Symbolfoto (c) imago images / Michael Schick

Doppelte Lottchen

Am 22. Januar, dem Tag des Zweinutzungshuhns, stehen Hühnerrassen im Mittelpunkt, bei denen beide Geschlechter genutzt werden. Bekommt deren Zucht mit dem Verbot des Kükentötens in Deutschland Aufschwung?

Männliche Küken der Legelinien sind für die Geflügelwirtschaft uninteressant. In Deutschland wurden 45 Millionen von ihnen daher direkt nach dem Schlupf mit CO2 getötet. Auf vielen Eierpackungen stehen nun Angaben wie „ohne Kükentöten“. Denn seit 2022 ist es in Deutschland verboten.


Was seitdem geschah, besprechen wir in einer der nächsten Ausgaben näher. Prof. Bernhard Hörning von der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde hält vorerst fest: „In Deutschland dominierte 2022 nun (noch) mit circa 70 % die Aufzucht der Bruderhähne. Die Eier verteuern sich durch die Bruderhahnmast um circa 1,7–2,3 ct/Ei.

Zweifach nutzbar

Ein Weg neben der Aufzucht der Bruderhähne mit doch recht schlechter Ressourceneffizienz in der Mast und schlechter Vermarktungsmöglichkeiten ist das Zweinutzungshuhn. Was ist ein Zweinutzungshuhn?

Es gibt nach Auskunft von Prof. Hörning keine allgemein verbindliche Definition. Es kommen Rassehühner, Einfachkreuzungen oder Hybridhühner infrage. Unterschiedliche Leistungsschwerpunkte sind möglich (lege- oder mastbetont). Der Hahn soll sich dabei über den Fleischverkauf
selber tragen.

Solche naturnahen Rassen sind in den vergangenen Jahrzehnten durch eine rein leistungsorientierte Zucht von Hybridtieren, die entweder auf Mast- oder Legeleistung spezialisiert sind, verdrängt worden. Dadurch kam das Töten männlicher Küken der Legehybriden direkt nach dem Schlupf erst auf. Heutige Herkünfte von Zweinutzungshühnern stammen aus (un-)selektierten (alten) Rassehühnern oder Gebrauchskreuzungen wie Bresse, New Hampshire, White Rock, Lohmann Dual, Coffee-Hühner.

Die Ökologische Tierzucht gGmbH (ÖTZ) hat seit ihrer Gründung im Jahr 2015 durch die Bioverbände Bioland und Demeter intensiv an einer ökologischen Züchtung von gewerblich einsetzbaren Zweinutzungshühnern gearbeitet. Mit den Kreuzungen „Coffee“ und „Cream“ stehen inzwischen Zweinutzungslinien zur Verfügung, deren Hennen im Durchschnitt 230 Eier/Jahr legen und deren Hähne mit 21–24 g Zunahmen/Tag (TZ) genug Fleisch ansetzen (Schlachtgewicht der Hähne in der 14. Lebenswoche: 1,5 kg).

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Die Leistungen sind abrufbar: kurzelinks.de/bkf6. Projekte wie RegioHuhn oder ZweiWert (naturland.de), Öko-2Huhn (orgprints.org), Must2 (Universität Bonn) oder Sachsenhuhn (HS Dresden) befass(t)en sich mit speziellen Aspekten der Weiterentwicklung von Zweinutzungshühnern und Wegen der regionalen nachhaltigen Nutzung.

„Die Besonderheit an RegioHuhn: Es wird mit in Deutschland einheimischen und vom Aussterben bedrohten Rassen gearbeitet“, so Olivia Muesseler, Geflügelexpertin bei Naturland und Projektmitarbeiterin. Auf Basis traditioneller Hühnerrassen werden neue Zweinutzungshühner gezüchtet, die wieder beides können: Eier legen und Fleisch ansetzen.

