Lehre am Objekt: Eine Gruppe von Studenten unter der Leitung von Frau Prof. Dr. Christa Volkmar auf den Versuchsfeldern. © Frank Steinheimer

Geburtsort des Agrarstudiums

Die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg ist im mitteldeutschen Raum die einzige universitäre Ausbildungsstätte. Sie verbindet Agrar- und Ernährungswissenschaften in der gesamten Wertschöpfungskette.

Von Ulrike Bletzer

Reich an Tradition auf der einen und hochmodern auf der anderen Seite – wie sich diese scheinbaren Gegensätze ohne Weiteres zu einem homogenen Ganzen zusammenfügen können, spiegelt nicht nur, aber mit Sicherheit auch das Institut für Agrar- und Ernährungswissenschaften an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg wider. Wobei für die traditionsreiche Seite vor allem ein Name steht: Julius Kühn. Denn niemand anderes als dieser berühmte Agrarwissenschaftler war es, der das Institut 1863 gründete – und damit den „Startschuss“ für das landwirtschaftliche Universitätsstudium in Deutschland gab. Oder wie Prof. Dr. Hermann Swalve, der heutige Direktor der Bildungseinrichtung, es formuliert: „Wir waren die ersten, die Agrarwissenschaften an der Uni angeboten haben.“

Hervorragende Ausstattung

Gut, aber inwiefern ist das Institut hochmodern? „Es befindet sich auf einem wunderschönen Campus, der Anfang der 2000er-Jahre auf einem ehemaligen Militärgelände erbaut wurde“, antwortet Prof. Dr. Swalve. Dazu habe man sowohl bereits vorhandene alte Häuser entkernt und grundsaniert als auch etliche Gebäude komplett neu errichtet.

Der auf der Westseite der Saale gelegene Campus Heide-Süd sei an Großzügigkeit kaum zu überbieten, unterstreicht der Institutsdirektor. Dazu komme die hervorragende Ausstattung der Hörsäle und Labore: „Sie bewegt sich in jeder Hinsicht auf dem neuesten Stand, sodass wir auch hier mit an der Spitze liegen in Deutschland.“

Gut vernetzt mit weiteren Bildungseinrichtungen

Prof. Dr. Hermann H. Swalve  FOTO: PRIVAT
Prof. Dr. Hermann H. Swalve © privat

Dr. Swalve die familiäre Atmosphäre am Institut, die ihren Grund zumindest zum Teil in dessen überschaubarer Größe mit 19 Professorinnen und Professoren haben dürfte. „Zusätzlich lehren bei uns fünf gemeinsam berufene Professoren“, sagt der Institutsleiter der Vollständigkeit halber und weist an dieser Stelle auf die enge Zusammenarbeit mit weiteren in der Region ansässigen Bildungseinrichtungen wie dem Helmholtz-Umweltforschungszentrum Halle-Leipzig, dem Julius-Kühn-Institut in Quedlinburg oder dem Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung in Gatersleben hin.

Auch innerhalb der Fakultät, zu der neben dem Institut für Agrar- und Ernährungswissenschaften auch das Institut für Geowissenschaften und Geographie sowie das Institut für Informatik gehören, sei man bestens vernetzt und profitiere von Synergien.

Welche Studienrichtungen an der Martin-Luther-Universität angeboten werden

Agrarwissenschaften, Ernährungswissenschaften und Management Natürlicher Ressourcen – dies sind die Studienrichtungen, in denen man am Institut sowohl den Bachelor- als auch den Master-Abschluss erwerben kann. Dazu kommt der Master-Abschluss in Nutzpflanzenwissenschaften. Alle Semester zusammengenommen, habe man am Institut 230 bis 250 Bachelor- und rund 150 Masterstudenten, berichtet Prof. Dr. Swalve und stellt klar: „Auch wenn wir ein kleines Institut sind, sind wir von der Studierendenzahl her durchaus lebensfähig.“

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Zugangsvoraussetzungen und Ablauf des Studiums

Der Einzugsbereich erstreckt sich bei den Bachelor-Studiengängen über Sachsen-Anhalt hinaus vor allem auf Thüringen und Sachsen. „Einige unserer Studierenden kommen auch aus Brandenburg und Niedersachsen“, berichtet Prof. Dr. Swalve und schickt hinterher, die Master-Studiengänge seien von der geografischen Herkunft der Studierenden her heterogener.

