Qualitativ hochwertige Bestände sollten zuerst gedroschen werden. (c) Sabine Rübensaat

Ernte bei Regen: Was wann mit welcher Feuchte dreschen?

Unbeständiges Wetter erschwert die Ernte. Die Qualität des Getreides leidet. Wir geben Tipps, wie man mögliche Verluste begrenzen kann, um noch das bestmögliche wirtschaftliche Ergebnis vom Acker zu holen.

Von Luisa Maushake und Karolin Pilz-Rieche, Landberatung, Quedlinburg

Nachdem die Gerstenernte vielerorts durchaus positiv ausgefallen ist, verzögert sich die weitere Ernte durch anhaltende Niederschläge und wird somit zum Geduldsspiel. Erste Ergebnisse der Weizenernte zeigten bereits sehr heterogene Qualitäten, welche die unterschiedlichen Wasser- und Nährstoffversorgungen der Standorte widerspiegeln.

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Ernte bei Regen: Sorge um die Qualität

Insbesondere der Rohproteingehalt ließ vielerorts bereits vor der Schlechtwetterperiode zu wünschen übrig. Durch weitere Niederschläge steigt auch in Regionen, in denen bisher gute Qualitäten erzielt wurden, die Sorge vor sinkenden Qualitäten. Dies betrifft insbesondere die Fallzahl, da diese von den Witterungsbedingungen zum Zeitpunkt der Reife und Ernte abhängig ist. Bei physiologisch reifem Getreide kann sie durch die zunehmende Auswuchsneigung bei anhaltender Feuchtigkeit deutlich negativ beeinflusst werden.

Da mittlerweile fast alle Weizenschläge reif sind, stellen sich folgende Fragen: Welches Getreide sollte in den kurzen Erntefenstern zuerst gedroschen werden? Welcher Feuchtegehalt des Druschgutes ist noch tolerierbar? Lohnt sich eine Trocknung?

Hierbei ist insbesondere die Wahl der Druschreihenfolge eine komplexe und individuelle Entscheidung, die jeder Betriebsleiter für sich treffen muss. Der folgende Text soll eine Hilfestellung und Denkanstöße dafür geben.

Getreidesorten: Druschreihenfolge planen

Zunächst stellt sich die Frage, welche Getreidearten und -sorten noch gedroschen werden müssen. Möglicherweise stehen noch Weichweizen verschiedener Qualitäten und/oder Durum bzw. Dinkel im Feld. Allgemein empfiehlt es sich, zunächst die höchsten Qualitäten abzusichern, da hier nach wie vor auch mit den höchsten Erlösen zu rechnen ist.

Durum und Dinkel sollten möglichst zügig abgeerntet werden, wobei dem Durum die Priorität zuzuweisen ist, da hier am schnellsten Qualitätsverluste zu erwarten sind. Sind bei diesen Früchten Kontrakte einzuhalten, kann ein bevorzugter Drusch sinnvoll sein, um etwaige Abschläge wegen minderer Qualitäten zu vermeiden.

Qualitativ hochwertiger Weichweizen sollte Vorrang vor Futterweizen und gegebenenfalls bereits erkennbar geschädigten Beständen haben. Hier kann es notwendig sein, auf verschiedenen Schlägen Proben zu nehmen und die Qualität prüfen zu lassen, um eine fundierte Entscheidung treffen zu können. Dies muss mitunter nach einer neuerlichen Regenphase wiederholt werden. Außerdem empfiehlt es sich, die Sorteneigenschaften im Hinblick auf die Fallzahl miteinander zu vergleichen. Bei ähnlicher Reife sollten diejenigen Sorten mit der niedrigeren Fallzahl bzw. Fallzahlstabilität zuerst gedroschen werden.

Mähdrescher
Freie Mähdrescherkapazitäten bei Nachbarbetrieben oder Lohnunternehmern können die Ernte beschleunigen. (c) Sabine Rübensaat

Restfeuchte und Mehrkosten beachten

In diesem Zusammenhang sollte der Restfeuchte besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden. Es kann durchaus sinnvoll sein, hohe Qualität mit einer Restfeuchte von 16–24 % zu dreschen und die Trocknungskosten in Kauf zu nehmen. Wird in diesem Fall gewartet, bis eine Restfeuchte von 14–15 % erreicht ist, besteht die Gefahr, dass in der Zwischenzeit die Fallzahl deutlich absinkt. Unter Umständen bleibt dann nur die Vermarktung als Futtergetreide zu deutlich schlechteren Preisen. Wird im Betrieb Getreide zur Saatgutvermehrung geerntet, sollte bedacht werden, dass die Keimfähigkeit unter einer Trocknung bei hohen Temperaturen leiden kann.