Im Rahmen des dreijährigen Projekts wird die Nutzbarkeit von sechs lokalen und gefährdeten Hühnerrassen wie Altsteirer, Ostfriesische Möwe, Augsburger, Bielefelder Kennhühner, Ramelsloher oder Mechelner im Ökolandbau untersucht. Eine reinrassige alte Rasse wie die Altsteirer Henne legt rund 180 Eier pro Jahr – mit Schwankungen zwischen den Jahren und so teuer kann auch kein Biobetrieb seine Eier verkaufen, dass sich die Haltung lohnen würde, unterstreicht Olivia Müsseler.

Solche Projekte wie die Zucht von Zweinutzungshühnern leisten aber auch einen Beitrag zur Vielfalt für den Ökolandbau mit regionalem Bezug. Durch die Zuchtarbeit wird der Bestand der alten Rassen gesichert. Sie zeichnen sich vor allem durch ihre größere Robustheit aus. Die reinrassigen Hühner sind aktuell bei der Uni Bonn untergebracht und werden in einem geschlossenen Zuchtbuch weiter verbessert. Die alten Hühnerrassen wie im Projekt RegioHuhn wurden mit einer lege- oder mastbetonten Henne gekreuzt.

Vor- und Nachteile

Forscher der Universität Göttingen und des Friedrich-Loeffler-Instituts untersuchten die Potenziale regionaler Rassen und Wertschöpfungsketten vom Futterbau bis zur Vermarktung. Eine Präsentation des Projekts „Potenziale der Nutzung regionaler Rassen und einheimischer Eiweißfuttermittel in der Geflügelproduktion (PorReE)“ ist unter kurzelinks.de/4pvj einzusehen.

Prof. Hörning erklärte bei einem Onlineseminar 2021 des Netzwerks Fokus Tierwohl an der Landwirtschaftskammer Niedersachsen, dass die Zuchtmerkmale „Fleischansatz“ und „Legeleistung“ allerdings in einer negativen Korrelation zueinander stehen. Daher können die Zweinutzungshühner nicht das gleiche Leistungsniveau erreichen wie die Hybriden, die speziell auf eines dieser Merkmale gezüchtet wurden.

Für die verbreitete Nutzung im Ökolandbau wurden im Projekt ÖkoHuhn für sie bessere Mast- und Schlachtleistungen ermittelt als bei Rassehühnern. Die Fütterung kann mit heimischen Leguminosen erfolgen. Entgegen früheren Berichten erwiesen sich im Projekt PorReE die Hühnerkreuzungen von Bresse Gauloise und White Rock bezüglich der Fütterung mit Ackerbohne und der enthaltenen antinutritiven Substanzen als unproblematisch.

Einige der geprüften Kreuzungen, insbesondere die Kombination Bresse Gauloise und White Rock, zeigten ansprechende Legeleistungen der Hennen mit 200–250 Eier/Jahr. Klar, auch die täglichen Zunahmen der Zweinutzungshühner betragen nur 20–35 g, während die Masthybriden über 60 g tägliche Zunahmen erreichen. Aber Bruderhähne der Legelinien erzielen nur etwa 15–20 g. Nachteile in der Fleischqualität gab es nicht, erklärt Prof. Hörning.

Ziel im Projekt Öko2Huhn (ÖTZ) ist das Ökohuhn der Zukunft – ein Zweinutzungshuhn, das an die Gegebenheiten eines Biobetriebs angepasst ist. Im noch laufenden Projekt werden circa 30 Herkünfte auf rund 60 Biobetrieben getestet, neben Rassehühnern auch Einfachkreuzungen sowie Angebote von Hybridzuchtunternehmen.

Die Leistungen der Gebrauchskreuzungen „Coffee“ (Bresse Gauloise * New Hampshire) und Cream (Bresse Gauloise * White Rock) sind in der Tabelle dargestellt. Insgesamt war die Legeleistung der Coffee etwas höher und die Futterverwertung besser, dafür waren aber die Eier und die Schlachthenne etwas leichter.

