Anhaltende Trockenheit – für die Landwirtschaft in Sachsen inzwischen neue Normalität? (c) Sabine Rübensaat

Neuartige Extreme verschärfen die Trockenheit

Experten von Landesamt und Deutschem Wetterdienst haben auch das Jahr 2020 in Bezug auf Wetter und Klima ausgewertet. Die Trockenheit setzte sich fort, Bodenhaushalt und Gewässern fehlt weiterhin Wasser.

Von Karsten Bär

Experten sprechen von „neuartigen Extremen“: Hitze und viele Sonnenscheinstunden verschärfen die in den vergangenen Jahren verstärkt aufgetretenen Niederschlagsdefizite in Sachsen in bisher unbekannten Maßen. Die Folge sind eine Grundwasser-und Bodendürre, die mittelfristig kaum auszugleichen ist. Das geht aus den Einschätzungen hervor, die das Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie (LfULG) und der Deutsche Wetterdienst (DWD) im jährlichen Pressegespräch „Wetter trifft auf Klima“ abgaben. Lesen Sie hier den Beitrag über die Auswertung des vergangenen Jahres.

Wodurch war das Wetterjahr 2020 gekennzeichnet?
Auch 2020 war es in Sachsen mit neun Prozent weniger Niederschlag wieder „zu trocken“. Es war mit +2,2 K Temperaturabweichung „extrem zu warm“. Und es war mit +23 % Sonnenstunden „viel zu sonnenreich“. Die Abweichungen beziehen sich auf die Durchschnittswerte der Referenzperiode 1961–1990. Das Jahr 2020 setzte damit den Witterungsverlauf der beiden Vorjahre fort. Es waren in Sachsen die drei wärmsten Jahre seit Beginn der Aufzeichnungen 1881. Dr. Johannes Franke, Klima-Referent beim LfULG, sagt: Im Hinblick auf die Lufttemperatur sei ein Zustand erreicht, der laut Klimaprojektionen erst zum Ende des Jahrhunderts erwartet wurde. Wohlgemerkt, die Projektion ging von der Umsetzung ehrgeiziger Klimaschutzmaßnahmen aus – deren Realisierung aktuell noch aussteht. Das gleichzeitige und anhaltende Auftreten von Witterung, die trocken, warm und sonnenscheinreich ist, führe zu „neuartigen Extremen“, so der Experte.

Monate weisen extreme Ausprägungen auf

Welche weiteren Besonderheiten gab es?
Die einzelnen Monate des Jahres fallen durch einige extreme Ausprägungen auf. So sind die Monate Februar und Oktoberdurch Wärme, Nässe und Mangel an Sonnenstunden gekennzeichnet. Der Februar war mit einer Temperaturabweichung von 5,3 Grad sogar „extrem zu warm“. Die Monate April, November und Dezember kennzeichnete ebenfalls viel Wärme, aber auch Trockenheit und viele Sonnenstunden. Bis auf das Frühjahr gelten alle Jahreszeiten2020 als „extrem zu warm“, insbesondere der Winter 2019/20 mit einer Abweichung von +4.3 Grad. Eine weitere Besonderheit sind die starken Schwankungen der Niederschlagsverteilung zwischen den einzelnen Monaten.

Wie verteilte sich das Niederschlagsdefizit über das Jahr?
Die Niederschlagsverteilung war 2020 sehr ungleichmäßig und schwankte von Monat zu Monat teils extrem. So wies nach einemtrockenen Januar der Februar eine Abweichung von +136 % zum Normalwert auf und gilt daher als „extrem zu feucht“. Auch der Oktober war „viel zu feucht“ (+107 %),der August brachte ebenfalls mehr Niederschlag als sonst (46 %). Allerdings waren acht Monate zu trocken – vor allem April (-86 %), November (-64 %), Dezember (-58 %) und Juli (-52 %). Im Frühjahr und damit auch in der ersten Hälfte der Vegetationszeitfiel über ein Drittel weniger Regen als normal.

