Solange das Mähwerk auf der Wiese arbeitet, liegt das Kitz geborgen in einer verdeckten Kiste am Feldrand. © Claus Johannsohn/Kitzrettung Barnim

Kitz-Rettung Barnim auf den Wiesen bei Brodowin

Vielerorts helfen Jäger und andere Freiwillige den Landwirten, auf dem Grünland für eine tierschutzgerechte Futter-Ernte zu sorgen. Der Verein Kitzrettung Barnim war auf Brodowiner Wiesen in Brandenburg im Einsatz.

Von Ralf Stephan (Text) und Sabine Rübensaat (Fotos)

„Du kommst jetzt ins Bild, Claus, ich seh‘ Dich. Noch zehn Meter … fünf, vier, drei, zwei – jetzt direkt rechts neben Deinem Kescher.“ Die präzisen Funkanweisungen des Drohnenpiloten weiß der erfahrene Läufer zu deuten. So findet er auf dem 13-Hektar-Schlag zu einem Punkt, den er gar nicht sehen kann.

Auf dem Wärmebild, das die über Claus in der Luft stehende Drohne auf den 250  Meter entfernten Monitor des Piloten schickt, leuchtet dieser Punkt dagegen auffallend hell. Langsam bückt sich der Läufer, schiebt mit den Händen den mehr als kniehohen Bewuchs aus Luzernegemenge auseinander, damit der Lichtstrahl seiner Stirnlampe den Boden erreicht. In die gespannte Stille hinein knarzt dann das Sprechfunkgerät: „Wieder einer meiner Freunde, ein Stein“, teilt Claus lakonisch mit.

Kitzrettung Barnim e.V. mit der Drohne in der Luft

Auf dem Flug zum nächsten hellen Punkt tönt ein Piepen aus dem Monitor. „Akkuwechsel“, gibt Markus Willige, der Pilot, an Claus und seine beiden Begleiter durch. Nach ein paar Sekunden auf dem Weg zum Landeplatz plötzlich Bewegung im Bild: Offensichtlich fühlt sich ein Hase in seiner Nachtruhe gestört. Er springt in Richtung Feldmitte ab. „Bitte nachsehen, ob ein Junghase in der Sasse liegt“, weist Markus an und dirigiert Claus‘ Team an den auf dem Monitor leuchtenden länglichen Fleck. „Negativ, die Sasse ist leer.“

Wärmesignatur
Weiße Punkte auf dem Monitor – sind es Kitze oder Steine? Ist eine Wärmesignatur scharf und rundlich, „parkt“ Markus Willige die Drohne als Wegweiser genau darüber. © Sabine Rübensaat
Drohne Akku-Wechsel
Anflug zum Akkuwechsel, der etwa alle 25 Minuten nötig ist. © Sabine Rübensaat

Es sind nicht die einzigen „Fehl­alarme“ in dieser Nacht. Wenn der Trupp bei Tagesanbruch diesen Schlag – es ist die Hofweide am Betriebssitz des Ökodorfes Brodowin – verlässt, haben die beiden Läuferteams mehr als ein halbes Dutzend helle Flecken untersucht. Kitze, Junghasen oder Bodenbrüter fanden sie keine. Auch nicht auf der Fläche, die sie zuvor abgesucht hatten. Und ebenso wenig auf der anderen Hofweide an der Rückseite des Betriebsgeländes, dem letzten für die Mahd an diesem Tag vorgesehenen Schlag.

Kitzretter sei dank – Erleichterter Landwirt

Betriebsleiter Ludolf von Malt­zan nimmt die Mitteilung „Alle Flächen frei zur Mahd!“ sichtlich erleichtert auf. „Das ist auf jeden Fall eine gute Nachricht für einen Landwirt, wenn er sein Futter mit gutem Gewissen ernten kann.“ Jeder kenne den Druck, den die Futterernte oft mit sich bringt. Das aber, so der Ökotierhalter, dürfe nicht zulasten anderer Tiere gehen. Das Team um Markus Willige ist deshalb wie üblich gleich an mehreren Tagen – beziehungsweise Nächten – in der zweiten Maiwoche gebucht.

