Agrifood Trends: Zukunftsbild für die Agrarwirtschaft von der Initiative „Agrarsysteme der Zukunft“ (c) AGRARSYSTEME DER ZUKUNFT

Agrifood Trends: So essen und produzieren wir morgen

Die folgenden neun Trends haben das große Potenzial, die Agrifood-Systeme in Westeuropa in den kommenden Jahren und Jahrzehnten stark zu verändern. Viele von ihnen sind miteinander verbunden und entwickeln sich zeitgleich dynamisch weiter.

Von Myriam Preiss

Das Team des Forschungsverbundes food4future (zu Deutsch ungefähr: Essen für die Zukunft) hat sich mit der Frage beschäftigt, welche Trends, Veränderungen und Signale in den letzten Jahren erkennbar waren, die einen direkten Einfluss auf Agrifood-Systeme in Westeuropa haben werden. food4future ist eines von mehreren Projekten der Initiative „Agrarsysteme der Zukunft“.

Sogenannte Agrifood-Systeme umfassen alle Agrar- und Nahrungsmittelsysteme und deren Verflechtungen in ihrer Gesamtheit. Klingt unüberschaubar, ist es auch. Agrifood-Systeme gehören zu den ältesten und komplexesten Systemen, die die Menschheit erschaffen hat und die mit ihr gewachsen sind.

Agrifood-Systeme und food4future
Agrifood-Systeme (dt.: Agrar- und Ernährungswirtschaft) umfassen die Primärproduktion von landwirtschaftlichen Lebensmitteln und Non-Food-Produkten sowie das Lagern, das Zusammenfassen, das Handling nach der Ernte, das Transportieren, das Verarbeiten, das Vertreiben, das Vermarkten, das Entsorgen und den Verbrauch von Lebensmitteln.

Die Agrifood-Systeme in Westeuropa versorgen zuverlässig Millionen Menschen in Westeuropa, Milliarden weltweit. Diese Funktionalität zu sichern, während die großen Herausforderungen und Chancen der kommenden Jahrzehnte und damit die Zukunft gestaltet werden müssen, hat oberste Priorität.

Humanitäre und politische Krisen, wie die Covid-19-Pandemie, der Krieg in der Ukraine, aber auch historische Beispiele wie die Kulturrevolution in China oder die Kartoffelfäule in Irland haben deutlich gezeigt, welche Konsequenzen folgen, wenn Agrifood-Systeme gestört werden und teilweise ihre Funktionalität einbüßen. Unterbrochene Lieferketten führten auch zu Knappheiten und Preissteigerungen.

Daher ist es ein wichtiges Forschungsziel, dazu beizutragen, dass diese Systeme für die Zukunft möglichst robust und resilient aufgestellt werden, und rechtzeitig auf neue Entwicklungen aufmerksam zu machen, die dafür relevant sind. Bestenfalls gibt das politischen Kräften, Produzierenden und anderen Marktteilnehmenden die Chance, frühzeitig Maßnahmen zu ergreifen, damit sich die Zukunft in eine gewünschte Richtung beeinflussen lässt.

Lastenfahrrad in Berlin

Immer mehr Menschen leben in der Stadt. Die Urbanisierung unterliegt einer enormen Dynamik. Urbane Räume entstehen, wachsen und verändern sich (c) IMAGO/Photothek

Biogasanlage mit Plakat zum Kauf von Ackerland

Der Hunger nach Boden bedroht die Welternährung. Zunehmend sind landwirtschaftliche Nutzflächen im Besitz von außerlandwirtschaftlichen Investoren (c) Christian Mühlhausen/Landpixel.de

Westlicher Maiswurzelbohrer Adulter Westlicher Maiswurzelbohrer auf Blatt

Der Westliche Maiswurzelbohrer ist einer der ersten Profiteure der Globalisierung. Er breitet sich zunehmend in Europa aus (c) Christian Mühlhausen/Landpixel.de

Demonstration

Agrarindustrie, Demonstration, Landwirte, Plakate, Mit dem zunehmenden Wertewandel nimmt die Gesellschaft verstärkt Einfluss auf die Lebensmittelproduktion (c) Sabine Rübensaat

Makrotrend 1: Urbanisierung als Herausforderung?

Die konstante Bevölkerungsbewegung von ländlichen zu urbanen Gegenden in den letzten Jahrzehnten und der damit verbundene Anstieg und Expansion ebendieser Gegenden sind Fakten. Gleichzeitig verbreiten sich damit auch urban geprägte Lebensstile, Verhaltensweisen und Geschäftspraktiken.

