Am schönsten ist es, wenn es schön ist. Und das trifft auf diesen Film zu. © Mike Auerbach / Lischke&Klandt Filmproduktion

Filmtipp: Kneipen sind wahres Leben

Der großartige Kinofilm “Leif in Concert – Vol. 2” nimmt uns ab 16. Juli mit in einen ganz besonderen Mikrokosmos. Unser Filmtipp für Ihren nächsten Kinobesuch.

Von Hilmar Baumgarten

Was trägt uns durchs Leben? Sind es Freunde und Familie oder doch eher die Arbeit? Vielleicht gar die Liebe? Diese Fragen stellt sich auch Lene, die uns als Barfrau in das Universum einer kleinen Jazzkneipe irgendwo in Deutschland hineinzieht. Acht lange Monate war sie fort, doch jetzt will sie vor allem eines: ein Konzert des dänischen Musikers Leif (Poorboy), der sie in einem Kopenhagener Bluesklub so fasziniert hat, in der Kneipe veranstalten. Hierfür sind einige Hindernisse aus dem Weg zu räumen, wie sich bald herausstellt.

Und dann lernen wir sie alle kennen: vom schrägen Weinverkäufer (Godehard Giese) über den schlitzohrigen Bierlieferanten (Volker Hauptvogel) und die unglückliche Zigarettenvertreterin (Monika Anna Wojtyllo) bis zur männlichen Klofrau (Michael Specht), die eine ganz besondere Zahlweise pflegt … Hinzu kommen die erstaunlichsten Gäste. Da sind die ältere Dame (Katharina Matz) mit ihrem Enkel (Florian Bartholomäi), die eigentlich nur kurz zur Toilette möchte, und der Start-up-Unternehmer (Bela B), der seiner Gönnerin (Jule Böwe) verrückte Geschäftsideen präsentiert.

Lachen und Weinen – ganz nah beieinander

Ein Journalist (Tom Lass) führt ein an Absurdität kaum zu überbietendes Interview mit Dr. Mark Benecke (der Pathologe spielt sich selbst), und die zwei Türsteher (Volkan Türeli & Gerdy Zint) streiten sich fast bis aufs Blut aus einem völlig unvorhersehbaren Grund … Ganz großes Kino sind auch die Szenen mit dem unvergessenen Tilo Prückner, der als Ex-Promi-Gastwirt Lebensweisheiten mit einem Künstler (Martin Gottschild) austauscht. Und überhaupt Lebensweisheiten: Wie es sich für eine richtige Kneipe gehört, wird reichlich philosophiert, und ausgewählte Sinnsprüche verbinden stummfilmartig einzelne Szenen. Der anfangs missmutige Barkollege (Michael Klammer), ein Klempner (David Wnendt) mit ungeahnten Fähigkeiten, zwei Damen (Isabell Gerschke & Nora Abdel-Maksoud) mit Schnecke, eine Band und eine Tanzgruppe, die auf der Bühne proben, sind weitere Protagonisten in der Kneipe, in der es teilweise zugeht wie im Hühnerstall.

Noch einmal ganz groß: Tilo Prückner beim philosophieren mit Gotti Gottschild. © René Gorski / Lischke&Klandt Filmproduktion

Es sind dann aber besonders die stillen Momente, die in diesem Film besonders anrühren, so der Text über die Liebe, den eine Poetry-Slammerin (Maryam Zaree) vorträgt, oder die Szenen, in denen Lene ganz allein ist. Luise Heyer spielt die Helene mit einer unglaublichen Intensität, wir fühlen und hoffen mit ihr. Faszinierend ist zudem, dass Lene im Laufe der Geschichte nicht weniger als acht Sprachen fließend spricht. Dann tritt noch der Inhaber der Kneipe (Klaus Manchen) ins Bild, ein ruppiger und doch herzensguter Mann, der Lene vor eine echte Entscheidung für ihr weiteres Leben stellt.

Die Ausstattung der Gasträume ist sehenswert bis ins Detail. Eine Türglocke, die vielen noch bekannt vorkommen wird, soll eine ganz besondere Rolle spielen. Gemeinsam mit der teilweise umwerfenden Musik und einem Ensemble, dem man seine Spielfreude deutlich anmerkt, erzeugt der Film die Atmosphäre einer echten Kultkneipe, von denen es leider immer weniger gibt.

