Praxiseinheiten im Schaugarten, im Labor und in landwirtschaftlichen Betrieben ergänzen die Vorlesungen. (c) Ulrike Bletzer

Ziel: Geländegängige Akademiker

Nicht alltäglich, familiär und landschaftlich reizvolle Umgebung – das sind Merkmale, die an der Hochschule Neubrandenburg den Fachbereich Agrarwirtschaft und Lebensmittelwissenschaften auszeichnen.

Von Ulrike Bletzer, Bad Ems


„Unser heimliches Ausbildungsziel ist der geländegängige Akademiker“, sagt Prof. Dr. Rainer Langosch, Dekan des Fachbereichs Agrarwirtschaft und Lebensmittelwissenschaften an der Hochschule Neubrandenburg, – und meint mit „geländegängigen Akademikern“ junge Menschen, die sowohl im wissenschaftlichen Denken geschult als auch in der praktischen Arbeit erfahren sind.

Auf dem Weg zu diesem Ziel bietet der Fachbereich, der aktuell rund 550 Studierende umfasst, neun Studiengänge, von denen für Landwirte und solche, die es werden wollen, insbesondere die folgenden vier von Interesse sind: der klassische Bachelor, Bachelor dual und Master Agrarwirtschaft sowie der binationale Master Nachhaltiges Landwirtschaftliches Produktionsmanagement.

binationaler Master bisher einzigartig

Letzterer sei unter den drei Alleinstellungsmerkmalen, die den Fachbereich auszeichnen, dasjenige, dass diese Bezeichnung am meisten verdient, betont Prof. Dr. Langosch. Denn: „Etwas Vergleichbares gibt es an anderen landwirtschaftlichen Hochschulen und Universitäten bisher nicht.“

Dieser Studiengang, der zum Sommersemester 2018 an den Start ging, ist Teil eines Programms zur Förderung der Freundschaft und Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Argentinien und bietet jeweils sechs Studierenden aus beiden Ländern die Möglichkeit, nach insgesamt vier Semestern mit dem deutschen Master und der Maestra als argentinischem Pendant einen doppelten Studienabschluss zu erwerben. Während sie das erste Studienjahr an der argentinischen Partnerhochschule Concepción del Uruguay absolvieren, besuchen sie im zweiten die Hochschule Neubrandenburg.

Das Deutsch-Argentinische Hochschulzentrum fördert den Studiengang, dessen inhaltliche Schwerpunkte auf Pflanzenbau, Landtechnik sowie Agrar- und Umweltökonomie liegen, mit Stipendien. „Die Entstehung dieses Studiengangs basiert auf Netzwerken, die Kollegen von mir aufgebaut haben“, betont Prof. Dr. Langosch. „Da steckt sehr viel persönliches Engagement drin.“

Vom Acker bis zur Abfallwirtschaft

Und was hat es mit den beiden anderen Alleinstellungsmerkmalen auf sich, die vielleicht nicht ganz so ausschließlich auf den Fachbereich zutreffen, ihn aber ebenfalls zu etwas Besonderem machen? „Da er neben der Agrarwirtschaft auch die Lebensmittelwissenschaften umfasst, deckt er vom Acker über den Handel bis hin zur Abfallwirtschaft, etwa in Form von Biogasanlagen, die gesamte Lebensmittelwertschöpfungskette ab“, erklärt der Dekan.

Zu den Studiengängen im nicht agrarwirtschaftlichen Bereich zählen der Bachelor und Bachelor dual Lebensmitteltechnologie, der Master Lebensmittel- und Bioprodukttechnologie, der Bachelor Diätetik sowie der berufsbegleitende Studiengang Angewandte Betriebswirtschaftslehre.

Dabei handelt es sich nicht um ein Nebeneinander, im Gegenteil: „Unter anderem gibt es gemeinsame Projekte, in denen angehende Agrarwissenschaftler und Diätassistenten zusammenarbeiten“, berichtet Prof. Dr. Langosch und fügt hinzu: „Wir leben hier im Fachbereich das Interdisziplinäre.“ Dies gelte insbesondere auch für ein interdisziplinäres Projektseminar, dessen Teilnehmer auf hohem Niveau Messeauftritte planen.

