Für das Rekordgebot von 89.000 € wechselte das homozygot hornlose Jungrind DED Rosy den Besitzer, bleibt aber im Zuchtgebiet der RinderAllianz. (c) RinderAllianz

Rinderauktion in Karow: Einblicke in die Spitzenzucht

Fallende Milchpreise und Rekordgebote auf Auktionen – wie passt das zusammen? Nur scheinbar ein Widerspruch, argumentiert man bei der RinderAllianz und gewährt Einblicke in die Welt der Spitzenzucht.

Von Ralf Stephan und Detlef Finger

Wie kommt es eigentlich, dass auch in Zeiten niedriger Milcherzeugerpreise bei Auktionen mit Holstein-Spitzengenetik Höchstpreise bezahlt werden? Welches Bild entsteht dadurch außerhalb des überschaubaren Kreises der Top-Züchter? Wäre weniger nicht mehr?

Das fragte sich die Bauernzeitung, als sie die Ergebnisse des 28. Sunrise Sale kommentierte (Bauernzeitung Ausgabe 14/2023, S. 3). Die Auktion in Karow endete mit einem Rekordgebot von 89.000€ für ein zehn Monate altes Jungrind, verschob aber auch beim Durchschnittspreis die Grenze deutlich nach oben.

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Spitzenzucht nur für kleinen Teil ein Geschäft

Bei der RinderAllianz ist man sich der Problematik durchaus bewusst. „Deshalb haben wir sowohl in unserer Pressemitteilung als auch im Gespräch mit der Nachrichtenagentur ausdrücklich darauf hingewiesen, warum dies nur scheinbar ein Widerspruch ist“, erklärt Dr. Sabine Krüger, Geschäftsführerin der RinderAllianz, im Redaktionsgespräch mit der Bauernzeitung. Es handele sich eben um zwei verschiedene Geschäftsfelder, die sich zwar gegenseitig bedingen würden, aber nach eigenen Regeln funktionierten. Wahr sei jedoch auch: Noch nie wurde in Europa eine solche Rekordsumme bei einer Verkaufsveranstaltung für Rinder erzielt.

Dass Karow und der Sunrise Sale damit regelrecht an die Spitze der Auktionen katapultiert wurden, sei ein toller Erfolg aller Beteiligten. Angesichts des harten internationalen Geschäfts, welches besonders durch private Unternehmen aus Übersee forciert wird, habe man es als relativ kleine Zuchtorganisation „dringend nötig, dann auch mal richtig auf die „Pauke zu hauen“, sagt Krüger.

Die Geschäftsführerin räumt ein, dass die Spitzenzucht nur für einen verhältnismäßig kleinen Teil der Milchviehhalter ein Geschäft ist. Das sei nicht anders als bei einer Tierschau: Nur drei bis fünf Prozent der Tierhalter zeigen dort ihre Tiere, aber Hunderte interessieren sich dafür, sitzen auf den Rängen und wollen das gemeinschaftliche Event erleben. Die Fortschritte der Zuchtarbeit könnten jedoch alle nutzen. „Die Zahlen aus den Betrieben zeigen doch, dass sich der Aufwand lohnt: die Lebensleistung der Tiere steigt tatsächlich, die Gesundheit wird besser“, so Krüger.

Spitzengenetik mit umfangreichem Service

Und warum lohnt es sich für einen Betrieb, einen Rekordpreis für ein zehn Monate altes Jungrind auszugeben? Zuchtexperte Alexander Braune verweist im Redaktionsgespräch darauf, dass Zuchtorganisationen den Käufern solcher Tiere einen umfangreichen Service mitliefern. Zum einen wisse jeder Bieter heute dank der genomischen Selektion anders als früher schon sehr zeitig und mit relativer Sicherheit (60–65 %), welche genetischen Eigenschaften das Tier mitbringt.

DED Rosy, die den Rekordpreis erzielte, ist z.B. homozygot hornlos und bringt damit eine sehr gefragte Voraussetzung mit. „Wir unterstützen den Betrieb dabei, dieses Potenzial auch zu vermarkten“, sagt Braune. Dies geschehe „in Form von Biotechnologie“. Die RinderAllianz unterhält dafür mit ihren fünf deutschen Partnern in der PhönixGroup sogenannte Donorenhotels. Das sind mustergültig eingerichtete Stationen, in denen seit März 2021 Spenderrinder ab dem sechsten Lebensmonat für ungefähr ein Jahr eingestallt werden.

Die „Top-Donoren“ sollen mit mindestens 30 Embryonen ihren Beitrag für die Bullenselektion von morgen liefern. Der Phönix-Partner RBB (Rinderproduktion Berlin-Brandenburg) unterhält eine solche Station in Dabergotz. „Dank dieser ausgereiften Technologie kann der Erwerber eines genetisch hochveranlagten Tieres mit hoher Sicherheit davon ausgehen, dass er relativ schnell mehrere Nachkommen erhält, die einen vergleichbaren Zuchtwert haben wie die Mutter – oder bestenfalls noch höher“, berichtet Braune.