Der „Durst der Atmosphäre“ verschärft die Trockenheit

Welche Folgen hat die als „neuartigen Extreme“ bezeichnete Kombination von Trockenheit, großer Wärme und ungewöhnlich vielen Sonnenstunden?
In den drei Trockenjahren von 2018 bis 2020 hat sich in Sachsen ein Niederschlagsdefizit von 400 Litern pro Quadratmeter (l/m2)aufsummiert. Doch zugleich auftretende Wärme und lange Sonnenscheindauer vergrößern das effektive Defizit noch mehr. Franke nennt es den „Durst der Atmosphäre“. Trockene Wärme erhöht die potenzielle Verdunstung. Sie übt eine Sogwirkung auf die Landoberfläche aus. Der zusätzliche Wasserbedarf, der in den vergangenen drei Jahren von der Atmosphäre aufgenommen wurde, beträgt rund 325 l/m2. „In der atmosphärischen Bilanz fehlen somit fast 800 Liter pro Quadratmeter“, fasst Franke zusammen. Das ist mehr als eine durchschnittliche Jahresniederschlagssumme.

Niederschlagsdefizite seien auch aus der Vergangenheit bekannt, jedoch nicht mit vergleichbaren Niveaus für Lufttemperatur und Sonnenstunden. Laut den Experten von LfULG und DWD sind seit Herbst 2013 in allen folgenden Jahreszeiten – einschließlich des Herbstes 2020! – vermehrt atmosphärische Bedingungen aufgetreten, die eine Ausprägung von Trockenheit begünstigen. Sichtbar geworden seien die Auswirkungen jedoch erst 2018.

Welche Auswirkungen hat das Niederschlagsdefizit auf Bodenwasserhaushalt und Grundwasser?
Die Grundwasserdürre in Sachsen hat sich 2020 weiter verschärft. Es werden neue Tiefständegemessen. Aktuell wird der durchschnittliche Grundwasserstand an knapp 90 % der sächsischen Messstellen um durchschnittlich 60 Zentimeter unterschritten. Das wirkt sich auch auf die Wasserführung der Fließgewässer aus, in denen vielfach anhaltendes Niedrigwasserherrscht.

Die Bodenfeuchte erreichte 2020 neue Minima. Besonders auf Lössböden zeigten sich ausgesprochen hohe Defizite, die sich über die Jahre aufsummiert haben. Wie schon in den beiden Vorjahren erreichte 2020 die Bodenfeuchtezwischen August und Oktober ein absolutes Minimum und sank vielerorts fast bis auf den permanenten Welkepunkt. Zu einer durchschnittlichen Grundwasserneubildung auf landwirtschaftlich genutzten Standorten ist es 2020 lediglich in den Monaten Februar und Märzgekommen. Unter Wald hingegen ist die Bodentrockenheit so ausgeprägt, dass dort kaum Grundwasserneubildung stattgefunden hat.

Ein nasser Winter reicht nicht aus

Ist eine Entspannung der anhaltenden Boden- und Grundwasserdürreabsehbar?
Kurzfristig nicht. Selbst ein überdurchschnittlicher Winter könnte das entstandene Defizit noch nicht ausgleichen. Der Trockenheit des Bodens zumindest entgegenwirken würde ein mehrwöchiger Landregen oder eine geschlossene Schneedecke, die dem Boden langsam Wasser zuführe, so LfULG-Referent Franke. Doch diese Schneedecke müsste anhaltend immer wieder erneuert werden, ergänzt Falk Böttcher vom DWD. Der Meteorologe sieht indes vorerst nicht Niederschläge in dem nötigen Ausmaß. Die langfristigen Prognosen würden von normalen Niederschlägen ausgehen. „Das hilft uns nicht, das Defizit in den tieferen Schichten aufzufüllen“, so Böttcher. Lediglich die oberen Bodenschichten würden kurzfristig gut versorgt. Starkniederschläge nützen hingegen kaum – sie führen fast nur zu Oberflächenabfluss und Bodenerosion.

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