Mit etwas Geduld lassen sich die Blutbär genannten Falter bzw. deren Raupen etablieren. Ihnen kann das giftige Kraut nichts anhaben. (c) : IMAGO/IMAGEBROKER/ERHARD NERGER

Mit „Raupe Nimmersatt“ gegen Jakobskreuzkraut

Im Hochsommer ist die Blütezeit des Jakobskreuzkrautes. Eine kleine, gefräßige Raupe hat es zum Fressen gern – und könnte dazu beitragen, das lästige Giftkraut nicht nur von Pferdeweiden zu verbannen.

Von Sven und Peggy Morell, Pferde-Fachjournalisten

Jakobskreuzkraut (Senecio jacobaea) ist bei Pferdehaltern gefürchtet. Zu Recht, denn die enthaltenden Pyrrolizidinalkaloide reichern sich im Pferdeorganismus an, verursachen unter anderem Leberschäden und können zum Tod führen. Während die Vierbeiner das Giftkraut auf der Weide meist stehen lassen (es gibt auch Pferde, die das frische Kraut fressen!), werden die getrockneten Stängel beispielsweise in Heu oder Silage ohne Weiteres vertilgt, da sich die Bitterstoffe – im Gegensatz zum Gift – abgebaut haben.

Jakobskreuzkraut (JKK) ist seit einigen Jahren auf dem Vormarsch, vor allem auf extensiv genutzten Wiesen und Weiden kann es sich mitunter stark ausbreiten. Die Krux dabei: Auf der einen Seite sind Extensivweiden für Pferde von Vorteil, da sie gehaltvolle, „fette“ Weiden schlecht vertragen – sie werden zu fett, entwickeln Stoffwechselstörungen und leiden unter Hufrehe. Auf der anderen Seite wachsen eben gerade auf extensiven Weiden vermehrt JKK und andere Kreuzkräuter. Schwierig gestaltet sich die Bekämpfung der gelben Giftpflanzen. Herausreißen per Hand ist mühsam, nicht jede Fläche für schweres Gerät befahrbar. Chemische Mittel sind nicht erwünscht und wirken zudem nur begrenzt.

„Angriff“ auf die Blüte

JKK
Sowohl in der Blüte …

Hier könnten Blutbären ins Spiel kommen. Die Nachtfalter, auch Jakobskraut- oder Karminbären genannt, gehören zur Familie der Eulenfalter. Ihre Raupen erinnern mit den schwarz-gelben Ringeln ein wenig an Wespen. Die Toxine von JKK haben keine Schadwirkung auf die Insekten, im Gegenteil: Sie lagern das Gift ein, werden so selbst giftig – und somit als Beute unattraktiv. Die Raupen knabbern zuerst die gelben Blüten ab, dann die Blätter. Die Pflanze wird geschwächt, bildet keine Samen mehr aus und stirbt im Idealfall ab.

Wissenschaftler untersuchen in dem Projekt „Regulierung von Massenvorkommen des Jakobs-Kreuzkrautes (Senecio jacobaea L.) durch natürliche Antagonisten“ seit 2017 die Schadwirkung der Blutbären an unterschiedlichen Standorten. Eingebunden sind hier die Universität Kiel, die Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein sowie das Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume Schleswig-Holstein. Ergebnisse der Studie sind derzeit noch nicht veröffentlicht, Kathrin Schwarz fasst dennoch schon einmal ein paar Eckpunkte zusammen: „Je nach Standort und Individuenzahl kann der Blutbär durchaus ein nützlicher Helfer bei der Kontrolle von JKK sein. Zudem ist die Ansiedlung relativ einfach und wir haben im Rahmen des Projektes auf neun von zehn Flächen gute Erfolge bei der Ansiedlung.“

