Moderator Matthias Lech hat fünf Bodenexperten eingeladen. Screenshot: Klaus Meyer

Humus: Wichtig für Klima und Krume

Der 3. Praxis-Talk stand ganz im Fokus des Humus und wie man dessen Gehalt im Boden erhöhen kann. Warum Zwischenfrüchte dabei eine zentrale Rolle spielen und wie Humuszertifikate ein Zusatzeinkommen bieten können. 

Von Klaus Meyer

Klimaschutz in der Landwirtschaft – Chance oder Risiko? Das war gleich zu Beginn des 3. Praxis-Talks von Farm & Food 4.0, der Landakademie und der Bauernzeitung die erste Frage an die Zuschauer. Immerhin 88 % der über 400 Zuschauer sehen den Klimaschutz als Chance. Das Thema des 3. Praxis-Talks letzte Woche lautete „Boden, Klima und Moneten: Nachhaltige Landwirtschaft – ein Kassensturz“.

Die Zuschauer wurden auch gefragt, ob monetäre Anreize für den Humusaufbau notwendig sind. 61 % haben dem zugestimmt, 39 % sahen dies nicht so. Dass immerhin fast 40 % auch ohne finanzielle Förderung, ohne Humuszertifikate den Humusgehalt im Boden erhöhen würden, wertete Dr. Axel Don vom Thünen-Institut positiv.

Streitthema Humusaufbau

Doch wie soll Humusmehrung stattfinden, wenn die Düngeverordnung den hierfür notwendigen Stickstoff nicht zulässt, so die Frage eines Zuschauers. René Rempt von Novihum ist der Meinung, dass Humusmehrung nicht nur über Stickstoffzufuhr möglich ist. Das würden auch neue Untersuchungen aus Australien zeigen. Gleichzeitig braucht man vielfältigere Fruchtfolgen mit anteilmäßig mehr Sommerungen. Ohne einen intensiven Zwischenfruchtanbau geht es aber auch nicht. Mehrere Komponenten sind wichtig und Leguminosen, die zusätzlich Stickstoff in den Boden bringen. Der Bodenverbesserer Novihum kann bei der natürlichen Humusbildung und -mehrung unterstützend wirken. Mit einem Anteil von 4 % ist der enthaltene Stickstoff in den meisten Fällen kein Problem, da bei Aufwandmengen von 200 bis 500 kg/ha dem Boden nur 8 bis 20 kg/ha Stickstoff zugeführt werden.


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Der Praxis-Talk #3 zum Thema „Boden, Klima und Moneten: Nachhaltige Landwirtschaft – ein Kassensturz“ hat viel Interessantes hervorgebracht. Das Wichtigste haben wir in einem Whitepaper zusammengefasst.


Das Bodenleben zu füttern, ist für Franz Unterforsthuber von der Saaten-Union die primäre Aufgabe der Zwischenfrucht. Dazu gehört, die Nährstoffe im Kreislauf zu halten und den Nährstoffbedarf mit dem Nährstoffanfall, der aus der natürlichen Mineralisierung in den Böden kommt, zu synchronisieren. Er misst Zwischenfruchtmischungen mit vielen Komponenten für eine ausgeprägte Mykorrhizabildung eine eher untergeordnete Bedeutung bei. Viel wichtiger ist für ihn, dass ein kräftiger Zwischenfruchtbestand mit einer guten Durchwurzelung heranwächst, der Unkräuter unterdrückt, auch im Hinblick auf den Wegfall von Glyphosat. Nicht unterschätzen darf man außerdem die Wirkung einzelner Zwischenfruchtarten auf Krankheiten und Schädlinge. Beim Anbau von Kartoffeln, Rüben oder Raps ist es wegen der Fruchtfolgekrankheiten oftmals wesentlich besser, sich auf ganz gezielte Komponenten zu fixieren.