Steffen Joost-Meyer zu Bakum, Bioland, erklärt, dass die häufigsten Fragen der Betriebe die Fütterung von Zweinutzungshühnern betreffen. Bei niedrigerer Leistung wie bei den Zweinutzungshühnern ist der Bedarf auch geringer. Wenn gleichzeitig die Futteraufnahme höher ist – und bei Zweinutzungshühnern ist das der Fall, dann ist ein geringerer Bedarf an Rohprotein und Methionin gegeben und damit besteht ein enormes Einsparpotenzial bei der bedarfsgerechten Fütterung.

Prof. Bernhard Hörning ergänzt: „Auch wegen der großen Leistungsunterschiede der Herkünfte gibt es bisher keine abgesicherten Bedarfsempfehlungen.“ Praktische Ansätze bei Legehennen sind: Nach Leistungsspitze das Alleinfutter zunehmend mit Getreide zu strecken und (Teil-)Ersatz von Ölkuchen durch Körnerleguminosen sowie bei Masthühnern zeitweilig Junghennenfutter zugeben.

Inga Günther, ÖTZ berichtet: „Auch weil die Landwirte unter anderem das friedliche Verhalten der Tiere schätzen, kommen sie zunehmend auf Biobetrieben zum Einsatz (Nachfrage 2020 > 210.000 Tiere, circa 0,2 % der Biohühner).

“Regine Revermann, Landwirtschaftskammer Niedersachsen, hält in der Zusammenfassung des Onlineseminars zum Zeinutzungshuhn auch die Erfahrungen mit den Hühnern von Landwirtschaftsmeisterin Christine Bremer fest. Sie ist mit ihrem Biohof in Suhlendorf (Uelzen) als Impulsbetrieb beteiligt, züchtet Zweinutzungshühner und zieht die Elterntiere auf.

Begeistert ist sie von den Coffee-Hühnern. Die weiblichen und männlichen Küken werden bis zur 5. oder 6. Woche gemeinsam aufgezogen. Dann können die Tiere bereits gut voneinander unterschieden und dementsprechend separiert werden. Das Einstallgewicht der ÖTZ-Legehennen liegt bei etwa 2,1 kg (18./19. Lebenswoche). Beim Ausstallen (70. Lebenswoche) sollten die Hennen maximal 2,8 kg wiegen. Denn bei zu viel Bauchfett beginnen sie zu glucken und stellen das Legen ein.

Christine Bremer empfiehlt, die Nester möglichst unattraktiv für das Brüten zu gestalten. Sie weist darauf hin, dass die Zweinutzungshühner keine hochleistungsbedingten Krankheiten aufweisen und die Mägen dieser Tiere größer sind, wodurch die Tiere toleranter gegenüber schwankenden Nährstoffdichten im Futter sind. Die Tiere sind hervorragende Resteverwerter

Altsteirer Huhn

Alexander Schäfer, Naturland-Bauer im unterfränkischen Bad Bocklet, hat jeweils zur Hälfte Hähne und Hennen einer Kreuzung der alten Haushuhnrasse Altsteirer eingestallt. Durch den markanten Federschopf sind die Hühner auf den ersten Blick etwas Besonderes.

Der Biohof ist einer von insgesamt 19 Naturland-Betrieben im Projekt RegioHuhn. Diese sollen insgesamt zwölf Kreuzungen dieser alten Rassen in der Praxis testen. Die Tiere von Alexander Schäfer sind eine Kreuzung aus Altsteirern mit einer modernen Legerasse. Seit September 2021 zieht er sie in einem zum Mobilstall umgebauten Bauwagen auf.

Olivia Müsseler begleitet die Betriebe und meint: „Irgendwo zwischen 200–250 Eiern im Jahr müsse es schon geben, darunter rechne sich es nicht.“ Mittlerweile bieten alle großen Zuchtunternehmen Zweinutzungsherkünfte an, so auch Hendrix (ISA Dual, Sasso Coloured Layers) oder Novogen (Novogen Dual). Ein Zweinutzungshybrid für die alternative Haltung stellte die Firma Lohmann mit dem Lohman Dual 2013 vor.

