Für den Praxistest befestigen Dr. Stefanie Kewitz und Uwe Liebhold, Schäfer im Lehr- und Versuchsgut Köllitsch, das Bocksprunggeschirr mit dem Tracker an einem Schaf. (c) Karsten Bär

Herdenschutz: Heidi passt auf

Digitale Hilfsmittel können auch den Herdenschutz verbessern. Das Sächsische Landesamt erprobt derzeit ein Tierortungssystem, das dem Halter Standort- und Bewegungsdaten von seinen Weidetieren übermittelt.

Von Karsten Bär

Virtuelle Zäune schützen nicht vor dem Wolf – können aber dennoch einen Beitrag zu besserem Herdenschutz leisten. Für diesen Zweck erprobt die Stabsstelle Digitalisierung im Lehr- und Versuchsgut Köllitsch (LVG) derzeit im Rahmen des Experimentierfeldes „Landnetz“ ein digitales System zur Tierortung. Das System ist eine Open-Source-Entwicklung von Frank Heisig, der in der Stabsstelle arbeitet.

Angeregt wurde seine Entwicklung von Iken Krüger, einer Kollegin, die im Sommer bei der Almhaltung von Rindern im Gebirge aushilft. Was im Übrigen erklärt, warum das System den Arbeitstitel „Heidi“ trägt. Open Source bedeutet, dass die verwendete Software, die Schaltungs- und Konstruktionsdaten sowie die Dokumentation frei zugänglich sind und von jedem verwendet sowie weiterentwickelt werden können.


Dokumentation der Open-Source-Entwicklung im Internet unter: github.com/Ikeen/heidi


herdenschutz mit Tierortungssystem: Um was geht es?

Wolfsübergriffe werden in der Regel erst bemerkt, wenn es zu spät ist. Über mögliche Risse hinaus kann es Folge solcher Vorfällen sein, dass die Herde aus dem umzäunten Bereich ausbricht. Das zieht weitere Risiken, etwa im Straßenverkehr, nach sich. „Keine Herde ist ausbruchssicher“, meint Dr. Stefanie Kewitz, Referentin in der Stabsstelle in Köllitsch. „Und es muss auch nicht immer der Wolf sein.“ Das System zeigt dem Halter den Standort der Herde an und gibt Hinweise auf deren Bewegungsverhalten.

Die Hauptkomponenten sind ein GPS-Empfänger, ein Mikrocomputer und ein LTE-Modem zur Datenübertragung. Alles ist mit einem Akku samt Laderegler und Solarzellen in einem Gehäuse aus witterungsbeständigem Plastik verbaut. Dieses wiederum wird über ein Bocksprunggeschirr an einem Schaf oder anderen Weidetier befestigt. Denkbar wäre auch, den Sender und das Zubehör an einem Halsband, etwa bei Rindern, zu befestigen.

Wie funktioniert Herdenschutz mit Tierortungssystem?

Über Mobilfunk übermittelt der Sender („Tracker“) seine Standortdaten an einen Server, der über eine Webadresse jederzeit abrufbar ist. Die Daten werden alle 15 Minuten erfasst und, soweit keine Alarmsituation vorliegt, alle ein bis zwei Stunden übertragen. Die Intervalle sind frei wählbar und können beispielsweise auf fünf Minuten heruntergesetzt werden. Über das Anzeigen des Standortes hinaus ist auch „Geofencing“ möglich. Das heißt, es können am Grundriss der Weide orientierte virtuelle Zäune erstellt werden, bei deren Übertretung durch das den Sender tragende Tier ein Alarm ausgelöst wird. Die Daten werden dann in kurzen Abständen erfasst und unmittelbar übertragen. Zusätzlich kann eine Warn-SMS an das Mobiltelefon des Nutzers gesendet werden.

Die Energieversorgung ist über den Akku und die Aufladung über Solarzellen sichergestellt. Wird ein kritischer Akkustand unterschritten, geht der Sender in den Stand-by-Modus. Das heißt, er speichert zwar noch Daten, sendet sie aber, außer im Alarmfall, nicht mehr. Sie können nach Wiederaufladen des Akkus abgerufen werden.

Das Ortungssystem wurde sowohl stationär als über mehrwöchige Zeiträume an jeweils einem Schaf aus dem Bestand des LVG Kölltisch angebracht und auf seine Funktionsfähigkeit getestet. Dabei wurden zunächst grundlegende Merkmale überprüft. Die Standortgenauigkeit funktioniert demnach exakt mit einer fünf bis zehn Meter Abweichung. Die Energieversorgung durch Akku und Solarzellen arbeitet ebenfalls relativ zuverlässig. Zwei Sonnentage reichen, um den Akku für eine Woche zu laden. Das Geschirr mit dem Sender wird von den Schafen in der Regel gut toleriert.


Susanne Petersen mit den Herdenschutzhunden Charlie und Eisbär bei einer Dorperherde am Rande von Qualitz bei Bützow. Eine Woche nach der Wolfsattacke sind die Schafe immer noch verängstigt.
(c) Gerd Rinas

Schaf und Wolf – Wie wird das Miteinander praktikabel?

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Gibt es Erweiterungen?

Neu in die Anwendung integriert werden soll ein Beschleunigungssensor, der dem Halter Hinweise auf ungewöhnliche Aktivität der Herde geben könnte. Grundlage hierfür sind Bewegungsprofile der Herde, die durch Beobachtung und Abgleich mit in kurzem Intervall ermittelten Standortdaten erstellt werden.

Erprobt wird das System zum Herdenschutz mit Tierortungssystem bisher mit einem Sender an einem Tier in der Herde. Statt alle oder mehrere Tiere mit einem Sender auszustatten, könnte ein Hauptsender als Gateway fungieren, der Signale von weiteren kleineren Sensoren an anderen Tiere in der Nähe empfängt und an die Webdatenbank weiterleitet.

Damit könnten Kosten gespart werden, wenn eine Einzeltierüberwachung realisiert werden soll, beispielsweise bei Rindern im Hochgebirge. Für diesen Zweck ist ein LoRa-Sender (LoRa: Long Range) in jedem Tracker vorgesehen, mit dessen Hilfe innerhalb der Herde ein kleines drahtloses Datennetz hergestellt werden kann, das die Datenübertragung von den Einzelsensoren zum Gateway übernimmt. LoRa-Sender arbeiten sehr energiesparend und – wie ihr Namen bereits sagt – mit großer Reichweite.



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