Von Beeskow nach Kopenhagen und zurück

Die Idee zu dem Film kam Regisseur Christian Klandt tatsächlich in der Mojo-Bar in Kopenhagen. Dem Zuschauer die Lebenswelt und Geborgenheit derartiger Orte zu vermitteln, war ein Ziel des Films. „Wir tragen alle die gleichen Bedürfnisse in uns, es sind die Erfahrungen, die uns trennen“, so Klandt. Der Regisseur stammt übrigens aus Beeskow. Dort haben über 50 Privatleute und Firmen Geld für die Finanzierung gesammelt und so wesentlich zum Entstehen des Films beigetragen. Momentan werden übrigens Ideen für eine Umsetzung von Helenes Vorgeschichte, Vol. 1 sozusagen, gesammelt.

Neben der Finanzierung war auch die Umsetzung von „Leif in Concert – Vol. 2“ von Kreativität geprägt. Ein Film mit Freunden und Weggefährten aus der Filmbranche sollte es werden, mit nur drei Monaten Vorbereitung und 17 Drehtagen, mit Leben erfüllt durch die Begeisterungsfähigkeit und den Ideenreichtum des Teams. „Es geht darum, eine Geschichte zu erzählen, und um das Glück, mit Menschen, die man mag, an etwas zu arbeiten, was einem wichtig ist“, betont Produzent Martin Lischke. Dass dieses Konzept aufging, war beim Filmfest München 2019 zu erleben. Dort gewann der Film gleich den Förderpreis Neues Deutsches Kino für die beste Produktion. Kamera, Schnitt und Team werden als herausragend beschrieben.

Auch im Quell-Eck, der letzten alten Kneipe nahe der Agrarfakultät in Berlin-Mitte, freut man sich auf den Film. © Hilmar Baumgarten

Dieser Film, der die Kneipe als Mikrokosmos unserer Gesellschaft würdigt, ist eine Ode an das Leben, die Leidenschaft und die Musik. Gerade durch die Corona-Pandemie ist vielen von uns bewusst geworden, wie wichtig der Zusammenhalt ist und die Zeit, die wir miteinander verbringen. Raum hierfür geben uns nicht zuletzt die verlängerten Wohnzimmer, die jetzt verstärkt ums Überleben kämpfen. Ihnen hat dieser Film ein Denkmal gesetzt.

Meine Empfehlung: Sehen Sie sich diesen Film mit Freunden auf der Leinwand an und gehen Sie danach mal wieder in die nächste Kneipe im Dorf oder um die Ecke. Und wenn dann jemand am Nachbartisch ein „schönes Wasser“ bestellt, haben Sie sicher bald ein gemeinsames Gesprächsthema…

Spielorte und Termine

BERLIN

ab 16. Juli 2020 Eva Lichtspiele

ab 16. Juli 2020 Lichtblick

ab 16. Juli 2020 Moviemento

ab 16. Juli 2020 Sputnik

30. Juli 2020, 20.00 Uhr KLICK Kino – mit Filmgespräch –

COTTBUS

ab 16. Juli 2020 Weltspiegel

18. Juli 2020, 20.00 Uhr Weltspiegel – mit Livemusik und Filmgespräch –

DRESDEN

ab 16. Juli 2020 Schauburg

KÖNIGS WUSTERHAUSEN

ab 6. August 2020 Capitol

LEIPZIG

ab 16. Juli 2020 Luru

17. Juli 2020, 21.30 Uhr Kinosommer im Felsenkeller – mit Livemusik und Filmgespräch –

MAGDEBURG

ab 16. Juli 2020 Moritzhof

WEIMAR

ab 23. Juli 2020 Mon Ami

Weitere Informationen zu Spielstätten und zum Film sowie den Soundtrack erhalten Sie unter: www.leifinconcert.de


Unterleuten - Das zerrissene Dorf

FILMKRITIK: Dramatisch, aber sehenswert

“Unterleuten”: Dorf der Intrigen

In dem Dreiteiler “Unterleuten” zerbricht eine Dorfgemeinschaft im Streit um den Bau eines Windparks. Die gelungene ZDF-Verfilmung des Erfolgsbuchs von Juli Zeh zeichnet ein düsteres Bild vom Miteinander auf dem Land – enthält bei aller Überzeichnung aber auch einen wichtigen Appell. mehr


Registrieren Sie sich für unseren kostenlosen Newsletter. Ihre Vorteile im Überblick:

  • Geschichten und Insights zu Fachbeiträgen
  • Aktuelle Nachrichten
  • Tipps zu den neusten Veranstaltungen

Bauernzeitung. Aktuell. Regional. Praxisnah.

Registrieren