Die Pflanzenernährung ist keine statische Größe und einer ständigen Weiterentwicklung unterworfen. (c) Sabine Rübensaat

Pflanzenernährung: Den Wert des Wissens wieder erkennen

Nach fast 38 Jahren in der Pflanzenernährung verabschiedet sich Dr. Wilfried Zorn in den Ruhestand. Fachlich fundierte Arbeit und die Beratung von Landwirten beschäftigen ihn aber auch weiterhin.

Die Fragen stellte Erik Pilgermann

Herr Dr. Zorn, man möchte es kaum glauben, aber Sie gehen tatsächlich in den wohlverdienten Ruhestand. Wann genau sind Sie das erste Mal mit dem Thema Düngung in Berührung gekommen?
Nach Berufsausbildung zum Agrotechniker mit Abitur und Studium der Agrarwissenschaften (Pflanzenproduktion) an der MLU Halle-Wittenberg habe ich vor fast 38 Jahren meine berufliche Laufbahn im damaligen Institut für Pflanzenernährung Jena, Bereich Agrochemische Untersuchung und Beratung (ACUB) begonnen. Meine damaligen Aufgaben waren unter anderem die Aufklärung der Ursachen ernährungsbedingter Wachstumsminderungen, die Pflanzenanalyse zur Ernährungsdiagnose sowie die Bewertung von Düngemitteln.

Portrait von Dr. Wilfried Zorn
Dr. Wilfried Zorn war Referatsleiter im Referat Futtermittel und Marktüberwachung, Düngung und Bodenschutz beim Thüringer Landesamt für Landwirtschaft und Ländlichen Raum (TLLLR). (c) Frank Hartmann

Phosphor und Kali sind wichtige Nährelemente. In der öffentlichen Diskussion wird häufig die Reduzierung der P-Düngung gefordert. Wissenschaftler und Experten sprechen sich dafür aus, bei der anstehenden Novellierung der Stoffstrombilanzverordnung die betrieblichen Nährstoffüberschüsse wirksam zu begrenzen. Ist es sinnvoll, dies pauschal zu fordern?
Leider wird in der Diskussion nicht zwischen den Regionen mit hoher Tierkonzentration und daraus resultierenden hohen Nährstoffüberschüssen und den Regionen mit geringer Tierhaltung unterschieden. In Betrieben mit niedrigem Tierbesatz oder gar ohne liegen häufig sehr niedrige und niedrige P- und K-Gehalte vor, die langfristig betrachtet bei zu starker Begrenzung der zulässigen Düngung die Bodenfruchtbarkeit reduzieren werden. Hinzu kommt, dass parallel zur Abnahme der Nährstoffversorgung in den Oberböden auch die Unterböden im bedrohlichen Maße „entleert“ werden.

Eine Begrenzung der Düngung auf unterversorgten Böden unter das optimale Maß ist mit Blick auf die Wirtschaftlichkeit der Flächenbewirtschaftung, der Effizienz der anderen eingesetzten Nährstoffe (insbesondere N) sowie dem Erhalt der Bodenfruchtbarkeit unverantwortlich. Von diesen Flächen geht bei Einhaltung der Vorgaben der Düngeverordnung sowie einem angemessenen Erosionsschutz kein erhöhtes Risiko von P-Einträgen in Gewässer aus. Die Stoffstrombilanzverordnung muss die optimale P- und K-Düngung auf Grundlage der vorhandenen Ergebnisse von Feldversuchen auch weiterhin ermöglichen. Für die ostdeutschen Bedingungen bringt die Novellierung der Stoffstrombilanzverordnung keinen Vorteil. Die Erfahrungen zeigen, dass in großen Betrieben der Aufwand sehr groß ist, häufig nicht alle Daten erfasst werden können und die Methodik eher für viehstarke Betriebe geeignet ist. Dieses Ziel könnte man bereits durch konsequentes Umsetzen länger bestehender Regelungen, zum Beispiel die Einhaltung der Grenze von 170 kg N/ha aus Wirtschaftsdüngern tierischer Herkunft im Mittel des Betriebes laut EG-Nitratrichtlinie 1991, und aller Düngeverordnungen seit 1996 erreichen.