Allerdings schränkt die Biologin ein: „Es liegt dabei in der Natur der Sache, dass dieser natürliche Gegenspieler seine Futterpflanze nicht komplett ausrottet, sondern zunächst einmal den Bestand reduziert.“ Vorteile der Blutbären seien der geringere Arbeitsaufwand, der mögliche Einsatz in unwegsamem Gelände sowie der Verzicht auf Herbizide. Für Ungeduldige sind Blutbären zur JKK-Abwehr eher weniger geeignet: „Die Methode ist naturgemäß langsamer als Ausreißen oder Herbizid-Einsatz“. Pferdebetriebe, die aufgrund geringer Flächenausstattung auf jede Heuwiese und Weide angewiesen sind, dürften diese Geduld vermutlich nur schwer aufbringen können.

Die Idee, natürliche Gegenspieler zur Dezimierung von Kreuzkraut einzusetzen, ist nicht neu, wie Inke Rabe vom Schleswig-Holsteiner Landesamt erklärt: „Die biologische Bekämpfung mit der Raupe des Karmin- oder Blutbären (Tyria jacobeae), dem JKK-Flohkäfer (Longitarsus jacobaeae) und auch anderen Antagonisten des JKK wurde in verschiedenen Ländern wie den USA oder Neuseeland erfolgreich getestet. Sie funktioniert in diesen Ländern besonders gut, da sich dort noch keine natürlichen Gegenspieler der Fraßfeinde des JKK etablieren konnten. Denn weder die Pflanze, noch ihre Fraßfeinde und deren Räuber und Parasiten sind in diesen Ländern ursprünglich heimisch.“ In Deutschland hingegen sei zu erwarten, dass „sich auch die Antagonisten der Fraßfeinde über kurz oder lang einstellen, weil sie ebenfalls hier heimisch sind.“ Das bedeutet: Die Feinde von Jakobskreuzkraut bekommen wiederum selbst Feinde – und werden dadurch in ihrer Ausbreitung gestoppt. Für die erfolgreiche Bekämpfung von JKK ist das natürlich hinderlich. „Gleichwohl können auch bei uns Effekte durch Gegenspieler des JKK beobachtet werden, die größere JKK-Bestände zurückdrängen bzw. deren Vitalität massiv schwächen“, erläutert Inke Rabe.

… als auch im „grünen“ Stadium macht das Jakobskreuzkraut einen harmlosen Eindruck.

Woher nehmen?

Wer nun Karminbär-Raupen auf seiner Pferdeweide ausbringen möchte, steht vor dem Problem, dass er sie nicht so einfach kaufen kann: „Aber es bestehen Möglichkeiten, insbesondere Larven des Blutbären abzusammeln und auf Flächen, die der Schmetterling noch nicht erreicht hat, auszubringen“. Allerdings gibt die Biologin aus Schleswig-Holstein zu Bedenken, dass „für Sammlung und Ausbringung der Falter gegebenenfalls artenschutzrechtliche Vorgaben zu berücksichtigen sind. Vor einem Umsiedeln der Insekten sollte man sich daher mit den zuständigen Naturschutzbehörden in Verbindung setzen“.

Michael Müller-Bog vom Bundesamt für Naturschutz weist darauf hin, dass Tyria jacobaeae zwar nicht besonders geschützt sei, jedoch der „allgemeine Schutz“ als Schutzvorschrift für wildlebende Tiere (§39 Bundesnaturschutzgesetz) gelte: „Danach dürfen wildlebende Tiere nicht ohne vernünftigen Grund gefangen oder entnommen werden. Ob ein „vernünftiger Grund“ vorliegt, ist für den jeweiligen Einzelfall zu entscheiden. Auch für das Aussetzen oder Ausbringen von Tieren ist nach § 40 eine Genehmigung erforderlich.“ Zuständig dafür seien die jeweiligen Landesbehörden.