In diesem Fall sollte eine Kaltlufttrocknung in Erwägung gezogen werden. Im Fall, dass die Einlagerung im eigenen Betrieb erfolgt, sollte der Restfeuchtegehalt 15,5 % nicht überschreiten. Bei Verwendung einer betriebseigenen Trocknungsanlage ist auch an die Prüfung der Wirtschaftlichkeit zu denken!

Trockenkosten und Qualitätsabschlag
Brotgetreide feuchter dreschen, um die Qualität zu halten – es gilt abzuwägen, bis zu welcher Feuchte die Trocknungskosten den Qualtätsabschlag übersteigen. (c) Christian Mühlhausen/Landpixel.de

Bei der Entscheidung für den Drusch mit höherer Restfeuchte sollte beachtet werden, dass dabei die Druschkosten durch den höheren Dieselverbrauch und höheren Verschleiß stark steigen können. Zudem kann sich eine schlechte Strohverteilung negativ auf die Folgefrucht auswirken.

Erwogen werden sollte auch die Möglichkeit des Hochschnitts der Ähren mit anschließendem Mulchen des Strohs. Auf diese Weise lassen sich möglicherweise zeitliche Verzögerungen sowie Schäden durch Verstopfen und Verunreinigung des Mähdreschers reduzieren. Weiterhin sinkt der Dieselverbrauch, je höher die Stoppel geschnitten wird – insbesondere bei feuchten Bodenverhältnissen. Nachteilig ist in diesem Fall, dass ein weiterer Arbeitsgang notwendig wird.

Was tun bei Langer Tiefdruckphase?

Bei zu erwartender langer Tiefdruckphase sollte angestrebt werden, im Druschfenster maximale Masse zu bergen. Gibt es im Betrieb sowohl lagernde Bestände als auch noch „gut dastehende“ Bestände, sollte den stehenden Beständen der Vorrang eingeräumt werden. Zum einen sind noch höhere Qualitäten zu erwarten. Zum anderen werden sich die Druschkosten im üblichen Rahmen bewegen. Bei lagernden Beständen ist dagegen mit deutlich erhöhten Druschkosten zu rechnen.

Werden zuerst die lagernden Bestände gedroschen, besteht zudem die Gefahr von zeitlichen Verzögerungen. Dieser Zeitverzug kann wiederum dazu führen, dass es in den noch vorhandenen guten Beständen ebenfalls zu Qualitätsverlusten kommt. Um die Druschkosten auch bei lagernden Beständen im Rahmen zu halten, sollte auf eine geeignete Einstellung des Mähdreschers sowie gute Wartung und Pflege geachtet werden.

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Die Ernte von Lagergetreide nimmt mehr Zeit in Anspruch. Deshalb in den Zeitfenstern besser leicht zu erntende Bestände dreschen. (c) Christian Mühlhausen/Landpixel.de

Trocknungskosten und Dieselmehrverbrauch

Die zu erwartenden Trocknungskosten hängen direkt von der vorhandenen Restfeuchte ab. Sie bewegen sich im Bereich von 10 €/t für 15 % Restfeuchte bis zu 59 €/t bei 24 % Restfeuchte. Die Trocknungskosten variieren zwischen den Landhändlern unter anderem in Abhängigkeit von der verfügbaren Trocknungsanlage und dem entsprechenden Energieverbrauch. Eine Übersicht der zu erwartenden Trocknungskosten bietet Tabelle 1.

Tabelle 1 Zu erwartende Mehrkosten durch Trocknung

Die Mehrkosten durch den höheren Dieselverbrauch fallen geringer aus als die Trocknungskosten. Der Anstieg des Dieselverbrauchs variiert je nach Mähdrescher, Dreschereinstellung, Schlag und Fahrer. Hinzu kommen gegebenenfalls höhere Kosten für Wartung und Reparatur.