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Grand Champion-Kuh der DSN-Schau ist Gertrude von der Agrargenossenschaft Gräfendorf (Vater: General), geführt von Daniel Thiere. Die Ehrung nahmen Hartmut Aust vom Landwirtschaftsministerium Brandenburg, Frank Groß, Vorsitzender des RZB, und Michael Jänsch, Verein Genreserve DSN (v. l.), vor. © RBB GmbH

Spitzengenetik möglichst behalten

Sind die Tiere also deshalb so teuer, weil aufwändige Biotechniklabore und Donorenhotels unterhalten werden? Das würde Braune im Vergleich zu den traditionellen Zuchtmethoden, deren Ergebnisse erst nach drei bis vier Jahren vorliegen, nicht unterschreiben. „Bullen auf Stationen zu prüfen, kostet nicht nur viel mehr Zeit, sondern erfordert ebenfalls einen hohen Aufwand an Ausstattung, Futter und Personal“, wendet er ein. Zudem schaffe es im Schnitt nur einer von 20 sogenannten Wartebullen zum Spitzenvererber.

Braune zufolge hat die Rinder-Allianz im Vorjahr 31 genetisch hochveranlagte weibliche Tiere auf Donorenstationen und weitere 95 Rinder auf den Betrieben zusammen gut 300 Mal genutzt und dabei knapp 1.200 Embryonen gewinnen können. Weitere 85 seien im Ausland zugekauft worden. Die besten weiblichen und männlichen Nachkommen der Spitzentiere sollen nach Möglichkeit in das Zuchtprogramm einfließen.

Somit wird auch der Zuchtfortschritt in den Ställen der Mitgliedsbetriebe vorangetrieben. „Den Preis bestimmen der Wert des Angebotes und die Nachfrage“, ergänzt Sabine Krüger. Käufer wüssten heute genau, was sie bekämen. „Von einem ein Jahr alten Bullen zu wissen, ob er gesunde Nachkommen haben wird, das ist sensationell und wird vom Markt entsprechend gewürdigt.“

Auktion im Saal
Der gut gefüllte Saal und die Online-Plattform „Live-Sales“ sorgten für eine Auktion mit Rekordpreisen. Kaufinteressenten konnten sich schon im Vorfeld der Veranstaltung online informieren und registrieren. (c)

Auktionen gut für Geschäft und Stimmung

Üblich sei es daher auch, Auktionstiere mit zuvor mit Zuchtorganisationen abgeschlossenen Verträgen für den Ankauf von Embryonen und daraus entstehenden Bullen auf die Bühne zu schicken. Die Geschäftsführerin bestätigt, dass es auf Auktionen Bietergemeinschaften von mehreren Züchtern, aber auch von Züchtern und Zuchtorganisationen gibt, die dann erlösseitig an den Ergebnissen anteilig partizipieren.

Auch die RinderAllianz lege im Einzelfall etwas dazu, wenn es darum geht, ein Spitzentier im eigenen Zuchtgebiet zu halten. „Das ist uns wichtig, und wenn es gelingt, freuen wir uns“, sagt Krüger. Denn moderne Zuchtprogramme bräuchten den stetigen Zufluss immer neuer Genetik. Dieser sei essenziell, um den rasanten Zuchtfortschritt durch die genomische Selektion zu sichern. Die Kosten für Letztere betrügen pro Tier etwa ca. 35 € und würden von der Zuchtorganisation getragen. Relativ sichere Informationen zum genomischen Wert der Tiere machen Auktionen für interessierte Züchter noch interessanter, ergänzt Krüger. Damit ließen sich zudem mehrere Segmente bedienen, etwa Betriebe, die Wert auf Schaukühe legen, andere, die Sonderrassen züchten, oder dritte, die Elitezucht betreiben.

Rinderauktionen haben auch emotionalen Aspekt

Für jede Kategorie ihrer Mitglieder – auch den „normalen“ Milchviehhalter – halten die Zuchtorganisationen passende Angebote vor. Mancher wünsche sich auch in der Zucht, an traditionellen Verfahren festzuhalten, weiß Sabine Krüger. Einige Landwirte lehnten das genomische Verfahren sogar ab, ihre Zahl werde allerdings zunehmend geringer. Die Frage, warum es große Auktionen braucht, wenn sich manches Geschäft genauso gut oder vielleicht sogar besser „im Stallgang“ abschließen ließe, hält man bei der RinderAllianz für durchaus berechtigt. Denn ein größeres Publikum ist nicht automatisch Garantie für einen höheren Preis. Auf der anderen Seite bleiben bei „Stallgang-Geschäften“ viele Interessenten außen vor. „Auktionen sind als Event wichtig für die Außendarstellung und letztlich für die Züchter, die sich dort präsentieren“, sagt Krüger. Zudem gebe es dort durchgängige Transparenz.

Das gelte ausdrücklich auch für die im Vorfeld getroffenen Absprachen oder bereits abgeschlossene Embryonenverträge: „Jeder Interessent hat dieselben Informationen.“ Nicht zuletzt geht es bei Tierschauen und Auktionen immer auch darum, angesichts der vielen Herausforderungen, vor denen Milchviehhalter täglich stehen, positive Stimmung zu transportieren, fasst Alexander Braune abschließend zusammen. Solche Veranstaltungen haben neben dem geschäftlichen Teil auch einen emotionalen Aspekt. Dazu gehöre ein gewisser Berufsstolz, der hier an den Tag gelegt werde. Nur so lasse sich auch der Berufsnachwuchs motivieren, der sich meist besonders für das Gelingen dieser Veranstaltungen engagiere.

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