Der Süptitzer Horst mit zwei rastenden Störchen. (c) Karsten Bär

Störche in Sachsen: Kein gutes Jahr

Viele besetzte Horste, aber wenig Nachwuchs prägten die diesjährige Brutsaison des imposanten Zugvogels im Freistaat. Die Trockenheit im Frühjahr sorgte für Nahrungsmangel und forderte ihren Tribut.   

Von Karsten Bär

Seit 2001 kehrt er jedes Jahr auf seinen Horst am Ziethenhof in Süptitz bei Torgau zurück. „Ganz genau wissen wir es nicht, aber möglicherweise ist er aktuell der älteste Brutstorch Sachsens“, sagt Udo Weisser, ehrenamtlicher Storchenbetreuer für den Altkreis Torgau. 1996 sei der Storch in der Nähe von Nürnberg geschlüpft und beringt worden. Zuvor hatte man das Ei aus einem offenbar von den Elterntieren verlassenen Nest gerettet.

Ein Zoo päppelte den Jungstorch auf, bevor er in die Freiheit entlassen wurde. Vor 22 Jahren erschien er erstmals in Nordsachsen – und bleibt seither seinem Brutstandort auf einem alten Schornstein treu. Auch in diesem Jahr kümmerte er sich mit einer Partnerin wieder um Nachwuchs. Zwei Junge saßen ursprünglich im Nest. Eines davon wurde flügge. Das andere hat es nicht geschafft. 

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Störche in Sachsen: Trockenheit führt zu Nahrungsmangel

Zwei Junge saßen ursprünglich im Nest, aber nur eines davon wurde flügge. Das war in vielen sächsischen Storchenhorsten dieses Jahr ähnlich. „Es gab viele brutwillige Paare, aber wenig Nachwuchs“, sagt Sylvia Siebert vom Weißstorchschutz Sachsen. Die lange Trockenheit im Frühjahr führte zu Nahrungsmangel. Vielerorts gingen Storchenjunge ein.

Das wird auch auf der Internetseite berichtet, auf der sächsische Storchenbetreuer ihre Beobachtungen veröffentlichen (www. sachsenstorch.de). Ist das Futter knapp, kommt es vor, dass das Brutpaar Jungstörche aus dem Nest wirft, mitunter auch die gesamte Brut.

2023 mehr Brutpaare als sonst

Einen zunächst vielversprechenden Start ins Storchenjahr hat auch Udo Weisser im Raum Torgau beobachtet. „Wir hatten in diesem Jahr so viele Brutpaare, wie lange nicht mehr“, berichtet er. 29 Brutplätze sind in seiner Region bekannt. Sie werden regelmäßig zum Brüten genutzt, auch wenn es immer mal wieder Jahre mit Unterbrechungen gibt. In den vergangenen Jahren seien es jährlich immer 19 Brutpaare gewesen, die Horste besetzten.

„Dieses Mal hatten wir 24!“, verdeutlicht der Storchenbetreuer den Andrang, der sich auch in zahlreichen Rangeleien, sogenannten Horstkämpfen, um die begehrten Brutplätze widerspiegelte. Aber schon die Zahl der Eier sei – zumindest im Raum Torgau – geringer als sonst gewesen. Und viel Nachwuchs wurde aufgrund der Nahrungsknappheit auch nicht flügge. Die genaue Auswertung steht zwar noch aus.

Doch die Reproduktionsrate werde wohl unter 2,0 liegen, glaubt er. Kein gutes Storchenjahr also. Schon gar nicht, wie es 2021 eines war. Da habe die Reproduktionsrate im Altkreis Torgau bei 2,8 gelegen, erinnert sich Udo Weisser. 

Durchschnittlich 1,7 Jungstörche erfolgreich aufgezogen

Jährlich wird erfasst, wie viele Jungstörche pro Storchenpaar, das zumindest den Versuch einer Brut unternommen hat, erfolgreich großgezogen werden. Der Wert schwankt naturgemäß, liegt im Schnitt in Sachsen bei 1,7 flüggen Jungen pro Brutpaar. Nicht nur im Raum Torgau, auch sachsenweit war 2021, was den Nachwuchs angeht, seit mindestens 2002 das beste Storchenjahr.

Ausreißer nach unten gibt es selbstverständlich auch. 2013 etwa, als lediglich im Schnitt 0,4 Junge je besetzten Horst flügge wurden – weil 76 % der Brutpaare in Sachsen gar keinen Nachwuchs durchbringen konnten. Widrige Witterung war damals der Hauptgrund, Verluste entstehen jedoch auch durch Horstkämpfe, Krankheiten oder eben Nahrungsmangel.

Sachsens Storchenbestand reproduziert sich nicht selbst

Hochburgen des Weißstorches in Sachsen sind die Flussniederungen: Das Meißner Land, die Elb- und die Röderaue, das Leipziger Tiefland und die Lausitzer Teich- und Heidelandschaft gelten hierzulande als Hauptbrutgebiete. Hier finden die Großvögel ihren benötigten Lebensraum und Nahrung. Eine eher kleinteilige Landwirtschaft, Randstreifen, Feuchtwiesen, Staffelmahd und Weidetierhaltung begünstigen den Storch, so Sylvia Siebert. Im Mittel der zurückliegenden 20 Jahre brüten den Daten des Weißstorchschutzes Sachsen zufolge jährlich 323 Storchenpaare im Freistaat. Zuletzt war die Tendenz etwas steigend. 2022 bot mit 381 Paaren sogar den langjährigen Spitzenwert.  

Aus eigenem Nachwuchs rekrutiert sich dieser Brutbestand in Sachsen jedoch nicht. Denn dafür wären Reproduktionsraten von jährlich deutlich mehr als zwei Jungstörchen pro Brutpaar nötig. Stattdessen werden nach ihrem Zug aus den Winterquartieren im Süden immer wieder auch „Immigranten“ in Sachsen heimisch und brüten hier.  

Westzieher besiedeln zunehmend Sachsen

Zunehmend sind es auch die sogenannten Westzieher, die Sachsen besiedeln. Ihre Route führt über Gibraltar nach Afrika, immer häufiger aber überwintern sie in Spanien, wo sie auf Mülldeponien Nahrung finden. Die Ostzieher fliegen indes über den Bosporus und den Nahen Osten teils bis hinunter nach Südafrika. Die Zugscheide wird eigentlich bei Leipzig verortet. Inzwischen aber werden Westzieher in ganz Sachsen beobachtet, wie man beim sächsischen Weißstorchschutz weiß.  Da ihr Weg kürzer ist, haben sie durch frühes Erscheinen einen Vorteil beim Besetzen der Brutplätze. 

„Die Westzieher sind meist um den 10. Februar zurück, die Ostzieher vier Wochen später“, sagt Udo Weisser. Aktuell gehören zwei Storchenpaare in seinem Bereich zu denen, die auf der Westroute unterwegs sind: Die Störche von Großwig und die von Bennewitz. Und auch der Süptitzer Storch flog bisher im Spätsommer immer gen Südwesten. 

Auch in diesem Jahr wieder?  Die Frage stellt sich, denn der Storchenbetreuer hat ihn vor einigen Wochen offenkundig verletzt auf einem Feld in der Nähe seines Horstes stehen sehen und seither nicht wieder. Möglich, dass 2023 seine letzte Brutsaison war. Für Hoffnung aber ist es noch nicht zu spät: Vielleicht kehrt er im nächsten Jahr doch wieder zurück zu seinem Horst am Ziethenhof in Süptitz. 

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