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Kichererbsen aus der Börde

Ein Betriebsbesuch samt Feldbegehung bei Biolandwirt Jonas Schulze Niehoff vermittelte reichlich Wissenswertes zum Anbau der proteinreichen Hülsenfrüchte und ihrer Verwendung in der Küche.

Von Detlef Finger

Kichererbsen baut Jonas Schulze Niehoff bereits seit vier Jahren an. 2018 bestellte der Biolandwirt aus Schleibnitz bei Wanzleben (Bördekreis) zunächst knapp einen Hektar mit den Körnerleguminosen.

Der Anstoß zum versuchsweisen Anbau kam am Küchentisch: Seine Frau war beim Ausprobieren veganer Lebensmittel auf die proteinreichen Hülsenfrüchte gestoßen. Diese stammten allerdings aus Importen, was den Ehrgeiz ihres Ehegatten anstachelte: Der innovationsfreudige Biobauer setzt auf regionale Produktion, er will zudem möglichst alle Kulturen für Nahrungszwecke anbauen. So ersetzte er in seinen Fruchtfolgen Futtererbsen und Ackerbohnen teilweise durch Kichererbsen. Das erste Saatgut bezog er aus Italien.

Arbeiten im Verbund

Damit leistete Schulze Niehoff zugleich Pionier-Arbeit in Sachsen-Anhalt. Über knapp zehn Hektar im Jahr 2019 weitete er seinen Anbau auf etwa 31 ha im Vorjahr aus. Landesweit wurden 2020 nur auf rund 32 ha Kichererbsen erzeugt. 2021 stehen die Schmetterlingsblütler wieder im gleichen Umfang auf seinen Äckern in der Börde. Anfang Juli stellte der 40-Jährige die aus dem vorderen Orient stammende Kulturpflanze, die seit Jahrtausenden kultiviert wird, bei einer Feldbegehung vor. Dazu eingeladen hatte die in Halle (Saale) ansässige Zukunftsspeisen GbR. Diese widmet sich im Verbund einer gleichnamigen Operationellen Gruppe (OG) dem klimaresilienten Anbau innovativer Kulturpflanzen und der Entwicklung innovativer, gesundheitsfördernder Lebensmittel.

Zu den fünf Praxispartnern in dem geförderten Projekt gehört auch Jonas Schulze Niehoffs Landwirtschaftsbetrieb. Auf dem Betriebshof informierte zunächst Urte Grauwinkel die anwesenden Praktiker, Verarbeiter und Anwender über die verschiedenen Projekte der OG Zukunftsspeisen. Die studierte Agrar- und Umweltwissenschaftlerin leitet zusammen mit dem Ernährungsexperten Dr. Toni Meier die Operationelle Gruppe. Diese wird von wissenschaftlicher Seite von Bodenkundlern und Ernährungswissenschaftlerinnen der Martin-Luther-Universität Halle begleitet. Der Fachbereich Bodenbiogeochemie ist assoziiertes Mitglied der Gruppe.

Auch zahlreiche Studierende bringen sich aktiv in die Projekte ein. Urte Grauwinkel betonte, dass es ganz wichtig sei, die Erzeugnisse vom Acker auch „in die Küche zu bringen“. Nicht nur aus Gründen des Klimawandels müsse es „einen Wandel im Anbau und auf dem Teller“ geben. So verlangten etwa Studierende auch vegane Alternativen auf dem Speiseplan der Mensa. Großküchen für die Gemeinschaftsverpflegung könnten z. B. für entsprechende Nachfragemengen für Lebensmittel von alternativen Kulturpflanzen sorgen.

Überdies sei die Kichererbse nicht nur aus ernährungstechnischer Sicht wertvoll wegen ihrer vielen Eiweiß- und Ballaststoffe. Die Hülsenfrucht sei außerdem in der Lage, Luftstickstoff zu binden und im Boden zu fixieren. Damit leiste sie einen Beitrag zur Verbesserung der Bodenfruchtbarkeit.