Vorsicht: Jakobskreuzkraut und Heu-Zukauf
Wer sein Heu selbst produziert, kann seine Wiesen schon vor der Mahd auf Jakobskreuzkraut & Co. kontrollieren und gezielt gegensteuern – so landen die Giftpflanzen gar nicht erst im Heu. Problematisch ist der Zukauf: Jakobskreuzkraut ist im getrockneten Zustand im Heuballen nur schwer zu erkennen: Zum einen können die oft rötlichen Stängel beispielsweise mit Ampfer verwechselt werden, zum anderen sind die Pflanzen im getrockneten Zustand ja auch nicht mehr intakt, einzelne, womöglich gebrochene Blätter nicht auffindbar. Außerdem ist es völlig praxisfremd, jede Heuportion vor dem Verfüttern penibel auf Giftpflanzen zu untersuchen. Natürlich fällt es auf, wenn in einem Ballen reichlich Herbstzeitlose stecken, bei wenigen Stängeln Jakobskreuzkraut ist das erheblich schwieriger. Hier hilft nur das Gespräch mit dem Lieferanten, um ihn hinsichtlich dieser Problematik zu sensibilisieren. Eine Garantie für Giftpflanzen-freies Heu ist dennoch nicht gegeben.

Der Blutbär-Experte

Andreas Frahm aus Neuengörs im Kreis Segeberg züchtet Blutbären und hat nach eigenen Angaben ein Verfahren entwickelt, mit dem Flächen in etwa vier Jahren von JKK befreit werden können. Angefangen hat alles 2008, als er für seine Welsh-Black-Rinder eine Ausgleichsfläche pachtete. Die Wiese war damals übersät mit Jakobskreuzkraut. Für Frahm inakzeptabel, denn wie für Pferde auch ist Jakobskreuzkraut für Rinder stark giftig. Chemischer Pflanzenschutz war auf der Fläche nicht erlaubt, Mähen nicht möglich, alle Pflanzen einzeln von Hand herauszureißen, war Frahm zu mühsam. Er stieß durch Recherchen auf Blutbären und wurde tatsächlich auf seiner Fläche fündig. Der Landwirt hat ein Verfahren entwickelt, die Raupen in einer solchen Masse anzuzüchten, dass die Pflanze des Jakobskreuzkrautes aufgefressen und somit am Aussamen gehindert werden kann (www.blutbaer.de).

Mittlerweile greift er auf mehr als zehn Jahre Erfahrung zurück. Sein Wissen gibt er an interessierte Landwirte, Pferdehalter, Betriebe und Gemeinden weiter. Von etwa Mitte Juni bis Mitte Juli gibt es auf seinem Hof „Lütt Hoff“ ein Schulungsangebot, das sich vornehmlich an Privatpersonen und kleinere Betriebe richtet. Teilnehmer können bei dieser Gelegenheit ein „Starter-Set“ mit Blutbärraupen erwerben.

Im Herbst und Frühjahr tourt Frahm durch Deutschland, Österreich und die Schweiz, um Betrieben oder Gemeinden vor Ort zu helfen. „Werden benachbarte Flächen nicht bereinigt und bilden die dort vorhandenen Pflanzen Samen aus, werden die eigenen Flächen erneut kontaminiert. Wenn die Raupen die Nachbarflächen miterobern, so gilt es, den Blutbären auch auf diesen Flächen durch eine angepasste Bewirtschaftung in seiner Population zu unterstützen.“

Trotz aller Toxizität sind Kreuzkräuter ein wichtiger Teil des Ökosystems. Sie dienen beispielsweise als Nahrungsquelle für diverse Insekten. Eine rigorose Verdrängung von allen Flächen ist daher nicht angebracht, sondern vielmehr das richtige Augenmaß. Pferdehalter sollten sich bewusst sein, dass Jakobskreuzkraut nicht die einzige giftige Bedrohung für ihre vierbeinigen Freunde ist: Herbstzeitlose, Gefleckter Schierling und viele andere Pflanzen sind ebenfalls hoch toxisch – und werden dennoch nicht flächendeckend ausgemerzt.

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