Corona und Afrikanische Schweinepest auf einmal sind zu viel. In den Ställen wird es eng. (c) Sabine Rübensaat

Schweinestau: Druck aus den Ställen

Corona-Ausbrüche in zwei Großschlachthöfen verschärfen die durch ASP ohnehin angespannte Lage am Markt und in den Betrieben. Noch gibt es keinerlei Anzeichen, wie sich der „Schweinestau“ auflösen könnte.

Von Ralf Stephan

Am deutschen Schlachtschweinemarkt hat sich die Überschusssituation in der vorigen Woche weiter verschärft. Die ohnehin schon wegen Hygieneauflagen und fehlendem Personal reduzierten Schlacht- und Zerlegekapazitäten wurden nach Corona-Ausbrüchen bei Vion in Emstek und der zu Tönnies gehörenden Firma Weidemark in Sögel (beides Niedersachsen) nochmals verringert. Bei Vion in Emstek, wo 1.100 Menschen beschäftigt sind, hatte es 63 neue Covid-19-Erkrankungen gegeben. In der Folge überschritt der Kreis Cloppenburg die kritische 50er-Marke deutlich.

Quarantäne am Band

Dennoch entschied der Landkreis, den Betrieb nicht zu schließen. Allerdings befinden sich die erkrankten und weitere 300 Personen in häuslicher Quarantäne, sodass 4.000 Schweine pro Tag weniger geschlachtet werden. Nach Angaben von Vion wird die übliche Tagesleistung damit halbiert. In Sögel, wo rund 1.800 Mitarbeiter tätig sind, werden normalerweise pro Woche 75.000 Schweine geschlachtet. Nach positiven Tests bei 112 Beschäftigten verfügte der Landkreis Emsland Anfang voriger Woche eine dreiwöchige Schließung, die ab Montag dieser Woche gelten sollte.

Gegen die Komplettschließung reichte das Unternehmen einen Eilantrag beim Osnabrücker Verwaltungsgericht ein. Man müsse „die Verhältnismäßigkeit wahren und neben dem Infektionsschutzauch den Tierschutz auf den Höfen in der Region sicherstellen“, forderte Geschäftsführer Christopher Rengstorf im NDR. Der Schlachthof hatte seine Kapazitäten schon deutlich reduziert und nur noch 8.000 Schweine pro Tag geschlachtet.

Zerlegen mit Abstand: corona-konforme Arbeitsplätze in einem Unternehmen des Tönnies-Konzerns. Zerlegen mit Abstand: corona-konforme Arbeitsplätze in einem Unternehmen des Tönnies-Konzerns.
Zerlegen mit Abstand: corona-konforme Arbeitsplätze in einem Unternehmen des Tönnies-Konzerns. (c) WERKBILD TÖNNIES

Nach intensiven Krisengesprächen, an denen die regionale Erzeugergemeinschaft „Qualitätsvieh Hümmling eG“ beteiligt war, gab der Landkreis am Wochenende – also noch vor der Entscheidung des Gerichts – dann doch grünes Licht für eine eingeschränkte Weiterführung des Betriebs. 250 Mitarbeiter gehen dafür in eine „Arbeitsplatzquarantäne“. Unter strengen Auflagen dürfen sie dann bis auf Weiteres 5.000 Tiere pro Tag verarbeiten.

Bauern protestierten

Zusätzlichen Druck auf die Verwaltung hatten am Freitag voriger Woche Proteste von Landwirten aus der Region erzeugt. Vor der Kreisverwaltung in Meppen fuhren sie mit 55 Traktoren auf und forderten Lösungen für die Zeit nach der Schlachthofschließung. Die Organisation „Land schafft Verbindung“ (LsV) mahnte einen Notfallplan vom Landkreis an. Man sei nicht grundsätzlich gegen das Schließen des Schlachthofes, weil Infektionsschutz vorgehe, erklärte ein LsV-Sprecher. Aber man brauche jetzt Vorschläge, was mit den schlachtreifen Schweinen geschehen solle.