Daraus ergeben sich verschiedene Herausforderungen. Die logistische Versorgung der Stadtbevölkerung mit gesunden und frischen Nahrungsmitteln braucht neue Lösungen. Dieser Markt ist bereits in Bewegung, verschiedene Player versuchen, die bisherigen Wertschöpfungsketten aufzubrechen mit neuen Konzepten zur Nahrungsmittelversorgung der urbanen Bevölkerung und ihrer Bedürfnisse.

Gerade während der Covid-19-Pandemie ist der Markt in diese neue Richtung verschoben worden. Zeitgleich ändern sich Essverhalten und -kultur mit der Urbanisierung. Zuletzt sorgt die bisher sehr niedrige Lebensmittelproduktion in urbanen Gegenden und damit einhergehend die räumliche Distanz zwischen Produzenten und Konsumenten für neue Spannungsfelder in der Bevölkerung, die unsere Gesellschaft in den nächsten Jahren weiterhin stark beschäftigen werden.

Makrotrend 2: Globalisierung – Import, Export und Vernetzung

Der strukturelle Wandel hin zu größerer Abhängigkeit von Importen und Exporten in Landwirtschaft und Nahrungsversorgung ist in den letzten Jahren durch die Globalisierung und die Verlängerung von Wertschöpfungsketten weiter vorangeschritten.

Verbunden damit ist die Erhöhung von Ressourcen- und Energieverbrauch. Vom 2018er-Handelskrieg zwischen China und den USA über die Covid-19-Pandemie hin zum Krieg in der Ukraine wurde in den letzten Jahren immer deutlicher, wie störungsanfällig globale Nahrungsketten sind. Ein kleiner Gegentrend dazu lässt sich anhand der neuen Direkt-Marketing-Strategien einiger Lebensmittelproduzenten erkennen.

Drei Aspekte der Globalisierung sind besonders relevant: Investments, Produktivität und Pflanzenkrankheiten und -schädlinge. Weltweit lässt sich beobachten, dass die Kapital- und Wissensintensität im Produktionssektor ansteigen. Gerade in den USA sind die Investitionsanstiege signifikant, rund 500 % in den letzten fünf Jahren, in den zehn Jahren davor eine Verzehnfachung des eingesetzten Kapitals.

Diese großen Investitionen in den Agrifood-Sektor machen Innovationen, disruptive Neuentwicklungen, deutlich wahrscheinlicher – nicht nur in den USA, sondern durch die Globalisierung auch in Europa.

Auch bei der Produktivität sind verschiedene zukünftige Entwicklungen wahrscheinlich. In einigen Regionen der Welt, auch Westeuropa, ist eine Erhöhung der Ernteerträge z. B. durch klimatische Veränderungen langfristig wahrscheinlich, in Weltregionen, die aktuell bereits mit Nahrungsmittelsicherheit ringen, ist dagegen eine weitere Verknappung sehr wahrscheinlich.

Nach aktuellen Hochrechnungen ist im Jahr 2027 der Punkt erreicht, zu dem weltweit weniger Kalorien produziert werden, als die Bevölkerung verbraucht – eine optimale Verteilung vorausgesetzt. Von der sind wir aktuell meilenweit entfernt, etwa ein Drittel der Lebensmittelproduktion weltweit landet im Müll.

Wie genau die Produktivität durch traditionelle Landwirtschaft weiter erhöht werden kann, ist kontrovers, sind doch in den letzten Jahren die negativen Folgen wie Biodiversitätsverlust, Wasserknappheit, Waldrodungen immer offensichtlicher geworden.

Auch ist die rasche Verbreitung von Pflanzenkrankheiten und Schädlingen durch globale Mobilität und klimatische Veränderungen Grund zur Sorge. Wie gerade Covid-19 eindrucksvoll bewiesen hat, macht die globale Vernetzung eine schnelle, unaufhaltbare Verbreitung jeglicher Krankheit deutlich einfacher.

Gleiches gilt für Schädlinge. Der Anstieg des weltweiten Auftretens von Pflanzen- und Tierkrankheiten in Verbindung mit wachsenden Resistenzen gegen unterschiedliche Gegenmaßnahmen und Klimaerwärmung macht eine Voraussage in diesem Bereich umso schwieriger.

Makrotrend 3: Wertewandel in der Gesellschaft notwendig?

Je schneller sich das Wissen und die Aufmerksamkeit für Nachhaltigkeit und Alternativen zu konventionellen Produktionsmethoden in der Gesellschaft verbreiten, desto wahrscheinlicher eröffnen sich neue Pfade innerhalb der Agrifood-Systeme.

Der Fokus auf Lebensmittelproduktion und -konsum ist in den letzten Jahren stetig angewachsen. Konsumentenverhalten sowie die gesellschaftlichen Ansichten zu konventioneller Lebensmittelproduktion wandeln sich stetig, genauso wie die Umsetzung in politischen Agenden hierzu. Die Glyphosat-Debatte, neuere europäische Strategien wie Farm-2-Fork oder Biodiversität sind Zeugnis dieses Wandels.

