Grundwassermessstelle (Symbolbild). © Sabine Rübensaat

Agrofarm eG Lüssow: Neue Messstellen braucht das Land

Die Agrofarm eG Lüssow bohrt fleißig an einer Grundwassermessstelle. Die Messstellen sollen helfen, Licht in die bisher ziemlich nebulöse Ermittlung von Nitratwerten im Grundwasser unter den Lüssower Äckern zu bringen.

Von Gerd Rinas

Es ist kalt und feucht an diesem Mittwochmorgen. Über den matschigen, mit Pfützen und Schnee bedeckten Acker nahe Lüssow im Landkreis Rostock weht ein eisiger Wind. Seit Wochenbeginn sind hier vier Männer von Ivers Brunnenbau aus Osterrönfeld damit beschäftigt, mit mobilem Gerät eine Grundwassermessstelle zu bohren. Die vier sind ein eingespieltes Team. Von dem Mistwetter offenbar völlig unbeeindruckt, bereiten sie die Bohrung vor. Bis zum Wochenende soll die Messstelle eingerichtet sein. Dann ist ihr Auftrag zur Hälfte abgearbeitet: Die Agrofarm eG Lüssow hat den Neubau von vier Grundwassermessstellen in Auftrag gegeben.

Hiobsbotschaft: Lüssower Ackerland im roten Gebiet

Vorstandsvorsitzender Lars-Peter Loeck glaubt, dass das gut angelegtes Geld ist. Die Messstellen sollen helfen, Licht in die bisher ziemlich nebulöse Ermittlung von Nitratwerten im Grundwasser unter den Lüssower Äckern zu bringen. Wie viele andere Landwirtschaftsbetriebe steht auch die Agrofarm eG Lüssow hier mit dem Rücken zur Wand. „Zuerst hieß es, 350 Hektar sind im roten Gebiet. Das war für uns eine Hiobsbotschaft. Eines unserer Standbeine ist die Produktion von Qualitätsweizen. Wenn in den roten Gebieten nur noch 20 Prozent unter dem Pflanzenbedarf gedüngt werden darf, bleibt das nicht ohne Folgen. Wenn am Ende nur noch Futter- statt A-Weizen rauskommt, kostet das Erlös“, so Loeck.

Nach der Binnendifferenzierung tauchte im vorigen Dezember im Internet eine Karte auf: Statt 350 ha lagen jetzt plötzlich 1.330 von insgesamt 2.200 ha Lüssower Ackerland im roten Gebiet. Dazu 20 Hektar Grünland. Wie viele Berufskollegen traut Lars-Peter Loeck den offiziellen Grundwasser-Nitratwerten nicht. „Bisher wird eine Messstelle für die Nitratbestimmung genutzt, die nie für diesen Zweck gedacht war. Sie wurde 1967 gebaut, um Trinkwasservorkommen zu erkunden. Kriterien, die für den Bau einer Grundwassermessstelle heute gelten, konnten damals gar nicht eingehalten werden“, sagt Loeck. Immer wieder seien an der Messstelle in der Vergangenheit Treckerfahrer „angehakt“. Loecks Verdacht: Oberflächenwasser dringt ein und verfälscht die Messergebnisse. Deshalb der Plan, eigene Messstellen zu errichten.

konstruktives Miteinander – Fehlanzeige

Wegen des Baus wandte er sich an eine Fachfirma. Seit vorigem Herbst ist Dr. René Flach von der Fugro Germany Land GmbH, Berlin, Loecks Ansprechpartner. Der Berater zeigte im Landwirte-Auftrag bei Landratsamt und Landesamt die vorgesehene Bohrung an, holte Genehmigungen ein, schrieb Aufträge aus für das Errichten und Einmessen der Messstelle sowie die Stichtagsbeprobung, inklusive Analytik. Flach bemüht sich auch um fachliche Begleitung des Vorhabens durch das Landesamt für Umwelt, Naturschutz und Geologie (LUNG). Verständlicherweise hätten die Landwirte und der Berater gern erfahren, ob die ausgewählten Messstandorte auch aus Amtssicht geeignet sind, um Nitratbelastungen im Grundwasser infolge einer bestimmten Flächenbewirtschaftung erfassen zu können. „Im Sinne der Ursachenanalyse erhöhter Nitratwerte scheint uns das sinnvoll“, bekräftigt Lars-Peter Loeck.

Mit solchen Aussagen ist vom Landesamt aber nicht zu rechnen. „Das LUNG hat den Auftrag, auf Anfrage bei neugebauten GWMST (Grundwassermessstellen, die Red.) Dritter zu prüfen, ob diese geeignet sind, in das Landesmessnetz aufgenommen zu werden. Eine darüber hinausgehende Zuständigkeit ergibt sich aus keiner rechtlichen Vorgabe“, stellt das Amt kühl klar. Immerhin will es wenigstens die Bitte um Stichtagsbeprobung prüfen. „Wir hätten uns mehr gemeinsames Interesse an fundierten, objektiven Messergebnissen gewünscht“, beschreibt Lars-Peter Loeck seine Erwartungshaltung. „Sich erst zu äußern, wenn die Messstellen stehen, und dann vielleicht noch festzustellen, dass sie den Kriterien nicht entsprechen, ist nicht das, was wir unter konstruktivem Miteinander verstehen. Aber vielleicht kommt ja noch ein Sinneswandel“, hofft Loeck.



Agrofarm eG Lüssow: 74.000 Euro Ausgaben erwartet

Andererseits macht der Vorsitzende aus seiner Absicht keinen Hehl: „Wir wollen mit den neuen Messstellen nachweisen, dass die Nitratgrenzwerte im Grundwasser unter unseren Flächen nicht überschritten werden. Sollte uns das gelingen, behalten wir uns rechtliche Schritte vor. Es wäre folgerichtig, die Einordnung unserer Flächen in rote Gebiete per Gerichtsbeschluss überprüfen zu lassen“, argumentiert Loeck.

Die Entscheidung für den Bau der Messstellen ist den Lüssowern nicht leicht gefallen. Doch die Daten-Grundlage, mit der sie die Wirtschaftlichkeit ihrer Getreideproduktion gefährdet sehen, scheint ihnen schlicht zu dünn. Finanziell fällt der Bau der Messstellen durchaus ins Gewicht: 13.000 Euro kostet die Planung, 48.000 Euro das Bohren, über 10.000 Euro die Wasseranalyse. Insgesamt rechnet Loeck mit etwa 74.000 Euro Ausgaben.

Seit dem vorigen Jahr beteiligt sich die Agrofarm außerdem mit über 180 Landwirtschaftsbetrieben vor dem Oberverwaltungsgericht in Greifswald an Normenkontrollanträgen gegen die roten Gebiete. Hier fallen Anwaltskosten an. Lars-Peter Loeck wäre nicht traurig, wenn das Geld wieder hereinkäme. Aber dazu, die Entscheidungen zu den roten Gebieten überprüfen zu lassen, sieht er keine Alternative. „Zwischen A-Weizen und Futterweizen liegen vier Euro pro Dezitonne. Die Mindereinnahmen, die auf 330 ha A-Weizenfläche drohen, können wir nicht einfach so wegstecken. Dafür haben wir zu viel Kapital und Arbeit in unser Unternehmen investiert.“

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