Veredlung gibt dem Kreislauf Schwung

04.08.2015

© Gerd Rinas

Außenansicht: Auf einer Grundfläche von 22,5 m x 55 m werden demnächst Schweine gemästet. Vor den großen Fenstern werden noch Podeste gebaut, damit Besucher in den Stall schauen können.

Die Professoren, bei denen ich an der Uni in Göttingen und Kiel Vorlesungen zur Betriebswirtschaftslehre hatte, würden mich wahrscheinlich lynchen.“ Henrik Ober-Sundermeier weiß: Wirft ein Betriebszweig keinen Gewinn ab, muss man sich davon trennen. Das wird heute noch so gelehrt. „Danach müssten wir in Groß Bäbelin unsere Schweinemast schließen.“ Weniger gute Betriebe verlieren bei den schlechten Preisen und Vollkostenrechnung 20 Euro pro Schwein. „Wir liegen mit unseren Leistungen im Mittelfeld, machen aber keinen Gewinn“, berichtet der Landwirt. Trotzdem steht die Veredlung für Henrik Oevermann und Henrik Ober-Sundermeier von der Schweinemast Groß Bäbelin bei Krakow am See nicht zur Disposition. Im Gegenteil: Am Mittwoch voriger Woche haben sie nach sechs Monaten Bauzeit einen neuen Maststall für 1 200 Tiere in Betrieb genommen.


Auf einer Grundfläche von 22,5 m x 55 m wurde eine Stahlkonstruktion errichtet. Sie trägt das Dach und die Seitenwände. Letztere bestehen aus sechs Zentimeter dicken, glatten, leicht zu reinigenden  Sandwich­elementen. Die Stallbaufirma Hölscher und Leuschner aus Emsbühren, Niedersachsen, hat für Gebäudehülle und Lüftung ein spezielles Konzept entwickelt. Danach wird die Luft von außen durch Klappen an die Decke geführt, zirkuliert im Abteil und wird über Abluftventile abgesaugt. „Die Decke ist nicht abgehängt, dadurch erhöht sich das Luftvolumen im Stall. Das Stallklima wird entsprechend der gemessenen Außen- und Innentemperatur sowie dem Unterdruck im Stall reguliert. Im Sommer sorgt viel Luftbewegung für zusätzliche Kühlung.
Für die Baugenehmigung sind drei Prozent der Bodenfläche als Lichteinfallquelle vorgeschrieben. Allein über Zuluftelemente wird diese Vorgabe in dem neuen Stall überboten. Oevermann und Ober-Sundermeier haben bei der Planung dennoch Wert auf große Giebelfenster gelegt. „Wir wollen Besuchern die Gelegenheit geben, ins Stallinnere zu schauen und sich ein Bild von den Haltungsbedingungen zu machen“, sagt Henrik Oevermann. Die Entscheidung wurde den Landwirten vom i.m.a. e.V. erleichtert: Der information, medien, agrar e.V. fördert diese Art Öffentlichkeitsarbeit in Landwirtschaftsbetrieben mit bis zu 1 000 € pro Betrieb.

 

Innenansicht des Stalls: Das Abteil der Gruppenhaltung ist ausgestattet mit Stroh-raufen und Beschäftigungsmaterial.

Foto: Gerd Rinas

 

 

 

 

 

 

Der neue Stall weist mehrere Besonderheiten auf. Er ist für die bisher wenig verbreitete Großgruppenhaltung konzipiert:  Jeweils 600 Tiere werden in zwei Abteilen mit jeweils zwei Buchten gehalten. Der Stall bietet außerdem Platz für ein weiteres Abteil zur Nachmast. Zum Fressbereich gelangen die Tiere durch eine Schleuse. Darin wird jedes Schwein von einer Kamera erfasst und  vermessen.

 

Besonderheit: Henrik Ober-Sundermeier vor der "Kamerawaage".

Foto: Gerd Rinas

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bei dieser „Kamerawaage“ (Optisort) handelt es sich um eine Entwicklung der Emsbührener Stallbaufirma. Mit dem Verfahren können die Schweine sowohl nach der Lebendmasse  als auch nach der Qualität von Teilstücken sortiert werden. „Das ist ein großer Vorteil. Wir vermeiden dadurch Sortierverluste bei der Vermarktung, die bei der visuellen Begutachtung schlachtreifer Schweine  durch Mitarbeiter an der Tagesordnung sind. Nach wissenschaftlichen Untersuchungen entstehen dadurch Mindereinnahmen sonst von bis zu 2,80 Euro pro Tier.“