Auch ein Alleinstellungsmerkmal: „Campus mit Wasseranbindung“

Das dritte Alleinstellungsmerkmal: Die Hochschule liegt in landschaftlich ausgesprochen reizvoller Umgebung fast direkt am Tollensesee – nicht ohne Grund spricht Prof. Dr. Langosch von einem „Campus mit Wasseranbindung“. In der entgegengesetzten Richtung befindet sich das Stadtzentrum von Neubrandenburg in fußläufiger Nähe.

Rund 2.200 junge Menschen studieren an der Campus-Hochschule, die über vier Studentenwohnheime verfügt und neben Agrarwirtschaft und Lebensmittelwissenschaften drei weitere Fachbereiche umfasst, nämlich:

1. Soziale Arbeit, Bildung und Erziehung
2. Gesundheit, Pflege, Management
3. Landschaftswissenschaften und Geomatik.

Einzugsgebiet von MV bis Lateinamerika

Etwa 350 angehende Agrarwirtschaftler und 200 künftige Lebensmittelwissenschaftler sind in dem Fachbereich eingeschrieben. Das Einzugsgebiet erstreckt sich weit über Mecklenburg-Vorpommern hinaus in alle deutschen Bundesländer, nach Osteuropa und sogar bis nach Lateinamerika.

Auf welchen agrarwirtschaftlichen Studiengängen die Schwerpunkte liegen? „Zahlenmäßig gesehen mit knapp 200 Studierenden auf dem klassischen Bachelor“, antwortet Prof. Dr. Langosch und stellt klar: „Am dynamisch stärksten ist allerdings der Bachelor dual.“

Dualer Bachelor: Hörsaal trifft auf Stall

Dieser Studiengang wurde zum Wintersemester 2012/2013 eingeführt. Das Besondere daran ist, vereinfacht gesagt, die Zweigleisigkeit aus Hörsaal einer- sowie Landwirtschaftsbetrieb und Berufsschule andererseits. Dazu ist neben den üblichen Voraussetzungen für die Immatrikulation (Allgemeine Hochschulreife oder Fachhochschulreife) auch ein Berufsausbildungsvertrag mit einem staatlich anerkannten landwirtschaftlichen Ausbildungsbetrieb in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg oder Sachsen-Anhalt erforderlich.

Während das erste, zweite und vierte Semester der Ausbildung im Betrieb sowie überbetrieblichen Lehrgängen gewidmet sind, spielen sich Semester 3, 5, 6, 7, 8 und 9, von verschiedenen Praktika unterbrochen, an der Hochschule ab. „Das verlangt den Studierenden wesentlich mehr Organisationsfähigkeit ab, als es beim klassischen Bachelor der Fall ist“, sagt Prof. Dr. Langosch und betont, trotz der verkürzten Zeit an der Hochschule sei der Leistungsstand bei den „Dualen“ zumindest nicht schlechter.

Der häufige Wechsel zwischen praktischer Ausbildung und Studium, bei dem man zudem jedes Mal aufs Neue mit Kommilitonen aus einem anderen Hochschulsemester zusammen lerne, sei nicht unanstrengend, bestätigt Annemarie Scheja (24), die seit 2017 als duale Bachelor-Studentin im Fachbereich Agrarwirtschaft eingeschrieben ist. Aber: „Der Stundenplan wird von der Hochschule erstellt, sodass ich genau weiß, welche Lehrveranstaltungen, praktischen Übungen und Prüfungen ich brauche, um den Bachelor zu schaffen.“

Warum sie sich für diesen nicht ganz alltäglichen Studiengang entschieden hat? „Ich komme ursprünglich nicht aus der Landwirtschaft, bin aber ein sehr praxisorientierter Mensch, dem die Theorie alleine nicht ausreicht“, antwortet sie und weiß aus eigener Erfahrung: „Es ist ein absoluter Pluspunkt, wenn man vor Studienbeginn schon praktische Erfahrungen in der Landwirtschaft gesammelt hat. Dann kann man in einen viel angeregteren Austausch gehen.“ Der duale Studiengang sei jedenfalls allen zu empfehlen, die noch nicht in der Praxis gewesen sind, bekräftigt sie.

