Zoonosen: Mensch und Tier und tausend Fragen

Überall, wo wir unserer Fauna zu nahe auf den Leib rücken, kann es zur Übertragung von Krankheiten kommen: Zoonosen scheinen eine Geißel der globalisierten Welt zu sein – vom Durchfall bis zur Pandemie.

Von Heike Mildner

Seit diesem Frühjahr ist die Welt eine andere. Grund dafür ist ein Virus, auf das der Mensch nicht vorbereitet war, weil es eigentlich Wildtiere befällt. Im Verdacht stehen Fledermäuse und Flughunde, die mit mehr als 3.000 Arten an Coronaviren umzugehen wissen. Eins davon, das SARSCoV-2 benannt wurde, hat nicht nur eine Gelegenheit gefunden, den Wirt zu wechseln, sondern ist auch noch in der Lage, sich von Mensch zu Mensch auszubreiten. Und das tut es.

Was bisher geschah

Für Infektionskrankheiten, die von Bakterien, Parasiten, Pilzen, Prionen oder Viren verursacht werden und zwischen Tier und Mensch wandern, steht das Wort Zoonose – mit drei „o“, die man beim Sprechen auch hört: Zo-ono-se. Im Griechischen ist „zoon“ das Lebewesen und „nosos“ die Krankheit. Etwa 75 Prozent aller neu auftretenden Infektionskrankheiten sind Zoonosen. Und seitdem die Welt ein Dorf ist, sind auch die Übertragungswege kürzer geworden. Hinzu kommt der Klimawandel.

In Deutschland zählen nach Infektionsschutzgesetz 34 Zoonosen zu den meldepflichtigen Erkrankungen. Von A wie Amoebiasis und Arboviren (z. B. West-NilVirus) bis Z wie Zika kennen wir in Deutschland die Fallzahlen.


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Dem Robert Koch-Institut (RKI) werden jährlich etwa 10.000 „Ausbrüche“ übermittelt. Das klingt dramatisch, aber meist sind weniger als fünf Personen involviert – zum Beispiel bei Salmonellose nach einem Restaurantbesuch. Ausnahmen – abgesehen von der, mit der wir gerade leben – waren: die Influenza A(H1N1)-Pandemie 2009, zwei Jahre später der Ehec Ausbruch (Enterohämorrhagische Escherichia coli) in Norddeutschland mit mehr als 50 Toten und 2012 der Norovirus-Ausbruch in ostdeutschen Schulen.

Seit 2006 die Geflügelpest in Europa ankam, wird in Deutschland zu Zoonosen interdisziplinär geforscht. Im selben Jahr wurde zwischen Forschungs-, Gesundheits- und Landwirtschaftsministerium eine Forschungsvereinbarung zu Zoonosen geschlossen, die Bundesregierung stellte 60 Mio. € bereit, um die wissenschaftliche Grundlagenforschung zu stärken und langfristig Prävention, Diagnose und Therapien von Zoonosen zu verbessern. Dem Forschungs-Sofortprogramm Influenza (FSI) folgten elf interdisziplinäre Forschungsverbünde mit über 95 Teilprojekten, die seit 2009 als „Nationale Forschungsplattform für Zoonosen“ interagieren.

One-Health-Ansatz

Im Januar 2016 wurde besagte Forschungsvereinbarung erneuert. Seither bringt sich auch das Verteidigungsministerium in die Forschung ein. Auch, weil man in vielen Punkten offenbar nicht so weit gekommen ist, wie es nötig wäre: „Bedeutende Fragen zu zoonotisch übertragenen Krankheiten konnten bisher noch nicht oder nur teilweise beantwortet werden“, heißt es in der Forschungsvereinbarung. Zudem würden sich neue Forschungsfragen stellen: „Wodurch wird die Entstehung und Verbreitung von Zoonosen begünstigt?

One-Health-Ansatz: Weitere Forschung ist dringend notwendig.

