Die Wolfspopulation entwickelt sich in Deutschland seit Jahren rasant nach oben. Politisch eingreifen will die Regierung bislang nur bei „Problemwölfen“. (c) IMAGO/Blickwinkel

Wolfsangriff in Brandenburg: Beutezug mitten im Ort

Im Süden Brandenburgs und an der Grenze zu Sachsen kam es zu zwei Wolfsattacken. Ob der Schaden ausgeglichen wird, ist noch unklar.

Von Karsten Bär und Veit Rösler

Der Wolf schlich sich nach Anbruch des Tages heran: Früh um halb sechs hatte Thomas Nagel seine Schafe aus dem Stall und auf die Weide hinterm Haus gelassen – um halb neun rief ihn sein Vater auf Arbeit an, um ihm mitzuteilen, dass mehrere seiner Tiere tot seien.

Während die drei Lämmer am Leben blieben, fielen die zwei Muttern und der Bock dem Angriff zum Opfer. „Mitten im Ort!“, betont der Tierhalter aus Mühlberg-Weinberge (Landkreis Elbe-Elster), der sofort einen Rissgutachter benachrichtigte. Auch für diesen stand schnell fest, dass es ein Wolf gewesen sein muss. Die Tiere waren per Kehlbiss getötet worden. Fraßspuren wies allerdings nur der Schafbock auf. „Wie der Wolf reingekommen ist, wissen wir nicht“, so Nagel.

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Wolfsangriff in Brandenburg: Weidezaun nach Vorschrift

Seine Weide, auf der neben den Schafen auch zwei Kühe sowie Ziege und Ziegenbock grasen, ist ordnungsgemäß und eigentlich sicher gezäunt. Ein Teil ist von Festzaun mit Unterwühlschutz umgeben und zusätzlich durch ein Stromband gesichert. Der andere Teil besteht aus stromführendem Weidezaun. Dass ausreichend Strom anlag, hat auch der Rissgutachter bestätigt. „Der Wolf muss über den Weidezaun gesprungen sein“, vermutet der Tierhalter. In der Gegend gibt es viele Wildzäune zum Schutz vor der Ausbreitung der Afrikanischen Schweinepest (ASP) aus den Restriktionszonen im nahen Sachsen. An ihnen haben die Wölfe das Springen erlernt, glaubt er.

Nicht nur, dass ein Wolf den Herdenschutz überwindet, schockiert Thomas Nagel. Auch die Tatsache, dass so etwas innerorts passiert, macht ihn fassungslos. Hinter seinem Grundstück gibt es einige weitere Wohnhäuser, bevor Wald, Feld und die vom Kiesabbau geprägte Landschaft um die Elbstadt Mühlberg beginnen.

Dass Wölfe nahe an den Ort herankommen, kann auch ein Nachbar bestätigen, der zuletzt mehrfach eine Fähe und heranwachsende Jungtiere von seinem Grundstück aus gesehen hat. Am Tag des Angriffs habe sein Hund gegen halb acht wütend angeschlagen und gebellt, also die nahe Anwesenheit des Raubtiers wohl bemerkt. Für seinen Herdenschutzzaun hatte sich Nagel, der einen Abschluss als Landwirtschaftsmeister hat, aber inzwischen in einer anderen Branche arbeitet, seinerzeit um eine Förderung bemüht. „Telefonisch hat man mir beim Landesumweltamt mitgeteilt, dass keine Aussicht auf Erfolg besteht, da die Weide ja im Ort liegt“, berichtet er. Der Rissgutachter habe aber zumindest eine Beratung zugesichert.

Während Thomas Nagel seine verbliebenen Schafe nur noch mit großen Sorgen morgens aus dem Stall lässt, steht für ihn eins fest: „Unsere Kinder, die neun und zweieinhalb Jahre alt sind, lassen wir nicht mehr allein vom Hof.“

Weitere Wolfsattacke in der Nähe

In der vergangenen Woche kam es in Schweinfurth zu einer weiteren Wolfsattacke.

„Ich bin noch total durch den Wind. Mir zittern noch die Knie“, gesteht Dirk Richter. In der Nacht zum Mittwoch haben Wölfe alle elf Schafe der Rasse Barbados der Familie angegriffen. Nicht einmal hundert Meter vom Wohnhaus entfernt! Sechs waren sofort tot, ein schwer verletztes Tier ist am Donnerstag verstorben, und drei Tiere stehen mit Bisswunden am Hals verängstigt in der hinteren Ecke vom Stall. Die Landesgrenze zwischen Brandenburg und Sachsen verläuft quer über das Grundstück am nördlichen Ortseingang von Schweinfurth. Tote Tiere lagen damit sowohl in Brandenburg als auch wenige Meter von der Landesgrenze entfernt in Sachsen.

Wer ist zuständig? Gekommen ist ein Wolfsbeauftragter aus Cottbus, zuständig für Brandenburg. Der hat zwar fast vier Stunden auf dem Grundstück zur Erfassung der Schäden und zur Spurensuche zugebracht, zu einer Aussage ist er dennoch nicht bereit. Er sei nur ein Hilfs-Wolfsbeauftragter, und zuständig seien die Behörden in Brandenburg und Sachsen. Im nächsten Schritt wurden die nun mittlerweile sieben toten Tiere von einem Tierkörperbeseitiger abgeholt, mit dem Hinweis, dass die drei überlebenden Schafe nach dem Kontakt mit den Wölfen den Angriff wohl auch nicht überleben werden.

Herdenschutzhund hat leider versagt

Die Familie von Dirk Richter hält seit 25 Jahren Schafe. Zunächst versucht er, nun die verletzten Tiere mit Infektionsmittel wieder aufzupäppeln. Ob das gelingt, ist unklar. Für die nächsten Nächte hat sich bereits wieder Besuch angekündigt. In der Nacht zum Donnerstag hat man Wölfe heulen hören. Die Bewohner sperren Kinder und Tiere ein. Jetzt hat Dirk Richter den Schafstall als Barrikade aufgebaut Etwas enttäuscht ist Dirk Richter von seinem Germanischen Bärenhund Lino.

Das dreijährige riesige schwere Tier passe eigentlich Tag und Nacht auf wie ein „Schießhund“, doch jetzt hat er versagt! Vermutlich hat Lino als Jungtier einen Blitzeinschlag miterlebt. In der besagten Nacht zum Mittwoch hat es im Raum Röderland-Kröbeln ein Gewitter gegeben, woraufhin sich Lino im Stall verkroch. Diesen Moment haben die Wölfe gnadenlos ausgenutzt.

Wie das Landesumweltamt auf Anfrage mitteilte, werde genau geprüft, ob ein Anspruch auf Schadensausgleich besteht. Entscheidend sei, ob der Mindeststandard für Zäune eingehalten wurde. Ob diese innerhalb oder außerhalb des Ortes stehen, spiele keine Rolle. Sollte der Schadensort außerhalb von Brandenburg liegen, werde der Fall an die zuständige sächsische Behörde weitergeleitet.


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