Kitzrettung Barnim
Gruppenbild mit Drohne und Sonnenaufgang (v.l.): Fred, Claus, Markus, Thomas, Anne und Rainer waren in dieser Nacht das Team. © Sabine Rübensaat

Und wie steht es um die Motivation der Kitzretter, die etliche Nächte unterwegs waren, ohne ein einziges Kitz retten zu können? Claus Johannsohn, für den Steine „Freunde“ sind, ist keineswegs enttäuscht.

„Wichtig ist, dass wir den Landwirten nach bestem Wissen sagen können: Du kannst jetzt losfahren. Dafür gehe ich gerne von Stein zu Stein.“ Niemand könne schließlich wissen, ob nicht von den tagsüber gesichteten dickbäuchigen Rehen – die Jäger sprechen von hochbeschlagenen Ricken – nicht doch eines in der Nacht ihr Junges im vermeintlich schützenden Bewuchs der Wiese zur Welt gebracht hat.

Markus Willige, wie Claus aktiver Jäger, weiß das natürlich auch. Und im vorigen Jahr startete die jeweils rund sechs Wochen dauernde Saison schließlich ebenfalls mit etlichen Leerläufen. „Trotzdem wächst da bei mir schon eine gewisse Unruhe“, gibt der Drohnenpilot zu, dessen Hang zu Gründlichkeit und Präzision nicht lange verborgen bleibt. Die kritischen Fragen an sich selbst, ob man wirklich alles richtig mache, nähmen zu, räumt er ein.

Markierung Kitzrettung
Die Markierung hilft, das Kitz nach der Mahd möglichst rasch wieder frei zu lassen. © Sabine Rübensaat

Ricken sind spät dran

Findermeldungen von Kitzrettern in anderen Regionen, die sich per Instagram auch über die Bauernzeitung rasch verbreiten, machen indes keinen hier nervös. Man weiß, dass die Setzzeit nicht nur in Thüringen und Vorpommern zu unterschiedlichen Terminen beginnt, sondern selbst im Havelland und im Barnim. Zudem steht die Mahd in diesem Frühjahr überwiegend früher an als sonst, und möglicherweise haben die mitunter heftigen April-Fröste die innere Uhr der werdenden Rehmütter langsamer ticken lassen.

Kitzrettung_Kisten im Gras
Sicher heißt auch sicher vor dem Fuchs und vor der Sonne. Am Feldrand werden die Kisten verdeckt abgestellt. © Sabine Rübensaat

Kurz nach sechs ist der letzte Schlag abgesucht. Feierabend, denn für die Wärmebildkamera sind die Lufttemperaturen bald zu hoch. Markus, der für die Flugsaison in der Regel seinen Jahresurlaub nimmt, will eine Mütze Schlaf nachholen und dann den Einsatz für die nächste Nacht vorbereiten. Claus und Rainer werden wieder dabei sein – wie fast immer, seit die drei mit Gleichgesinnten im Jahr 2021 den Verein Kitzrettung Barnim e. V. aus der Taufe hoben.

Auf Fred und Anne, die in dieser Nacht zu den beiden Läuferteams gehörten, warten andere Aufgaben: Er muss bis zur Spätschicht in einer IT-Abteilung wieder ausgeruht sein, sie mit ihrer Tochter erst einmal zum Zahnarzt. Begonnen hatte die Nacht für alle mit dem Treffen zur gemeinsamen Abfahrt in Rainers altem Opel um 0.15  Uhr. Während sich der Trupp auf den über 40  Kilometer langen Heimweg macht, trifft Leonie Schierning im Betrieb letzte Absprachen mit den Fahrern der Erntekette.

