Die Rinder finden auch bei schneebedecktem Boden ausreichend Futter. © LFULG

Ist die Winterweide sinnvoll für die Grundfutterversorgung?

Der Winter steht vor der Tür und mit ihm die Frage: Wie sinnvoll ist die Winterweide für die Grobfutterversorgung von Rindern? Unser Experte gibt Hinweise zu Bedarfsdeckung und Fütterungserfolg.

Von Prof. Olaf Steinhöfel, LfULG

Die Situation am Futtermittelmarkt zwingt Milchviehhalter dazu, verstärkt über die Grobfutterveredlung mit Weidehaltung nachzudenken und das Kraftfutter auf das nötige Maß zurückzufahren. Über die Weidehaltung als eine Option berichteten wir in Bauernzeitung 15/2022, S. 54, von der Köllitscher Praxis, die seit vier Jahren die Weidehaltung von Jungrindern, trockenstehenden Kühen und Altmelkern fokussiert.

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Halbtagsweide für spätlaktierende Kühe empfehlenswert

Die Halbtagsweide ist für spätlaktierende Kühe der spezialisierten Rasse Holstein Friesian zu empfehlen. Der Leistungsverlust während der Weide konnte nach nur 100 Tagen in der Folgelaktation ausgeglichen werden, und die Milch-, Gesundheits- und Fruchtbarkeitsleistungen in der Folgelaktation waren signifikant höher. Auch bei Jungrindern waren zu Beginn geringere Wachstumsintensitäten bei Weidegang der Grund für ein im Vergleich zur Stallhaltung um 1,5 Monate verzögertes Erstbesamungsalter. Aber die Trächtigkeitsrate der Erstbesamung war jedoch besser.

Die Winterweide im Praxis-Check

Um die Grobfutterversorgung von Rindern, insbesondere nicht laktierenden Tieren, auch im Winter zu sichern, wurde die Winterweide hinterfragt. Die zweijährigen Untersuchungen fanden auf zwei Flächen (Dauergrünland-Standweide mit 0,9 GV/ha) statt. In siebenwöchigem Rhythmus über die Wintermonate wurden Futterproben mit einem Frontmäher geschnitten und im Labor untersucht.

Neben der laboranalytischen Prüfung wurden die gewonnenen Proben im Standardverdauungsversuch mit Hammeln getestet. Ergebnis: Wie nicht anders zu erwarten, besteht der nach Vegetationsende verbleibende Weiderest aus abgestorbenen Pflanzenteilen, die durch sehr hohen Faser- und Lignin- sowie durch geringe Protein-, Energie- und Mineralstoffgehalte gekennzeichnet waren. Die Verdaulichkeit der organischen Masse lag im Mittel der Nutzungstermine zwischen 40–60 %, die mittlere Energie bei 3,2–4,9 MJ NEL/kg TM. Dies ist als Futterbasis grenzwertig, es deckte rechnerisch im Extremfall nicht den Erhaltungsbedarf.

Aber erstaunlich war, dass – sieht man von etwas Körperenergiemobilisation ab – die Rinder fit blieben und keinerlei Anzeichen für eine existenzbedrohende Unterversorgung oder gar Krankheitsanzeichen zeigten, was zur sofortigen Zufütterung von energiereichem Grobfutter bzw. der Stallfütterung geführt hätte. Warum war dies so?

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Bedarfsdeckung und Fütterungserfolg: Welche Faktoren entscheidend sind

Entscheidend für Bedarfsdeckung und Fütterungserfolg war nicht das Futter, das geerntet wurde, sondern das Futter, das die Rinder tatsächlich fraßen. Die Rinder hatten ausreichend Fläche zum Grasen und sind nachweislich mehr als doppelt so viele Schritte gelaufen, um einen Bissen zu realisieren, als in der Vegetationszeit. Dies hat interessanterweise eine ethologische Studie gezeigt, wo jede Bewegung der Tiere videoüberwacht wurde. Zwischen der rechnerisch ermittelten Bedarfsdeckung und der tatsächlichen Leistung der Rinder wurde in den Untersuchungen ein deutlicher Unterschied nachgewiesen. Dies lag daran, dass die Rinder nicht den kompletten Aufwuchs fressen, sondern das Weidefutter selektieren.

Um zu ermitteln, welchen Futterwert das von den Rindern tatsächlich gefressene Futter aufwies, wurde die Verdaulichkeit des „gefressenen“ Futters über eine Schätzmethode, die sogenannte Kotstickstoffmethode, kalkuliert. Eindrucksvolles Ergebnis: Der über die Kot-N-Methode ermittelte Futterwert des „verzehrten Futters“ unterschied sich deutlich von dem des „geschnittenen“ Weidefutters. Die kalkulierte Verdaulichkeit der organischen Masse bewegte sich zwischen 60–81 %. Der energetische Futterwert lag fast immer >6 MJ NEL/kg TM. Dies kann mit einer ausreichend hohen Möglichkeit zur Futterselektion begründet werden.

Fazit: Warum sich die Winterweide lohnen kann

In der schneefreien Zeit könnte das Winterweiden durchaus interessant sein. Schöner Mitnahmeeffekt wäre die Einsparung von Einstreustroh, obwohl auch auf Winterweiden eine eingestreute Liegefläche an einem windgeschützten Standort durchaus angebracht ist. Nicht ganz unbedeutsam dabei ist sicher, wie die Grünlandfläche in den Winter geht und ob die Schneedecke den Futterzugang nicht unmöglich macht.


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