Freilichtmuseum Diesdorf: Das Dorf im Dorf

Ein 420 Jahre altes Torhaus, ein Vierseithof, 120 Eichen, Obstbäume, Gärten und seit Neuestem auch eine Kirche – das Freilichtmuseum Diesdorf in Sachsen-Anhalt erzählt Geschichten und Geschichte über die Altmark.

Von Sabrina Gorges (Text und Fotos)

Es ist ein idyllischer Flecken mit historischen Gebäuden, Feldern, Gärten und sogar einer kleinen Kirche. Alles ist schmuck hergerichtet und penibel arrangiert – der Besucher reist auf rund sechs Hektar durch die gute, alte Zeit. Im Freilichtmuseum Diesdorf in der westlichen Altmark nahe Salzwedel kann man sehen, fühlen und erleben, wie das Leben in dem dünn besiedelten Landstrich im Norden Sachsen-Anhalts einmal war.

25 historische Gebäude

Seit 1911 besteht das volkskundliche Freilichtmuseum und ist damit eines der ältesten in Deutschland. In der Saison zwischen April und Oktober besuchen rund 21.000 Menschen die Einrichtung, in der es auch ein kleines Café gibt. Insgesamt gibt es mittlerweile 25 historische Gebäude zu bestaunen.

Das älteste Gebäude des Museums ist ein auf das Jahr 1600 datiertes Torhaus, das zum Niederdeutschen Hof Winkelstedt gehört. Die „Baugruppe“, wie der Museumsbetreiber es nennt, wird von einem Hallenhaus (1787) samt Speicher und einem Backhaus (1634) komplettiert.

Freilichtmuseum Diesdorf.
Eine Reise in die Vergangenheit: Bauernhäuser, Speicher und Torhäuser, Pferdeställe, Torhäuser Ställe, Funktionsgebäude und Gärten prägen das Bild des Freilichtmuseums und zeigen, wie die Menschen in der Altmark zwischen dem 17. und dem 20. Jahrhundert lebten.

Nur ein paar Spazierschritte entfernt taucht der Gast in eine altmärkische Hofanlage ein, wie sie um 1800 gang und gäbe war. Auch hier werden Torhaus, Stallspeicher, Schafstall und Bauerngarten zu beliebten Fotomotiven. Ein Vierseithof, in dem Wohnung, Ställe und die Lagerung des Erntegutes getrennt waren, ist ebenfalls Teil der musealen Anlage, die ein Teil der Museen des Altmarkkreises Salzwedel ist. Fast 110 Jahre lang hat immer eins gefehlt: eine Kirche. Doch eine solche ist jetzt eingezogen. Ein in der deutschen Museumslandschaft nahezu einmaliges Projekt, das kurz vor dem offiziellen Abschluss steht.

Rettung für eine winzige Fachwerkkirche

Jochen Alexander Hofmann ist Oberfranke und leitet das Museum seit November 2015. Er sagt: „Wenn wir das altmärkische Leben abbilden wollen, gehört eine Kirche einfach dazu.“ Er ist glücklich, dass am Rand des Museumsdorfes jetzt ein winziges Gotteshaus steht. Eine Dorfkirche, die als solche von Weitem zunächst nicht als solche zu erkennen ist, denn es fehlt der hoch in die Luft ragende Kirchturm.

Vor gut einem Jahr wurde mit dem Abbau der Kirche in der 13-Seelen-Gemeinde Klein Chüden begonnen. Der Umzug ins Freilichtmuseum bedeutet die Rettung für die schlichte Fachwerkkirche, die nur 9,50 m lang, 6,50 m breit und kaum vier Meter hoch ist. „Die Kirche war ohne Nutzung und stark baufällig“, erzählt der Museumschef. „Wenigstens seit 2010 gab es in Klein Chüden kein Kirchenleben mehr.“

Doch dem drohenden Verfall stellte man sich erfolgreich entgegen. 2014 war das Projekt von der Umsetzung geboren, 2017 wurde es mit politischen Abstimmungen und der Beantragung von Fördermitteln konkreter. Die auf einem bauhistorischen Gutachten und archivalischer Forschungen basierende Rekonstruktion ist dem Landkreis als Museumsträger 120.000 € wert. Weitere 178.000 € stammen aus einem EU-Fördertopf, aus dem Maßnahmen der ländlichen touristischen Infrastruktur bezahlt werden.

Entwidmet, aber nicht entweiht

Für die 1793 erbaute Fachwerkkirche wird zunächst der Denkmalstatus aufgehoben und die unentgeltliche Übertragung vom Kirchenkreis an den Landkreis vollzogen. Im März 2019 gibt es einen „sehr emotionalen Entwidmungsgottesdienst“ in Klein Chüden, wie Hofmann berichtet. Im Oktober 2019 beginnt der Abbau mit dem Ziel, den Originalzustand so gut wie möglich zu erhalten. Teilweise muss das architektonische Stück Heimat- und Dorfgeschichte aber mit Neuem ausstaffiert werden. Der Dachstuhl beispielsweise ist nicht mehr zu retten, die alten Fensterrahmen und Bleiverglasungen hingegen schon.

„Die Kirche ist entwidmet, aber nicht entweiht“, sagt Hofmann. Die Kirche bleibe auch im Museum eine Kirche, so der Leiter. Sie soll als Ort ländlicher Frömmigkeit und kirchlichen Dorflebens in die saisonal geöffnete Dauerausstellung eingebunden werden.


Steine des Findlingshof Uhlemann.

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Glocke ist Mahnmal deutscher Teilung

Besonders ist die inzwischen restaurierte Glocke, die seit 17. Juni wieder am Giebel angebracht ist. Hofmann sagt, sie sei ein separates Denkmal der Geschichte. Denn: „Es ist die 1488 gegossene Glocke von Jahrsau, das wegen seiner unmittelbaren Grenznähe erst entsiedelt und dann 1970 geschleift wurde.“ Jahrsau wurde dem Erdboden gleichgemacht, aber die Glocke hat überlebt.

Für Hofmann ist die Museumskirche damit auch ein Mahnmal der deutschen Teilung. Deshalb ist die offizielle Einweihung der Museumskirche für den 3. Oktober geplant. Im Rahmen des Altmärkischen Erntefestes im Diesdorfer Freilichtmuseum soll es um 13 Uhr einen Festakt mit ökumenischem Gottesdienst in der kleinen Kirche geben. Bereits ab 10 Uhr klappern die Dreschmaschinen.


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