Porträtansicht René Rempt
René Rempt (c)Farm & Food 4.0

René Rempt

René Rempt ist Agrarblogger und ehemaliger Landwirt aus Eutin. Seit Kurzem ist er Vertriebsleiter bei Novihum. Das Unternehmen produziert einen Bodenverbesserer auf der Basis von Braunkohle, der identisch zu natürlichen Dauerhumus ist. Als Blogger engagiert er sich für mehr offenen Austausch mit der Politik und Mitspracherecht bei der landwirtschaftlichen Gesetzgebung. Es ist seiner Meinung nach aber auch die Verantwortung der Landwirte, das Wasser, Boden und Luft sauber bleiben.

„Auslöser für die heutige Goldgräberstimmung beim Kohlenstoff-Zertifikatehandel war die Vier-Promille-Initiative, die 2015 mit den Klimaverhandlungen in Paris gestartet wurde“, erklärte Dr. Don. Die Initiative basiert auf der Erkenntnis, dass unheimlich viel Kohlenstoff im Humus gespeichert ist. Wenn man nun global diese Humusvorräte nur um vier Promille steigern würde, könnte man alle Treibhausgasemissionen weltweit kompensieren. Bei Klimaschutzmaßnahmen spricht man von negativen Emissionen, das heißt, durch den Humusaufbau wird Kohlenstoff im Boden gespeichert und damit für das Klima unschädlich gemacht. Böden sind aber sehr heterogen, vom humusarmen Pararendzina bis hin zum Niedermoor mit einem sehr hohen Humusanteil.

Bei den organischen Böden, den Mooren, kann es laut Don nur darum gehen, die Kohlenstoffvorräte zu erhalten. 94 % der Agrarflächen in Deutschland sind jedoch Mineralböden, bei denen man Humusvorräte aufbauen kann. Leider ist Humus sehr heterogen im Boden verteilt. Das macht den Umgang mit ihm so schwer. Laut Dr. Don haben die wenigsten Landwirte eine Humusanalyse durchführen lassen und wissen, wie viel Humus in ihren Äckern enthalten ist. Eine Bodenuntersuchung auf Humus wäre für ihn der erste Schritt, in dem Bereich voranzukommen.

Porträtansicht Franz Unterforsthuber
Franz Unterforsthuber (c)Farm & Food 4.0

Franz Unterforsthuber

Franz Unterforsthuber ist seit über 20 Jahren Fachberater für die Saaten-Union. Die breite Produktpalette über viele landwirtschaftliche Kulturen gestaltet seinen Job sehr vielfältig: Das geht von Getreide, Raps und Leguminosen über Mais und Rüben bis hin zu Gräsern und Zwischenfrüchten. Zusammen mit der Zentrale, den Züchtern und der Versuchsstation entwickelt er die Sorten im Markt und erarbeitet neue Anbaukonzepte.

Für den Wissenschaftler ist klar: Humus ist vom Bodenleben umgebaute Biomasse von Pflanzen und Pflanzenresten: Mist und Gülle sind auch nur Pflanzenreste, nur dass sie einmal durch ein Tier gegangen sind. Es gibt große Unterschiede zwischen den Pflanzenresten hinsichtlich ihres Humusmehrungspotenzials. Wenn man zum Beispiel Stroh und Wurzeln vergleicht, dann bleibt wesentlich mehr von den Wurzeln als Humus übrig. Pflanzenwurzeln sind sehr wichtig für den Humusaufbau, unter anderem auch weil sie lebend anorganische Verbindungen an den Boden abgeben, sogenannte Wurzelexsudate. Wenn man also den Humusgehalt der Böden verbessern will, sollte man sich fragen: Wie viele Wurzeln haben meine Kulturen?

Auch Dr. Don hält Zwischenfrüchte für sehr wichtig beim Humusaufbau, weil sie die Vegetationsperiode verlängern, denn letztendlich nutzen wir die Kraft der Sonne, um Biomasse beziehungsweise Humus aufzubauen. Zu den Humusaufbaumaßnahmen zählen auch eine vielfältige Fruchtfolge mit wurzelstarken Kulturen, Grünland und Systeme mit Agroforst und Hecken, die Kohlenstoff speichern. 