Wie umfangreich das Angebot an schlachtreifen Schweinen mittlerweile ist, zeigt sich auch an der zur Vermarktung anstehenden Tierzahl bei den Mitgliedsbetrieben von Erzeugergemeinschaften. Die Vereinigung der Erzeugergemeinschaften für Vieh und Fleisch (VEZG) meldete gut 300.000 Stück für die aktuelle Schlachtwoche, womit das Angebot um rund 30 % über dem Üblichen liegt. Die Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN) rechnet nach der Einstellung der Schlachtungen in Bochum und den weiterhin reduzierten Schlachtkapazitäten an anderen Standorten bundesweit mit reduzierten Kapazitäten im Umfang von 200.000 Schweineschlachtungen je Woche. Zwar finden laut ISN bereits deutliche Anpassungsreaktionen bei den Erzeugern statt. So wurden nicht nur die Schlachttierimporte, sondern auch die Ferkelimporte sichtbar reduziert. Zudem zeigten steigende Zahlen bei den Sauenschlachtungen, dass bereits eine Reihe von Sauenhaltern den Betriebszweig aufgebe.

Zugleich weist die ISN aber darauf hin, dass sich weniger Besamungen ohnehin erst im kommenden Jahr am Markt auswirken. In der Bilanz fehlen nach den Berechnungen der Interessengemeinschaft wöchentlich über 100.000 Schlachtungen, die jede Woche zum Überhang von 300.000 bis 400.000 Schweinen hinzukämen. „Das heißt, wenn es nicht schnell wieder zu einer Ausweitung der Schlacht- und Zerlegekapazitäten kommt, stehen zu Weihnachten weit über eine Million Schweine in den Ställen, die dann eigentlich schon geschlachtet sein müssten und den Platz für heranwachsende Schweine blockieren“, warnt die ISN.

Händler, Schlachthöfe und Erzeuger stimmen sich fortlaufend ab, um nach Möglichkeit solche Betriebe zu entlasten, bei denen akut besonders großer Druck in den Ställen entsteht.
Händler, Schlachthöfe und Erzeuger stimmen sich fortlaufend ab, um nach Möglichkeit solche Betriebe zu entlasten, bei denen akut besonders großer Druck in den Ställen entsteht. (c) Archiv / Susanne Gnauk

Am Fleischmarkt ist hingegen kaum Mengendruck zu spüren. Grund: Es werden ja deutlich weniger Tiere geschlachtet. Der inländische Fleischmarkt läuft deshalb laut Analysten zu kaum veränderten Preisen weitgehend normal. Größere Verluste entstehen den Fleischherstellern allerdings nach dem Verlust von Drittlandsmärkten wegen der Afrikanischen Schweinepest (ASP) durch die kaum vorhandenen Vermarktungsmöglichkeiten für das „fünfte Viertel“, wie Schlachtnebenerzeugnisse, Ohren oder Füße. Die maßgebliche VEZG-Notierung blieb weiter auf dem niedrigen Niveau von 1,27 €/ kg Schlachtgewicht (SG) stabil. Was angesichts der gewaltigen Überhänge in den Ställen eigentlich verwundern müsste, erklärt ein Analyst so: Weil die Schlachter keine Verarbeitungskapazitäten frei haben, brächte ihnen eine weitere Senkung wenig.

Weiter Ferkel importiert

Auf die menschliche Seite der Notsituation machte die niedersächsische Landwirtschaftsministerin, Barbara Otte-Kinast, vor dem Landtag in Hannover sehr bewegend aufmerksam. Als sie den Abgeordneten von Anrufen weinender Männer und Frauen berichtete, die damit drohten, erst ihre Tiere und dann sich umzubringen, musste die Ministerin mit den Tränen kämpfen.

Die CDU-Politikerin, die mit ihrer Familie einen Milchviehbetrieb bewirtschaftet, richtete dann aber auch Kritik an die Branche selbst: Dass im September noch über 400.000 Mastferkel aus Dänemark und den Niederlanden in Niedersachsen aufgestallt wurden, während einheimische Sauenhalter keine Abnehmer mehr fänden, sei für sie nur schwer nachvollziehbar, machte die Ministerin deutlich.

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