In Bezug auf Phosphor verweisen die Experten auf eine eklatante Regelungslücke in der Verordnung. So fehle eine Begrenzung des zulässigen betrieblichen P-Saldos. Sie plädieren dafür, bei der Festlegung von Obergrenzen des zulässigen Überschusses das vom VDLUFA etablierte System der Gehaltsklassen und die daraus abgeleiteten Düngungsempfehlungen zugrunde zu legen. Betont wird die Notwendigkeit, den Betrieben mit der langfristigen Festlegung der Zielwerte für die Nährstoffüberschüsse die erforderliche Planungssicherheit sowie eindeutige Vorgaben für die künftige Gestaltung ihres Nährstoffmanagements zu geben. Wie schätzen Sie diesen Standpunkt ein? Sind die erwähnten Untersuchungsmethoden noch zeitgemäß?
Die Stoffstrombilanzverordnung braucht eine angemessene Bewertung des P-Saldos. Unter Berücksichtigung der ackerbaulichen Anforderungen ist die Anwendung des Gehaltsklassenschemas des VDLUFA zur Begrenzung des P-Saldos sinnvoll. Einerseits besteht der absolute Bedarf zur P-Düngung oberhalb der Abfuhr auf Flächen mit Gehaltsklassen A und B, andererseits liegt ab einem bestimmten P-Gehalt im Boden in der Regel kein Düngebedarf mehr vor. Diesen Schwellenwert beschreibt die untere Grenze der Gehaltsklasse E. Der Verzicht der P-Düngung auf sehr hoch versorgten Böden, der ja insbesondere in Betrieben mit hoher Tierkonzentration vorhanden sind, stellt natürlich eine agrarpolitische und agrarstrukturelle Herausforderung dar. Nur ist es völlig kontraproduktiv und unverantwortlich, die P-Düngung auf unterversorgten Flächen gleich mit zu begrenzen. Stichworte sind die begrenzten globalen Rohphosphatreserven, das unvollständige Recycling zur Rückführung geeigneter Phosphate mit ausreichender Düngewirkung sowie die gestiegenen Anforderungen an die P-Versorgung von Böden und Pflanzen in Trockenphasen und -jahren wie 2018 und 2019.

Der VDLUFA-Standpunkt berücksichtigt weitgehend, die Situation in den Trockenregionen der neuen Bundesländer. Die höheren Richtwerte für die Gehaltsklassen A und B sollten auf Grundlage der Ergebnisse der P-Düngungsversuche in Ostdeutschland bei Jahresniederschlägen < 650 mm und nicht wie im Standpunkt bei < 550 mm beginnen. Der VDLUFA-Standpunkt bezieht sich auf den Einsatz der CAL-Methode zur Bodenuntersuchung. Die Jenaer Erfahrungen aus mehreren Jahrzehnten sowie die große Anzahl von Gefäß- und Feldversuchen in den letzten Jahrzehnten bestätigen die grundsätzliche Eignung der CAL-Methode. Eine weitere Präzisierung ist durch Bestimmung der P-Freisetzungsrate möglich und wird durch den VDLUFA und das TLLLR empfohlen. Der Einsatz von Untersuchungsmethoden ohne vorherige Eignungsprüfungen und Kalibrierung in Gefäß- und Feldversuchen halte ich nicht für sinnvoll.

Warum sind die P- und K-Gehalte vielerorts seit der Wende eigentlich so stark gesunken?
Der Hauptgrund für die Einsparung der P- und K-Düngung nach 1990 liegt wohl in wirtschaftlichen Erwägungen der Landwirte begründet. Häufig war zum Zeitpunkt der Grunddüngung nach der Ernte die Liquidität der Betriebe nicht gesichert. Die eine oder andere Beratermeinung kann diese Entwicklung auch begünstigt haben.

Welche Faktoren bestimmen die Verfügbarkeit von P und K und deren Nachlieferung?
Diese Frage kann man kaum mit wenigen Worten beantworten. Bei der P-Verfügbarkeit im Boden sind der Vorrat im Boden, der mit der CAL-Methode bestimmt wird, der in der Regel nicht bestimmte P-Gehalt im Unterboden sowie die P-Freisetzungsrate des Bodens die wichtigsten Faktoren. Die Freisetzungsrate beschreibt die Nachlieferungsgeschwindigkeit aus der festen Phase des Bodens in die Bodenlösung, nachdem die Pflanzenwurzeln den durchwurzelten Bodenraum an P „entleert“ haben. Dafür steht eine sehr gute Methode zur Verfügung, die von einer Reihe von Laboratorien angeboten wird. Bei Kalium spielt natürlich auch der Vorrat des Bodens eine große Rolle. Hinzu kommt die Nachlieferung aus den Tonmineralzwischenschichten, die eine nicht zu unterschätzende Wirkung auf die K-Verfügbarkeit haben kann. Weiterhin kann insbesondere bei Trockenheit die Kaliumfixierung die Verfügbarkeit deutlich reduzieren.