Absprache Betriebsleitung
Letzte Absprachen der Betriebsleitung, Leonie Schierning und Ludolf von Maltzan, mit dem Fahrer des Mähwerkes, Jan Haarbach (l.) vom Welsower Lohnunternehmen Jänicke. © Sabine Rübensaat

Bildergalerie: Futterernte in Barnim

Ernte

Die Futterernte läuft an. © Sabine Rübensaat

Ernte auf dem Feld

© Sabine Rübensaat

Futterernte

© Sabine Rübensaat

Kitzrettung Barnim und Mahd: Das Zeitfenster ist entscheidend

Wichtig ist, die Zeit zwischen der Absuche und dem Mahd-Beginn möglichst kurz zu halten. Denn die Wiese war zwar mit sehr hoher Sicherheit „kitzfrei“, als das Such-Team abzog. Aber bis zum Anrücken der Maschinen besteht ein kritisches Zeitfenster, das klein bleiben sollte. Entsprechend wird in Brodowin die Reihenfolge der Flächen festgelegt.

Die Agraringenieurin hält selbst den Kontakt zum Such-Team. Markus Willige ist über die Zusammenarbeit mit ihr des Lobes voll: „Alle Daten zu den Flächen, die wir brauchen, bekommen wir hier im Handumdrehen.“ Mit den Angaben füttert der Drohnenpilot zu Hause das Steuerprogramm des Fluggerätes. Nach seinen Vorgaben, etwa zu Hindernissen wie Windrädern oder Hochspannungsleitungen, berechnet die Software den optimalen Kurs, den die Drohne dann nachts über dem Schlag nehmen wird.

Kitz im Gras
Das Rehkitz springt bei Gefahr nicht ab, sondern drückt sich tief ins Gras. © Sabine Rübensaat

Gute Kommunikation und Online-Termin-Findung

Das Programmieren eines Einsatzes kann in wenigen Minuten erledigt sein – sofern die Daten des Betriebes vollständig sind und stimmen. Manchmal besteht die erste Hürde schon darin, genau die Fläche zu benennen, um die es geht. „Die Kommunikation ist wie so oft das Wichtigste“, berichtet Willige aus seinen Erfahrungen. Dazu gehört die Absprache­ mit dem Jagdpächter, der eine Mitwirkungspflicht auf den von ihm bejagten Flächen hat.

Erster Teil der guten Kommunikation ist jedoch die vorausschauende Terminplanung. Der Barnimer Verein hat einen Online-Kalender eingerichtet, auf dem seine Partner die noch freien Termine sehen können. Die Nachfrage wächst von Jahr zu Jahr. Zwar gibt es allein im Barnimkreis inzwischen sechs Ansprechpartner, doch alle sind rein ehrenamtlich tätig und auf Freiwillige angewiesen, die nicht nur Schlaf opfern, sondern auch noch alle Kosten selbst tragen.

Im vorigen Jahr waren die Barnimer Kitzretter drei Wochen lang Nacht für Nacht im Einsatz. „Das schaffen wir 24 Vereinsmitglieder nur, weil uns 20 bis 25 Helfer uneigennützig unterstützen“, sagt Willige, der 1. Vorsitzender des Vereins ist. Jedes Mitglied entrichtet einen Monatsbeitrag von zehn Euro. „Das reicht gerade für Drohnenhaftpflicht und -kasko.“

Kitzrettung Barnim: Auf Spenden angewiesen

Deshalb ist der gemeinnützige Verein auf Spenden angewiesen. „Es gibt Betriebe, die wissen, was wir leisten, und die auch zeigen, was ihnen diese Leistung wert ist“, sagt Markus Willige. Bei manchen frage er sich aber schon, warum ihr Portemonaie offenbar zugenäht sei.

Eine zweite Drohne, die eine längere Flugzeit ohne „Tankstopp“ erlaubt, hat der Verein mithilfe der Bundesförderung angeschafft, ein weiterer Pilot befindet sich in der Ausbildung. Noch aber können nicht genug Akkus finanziert werden, um das neue Fluggerät eine ganze Nacht einzusetzen. „Unseren Mitgliedern und Helfern können wir keine Unkosten ersetzen. Zur Mitgliederversammlung ein Tankgutschein für jemanden, der immer Gemeinschaftstaxi spielt und dabei auch mal 100 Kilometer abspult – mehr ist leider nicht drin“, bedauert Willige, der seinen privaten Pick-up als „Leitfahrzeug“ für die Ausrüstung einbringt.