In der Praxis nicht möglich

Insgesamt kann die Landwirtschaft durch diese Humusaufbaumaßnahmen in Deutschland 3 bis 5 Mio. t CO2 pro Jahr kompensieren. Doch damit sind wir laut Don noch lange nicht bei den vier Promille, sondern nur bei 0,4 Promille. Deutschland emittiert aber 80 Mio. t CO2 jährlich, davon allein rund 40 Mio. t CO2 aus landwirtschaftlich genutzten Mooren. Nur mit Humusaufbau kann man das Klimaproblem daher nicht lösen. 

  

Porträtbild Dr. Axel Don
Dr. Axel Don (c)Farm & Food 4.0

Dr. Axel Don

Dr. Axel Don ist stellvertretender Institutsleiter des Thünen-Instituts für Agrarklimaschutz und Lehrbeauftragter an der Technischen Universität Braunschweig. Seit mehr als 15 Jahren forscht er, welchen Einfluss die Landnutzung und Bewirtschaftung auf Humusvorräte und Humusfunktionen haben. Er glaubt an das Klimaschutzpotenzial für Humus, möchte Böden aber nicht zu Kohlenstofflagerstätten degradieren.

Ein weiteres Problem ist, dass die Humusspeicherung reversibel ist. Wenn man zum Beispiel durch einen regelmäßigen gezielten intensiven Zwischenfruchtanbau den Humusgehalt auf ein höheres Niveau gehoben hat und dann damit aufhört, fällt der Humusgehalt wieder auf das Ursprungsgleichgewicht. Um Klimaschutzeffekte zu erzielen, muss man die Maßnahme also immer fortführen. Der Wissenschaftler spricht sich deshalb dafür aus, den Kohlenstoff in permanenten Strukturen wie Hecken oder Grünlandpufferstreifen zu speichern.

Mit Zertifikaten Humus verlagern

Normalerweise wird organischer Dünger gleichmäßig auf alle Flächen verteilt, um Humus aufzubauen und zu erhalten. Humuszertifikate auf einzelnen Flächen können nun dazu führen, mehr Gülle und Mist auf diesen Flächen auszubringen. Damit fehlt der organische Dünger für den Humusaufbau an anderer Stelle und der Effekt für den Klimaschutz ist gleich Null. Laut Dr. Don sollten wir uns auch aus anderen Gründen um den Humus kümmern: „Er ist zentral für die Bodenfruchtbarkeit, für die Bodengesundheit und für viele weitere physikalische, chemische und biologische Effekte. Der Klimaschutz ist nur ein Nebenprodukt.“

Auf die Frage, ob man aus Gründen des Klimaschutzes nicht sofort auf die ackerbauliche Nutzung von organischen Böden verzichten sollte, antwortete der Wissenschaftler: „Ja, tatsächlich könnte man durch den Verzicht der Moornutzung etwa 40 Mio. t CO2-Emissionen einsparen, doch kann man Landwirten, die größtenteils auf Moorböden wirtschaften, nicht deren Nutzung verbieten. In diesen Fällen braucht es langfristige Perspektiven zur Wiedervernässung.

Porträt Niels Grabbert
Niels Grabbert (c)Farm & Food 4.0

Niels Grabbert

Niels Grabbert ist studierter Mikrosystemtechniker und Mitgründer des Start-ups Stenon. Bevor er sich der Landwirtschaft zuwandte, arbeitete er lange in der Forschung beim Fraunhofer-Institut. Das 2018 gegründete Start-up bietet Landwirten mit seinem FarmLab eine Bodenanalyse in Echtzeit anhand eines Messspatens. Sticht man diesen in den Boden ein, ermitteln die Sensoren den Nährstoffgehalt sowie andere wichtige Bodenparameter.