Zugleich hat sich die Nachfrage nach Bio- und regionalen Lebensmitteln in Westeuropa stetig erhöht. Gleichzeitig diversifiziert sich der Lebensmittelmarkt immer weiter, aufgrund der stark individualisierten Nachfrage in der Bevölkerung.

Insgesamt lässt sich feststellen, dass der Wunsch der Bevölkerung einen ihrer Ansicht nach positiven Einfluss auf die Agrifood-Systeme auszuüben, nicht so bald verschwinden wird. Ein weiterer wichtiger Treiber für Innovationen in dem Bereich.

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Makrotrend 4: Ernährung – Von der Notwendigkeit zur Genussquelle

Einen nachhaltigen und umweltfreundlichen Lebensstil zu pflegen, ist für viele Bürger in den letzten Jahren immer wichtiger geworden. Das Interesse für regionale Produkte, Re-Lokalisierung ist groß, insbesondere in der jüngeren Bevölkerung. Transparenz in der Lebensmittelproduktion und ein klares Versprechen zu Nachhaltigkeit werden wichtiger.

Ernährung ist von einer reinen Notwendigkeit zur Genussquelle und immer mehr zum Statussymbol geworden. Global gesehen ist zu beobachten, dass in vielen Ländern der Welt zugleich Mangelernährung und Übergewicht am gleichen Ort auftreten, das zeigt den sehr unterschiedlichen Zugang zu und Wissen über Ernährung.

Makrotrend 5: Land Grabbing – Aneignung von Land

Das massive Aufkaufen oder Aneignen von Land durch Staaten, Unternehmen oder Investoren, um das Land für den eigenen Gewinn oder den eigenen Bedarf zu nutzen, wird als Land Grabbing bezeichnet.

In den letzten Jahren hat sehr viel Land und damit Biomasse neue, häufig internationale Besitzer bekommen. Neben den Erträgen sind vor allem Gewinnerwartungen mit diesen Transaktionen verbunden.

Länder wie China oder Saudi-Arabien haben bereits Probleme, ihre Bevölkerung zu versorgen, der Boom von Biotreibstoffen, die steigende Nachfrage nach Biomasse und Hedgefonds, die Landbesitz als sichere, rentable Investition vermarkten, stehen im Zentrum dieser Entwicklung. Damit einhergehend ist in Westeuropa ein signifikanter Anstieg an Landpreisen zu beobachten, ein Einfluss auf Im- und Exporte in den kommenden Jahren ist wahrscheinlich.

Neben den fünf Makrotrends, wurden vier Mikro­trends identifiziert. Hier ist eine Entwicklung erkennbar. Wie genau und wie stark sie sich auswirken werden, ist noch unklar.

Mikrotrend 1: „Urban Gardening“ und Aquaponics

Die Nachfrage in der Bevölkerung nach transparent hergestellten und nachhaltigen Lebensmitteln hat dazu geführt, dass ein Anstieg an pflanzlicher Lebensmittelproduktion in urbanen Gegenden erkennbar ist.

Privatleute, die sich beim „Urban Gardening“ engagieren und so ihren eigenen Bedarf an frischen, lokal produzierten Lebensmitteln zum Teil decken, sind ein Aspekt dieses Trends.

Genauso wie Unternehmen, vor allem Start-ups, die das ganze Jahr über frische, vor Ort produzierte Pflanzen ziehen und anbieten. Entweder in Indoor-Farming-Massenproduktion basierend auf Hydroponics, Aquaponics, Aeroponics oder mit urbanen Anlagen auf Dächern. Auch für Privathaushalte gibt es Minisysteme, die ebenfalls als Controlled-Environment-Agriculture-Systeme bezeichnet werden können.

Wenn dieser Trend weiter zunimmt, wird er Agrifood-Systeme stark verändern sowie die Sicherheit der Lebensmittelversorgung bestenfalls robuster machen.

Mikrotrend 2: In Salzwasser anbauen?

Wasserknappheit ist eine der großen Herausforderungen der Zukunft. Nahrung, die sich in Salzwasser anbauen lässt, könnte hier Abhilfe schaffen. Halophyten oder Salzpflanzen könnten in Zukunft einen Beitrag zur Nahrungsversorgung leisten, insbesondere wenn weite Küstenabschnitte durch ansteigende Meeresspiegel überflutet werden. Das Potenzial dieser Pflanzen ist bisher nicht genügend erforscht.