Viel Zustimmung und zumindest ideelle Unterstützung kommt vom Veterinäramt in Eberswalde. Erstmals Ende März vorigen Jahres hatte es die Landwirtschaftsbetriebe mit Grünland in seinem Verantwortungsbereich angeschrieben und sie an ihre Vorsorgepflicht erinnert.

Rechtliche Hintergründe

Tierschutz ist ein Staatsziel (Artikel 20 a des Grundgesetzes). Das erfordert, dass – soweit möglich – Schutzmaßnahmen für Tiere bei der Mahd zu ergreifen sind.
Überdies bestimmt § 1 des Tierschutzgesetzes, dass niemand ohne vernünftigen Grund Tieren Leiden oder Schmerzen zufügen darf. Die Mahd ohne Schutzmaßnahmen ist im Sinne des Gesetzes kein vernünftiger Grund für die Verletzung oder Tötung eines Tieres.

Für die Absuche der Fläche sind nach dem Verursacherprinzip primär der Landwirt und der Fahrer bzw. Maschinenführer verantwortlich.
Nach aktueller Rechtsprechung hat der Landwirt alle möglichen und zumutbaren Vorsorgemaßnahmen zu treffen, um das Ausmähen von Kitzen zu vermeiden. Dass er einen Lohnunternehmer beauftragt, entbindet ihn nicht von dieser Pflicht; er kann die zuverlässige Durchführung aber ausdrücklich an ihn übertragen.
Billigende Inkaufnahme gilt als Vorsatz. Nach einschlägiger Rechtsprechung reicht es dafür aus, keine Vorsorge getroffen zu haben, obwohl mit Kitzen auf der Fläche zu rechnen gewesen wäre.

Wurde ein Kitz verletzt oder getötet, ist die Mahd zu unterbrechen und erneut Vorsorge zu treffen. Nur so kann der Betrieb Rechtsicherheit erreichen.

Quelle: Brief des Veterinäramtes an die Grünlandbetriebe im Landkreis Barnim

Dieses Frühjahr enthielt das Schreiben eine ausgesprochen gute Nachricht: 2023 musste der Landkreis keine Strafverfahren gegen Landwirte wegen unzureichender Vorsorgemaßnahmen einleiten. Im Jahr zuvor waren es noch drei. Die Bilder, die dabei entstanden und öffentlich wurden, seien für die Bürger des Kreises einschließlich der Jägerschaft „mehr als verstörend“ gewesen, schreibt das Veterinäramt.

Engagement der Landwirte

Nicht alle Betriebe möchten mit den ehrenamtlichen Kitzrettern zusammenarbeiten, berichtet die für den Tierschutz zuständige amtliche Tierärztin, Dr.  Andrea Münnich. Einige haben eigene Drohnen angeschafft und dokumentieren die Maßnahmen anhand der gespeicherten Bilder. Insgesamt bezeichnet das Amt das Engagement der Landwirte als „überwältigend“, wenn auch nicht lückenlos. Anfragen an die Kitzretter und Jagdverbände hätten deren Erwartungen weit übertroffen, dank vieler freiwilliger Helfer konnten jedoch fast alle Terminanfragen bedient werden.

Während die Barnimer Kitzretter müde nach Hause fahren, rollt im Brodowiner Betrieb der Fendt des Lohnunternehmers mit Front- und Heckmähwerken vom Hof. Die Erntekette nimmt Fahrt auf.

Weitere Infos: www.deutsche-wildtierrettung.de sowie alle Jägerschaften und Veterinärämter.

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Rehkitze ducken sich bei Gefahr im hohen Gras ab und verharren dort regungslos. So sind sie bei der Mahd kaum erkennbar. (c) IMAGO / Zoonar

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