Zwei Abschlüsse dank dualem Studiengang

Ein unschlagbarer Vorteil ist der doppelte Abschluss, denn am Ende hat man sowohl das Ausbildungszeugnis als Landwirtin als auch das Hochschulzeugnis als Bachelor of Science in der Tasche, was logischerweise eine größere Bandbreite an Berufschancen mit sich bringt.

Umgekehrt profitiere aber auch die Arbeitgeberseite, betont Prof. Dr. Langosch und berichtet: „Der Bauernverband ist wegen eines solchen dualen Studiengangs auf uns zugekommen. Denn im Sinne der Nachwuchsgewinnung sind die Betriebe sehr stark an jungen Menschen interessiert, die das Potenzial haben, Führungsaufgaben in der ostdeutschen Landwirtschaft zu übernehmen.“

Auch Jan Lippitz hatte ursprünglich wenig Berührungspunkte mit der Landwirtschaft, kam aber auf den Geschmack, als er vor einiger Zeit ein halbes Jahr auf einer Farm in Neuseeland gearbeitet hat. „Damals erhielt ich Einblicke, wie man das Land nutzen kann. Das hat mein Interesse geweckt“, sagt er. Über seinen Bruder, der in einem anderen Fachbereich studiert, kam der 23-Jährige aus Neuruppin in Kontakt mit der Hochschule Neubrandenburg, wo er ebenfalls den dualen Bachelor-Studiengang Bachelor Agrarwirtschaft belegt.

Enge Vertrauensbasis, aber keine Kuschelatmosphäre

Die Betreuung durch die Professoren sei sehr gut und die Atmosphäre familiär, loben Jan Lippitz und Annemarie Scheja. „Stimmt“, bestätigt Prof. Dr. Langosch und stellt im nächsten Moment klar: „Aber das darf man nicht mit einer Kuschelatmosphäre verwechseln, sondern sollte es so verstehen, dass eine gute Vertrauensbasis besteht, auf der wir die Studierenden durchaus auch fordern.“

Der große Tollensesee (17 km2) liegt nur wenige Minuten von der  Hochschule entfernt.
Der große Tollensesee (17 km2) liegt nur wenige Minuten von der Hochschule entfernt. (c) Ulrike Bletzer

Insgesamt 24 Professorenstellen gibt es im Fachbereich, von denen zwölf der Agrarwirtschaft zugeordnet sind. Dazu kommt eine Reihe externer Lehrbeauftragter.

Zwar liegt der Schwerpunkt in Neubrandenburg, dem Charakter einer Fachhochschule entsprechend, auf der Lehre. Dessen ungeachtet gibt es aber auch eine Reihe von Forschungsprojekten. „Ein größeres Projekt dreht sich um die Digitalisierung in der Landwirtschaft“, berichtet der Dekan. „Dazu hat man auf einem Versuchsfeld Sensoren aufgestellt, deren Messdaten von einem Satelliten erfasst werden.“
Weitere Forschungsprojekte befassen sich mit der Rolle der Plasmaphysik für die Erzeugung von Lebensmitteln, dem Thema Tierwohl, dem Ermöglichen von gesellschaftlicher Teilhabe im ländlichen Raum oder der Sozialen Landwirtschaft.

In 7 Semestern zum „KLASSISCHEn“ BACHELOR

Doch zurück zu den Studiengängen. Dazu gehört auch der „klassische“ Bachelor, ein sieben Semester umfassender Studiengang. Während sich die Studierenden vom ersten bis vierten Semester Grundlagenwissen in Natur-, Agrar- und Wirtschaftswissenschaften aneignen und ein 18-wöchiges landwirtschaftliches Praktikum absolvieren, vertiefen sie ihr Wissen anschließend in Fächern wie Tierproduktion, Pflanzenproduktion, Agrarökonomie oder Landtechnik und machen ein zwölfwöchiges Praktikum im vor- oder nachgelagerten Bereich des Agrarbusiness. Im siebten Semester erstellen sie dann die Bachelorarbeit.

Wer den Bachelor in der Tasche hat, hat die Möglichkeit, in Neubrandenburg den Master draufzusatteln. In diesem dreisemestrigen Studiengang wählen die Studierenden zwischen den beiden Schwerpunkten „Agrarökonomie“ und „Qualität und Qualitätssicherung in der Agrarwirtschaft“.
Weitere Vertiefungen im Bereich „Tier“ oder „Pflanze“ sind durch Wahlpflichtmodule möglich. Ein zentraler Baustein ist die im dritten Semester verfasste Masterthesis. Die Absolventen dieses Studiengangs sind für Leitungs- und Spitzenpositionen in der Landwirtschaft qualifiziert.

