Der Große Graben, hier das Wehr Wulferstedt, ist das Hauptgewässer im Großen Bruch. (c) Detlef Finger

Wiedervernässung: Ärger über Moor-Projekt in Sachsen-Anhalt

Mit der Wiedervernässung des Großen Bruchs will der Börde-Kreis bei Wulferstedt (Sachsen-Anhalt) ein Vorzeigeprojekt zum Klimaschutz etablieren. Doch bei den Anwohnern gibt es Ärger über das Moor-Projekt. Ein Bumerang für die Verwaltung.

Von Detlef Finger

Ein Paradebeispiel dafür, wie Klimaschutz-Vorhaben über die Köpfe von Eigentümern und Landnutzern hinweg auf den Weg gebracht werden, liefert gerade der Landkreis Börde. Die Gebietskörperschaft will im Klimaschutz eine Vorreiterrolle einnehmen. Der Kreistag beschloss dazu am 6. Dezember 2023 ein integriertes Konzept. Dessen „Herzstück“, wie es die Kreisverwaltung nennt, ist ein Katalog von 29 Maßnahmen. Eine sorgt inzwischen für heftige Diskussionen in der betroffenen Region: die angestrebte Wiedervernässung des Großen Bruchs, eines Niederungsgebietes im Westen des Landkreises.

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Ärger über Moor-Projekt: Es geht um 800 Hektar Land

Konkret geht es um das gleichnamige, seit 1981 bestehende Naturschutzgebiet „Großes Bruch bei Wulferstedt“: 800 Hektar groß, zumeist Grünland, das extensiv landwirtschaftlich genutzt wird. Die Wege im Bruch werden auch gern von Spaziergängern und Radfahrern frequentiert. An der Revitalisierung des Moores bestehe ein „landes- und bundesweites Interesse“, heißt es in einer Präsentation der Klimaschutzmanagerin des Landkreises zu dem zum „Leuchtturm“-Projekt erkorenen Vorhaben.

Dass dessen Umsetzung schon im Kreistag umstritten ist, zeigt das Abstimmungsergebnis der Sitzung vom 6. Dezember 2023: Mit 18 zu 17 Stimmen, bei sechs Enthaltungen, wurde die Durchführung des Projekts „Wiedervernässung Großes Bruch“ beschlossen – vorbehaltlich einer 100 -Prozent-Förderung. Im Raum steht eine Summe bis maximal 750.000 Euro (netto) samt möglichem Aufbau von langfristig ein bis zwei Personalstellen. Bereits ab Januar/Februar dieses Jahres soll laut der Beschlussvorlage ein Förderantrag „zur Konzeptionierung eines Wiedervernässungsprojekts“ gestellt werden.

Der SPD-Kreistagsabgeordnete Wolfgang Zahn berichtete von einer hitzigen Debatte auf der Kreistagssitzung. Auslöser dafür soll auch gewesen sein, dass besagte Beschlussvorlage den Kreistagsmitgliedern erst Mitte November auf den Tisch gelegt worden sei, ohne dass es vorab Informationen zu diesem Projekt gegeben hätte.

Kritik am Moor-Vorhaben: Nur interne Absprachen unter Behörden

Zahn ist auch deshalb stocksauer, weil über das Vorhaben weder mit den betroffenen Landwirten und Grundstücksbesitzern vorab intensiv gesprochen wurde, noch seien die betreffenden Ortschafts- und Gemeinderäte informiert und einbezogen worden.
Der Geschäftsführer des Bauernverbandes Börde, Marius Denecke, konnte ebenfalls keine wirkliche Öffentlichkeitsbeteiligung erkennen, „wenn ein Jahr lang mit niemandem gesprochen wird“. Der Verband habe erst nach dem Kreistagsbeschluss auf Verlangen einen Gesprächstermin beim Kreis bekommen, ein weiterer sei geplant.

Zwar ist in Präsentationen und Projektunterlagen die Rede von einer „Beteiligung der relevanten Akteure“. Dies meint aber offensichtlich nicht die Betroffenen, etwa in den Gemarkungen Wulferstedt, Hornhausen und Neuwegersleben. Bis dato hat es auch nur eine „Auftaktveranstaltung“ am 31. Januar 2023 in Oschersleben gegeben. Unter den rund 60 Teilnehmern fanden sich jede Menge Behördenvertreter, jedoch kaum eine Handvoll Landwirte.

