Der Auslauf des auf zwei Seiten geöffneten Stall dient als Laufgang um die Liegefläche. (c) Michael Götz/ Heini Adler

Vom Anbindestall zum Laufstall

Aus einem Anbindestall lässt sich nicht leicht ein Laufstall machen. Einer Landwirtin in der Schweiz ist es gelungen, die veraltete Unterkunft für Milchrinder in ein luftiges Heim für Mutterkühe zu verwandeln.

Von Dr. Michael Götz, Eggersriet, Schweiz

Bis Januar war der Brandhof in Hemberg im St. Gallischen Toggenburg (Schweiz) ein für die Region typischer Milchviehbetrieb mit eigener Aufzucht. Dann stellte Familie Alder auf Mutterkühe um. Das bedeutete, den Stall umzubauen und Kühe zu finden, die sich gut für Mutterkuhhaltung eignen sowie deren Fleisch gewinnbringend zu vermarkten.

LaufstALL: Geschickt umgebaut

Doch zuerst stellten sie sich die Frage: Wie baut man eine Anbindehaltung in einen Laufstall für Mutterkühe und ihre Kälber um? „Wir hatten lange überlegt“, erzählt Sarah Alder. Die Agraringenieurin hat den Hof im Jahr 2016 von ihren Eltern übernommen. Die Herausforderung lag vor allem darin, im bestehenden Stall genügend Platz für einen Laufstall zu finden, ohne extra anbauen zu müssen.

Mutter mit Kalb
(c) Michael Götz/ Heini Adler

Christian Manser, Berater und Kuhsignaltrainer am Landwirtschaftlichen Zentrum St. Gallen (LZSG), kam mit der Idee, ein Futterband einzubauen, um eine breite Futterdurchfahrt einzusparen.
Noch mehr Platz gab es, indem der Auslauf auf einer Längs- und Querseite des Stalles zugleich als Laufgang dient. Das ermöglicht einen Rundlauf um den gesamten Liegebereich.

Der umgebaute Stall ist hell und gut durchlüftet, da die Wände auf der Süd- und Ostseite bis auf die Stützen entfernt wurden. An dem sonnigen Februarmorgen gelangen die Sonnenstrahlen weit in die Mitte des Stalles. „Sie töten Keime ab und wärmen die Kälber auf der Tiefstreu“, sieht Sarah Alder die Vorteile.
Links und rechts der Tiefstreu befinden sich je sieben Liegeboxen mit einer Kalk-/Strohmatratze. „Diese haben wir aus dem Anbindestall entnommen“, erzählt Heini Alder, der pensionierte Betriebsleiter, der weiterhin auf dem Betrieb mitarbeitet. Es braucht nämlich Zeit, bis sich eine neue Kalk-/Strohmatratze verfestigt hat.

Die meisten Kühe sind gerade am Fressen am Fressgitter entlang der hinteren Längsseite des Stalles. Die Wand dort blieb zwar bestehen, aber die Fenster sind ausgehängt und lassen sich gegen den Nordwind durch einen Vorhang schließen. Zum Füttern werfen die Landwirte Heu und Silage von der Heubühne auf das elektrisch betriebene Futterband.

Die Kälber fressen in einem für sie zugänglichen Kälberschlupf, wo das beste Futter vorgelegt wird. Die Futterreste lassen sich mit dem Futterband rückwärts aus dem Stall befördern. Sie fallen auf den Boden der Scheune und kommen auf den Misthaufen.

Entspannte Pinzgauer

Das Futterband entlang der Stallrückwand benötigt wenig Platz und lässt sich von der Heubühne aus beschicken.
Das Futterband entlang der Stallrückwand benötigt wenig Platz und lässt sich von der Heubühne aus beschicken. (c) Michael Götz/ Heini Adler

Auf dem Brandhof fallen die 14 kastanienbraunen Pinzgauer Kühe mit dem weißen Bauch und der weißen Linie über dem Rücken auf.
Sie haben ihren Ursprung im Salzburgerland. „Die Pinzgauer gefallen mir“, schwärmt Sarah Alder. „Wir haben eine ruhige und mittelschwere Kuh mit guten Klauen gesucht, die zu unserem teils steilen Land in der Bergzone passt“, erklärt sie.

Die Kuh sollte das Raufutter gut verwerten und ohne Kraftfutter eine gute Milchleistung erbringen, um ihre Kälber optimal zu versorgen, damit diese hohe Tageszunahmen erreichen. Die Kühe haben ein ruhiges und umgängliches Wesen und sind – auch wenn sie Kälber führen – nicht aggressiv gegenüber Fremden. Sicher trägt dazu auch das enge Mensch-Tier-Verhältnis bei, denn Familie Alder hält sich viel bei den Tieren auf. Vater und Tochter striegeln und bürsten das Fell ihrer Tiere.