Ein Näherungswert für den Verbrauch bei einer Restfeuchte von 18 % liegt bei circa 30 l Diesel/ha gegenüber etwa 22 l Diesel/ha bei 14 % Restfeuchte. Ausgehend von diesem Wert ergeben sich in Abhängigkeit vom Ertrag Mehrkosten von circa 5 bis 7 €/t durch den erhöhten Dieselverbrauch.

Trocknung: Lohnt sich der Feuchteentzug?

Anhand von Beispielrechnungen soll gezeigt werden, in welchen Anbau- und Vermarktungskonstellationen eine Trocknung wirtschaftlich sinnvoll sein kann. Für die Bewertung wurde die Preisdifferenz der unterschiedlichen Qualitäten den Mehrkosten durch Trocknung und höheren Dieselverbrauch gegenübergestellt (Tab. 2, Spalte 1–4). Zielstellung in den betrachteten Szenarien ist dabei, die noch auf dem Acker vorhandenen hohen Qualitäten zu sichern, indem sie bei höheren Restfeuchtegehalten gedroschen und anschließend getrocknet werden.

Als Vergleichswerte wurden Szenarien ohne Trocknung mit Qualitätseinbußen und der Verkauf als Futterweizen zum aktuellen Preis betrachtet (Tab. 2, Spalte 5 u. 6). Die verwendeten Zahlen sind Richtwerte und müssen für jeden Betrieb individuell angepasst werden.

Ob eine Trocknung lohnenswert ist, hängt zunächst von den Parametern Restfeuchte und Qualität ab. Je höher die vorhandene Restfeuchte ist, desto größer sind die Mehrkosten durch Trocknung und den Mehrverbrauch an Diesel. Der Punkt, an dem die Trocknung unwirtschaftlich wird, ist erreicht, wenn der Preis abzüglich Mehrkosten geringer ist als der Preis für Futtergetreide (Tab. 2, Spalte 4 und 6). Es besteht natürlich nach wie vor die Chance, dass auch ohne Trocknung die vorhandenen Qualitäten eingefahren werden können und durch die Trocknung ein Verlust entstehen würde (Tab. 2, Spalte 5).

Kriterien abwägen

In jedem rechnerisch möglichen Szenario bleibt anhand der im Vorfeld ausgeführten Kriterien abzuwägen, ob die bei einer Trocknung auf dem Halm eintretende Qualitätsminderung so groß ist, dass die Preisabschläge wegen Qualitätsminderungen die Mehrkosten durch die Trocknung überschreiten.

Für den Fall, dass die Abwägung ergibt, dass das Risiko für eine Qualitätsminderung sehr hoch ist und zudem gute Kontrakte vorhanden sind, erscheint die Trocknung zumeist als wirtschaftlich sinnvolle Option (Tab. 2, Spalte 1). Erst bei Restfeuchtegehalten von deutlich über 20 % wäre im gezeigten Szenario die Wirtschaftlichkeit nicht mehr gegeben.

Sollten trotz Trocknung Qualitätsminderungen auftreten, kann sich der mögliche Erlös weiter reduzieren. Sind keine entsprechenden Kontrakte vorhanden, würde der Kipppunkt der Wirtschaftlichkeit der Trocknung bei den derzeitigen Tagespreisen schon eher erreicht werden (Tab. 2, Spalte 4).

Ernte bei Regen – Ein Fazit

In den sich öffnenden Erntefenstern sollte zunächst das Qualitätsgetreide inklusive Dinkel und Durum eingeholt werden. Es gilt in jedem Fall, mit der Qualität die höchsten Erlöse zu sichern, sowohl durch Einhaltung von Kontrakten ohne Abschläge als auch im Verkauf zum tagesaktuellen Preis.

Die Sorten reagieren sehr unterschiedlich auf die jetzigen Witterungseinflüsse, wobei starke Schwankungen, vor allem in Abhängigkeit von Standortqualität, Aussaattermin sowie Witterung und Reifeverlauf, vorhanden sein können. Die auf dem Acker vorhandene Qualität sollte daher kontinuierlich ermittelt werden. Dies sollte dann die Grundlage zur Entscheidungsfindung hinsichtlich der Druschreihenfolge sein und darüber hinaus, ob ein Drusch bei erhöhter Feuchte mit anschließender Trocknung lohnenswert ist oder nicht.

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