Wohl auch, weil Eigentümer und Bewirtschafter der Flächen im Bruch nicht eingeladen worden waren. Die eher zufällig anwesenden Bauern äußerten ihre Bedenken zu möglichen Konsequenzen einer Vernässung, zudem mahnten sie eine frühzeitige, umfassende Einbeziehung an. Bis zum Kreistagsbeschluss liefen die Vorbereitungen aber nur in den Amtsstuben bzw. zwischen den (behördlichen) Akteuren weiter.

Naturschutzgebiet Großes Bruch: Futtergrundlage für das Milchvieh

Am stärksten betroffen von einer Wiedervernässung des Naturschutzgebietes Großes Bruch wären die Agrargenossenschaft Hamersleben und die Röder GbR in Wulferstedt. Sie bewirtschaften zusammen etwa die Hälfte des Grünlands dort. Die Genossenschaft betreibt Marktfrucht- und Futterbau auf 1.400 Hektar Acker und hält 650 Milchkühe samt Nachzucht sowie Mastbullen. Futtergrundlage für ihre insgesamt 1.600 Rinder sind rund 300 Hektar Wiesen, die zu 60 Prozent im Naturschutzgebiet liegen. Auf den Flächen wird Grassilage und Heu gewonnen.

Futterernte im Großen Bruch
Futterernte auf Grünlandflächen der Agrargenossenschaft Hamersleben im Naturschutzgebiet Großes Bruch. (c) Sascha Blaik
Landwirt Sascha Blaik
Landwirt Sascha Blaik (c) AG Hamersleben

2012 hat das Unternehmen, das 31 Beschäftigten und deren Familien ein Einkommen bietet, rund 3,5 Millionen Euro in den Neubau eines Milchviehstalls mit acht Melkrobotern gesteckt. „Diese Investition ist auf 20 bis 25 Jahre ausgelegt“, sagt Vorstandschef Sascha Blaik. Inzwischen habe sich schon die Sparkasse gemeldet, weil Eigentumsflächen auch der Besicherung von Darlehen dienten.

Mit den Vernässungen würde dem Betrieb langfristig die Futterbasis entzogen, erklärt der 36-Jährige, der sich zudem über kurzfristige Folgen ärgert. Voraussichtlich ab März soll ein Probestau erfolgen. Der Betrieb konnte darauf vorab nicht reagieren, etwa durch den Anbau von Ackergras. Auch sei nicht klar, ob das Grünland befahr- und damit bewirtschaftbar bleibt. „Wir werden als Flächeneigentümer und -bewirtschafter vor vollendete Tatsachen gestellt und nicht einbezogen“, klagt Blaik. Dabei wäre eine Zusammenarbeit mit den Betroffenen aus seiner Sicht enorm wichtig.

Fleckvieh und Charolais: Extensive Nutzung mit Mutterkühen

Der Rödersche Hof bewirtschaftet knapp 60 Hektar Acker- sowie 230 Hektar Grünland. Der seit 1991 bestehende Familienbetrieb, den Brigitte Röder und ihr Sohn Heiko in Form einer Gesellschaft bürgerlichen Rechts führen, hält rund 100 Mutterkühe der Rassen Fleckvieh und Charolais. Mit Nachzucht stehen derzeit knapp 200 Tiere in den Ställen, die von der ehemaligen LPG erworben wurden.

Landwirt Heiko Röder
Landwirt Heiko Röder (c) Detlef Finger

Der Fokus liegt auf der Herdbuchzucht und dem Verkauf von Zuchtvieh. Zuchtuntaugliche Tiere gehen in die Mast und zur Schlachtung. Rindfleisch und Wurst werden teils über den eigenen Hofladen vermarktet. Etwa 150 Hektar des betrieblichen Grünlandes, das hier ebenfalls die Futtergrundlage bildet, liegen im Naturschutzgebiet. Ab April/Mai bis November/Dezember, je nach Witterung, sind die Fleischrinder auf den Weiden.

Ehemann und Vater Bernd Röder verweist auf die im Schutzgebiet seit Langem geltenden Restriktionen für die Grünlandbewirtschaftung, etwa das Pflanzenschutzmittelverbot, die strikte Begrenzung der Düngung, die strengen Auflagen zu Pflege- und Mahd-Terminen: „Wir wirtschaften hier extensiv, quasi ökologisch – eben nur ohne Zertifizierung“, sagt der 73-Jährige. Späte Nutzungstermine erfordern bereits Zugeständnisse bei der Grundfutterqualität.