Zum Abkalben werden die Kühe in eine separate Abkalbebucht neben der Herde gebracht. Dank schwenkbarer Gatter lassen sie sich dort für Behandlungen fixieren. Sarah Alder möchte keinen Stier in der Herde haben, zum einen wegen der Gefahr für den Menschen. Zum anderen könnte der Stier den weiblichen Nachwuchs, der bis zum Alter von zehn bis elf Monaten im Stall bleibt, unerwünscht decken.

Technische Hilfe im Laufstall

Das Reinigen der Stallgänge übernimmt ein Entmistungsroboter. Er läuft ruhig und schiebt den Mist in ein Abflussrohr zur Güllegrube im Auslauf. Die Kühe weichen ihm aus und haben keine Probleme mit ihm, beobachtet Heini Alder. Für die Stallplanung war es wichtig, dass die Laufgänge keine Schwellen und Stufen aufweisen, damit der Entmistungsroboter überall und ungehindert seine Arbeit verrichten kann. Dort, wo einige Deckenstützen dem Roboter den Weg versperren, ist allerdings noch Handarbeit nötig. Das war beim Umbau nicht zu vermeiden.

Der Boden im Liegeboxenbereich liegt 20 cm unter dem Laufgangniveau, um damit den Aufbau einer kompakten, circa 40 cm dicken Kalkstrohmatratze zu ermöglichen. Zum Ausmisten der Tiefstreu im Liegebereich der Kälber und in der Abkalbebucht verwenden Alders einen Weidemann Hoftrac mit einer großen Schaufel. Die Stallhöhe ist mit 2,55 m hoch genug. Mit dem Hoftrac transportieren die Alders Silo- und Heuballen, hieven diese auf die Heubühne und bringen Stroh-Quaderballen direkt auf die Liegefläche der Kälber. Große Hilfe leistete der Hoftrac beim Stallumbau, der mit viel Eigenleistung erfolgte.

Kuhkomfort im laufstall

Die Landwirte ließen sich beim Umbau von den grundlegenden Bedürfnissen der Kühe leiten, welche Kuhsignaltrainer Christian Manser als die sechs Freiheiten der Kühe bezeichnet: Licht, Luft, Raum, Ruhe, wiederkäuergerechtes Futter und dauernd zugängliches Wasser.

„Kühe sind keine Höhlenbewohner“, hört man Manser immer wieder betonen. Es bedarf etwas Mut, ganze Stallseiten zu öffnen. Doch Familie Alder hat bisher nur gute Erfahrungen gemacht. „Der Liegeplatz muss trocken sein. Das ist das A und O“, sagt der Landwirt. Bis jetzt hatten sie kein einziges Kalb mit Lungenentzündung.

Dank eigenen Quellwassers steht den Tieren ein großer Brunnentrog mit fließendem Wasser zur Verfügung. Allgemein bietet der „neue“ Stall mehr Lebensqualität. „Wir können sogar in die Ferien“, bemerkt Sarahs Mutter Heidrun. „Die Arbeit wurde erleichtert“, sieht der Vater als großen Vorteil. Im Sommer ist mehr Zeit zum Heuen. Wären sie bei der Milchproduktion geblieben, hätten sie in einen Melkroboter investieren müssen, wofür der Betrieb zu klein ist. Mit der neuen Mutterkuhhaltung hat sich die Familie bestens angefreundet.

Kosten und Vermarktung

Der Umbau kostete 4.500 bis 5.500 Euro je Kuhplatz, allerdings ohne den Entmistungsroboter, der zusätzlich mit etwa 1.800 Euro je Kuhplatz zu Buche schlägt. Technische Einrichtungen lassen sich in kleineren Betrieben weniger gut amortisieren. Dank des Entmistungsroboters konnte man Spaltenböden und zusätzliche Güllekanäle und somit Geld einsparen.

Produkte wie „Saftplätzli“ bietet  Sarah Alder im Direktverkauf und  als „Natura-Beef“ über den  Handel an.
Produkte wie „Saftplätzli“ bietet Sarah Alder im Direktverkauf und als „Natura-Beef“ über den Handel an. (c) Michael Götz/ Heini Adler

Die Familie setzt jetzt auf den Verkauf von Fleisch. Ein Metzger im Dorf Bächli schlachtet die Kälber. Sarah Alders Ziel ist die Direktvermarktung. Zusammen mit ihrem Mann Mario, der als Wirtschaftsinformatiker arbeitet, hat sie begonnen, das Fleisch in Form von Mischpaketen anzubieten. Ein ansehnlicher Kundenstamm sei bereits vorhanden. Der Rest komme unter dem Gütezeichen „Natura-Beef“ in den Handel.

Nach dem Umbau des Stalles dürfte die Vermarktung die zweite größere Herausforderung bei der Umstellung von Milch- auf Mutterkuhhaltung sein. Die Familie ist dabei optimistisch. Sie setzt auf eine Kundschaft, die Wert auf eine naturgemäße Haltung, regionale Produktion und eine hohe Fleischqualität legt. „Das Fleisch der Pinzgauer ist sensationell“, fügt die Bäuerin hinzu.

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