Zugangsvoraussetzung für ein Bachelor-Studium Agrarwissenschaften an der Martin-Luther-Universität ist, über eine anerkannte Hochschulzugangsberechtigung hinaus, ein insgesamt sechsmonatiges Praktikum. Davon sind mindestens 13 Wochen in der Primärproduktion, sprich auf einem anerkannten landwirtschaftlichen Ausbildungsbetrieb, zu absolvieren. Der Rest des Praktikums muss nicht, kann aber in einem Betrieb des vor- und nachgelagerten Bereichs der Landwirtschaft, etwa im Landhandel oder bei einer Futtermittelfirma, angesiedelt sein. Eine Aufteilung des sechsmonatigen Praktikums in verschiedene Abschnitte vor und während des Studiums ist möglich, allerdings muss es spätestens am Ende des 4. Semesters komplett abgeschlossen sein.

In den ersten drei Semestern stehen, um nur einige wenige Beispiele zu nennen, Grundlagenmodule in Fächern wie Biologie der Nutzpflanzen, Biologie der Nutztiere, Bodenkunde oder Agrartechnik auf dem Lehrplan. Vom 4. bis 6. Semester steht dann die Spezialisierung auf eine von drei möglichen Fachrichtungen im Vordergrund. Konkret handelt es sich dabei um die Fachrichtung Pflanzenwissenschaften mit Pflichtmodulen wie Ackerbau, Spezieller Pflanzenbau oder Mineralstoffernährung der Pflanzen, die Fachrichtung Nutztierwissenschaften (Pflichtmodule unter anderem: Zuchtplanung und Zuchtwertschätzung, Futtermittelkunde und -bewertung sowie Tierhaltung und Haltungsbiologie) und die Fachrichtung Wirtschafts- und Sozialwissenschaften des Landbaus (Pflichtmodule zum Beispiel: Agrarmanagement, Investitionstheorie und -praxis im Agribusiness sowie Märkte im vor- und nachgelagerten Bereich der Landwirtschaft).

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Vor dem „Löwengebäude“ wurde wie schon im Juni 2021 protestiert. (c) Detlef Finger

Martin-Luther-Universität: Nach Bachelor Master anschließen

Wer nach dem Schreiben der Bachelor-Arbeit und dem erfolgreichen Ablegen der Prüfungen schließlich den Bachelor of Science Agrarwissenschaften in der Tasche hat, arbeitet in der Regel in einer Führungsposition auf einem landwirtschaftlichen Betrieb oder im vor- und nachgelagerten Bereich der Landwirtschaft. Viele Absolventinnen und Absolventen üben als Angestellte von Landesanstalten, Verbänden und Erzeugergemeinschaften beratende Funktionen aus oder sind auf Bundes-, Landes- oder kommunaler Ebene in der Verwaltung tätig. Der Bachelor Agrarwissenschaft bildet aber auch die Grundlage, um für vier weitere Semester an der Uni zu bleiben und den Master Agrarwissenschaft oder Nutzpflanzenwissenschaften draufzusatteln – was laut Prof. Dr. Swalve etwa zwei Drittel der Studierenden denn auch tun.

Den Bachelor-Absolventen des Studiengangs Ernährungswissenschaften wiederum stehen in allen Bereichen des Ernährungssektors leitende Funktionen in der Beratung, Aufklärung, Prävention und Öffentlichkeitsarbeit, aber auch administrative und qualitätssichernde Tätigkeiten im lebensmittelproduzierenden Gewerbe offen. Zu den Pflichtmodulen dieses Studiengangs an der Martin-Luther-Universität zählen neben vielen anderen Biochemie, Ernährungsphysiologie sowie Lebensmittelhygiene und -mikrobiologie.

