Wildtiermonitoring Bayern“ seit 2009 eigenständig durchgeführt.

Basis für nachhaltige Nutzung

Oberstes Ziel des Wild-Projektes ist es, eine solide Datenbasis zum Vorkommen, zur Populationsdichte und -entwicklung von hier lebenden Wildtierarten zu schaffen. Sie bildet die Basis für deren nachhaltige Nutzung. Zudem können anhand genauer und aktueller Besatzdaten Forschungsprojekte geplant werden, die Ursachen von Bestandsveränderungen ermitteln. Diese wiederum bilden die Grundlage für sinnvolle Konzepte zum Erhalt von bedrohten Spezies und stellen damit einen wichtiger Beitrag zum Natur- und Artenschutz dar.

Dabei werden auch die deutschlandweiten Bestände invasiver Arten wie Waschbär, Marderhund und Nilgans dokumentiert, woraus zielgerichtete Managementpläne und weitere Maßnahmen entwickelt werden können. Wissenschaftlich fundierte und damit verlässliche Bestandszahlen sind darüber hinaus für politische Verhandlungen wichtig, z. B. wenn es um die Festlegung von Schonzeiten geht.

Abbildung
(c) DJV

Drei Säulen des Monitorings

Die Datenerhebung beim Wild-Monitoringprogramm basiert auf folgenden drei Säulen:

  • flächendeckende Erfassung,
  • Erfassung in Referenzgebieten,
  • und bundesweite Jagdstreckenstatistik.

Wissenschaftlich ausgewertet werden die Zahlensätze durch die vier Wild-Zentren (Kasten). Darüber erheben sie Faktoren, die Einfluss auf die Dichte der untersuchten Wildtierarten nehmen können, wie die Art der Flächennutzungen, Krankheitsgeschehen und Klima- bzw. Witterungsfaktoren. Vor Ort sind zudem 15 Länderbetreuer für das Projekt tätig. Die Ergebnisse werden jährlich in den Wild-Berichten veröffentlicht.

Die flächendeckende Erfassung findet im zweijährigen Turnus mit regelmäßiger Beteiligung von über 30.000 Jägerinnen und Jägern statt. Sie notieren Vorkommen und Besatzdichten ausgewählter Wildtierarten in den jeweiligen Revieren. Je nach Bundesland erhalten die Jagdausübungsberechtigten dazu einen abgestimmten einheitlichen Erfassungsbogen über die Jagdbehörden, Kreisjagdverbände oder Hegeringe.

Die Auswertung der Daten erfolgt auf Ebene der Gemeinde als kleinste darstellbare geografische Einheit. Meldet ein Revier das Vorkommen einer Art, gilt dann die gesamte Gemeinde als Vorkommensgebiet derselben. Zur Berechnung der Dichte (Anzahl pro 100 ha) werden die Besatzzahlen der Reviere auf Gemeindeebene summiert und ins Verhältnis zur erfassten Jagdbezirksfläche gesetzt.

Die vielen Revierinhaber leisten damit ehrenamtlich, aber nach wissenschaftlichen Methoden einen sehr wichtigen Beitrag zum Erhalt der Wildtierpopulationen. Die Aussagekraft der Daten hängt natürlich von einer möglichst hohen, sprich flächendeckenden Beteiligung ab. Insgesamt können diese Werte daher nur einen Teil der tatsächlichen Vorkommen der Arten in den Bundesländern widerspiegeln.

Bei der Erfassung in Referenzgebieten werden die Besätze ausgewählter Niederwildarten wie Feldhase, Rebhuhn, Fuchs und Dachs möglichst exakt ermittelt. Grundlage ist eine jährlich stattfindende, konkrete Zählung und die Baukartierungen in über 500 Referenzgebieten und zwar deutschlandweit.

Zusätzlich werden verschiedene Umweltfaktoren erfasst (z. B. Witterung, Flächennutzung), um deren Einfluss auf die Populationen untersuchen zu können. Ergänzt werden die Daten in den Referenzgebieten durch eine detaillierte Flächennutzungskartierung, die auch die Ausstattung der Habitate hinsichtlich Nahrung und Deckung abbildet. Wie das am Beispiel des Feldhasen vonstattengeht, soll im Folgenden kurz erläutert werden.

Leuchten nach Meister Lampe

Der Fachterminus zur Langohrenzählung nennt sich Scheinwerfertaxation. Die Zählungen erfolgen jeweils im Frühjahr und im Herbst nach Einbruch der Dunkelheit, also am späten Abend oder in der Nacht. Mümmelmänner sind überwiegend dämmerungs- und nachtaktiv.

An einer Zählung müssen mindestens zwei Personen teilnehmen, denn sie geschieht aus einem langsam fahrenden Auto heraus. Der Beifahrer leuchtet dabei mit einem Handscheinwerfer senkrecht zur Fahrtrichtung auf das Grünland bzw. die Feldflur. Der Fahrer muss stets auf eine den jeweiligen Sichtbedingungen angepasste und vor allem konstante Fahrgeschwindigkeit achten. Anhalten darf er nur, wenn zweifelhafte Objekte zu identifizieren sind. Durch die reflektierenden Augen sind die Feldhasen aber in der Regel gut sichtbar.
Alle, die innerhalb der effektiven Leuchtweite des Scheinwerfers von 150 m zu sehen sind, werden in einem Protokollbogen erfasst. Am einfachsten geht das, wenn noch eine dritte Person mitfährt und eine Strichliste führt.