Vorbehalte, die in Fachmedien gegenüber der Großgruppenhaltung in der Schweinemast wegen vermeintlich geringerer Tageszunahmen im Vergleich zur Kleingruppenhaltung geäußert werden, können Henrik Oevermann und Henrik Ober-Sundermeier nicht bestätigen. „Unsere Erfahrungen sind  gut. Wir halten seit sechs Jahren 1 200 Schweine in Großgruppen mit Kamerawaage.“ Die Tageszunahmen liegen bei durchschnittlich über 950 g pro Tier. Im Bestand sind Duroc-Schweine, auch in der Vaterlinie setzen die Landwirte auf dänische Genetik. In der Statistik sind 1,2 % Verluste und 0,3 % vorzeitige Abgänge ausgewiesen, durchweg akzeptable Werte, so Landwirt Ober-Sundermeier.
Die Kontrolle der Tiere in den Großgruppen durch die Mitarbeiter sei gewährleistet. „Sie ist sogar intensiver, weil die Tiere direkt im Bestand und nicht wie in der Kleingruppenhaltung mittelbar vom Gang zwischen den Buchten beobachtet werden“, so Henrik Ober-Sundermeier.


Den Umgang mit der Schleuse erlernen die Schweine nach Angaben der Landwirte schnell. Zunächst gelangen die Tiere durch die offene Schleuse zum Fressbereich. Nach zehn Tagen wird bei Eintritt in die pneumatisch gesteuerte Schleuse die hintere Tür geschlossen. Vier Tage später wird die Schleuse „scharf“ geschaltet, die Schweine werden von der Kamera vermessen, die Daten an den Computer übermittelt. Ab einem Gewicht von 100 Kilogramm öffnet sich ein Ausgang in einen bestimmten Fressbereich mit dem entsprechenden Futterangebot. „Tiere mit mehr als 120 Kilo werden aussortiert“, erläutert Henrik Ober-Sundermeier. Nach 75 bis 80 Tagen werden die ersten Tiere abgesammelt und in den Fressbereich mit energetisch reduziertem Futterangebot geleitet. Nach 98 Tagen ist das Mastendgewicht von 123 kg erreicht.

 

Förderung vom Land


Großen Wert wurde beim Stallbau auf das Tierwohl gelegt. Statt der vorgeschriebenen 0,75 m2 steht jedem Tier ca. 1 m2 Fläche zur Verfügung. Über 40 % der Stallfläche verfügen über einen sogenannten Komfortboden. Dieser hat statt der erlaubten 15 % nur 5,5 % Schlitzanteil. In der Gruppenhaltung finden sich Strohraufen und Beschäftigungsmaterial. Ein „Aerocleanersystem“ sorgt für ein tierfreundliches Stallklima: Tierische Öle, die eingesprüht werden, binden Staub und Geruch und verringern den Ammoniakgehalt und die Temperatur. LED-Lampen mindern den Energieverbrauch um 50 %.


Die Kosten für den Neubau betragen nach Angaben der Landwirte unter 500 € pro Tierplatz. Über die gesetzlichen Anforderungen hinausgehende Belange des Tierwohls verteuerten den Bau um ca. 15 %. Hierfür gab es eine 40 %-ige Förderung. Das gesamte Projekt wurde nach dem Agrarinvestitionsförderprogramm vom Land mit 20 % der Baukosten gefördert. „Das war für uns eine wichtige Unterstützung. Den Ausschlag für die Investition hat aber unser Betriebskonzept gegeben“, erläutert Henrik Oevermann. „Ohne die Schweine würde es nicht so gut aufgehen.“


Die beiden Landwirte bewirtschaften in der Gemarkung Groß Bäbelin 600 ha LF mit durchschnittlich 25 Bodenpunkten. Angebaut werden Weizen, Gerste, Mais, Zuckerrüben, Roggen und Raps. Alle Kulturen werden aufgrund des geringen Wasserhaltevermögens des leichten Bodens mit mobilen Regnern bewässert. „Wir brauchen die Gülle aus der Schweineproduktion, um die Bodenfruchtbarkeit zu erhalten, und für die Stromproduktion in unserer 600 kW-Biogasanlage“, erläutert Henrik Ober-Sundermeier. „Mit der Veredlung bringen wir die Kreislaufwirtschaft hier in Schwung.“

 

Bald  Geld verdienen


Insgesamt werden am Standort 6 000 Schweine gehalten. Im Unternehmen sind sieben Mitarbeiter beschäftigt, davon ein Auszubildender, ein zweiter Azubi soll mit Beginn des neuen Ausbildungsjahres hinzukommen.


„Mit dem neuen Stall haben wir eine Bestandesgröße erreicht, die sowohl die Wirtschaftlichkeit als auch die Beschäftigung im Unternehmen für die nächsten Jahre sichert. Nach dem offiziellen Startschuss in der vorigen Woche soll in der nächsten Woche eingestallt werden. Dabei verhehlt Henrik Ober-Sundermeier nicht seine Hoffnung, auch mit den Schweinen bald wieder Geld zu verdienen.

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