Dazu kommen im 5. und 6. Semester verschiedene Wahlpflichtmodule wie Einführung in die Molekularbiologie für Agrar- und Ernährungswissenschaften, Qualität und Sicherheit pflanzlicher Lebensmittel oder Umwelt-, Agrar- und Ernährungsethik.

Zu diesem Studiengang gehört außerdem ein achtwöchiges berufsfeldbezogenes Praktikum, das die Studierenden ab Ende des 3. Semesters in der vorlesungsfreien Zeit absolvieren. Nach dem Bachelor-Abschluss haben sie die Möglichkeit, sich im Master-Studiengang Ernährungswissenschaften weitergehend zu qualifizieren.

Natürliche Ressourcen

Bleibt noch der – allerdings weniger stark frequentierte – Bachelor-Studiengang Management Natürlicher Ressourcen. Dieser interdisziplinäre Studiengang ist organisatorisch am Institut für Geowissenschaften und Geographie angesiedelt, dreht sich um Aspekte des Wasser-, Boden- und Naturschutzes und ist auf Berufe in der Umwelt-, Raum- und Landschaftsplanung zugeschnitten. Viele der Absolventinnen und Absolventen arbeiten später in wissenschaftlichen Dienstleistungsbereichen von Büros, Beratungsfirmen und Fachbehörden. Auch hier ist ein achtwöchiges, studienbegleitendes Praktikum Pflicht – und auch hier besteht die Möglichkeit, das erworbene Wissen in einem Master-Studiengang zu vertiefen.

Mit dem Master-Abschluss in der Tasche hat man später bessere Aufstiegschancen und damit noch bessere Aussichten auf einen gut bezahlten Job – das ist an der Martin-Luther-Universität auch nicht anders als an anderen landwirtschaftlichen Universitäten. Mit einer Besonderheit wartet das Institut für Agrar- und Ernährungswissenschaften dennoch auf: Den Master-Studiengang Nutzpflanzenwissenschaften gibt es nur hier. „Er legt den Schwerpunkt auf Pflanzenzüchtung, -ernährung und -physiologie sowie Phytopathologie und richtet sich an Studierende, die eine Laufbahn in der Wissenschaft und Forschung einschlagen möchten“, erklärt Prof. Dr. Swalve.

Martin-Luther-Universität, Blick auf den Uni-Campus mit Gewächshaus, Labor und Tiergebäude. FOTO: HERRMANN H. SWALVE
Blick auf den Uni-Campus mit Gewächshaus, Labor und Tiergebäude. © Herrmann H. Swalve

Julius-Kühn-Versuchsfeld: Aktiver Dauerversuch

Apropos Forschung: Hier liegt ein Schwerpunkt der am Institut für Agrar- und Ernährungswissenschaften tätigen Professoren auf den Themen Nachhaltigkeit und Klimawandel, so zum Beispiel auf der Trockenheitsresistenz von Getreide. Zu Forschungszwecken, aber auch als Orte, an denen die Studierenden praktische Übungen durchführen können, verfügt das Institut über zwei Lehr- und Versuchsstationen – darunter die von Institutsgründer Julius Kühn ins Leben gerufene Lehr- und Versuchsstation Halle: Das sogenannte Julius-Kühn-Versuchsfeld dient unter anderem dem zweitältesten aktiven Dauerversuch im Roggenanbau.

Als Grundlage für seine Forschungen ließ Julius Kühn aber auch Ställe und einen Haustiergarten einrichten, aus dem das heutige Museum für Haustierkunde hervorgegangen ist. „Dieses Museum dient als Referenzlabor für alte Haustierrassen“, berichtet Prof. Dr. Swalve, dem noch etwas wichtig ist zu betonen: „Unsere Absolventinnen und Absolventen haben keinerlei Schwierigkeiten, einen Job zu finden – sei es als Führungskraft auf einem Großbetrieb oder anderweitig. Es kommt gar nicht selten vor, dass ich einen Studenten, der überdurchschnittlich gute Leistungen gezeigt hat, von einer Promotion zu überzeugen versuche und zur Antwort bekomme, dass er oder sie bereits mehrere Stellenangebote in der Tasche hat.“

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