Schmackhaftes aus Kichererbsen lassen die Ernährungswissenschaftlerinnen Lene Frohnert und Shirin Tessmer (v. l.) die Teilnehmenden des Feldtages ausprobieren.
Schmackhaftes aus Kichererbsen lassen die Ernährungswissenschaftlerinnen Lene Frohnert und Shirin Tessmer (v. l.) die Teilnehmenden des Feldtages ausprobieren. (c) Detlef Finger

Kaum Infos zu kichererbsen auf Deutsch

Auf dem Schlag am Pflaumenweg gab Betriebsleiter Jonas Schulze Niehoff dann seine Erfahrungen zum Kichererbsenanbau weiter. Und die waren gefragt. Denn: „Die schwierigste Herausforderung war, an Informationen dazu in deutscher Sprache zu gelangen“, wie er selbst erfahren musste.

Gedrillt hat er 2021 in einem Frühsaatversuch bereits Ende März und dann noch einmal Ende April/Anfang Mai in Normalsaat. Jeweils 110 kg/ha Saatgut aus eigener 2018er-Ernte kamen dabei in den Boden – etwa 3–5 cm tief, „ans Wasser“, wie der Landwirt es ausdrückte. Das Saatgut hatte er davor mit Knöllchenbakterien angeimpft. Das Anwalzen, wie es in Italien praktiziert wird, sei sicher vorteilhaft, erklärte er.

Aufgrund des lange Zeit kühlen Frühjahrs entwickelte sich die wärmeliebende Kultur vor allem in der Frühsaatvariante nur verhalten. Wegen der fehlender Konkurrenzkraft war hier die Spätverunkrautung höher. Das Abreinigen der Unkrautsamen aus dem Erntegut sei indes aufgrund der Korngröße der Erbsen kein Problem, sagte er.


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Hellkörnige Sorten

Kichererbsen
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Auf dem Feld wachsen die Kichererbsen in unterschiedlichen Reihenabständen (25 cm +50 cm). Diese Kombination entspreche dem Saatreihenabstand vom Mais und ermögliche den Einsatz der hierfür angepassten Hackmaschine, erklärte der Betriebsleiter. Auf einem weiteren Schlag wurde mit 12,5 cm Reihenabstand gedrillt. Die Kichererbsenpflanzen seien sehr robust und vertrügen das Striegeln gut, so Schulze Niehoff, die Witterung müsse aber passen. Ihre Druschreife werden die Kichererbsen zwischen der zweiten Augustwoche und Ende August erreichen, schätzte der Praktiker ein.

2020 hatten diese zur Ernte etwa 14 % Kornfeuchte, es waren auch schon nur 12 %. Die Samen ließen sich gut aus den Hülsen dreschen, Bruchkorn gebe es kaum oder gar nicht. Das Erntegut werde nach der Ernte auf Lagerfeuchte (<12 %) getrocknet und mittels Fotoausleser aufbereitet. Die bislang erreichten Erträge bezifferte er jahresabhängig auf 10 bis über 20 dt/ha, wobei die vergangenen drei Dürrejahre kein Vergleichsmaßstab seien. Er strebe konstant um 20 dt/ha an.

Beste Standorte für den Kichererbsenanbau seien Soja-Böden, die für diese Kultur zu wenig Wasser haben. Die Kichererbse vertrage aufgrund ihrer Herkunft selbst hohe Temperaturen von 35 bis 40 °C. Der Biobauer setzt auf halbaufrecht wachsende Arten (es gibt auch kriechend, buschig oder aufrecht wachsende Varietäten) und dabei auf in Europa gebräuchliche hellkörnige Sorten. In weiten Teilen der Welt werden dunkelkörnige Kichererbsen angebaut.

Kichererbsen: Vermarktung klären

Schulze Niehoff betonte, vor dem Anbau müsse die Vermarktung stehen. Bislang verkaufte er seine Ernte direkt ab Hof sowie über Naturkost- und Unverpackt-Läden. Seit Kurzem verarbeitet eine Berliner Firma Mehl der Börde-Kichererbsen zu „Kofu“ – einer veganen, gluten- und sojafreien Art Tofu. Das Gründerteam mit Zeevi Chaimovitch, Jörn Gutowski und Markus Treiber freut sich, nun Kichererbsen in Bioqualität aus Sachsen-Anhalt verwenden zu können. Im kommenden Jahr will Jonas Schulze Niehoff den Anbau auf rund 50 ha ausdehnen. Hinzukommen sollen 20 ha auf einem weiteren Standort seines Betriebes bei Gardelegen im Altmarkkreis Salzwedel.

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