Für Niels Grabbert von Stenon ist der Humusaufbau über Zertifikate im Vergleich zu anderen Technologien, die Kohlenstoff längerfristig binden, die ökonomisch interessantere Variante, die gleichzeitig auch funktioniert. Die Goldgräberstimmung spiegelt sich in den großen Konzernen dieser Welt wider, die sich in diesem Bereich engagieren, unter anderem Microsoft, Amazon, Bayer, Cargill, Danone und Nestlé. Die Unternehmen suchen Möglichkeiten und investieren Milliarden, um ihren CO2-Fußabdruck zu verkleinern. Grabbert zitierte Zahlen aus einer McKinsey-Studie, wonach der Markt für Emissionszertifikate bis zum Jahr 2050 auf 50 Mrd. US-Dollar wächst. Grabbert nannte es eine Win-Win-Situation, wenn die Landwirte die Chance ergreifen, das Kapital dieser Unternehmen in ihre Böden zu reinvestieren, um Humus aufzubauen, und gleichzeitig erhöht sich die Bodenfruchtbarkeit und damit die Ertragsfähigkeit. Der Humusaufbau muss aber eindeutig belegbar sein. Hierzu braucht der Landwirt Messtechnik, mit deren Hilfe er regelmäßig kostengünstige Messwerte bekommt.  

Unterm Strich sinken die Erträge

Um zu verstehen, wie die Prozesse im Boden ablaufen, ist auch für Friedrich Wenz von Positerra die Erfassung der Bodenparameter durch geeignete Messtechnik ganz wichtig. Zur Förderung des Humusaufbaues meint Wenz: „Unabhängig davon, ob das von außen bezahlt wird oder nicht, wir müssen uns mit der Bodenfruchtbarkeit auseinandersetzen. Es geht um die Existenz der Betriebe. Statistiken zeigen, dass die Erträge bei Getreide und bei Mais trotz Zuchtfortschritte, trotz verbesserter Technik nicht weiter steigen, sondern stagnieren. Wenn wir diese Fortschritte herausrechnen, sinken unterm Strich unsere Erträge.“

Porträt Friedrich Wenzk
Friedrich Wenzk (c)Farm & Food 4.0

Friedrich Wenz

Friedrich Wenz ist Bodenexperte und Vorreiter der regenerativen Landwirtschaft in Deutschland. Nach längerer Tätigkeit in der Industrie übernahm er den elterlichen Betrieb. Sein Ziel ist es seitdem, die Entwicklung der Bodenfruchtbarkeit mit der Friedrich Wenz GmbH, den „Bodenkursen im Grünen“ und der positerra GmbH für die Honorierung von humusaufbauenden Aktivitäten für eine enkeltaugliche Landwirtschaft voranzubringen.

Gleichzeitig steht die Landwirtschaft gesellschaftlich wegen der Grund- und Oberflächenwasserbelastung, wegen zunehmender Erosion und drohenden Hochwasserlagen in der Kritik. Positerra sucht deshalb Landwirte, die sich primär mit dem Bodenaufbau, dem Erhalt und der Steigerung der Bodenfruchtbarkeit auseinandersetzen wollen, die die Humusprämien aber nicht als zusätzliches oder eventuell sogar als primäres Geschäftsfeld ansehen, und wenn es sich nicht mehr rentiert oder es kein Geld mehr dafür gibt, vielleicht wieder damit aufhören. Wenz betonte: „Wenn große Firmen wie Indigo für Konzerne wie Coca-Cola oder Wasa ihre Kohlendioxidemissionen kompensieren, sollten die hiesigen Landwirte aufpassen, dass sie nicht nur vor den Karren gespannt werden, und die Großen das Geschäft unter sich ausmachen.“

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Der Praxis-Talk #3 zum Thema „Boden, Klima und Moneten: Nachhaltige Landwirtschaft – ein Kassensturz“ hat viel Interessantes hervorgebracht. Das Wichtigste haben wir in einem kostenfreien Whitepaper zusammengefasst.


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