Wie kann die Ausbreitung von Infektionen rasch und breitflächig eingedämmt werden? Gibt es besonders empfindliche menschliche oder tierische Populationen? Welche Maßnahmen zur Prävention sind verfügbar und welche sind effektiv und angemessen?“ Verfolgt wird nun der sogenannte One-Health-Ansatz. Wissenschaftlich habe sich bereits seit Längerem eine ganzheitliche Betrachtung durchgesetzt, heißt es in der Vereinbarung der nunmehr vier Ministerien.

„Eine nur einseitige und isolierte Fokussierung auf die Gesundheit der Menschen, Tierbestände, Sicherheit von Lebensmitteln, Produkte im weltweiten Handel oder Umweltaspekten ist im Kampf gegen Zoonosen nicht durchschlagend erfolgreich.“ Kerngedanke des „One-Health“-Ansatzes sei daher, dass die Gesundheit von Mensch und Tier miteinander verbunden ist und eine Einheit bildet.

Von Mensch zu Schwein

Geht es dem Tier gut, geht es auch dem Menschen gut. Diesen Ansatz kann man bis in den Schweinestall verfolgen. Wissenschaftler des Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI), des Universitätsklinikums Freiburg u. a. haben das getan und mehr als 18.000 Einzelproben aus annähernd 2.500 schweinehaltenden Betrieben mit Atemwegserkrankungen bei Schweinen in Europa untersucht. Das Ergebnis: Schweine eignen sich hervorragend für die Vermehrung und Neusortierung von Influenzaviren, die vom Mensch, Schwein oder Vogel stammen.


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Die Wissenschaftler wiesen nach, dass der Erreger der letzten menschlichen Grippepandemie Influenza A(H1N1)/2009 bereits im selben Jahr Eingang in die Schweinepopulationen Europas fand und verantwortlich für das stark anwachsende Repertoire neuartiger Virusvarianten im Schwein ist. In mehr als der Hälfte der untersuchten Betriebe in Deutschland und weiteren 16 europäischen Ländern wurden ganzjährig Influenzavirusinfektionen gefunden. Während vier Influenzaviruslinien mit unterschiedlicher geographischer Verteilung in den Schweinepopulationen Europas dominieren, entstehen daraus zunehmend neue Virusvarianten.

Von Schwein zu Mensch

Nun würden die meisten Menschen fragen, was es sie angeht, wenn ein Schwein Husten hat, solange das Schnitzel okay ist. Die Studie zeigt: Es sollte sie sehr wohl etwas angehen. Eine Analyse der Übertragung auf Frettchen, die als Tiermodell für humane Influenza fungieren, zeigten, dass einige Virusvarianten über zoonotisches Potential verfügen. „Einige der Schweine-Influenza-Viren haben bereits eine wichtige Barriere für die Übertragung auf den Menschen überwunden. Das erhöht das Risiko deutlich“, erläutert Prof. Dr. Martin Schwemmle vom Universitätsklinikum Freiburg einige Teilergebnisse der Studie.

Prof. Dr. Timm Harder vom Friedrich-Loeffler-Institut regt an: „Der vielbeschworene ’One -Health-Gedanke‘ ließe sich gerade hier erfolgversprechend in praktische Projekte zum gegenseitigen Nutzen von Mensch und Tier umsetzen.“ Es gehe darum, aktuelle Kenntnisse zur Infektionslage in der Praxis nutzbar zu machen, Impfstoffe für Schweine gegen Influenzaviren zu optimieren, das Tierwohl zu mehren und Einbußen in der Schweineproduktion zu mindern, heißt es zu möglichen Konsequenzen aus der Studie, die Ende Juli erschienen ist. Mit dem Rückgang der Influenzaviren in Schweinebeständen ginge eine Verringerung des Expositionsrisikos von Menschen gegenüber potenziell zoonotischen Influenzaviren aus diesem Reservoir einher, betonen die Forscher. Es gibt also etwas zu tun. Fragt sich, ob wir schnell genug sind für präventives Handeln.

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