Lohmann gibt den aktuellen Leistungsstandard für die Lohmann Dual-Henne bei 72. Lebenswoche mit 281 Eier je Anfangshenne an. Das Gewicht der Hähne am 70. Lebenstag beträgt 2550 g, also eine Tageszunahme von 36 g bei einer Futterwerwertung von 1:2,5. Dabei wird in den Leistungsstandards nicht zwischen ökologisch und konventionell unterschieden.

Kosten und Vermarktung

Der Wirtschaftlichkeitsrechner Tier des KTBL (online) enthält die Kalkulation für Zweinutzungshühner (Eiererzeugung und Mast) als auch für Bruderhähne. Prof. Hörning führt im Vergleich die Gesamtkosten je Tier aus mehreren Quellen bei Bruderhahnaufzucht (Lohmannbrown) und Nutzung der Zweinutzungshähne (Lohmann-Dual) bei konventioneller und ökologischer Haltung auf.

Diese liegen bei 2,18–3,73 € für Bruderhähne im konventionellen Bereich bzw. 6,67–12,85 € bei Ökohaltung. Für konventionell gehaltene Zweinutzungshühner betragen sie 1,64–3,53€/Tier und im Ökolandbau circa 8,50 €/Tier.

Zwar sind die Kosten je Zweinutzungshahn niedriger als beim Bruderhahn, umgelegt je Ei jedoch etwas höher (1,29–3,78 ct) aufgrund der geringeren Legeleistung der Henne verglichen mit den Legehybriden. Bei bestehenden Vorteilen der Zweinutzungshühner sind allerdings die Haltung und Vermarktung dieser Tiere mit neuen Herausforderungen verbunden.

Es ergibt sich für den Verbraucher eine ihre Kaufentscheidung einbeziehen. Allerdings ist für die erfolgreiche Vermarktung die Verbraucheraufklärung sehr wichtig. Wie ein solches Zweinutzungshuhn-Projekt auch im Handel langfristig erfolgreich sein kann, zeigt bereits seit 2011 das Naturland-Fair zertifizierte-Projekt „ei-care“, das getragen wird von der Marktgesellschaft der Naturland Bauern AG und dem Berliner Biogroßhändler Terra Naturkost.

In deren Auftrag halten mehrere Betriebe im Berliner Umland Hühner einer alten französischen Landrasse namens „Les Bleues“ und RegioHühner. Die Eier werden in verschiedenen Naturkostläden in der Hauptstadt verkauft, ebenso wie das Fleisch der Hähne, die in Frankreich unter dem Namen „Bresse Gauloise“ als Delikatesse gelten. Mehr zum Projekt-ei-care unter: aktion-ei-care.de.

Nachdem die Verbraucher-Initiative „Du bist hier der Chef!“ eine faire Bioweidemilch in die Regale brachte, folgen jetzt faire Bioeier von Zweinutzungshühnern, gefüttert mit 100 % regionalen Futtermitteln. Bei einer Umfrage in hessischen Rewe-Märkten entschieden sich 79 % der Verbraucher für die Zweinutzung. Die vielen Premiumattribute wird sich allerdings nicht jeder Konsument leisten können. Die unverbindliche Preis-Empfehlung liegt bei 63 ct/Ei.

FAZIT

Die Ausweitung der Nutzung der Zweinutzungshühner in der Praxis ist abhängig von:
■ Verfügbarkeit von Rassehühnern und Kreuzungstieren sowie der Anhebung der Leistungen von Rassehühnern,
■ Positionierung des Ökolandbaus (Tierwohl, extensive Masthybriden, Erhaltung alter Rassen) und insgesamt einer besseren Kommunikation an den Verbraucher und
■ staatlicher Unterstützung der Zucht.

Dr. Annett Gefrom