Hochschule Neubrandenburg: Master für die Praxis

Wo arbeitet davon abgesehen das Gros der „Neubrandenburger“ später? „Rund zwei Drittel der Bachelor-Absolventen gehen zurück in die landwirtschaftliche Praxis“, berichtet Prof. Dr. Langosch. Weitere Arbeitsmöglichkeiten tun sich in Landhandel, Landtechnik, Vertrieb, Agrarverwaltung und landwirtschaftlichen Verbänden auf – womit noch lange nicht alle Optionen genannt sind. So erzählt zum Beispiel Annemarie Scheja, sie könne sich später gut eine Tätigkeit in der landwirtschaftlichen Öffentlichkeitsarbeit vorstellen. Jan Lippitz tendiert dagegen eher zu einer Beratertätigkeit bei einer Behörde.

Die beiden verbindet übrigens mehr als nur die Tatsache, dass sie den dualen Bachelor-Studiengang belegen: Annemarie Scheja und Jan Lippitz sind die beiden Studiengangbotschafter des Fachbereichs. Unter dem Motto „Werde Welternährer“ werben sie für ein agrarwirtschaftliches Studium an der Hochschule Neubrandenburg und stehen Interessenten für Fragen aller Art zur Verfügung. Zwei Mal pro Woche bieten die Studiengangbotschafter eine Sprechstunde an, außerdem betreiben sie über einen Podcast und verschiedene Social-Media-Kanäle Öffentlichkeitsarbeit.

„Der Studiengangbotschafter ist eine Einrichtung von Studierenden für Studierende, bei der man den Blick ins Innere des Fachbereichs nach außen geben kann“, beschreibt Jan Lippitz seine Tätigkeit. Normalerweise, das heißt außerhalb von Corona, stellen die Studiengangbotschafter das Angebot zudem auf Fachmessen und in Schulen vor. Auch für den Hochschulinformationstag, an dem die beiden mitwirken, hat die Pandemie Folgen: Er fand bereits zwei Mal online statt.

Aktuell fehlt das soziale Miteinander

Logisch, dass dies auch für einen großen Teil des Lehrangebots gilt. „Wir haben allerdings dafür gekämpft, dass praktische Übungen wie zum Beispiel Feldbegehungen als Präsenzveranstaltungen in kleinen Gruppen stattfinden können“, betont Prof. Dr. Langosch und schickt hinterher, die Hochschulen hätten die digitalen Herausforderungen im Zusammenhang mit der Pandemie zwar ganz gut gemeistert. Aber: „Das soziale Miteinander fehlt. Das lässt sich über Onlineveranstaltungen nicht kompensieren.“

Auch das studentische Leben außerhalb von Hörsaal und Labor bleibt von der Corona-Krise nicht unberührt. Die monatliche Mensaparty muss zurzeit ebenso ausfallen wie der Kinoabend oder die Sportangebote im Fitnessraum. „Es wird sich aber extrem bemüht, online Fachvorträge und andere Veranstaltungen anzubieten“, sagt Annemarie Scheja. Neben einem breit gefächerten Freizeitangebot, das zum Beispiel einen Hochschulclub, ein Radio von Studierenden für Studierende und ein Orchester umfasst, gebe es eine Reihe von Beratungsstellen zu unterschiedlichsten Themen: „Jedes Interesse und jede Sorge wird abgedeckt.“

Für die Hochschule Neubrandenburg spricht also einiges. „Bei den Hochschulrankings landen wir regelmäßig auf den oberen Rängen“, berichtet Prof. Dr. Langosch nicht ohne Stolz und fügt hinzu: „Außerdem bescheinigt uns die Akkreditierungskommission, die die Hochschulen alle fünf Jahre überprüft, eine gute Studierbarkeit und eine sehr gute Ausstattung.“ Und nicht zuletzt genieße man einen exzellenten Ruf auf dem Arbeitsmarkt: „In der Agrarwirtschaft können wir gar nicht so viele Absolventen ausbilden, wie nachgefragt sind.“

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