Vier Wild-Zentren und ihre Aufgaben
■ Wild-Zentrum beim DJV: Initiierung und Koordination
■ Wild-Zentrum am Thünen-Institut für Waldökosysteme in Eberswalde: Koordination und wissenschaftliche Auswertung der Daten
■ Wild-Zentrum an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel: Tierfund-Kataster (auch mit kostenloser App)
■ Wild-Zentrum an der Tierärztlichen Hochschule Hannover: Methodenentwicklung und Ursachenforschung

Grundsätzlich werden nur Hasen gezählt, die im Scheinwerferkegel mit bloßem Auge, also ohne Zuhilfenahme eines Fernglases, entdeckt werden. Wird aus irgendeinem Grund durch das Fernglas geschaut und ein Hase entdeckt, der vorher nicht zu sehen war, darf dieser nicht mitgezählt werden.

Die Fahrstrecken müssen vor den Zählungen genau festgelegt werden und dürfen zur Vergleichbarkeit der Ergebnisse im Laufe der Jahre nicht verändert werden. In jedem Referenzgebiet werden in jeder Saison in der Regel zwei Zählungen durch die geschulten Jäger ehrenamtlich durchgeführt.

Ihre vollständig ausgefüllten Protokollbögen müssen sie bei der Frühjahrszählung bis zum 1. Mai, bei der Herbstzählung bis zum 15. Dezember an die jeweiligen Länderbetreuer zurückschicken. Auf Grundlage ihrer Zählergebnisse und der abgeleuchteten Fläche (Taxationsfläche) wird die Populationsdichte nach folgender Formel ermittelt:



Populationsdichte (PD) = Summe der Hasen x 100 pro abgeleuchtete Fläche in Hektar.
Zusätzlich können bei der Feldhasenzählung auch noch andere Wildarten wie Rehwild, Fuchs, Rebhuhn, Fasan oder Waschbären erfasst werden.


Wildtier-Monitoring: Erlegte Tiere und Fallwild

Die bundesweite Jagdstreckenstatistik wird durch die Unteren Jagdbehörden der Bundesländer beigesteuert. Sie erfassen jährlich die Jagdstrecken aller jagdbaren Arten (erlegt und tot aufgefunden) der Jagdbezirke auf Landkreisebene. Das Thünen-Institut für Waldökosysteme Eberswalde errechnet anhand der regionalen Größenordnungen dann die Streckenzahlen auf Bundesebene. Gleichzeitig werden in regelmäßigen Abständen die aktuellen Flächen, auf denen die Jagd ausgeübt wird, erfasst. So lässt sich die Entwicklung der Jagdstrecken der einzelnen Wildtierarten analysieren und grafisch darstellen.

Das alles geschieht mittlerweile seit 18 Jahren. Und seit zwei Jahren sind die Ergebnisse auch frei zugänglich. Auf dem Wild-Portal finden Interessierte dazu interaktive Karten, Diagramme und Tabellen. Aber die jagdbaren Arten sind nicht die einzigen wilden Tiere, die in Deutschland gezählt werden. Der Nabu ruft jährlich zur Gartenvögelzählung auf, regionale ornithologische Gesellschaften behalten Greif-, Raben-, Wasser- und Wiesenvögel im Auge und Naturfreunde werten Insektenfallen aus, um nur einige Beispiele zu nennen. All diese Zählungen leben von persönlichem Engagement und sind wichtige Beiträge zum Erhalt unserer Wildtiere.

AUS DEM WILD-JAHRESBERICHT 2019
Im Durchschnitt ein Hase mehr

Im Jahr 2019 haben sich deutschlandweit 529 Referenzgebiete an der Feldhasenzählung beteiligt. Für das Frühjahr wurde deutschlandweit eine mittlere Dichte von 13 Hasen pro 100 ha Taxationsfläche ermittelt.
Die höchsten Besätze finden sich dabei im Südwestdeutschen Mittelgebirge und Nordwestdeutschen Tiefland mit rund 18 bzw. 17 Hasen pro 100 ha Taxationsfläche.

Im Ostdeutschen Mittelgebirge, Westdeutschen Mittelgebirge und Alpenvorland liegen die Dichten bei zehn bis 16 Hasen pro 100 ha Taxationsfläche. Mit fünf Hasen pro 100 ha Taxationsfläche sind die Feldhasenbesätze im Nordostdeutschen Tiefland am geringsten.
Im Vergleich zum Vorjahr ist der Besatz bundesweit um einen Hasen pro 100 ha Taxationsfläche angestiegen.
Betrachtet man aber die Besätze über einen längeren Zeitraum, sind diese seit den 1960er-Jahren stark zurückgegangen.

Die Gründe für den Rückgang in den letzten 60 Jahren sind multifaktoriell. So wirkte sich neben (saisonal ungünstigen) Wetterbedingungen vor allem der Verlust von geeigneten Habitaten durch die Intensivierung der Landwirtschaft negativ auf den Hasenbesatz aus (z. B. das Fehlen von mehrjährige Brachen mit Wildkräutern). Aber auch Tollwut-Immunisierung der Rotfuchspopulation und invasive Raubsäuger wie Waschbär oder Marderhund haben ihr Übriges dazu beigetragen.

Einen großen Einfluss auf die Entwicklung des Hasenbesatzes hat auch die Junghasensterblichkeit, die stark an die Witterungsbedingungen gekoppelt ist. Hohe Niederschlagsmengen und kühle Temperaturen erhöhen das Infektionsrisiko beim Feldhasen und damit die Sterblichkeitsrate. Laut Deutschem Wetterdienst war das Jahr 2019 das drittwärmste seit 1881 und geprägt durch viel Sonne und wenig Niederschlag. Diese Bedingungen können die Entwicklung der Feldhasenpopulation deutlich begünstigen.


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