Dass in diesem Frühjahr auf den wegen der hohen Niederschlagsmengen nassen Wiesen eine Pflege bis Ende März – wie in der Schutzgebietsverordnung vorgeschrieben – möglich sein wird, bezweifelt der Landwirt. Dies aber wäre nur ein Vorgeschmack auf das Kommende: „Die Vernässung des Bruchs würde unseren Familienbetrieb in seiner Existenz vernichten“, sagt der Landwirt.

Ärger über Moor-Projekt: Unzählige Betroffene in den Dörfern

Der Geschäftsführer des Unterhaltungsverbandes „Großer Graben“, Uwe Neumann, erklärte in Oschersleben laut der Tageszeitung „Volksstimme“, dass das Wasser auch über eine richtige und optimale Bewirtschaftung der vorhandenen Wehranlagen, für die der Landesbetrieb für Hochwasserschutz und Wasserwirtschaft zuständig sei, sowie die Siele wieder ins Bruch bekommen könne. Eine Wiedervernässung, die er, wie die Landwirte auch, ablehnt, träfe weitere landwirtschaftliche Unternehmen und Flächeneigentümer. In Oschersleben war hier von Hunderten Eigentümern allein im Kerngebiet des Großen Bruchs die Rede. Hinzu kommen die unzähligen Anwohner der umliegenden Dörfer. Ein hoher Grundwasserstand würde auch deren Grundstücke und Häuser substanziell schädigen und in ihrem Wert mindern.

Wiedervernässung des Großen Bruchs
Vor-Ort-Termin: Kreistagsmitglied Wolfgang Zahn (M.) mit den Landwirten Bernd Röder (l.) und Sascha Blaik (r.) sowie interessierten Bürgern. (c) Christian Zahn

Die Vernässungsfolgen oder gar Entschädigungs- und Ausgleichszahlungen werden in den behördlichen Dokumenten bislang kaum thematisiert. Dabei stellte zum Beispiel Kreistagsmitglied Volker Lüderitz (Die Linke) Mitte Oktober 2023 in Haldensleben auf einer Sitzung des Ausschusses für Wirtschaft, Bau und Umwelt laut Protokoll fest, „dass die traditionelle Landwirtschaft (dort) nicht mehr möglich sein wird“.

Lüderitz lehrt als Professor für Hydrobiologie und Gewässerökologie an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Er ist im Rahmen studentischer Arbeiten in die fachliche Begleitung des Vernässungsprojekts eingebunden. Dessen Dimension erfordere, so Lüderitz gegenüber der Tageszeitung „Volksstimme“, „zwingend ein Flurneuordnungsverfahren und ein wasserwirtschaftliches Planfeststellungsverfahren“. Diese würden auch eine breite Öffentlichkeitsbeteiligung beinhalten.

Moor-Wiedervernässung: Frühere Studie trifft klare Aussagen

Eine von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) 2006 beauftragte Machbarkeits- und Akzeptanzstudie zur Renaturierung ehemaliger Niedermoorstandorte im Grünen Band bezieht sich auf das Große Bruch. Darin heißt es, die vorhandene Landschaftsmorphologie würde dazu führen, „dass bei Wiedervernässungsmaßnahmen durch Grundwasseranhebung weit größere Flächen in Mitleidenschaft gezogen werden als das reine Untersuchungsgebiet“. Und: „Große Bereiche der angrenzenden landwirtschaftlichen Nutzflächen würden für die Landwirtschaft in ihrer derzeitigen Ausprägung nicht mehr zur Verfügung stehen.“ Gerechnet werde mit einer Flächenbeeinträchtigung „bis zur zehnfachen Größe der beplanten Fläche“.

Vor diesem Hintergrund schätzten die Erarbeiter dieser Studie vom Professor-Hellriegel-Institut an der Hochschule Anhalt bereits 2007 großflächige Wiedervernässungsmaßnahmen allgemein als „nicht umsetzbar“ ein – auch, weil diese – nach einhelliger Auffassung der beteiligten Gremien – „keine Akzeptanz in der Region finden würden“.

Das Aufbegehren betroffener Bürger, Landeigentümer bzw. -nutzer und von Gemeinderäten sowie der daraus entstandene öffentliche Druck erzielten nunmehr offenbar eine erste Wirkung: Im Umweltausschuss sollte am Mittwoch (14.2.) über einen Änderungsbeschluss diskutiert werden, nach dem zunächst eine Machbarkeitsstudie zur Revitalisierung des Niedermoors durchgeführt werden soll. Wie der Kreistag am 6. März entscheidet, bleibt abzuwarten.

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