Hat die zunehmende Häufigkeit von extremer Trockenheit etwas mit der schlechteren Versorgung der Pflanzen mit P und K zu tun?
Unsere Feldversuche, langjährige Pflanzenanalysen sowie auch die Beobachtung der Pflanzenbestände in Trockenjahren belegen, dass extreme Trockenheit die P- und K-Aufnahme der Pflanzen reduziert. Um diese negativen Wirkungen zu begrenzen, gilt der Absicherung einer ausreichenden P- und K-Versorgung auf Trockenstandorten besondere Aufmerksamkeit. Nicht zuletzt fördert die P-Bodendüngung die Wurzelentwicklung und damit das Erschließen von Wasserreserven im Boden. Die positive physiologische Wirkung von Kalium unter Trockenbedingungen ist bekannt.

Kann man so auch die Ertragsdepressionen und die schlechtere Wirtschaftlichkeit im Ackerbau erklären?
Die Erträge in den LSV sowie Praxiserträge auf vielen Standorten entfernen sich immer mehr. Einen der wichtigsten Gründe dafür stellt die unzureichende P- und K-Versorgung vieler Standorte dar.

Herr Dr. Zorn, in die Phosphor- und Kalidüngung zu investieren, bedeutet in die Zukunft zu investieren. Stimmen Sie dem zu?
P- und K-Düngung stellt immer ein langfristiges Thema dar. Ich kann jedem Landwirt nur raten, sich damit zu beschäftigen. Die Grundlagen wie die Bodenuntersuchung mithilfe geeigneter Methoden, Bonituren oder Pflanzenanalysen hatte ich bereits genannt. Nicht vergessen werden dürfen die teilflächendifferenzierte Grunddüngung, der Einsatz wirksamer, insbesondere wasserlöslicher P-Dünger, die Unterfußdüngung oder der gezielte Einsatz P-reicher organischer Dünger. Wichtig sind natürlich neben dem eigenen Wissen und Können auch Rücksprachen mit Beratern oder Berufskollegen. Nicht zuletzt können die Landwirte Feldtage und Winterschulungen zum Informationsgewinn nutzen.

Sie haben viele Jahrzehnte zur Düngung geforscht und Entwicklungen und Änderungen in viele Richtungen erlebt. Wie sehen Sie den aktuellen Zustand der Düngungsforschung und wie schätzen Sie die Zukunft der Düngungsforschung ein? Können Sie den „Staffelstab“ guten Gewissens übergeben?
Die Pflanzenernährung und Düngung ist gegenwärtig durch nicht immer sachgerechte Diskussionen in der Öffentlichkeit und durch rasante Veränderungen im Düngerecht geprägt. Die Pflanzenernährung ist keine statische Größe und einer ständigen Weiterentwicklung unterworfen. Auch ist die Landwirtschaft nicht generell von Nährstoffüberschüssen betroffen. Leider kann das erreichte Wissen durch die Vorgaben des Düngerechts nicht immer in die Praxis umgesetzt werden. Landwirte sind sehr gut ausgebildet, können eine Vielzahl von Informationen und Hilfsmittel nutzen. Ich hoffe, dass mittel- und langfristig die Pflanzenernährung und Düngung wieder mehr den aktuellen Stand von Wissenschaft und Technik einsetzen kann. Den aktuellen Stand der Düngungsforschung in Deutschland schätze ich differenziert ein. Während viele Unis und andere Forschungseinrichtungen ihre Aktivitäten aus bekannten Gründen leider reduziert haben, führen viele Landesämter und Landesanstalten für Landwirte und Politikberatung ihre Versuche zur Ableitung und Absicherung von Düngungsempfehlungen erfreulicherweise weiter.

Hervorzuheben ist die gute Zusammenarbeit der ostdeutschen Dienststellen in diesem Bereich. Deutschlandweit werden leider häufig nicht in korrekter Weise wissenschaftliche Ergebnisse von bestimmten Regionen auf andere übertragen. Ein Beispiel hierfür ist die häufige Übertragung von Ergebnissen zur N- und P-Düngung aus den niederschlagsreichen und viehstarken Regionen Norddeutschlands auf die mitteldeutschen Gebiete mit unterdurchschnittlichem Tierbesatz.
Im TLLLR haben wir uns mit guten jungen Kolleginnen und Kollegen verstärkt. Ihre Aufgabe ist es zunächst, die hoheitlichen Aufgaben abzusichern, aber auch Feldversuche mit aktuellen Aufgabenstellungen zu planen, durchzuführen und auszuwerten. Mit diesem Hintergrund kann ich den Staffelstab guten Gewissens übergeben und hoffe, dass im Interesse der Landwirtschaft die fachliche Arbeit und Beratung der Landwirte wieder einen angemessenen Platz einnehmen wird.

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