Landbasierte Fischfarmen, die auch in urbanen Gegenden aufgestellt werden, arbeiten mit rezirkulierenden Systemen. Sie könnten in Zukunft einen Beitrag zur Anpassung an Klimawandel und andere Herausforderungen leisten. Zugleich werden Wildfang und lange Transportwege immer problematischer.

Durch Abwasserklärung könnten die Farmen in urbane Wasserkreisläufe eingebunden werden, Aquaponics-Systeme brauchen die Abwässer der Fischtanks sogar. Die Entwicklung von salzwasserbasierten Systemen ist ein neues Konzept, das völlig neue Möglichkeiten eröffnet.

Gemüseproduktion ohne Boden

Gemüseproduktion ohne Boden. Hydroponik und andere erdlose Indoor-Farmingsysteme produzieren zunehmend frische Lebensmittel in oder im Umfeld von Städten (c) Klaus Meyer

Lachskultur Dänemark

Ein Kreislauf: Das Abwasser der Fischbecken mit seinen Nährstoffen eignet sich sehr gut für die Produktion von Gemüse in Aquaponikanlagen. Das senkt den Frischwasserbedarf (c) IMAGO/Joerg Boethling

Mosa Meat

Mit In-vitro-Fleisch und anderen Proteinquellen für Nahrungsmittel beschäftigen sich viele Unternehmen, obwohl die Akzeptanz beim Verbraucher noch relativ gering ist (c) Werkbild/Mosa Meat

Frau vor einem Lebensmittelregal

Individuelle Ernährungskonzepte basieren meistens auf Analysen des Stoffwechsels, Gesundheitszustandes, Lebensstils, der persönlichen Vorlieben oder sogar des genetischen Profils (c) Sabine Rübensaat

Mikrotrend 3: Algen als Proteinquelle

Ausreichend Proteine für die Versorgung der Weltbevölkerung zu produzieren, ist eine der großen zukünftigen Herausforderungen. Die Fleisch- und Milchproduktion immer weiter heraufzufahren, ist angesichts hohen Ressourcenverbrauchs und Emissionen keine nachhaltige Option.

Pflanzenbasierte Milch- und Molkereialternativen sind in den letzten Jahren durch die massiven Investitionen bereits stark in den Markt gedrängt. Weitere neue Proteinquellen sind Algen, Insekten und In-vitro-Fleisch. Die Akzeptanz in der Bevölkerung für alle diese Alternativen ist noch gering, steigt aber stetig.

Mikrotrend 4: Gesunde Ernährung individuell

Privatleute und Wissenschaft fokussieren ihre Anstrengungen verstärkt auf die individuellen Bedürfnisse des menschlichen Körpers. Auf Forschungsseite wird am Einfluss von Ernährung auf den Menschen geforscht. Daran, was für wen in welchem Alter und Lebensstil gesund ist.

Die Darmflora, das Mikrobiom, biologische Faktoren wie das Geschlecht und andere Einflüsse und ihr Zusammenspiel mit der Ernährung sind beispielsweise Faktoren. Zugleich interessieren sich viele Menschen privat immer mehr dafür, wie sie sich selbst optimal ernähren können. Das hat teils unerwartete Auswirkungen. Zum Beispiel die erhöhte Nachfrage nach gluten- oder lactosefreien Produkten, die durch gesunde Menschen ohne Allergien oder Unverträglichkeiten konsumiert werden.

Apps für gesunde Ernährung sind besonders bei Jugendlichen beliebt. Ob und wie sich eine individualisierte Ernährung angesichts der steigenden Weltbevölkerung in nächster Zeit umsetzen wird, ist noch unklar. Zudem hängt dies stark von den Forschungsergebnissen in diesem Bereich ab.

Ob sich die neun Agrifood Trends als nachhaltig erweisen und zur robusten Nahrungsmittelversorgung beitragen, wird sich erst in Zukunft zeigen. Klar ist jedoch, dass es notwendig ist, diese Trends im Auge zu behalten und ihre Entwicklung rechtzeitig in gewünschte Bahnen zu lenken. Wie genau diese aussehen, ist Verhandlungssache, hier sind Forschung, Gesellschaft, Politik und Produzenten gefragt, gemeinsame Visionen real werden zu lassen.

Der Forschungsverbund food4future unter der Leitung von Prof. Monika Schreiner beschäftigt sich seit seiner Gründung vor fünf Jahren mit diesen und anderen Fragen die Zukunft der Nahrung betreffend. Forschende aus ganz Deutschland sind beteiligt.

Gefördert wird der Verbund vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen der Förderung „Agrarsysteme der Zukunft“. Mit der Identifizierung von Entwicklungen und Trends im Bereich Agrifood-Systeme wurde der Grundstein für die Fokussierung des Verbundes gelegt und wird in den folgenden Jahren weiterhin genau verfolgt.