Sachsen-Anhalt ist seit einigen Jahren größter ostdeutscher Kartoffelanbauer. ©Sabine Rübensaat

So steht es um die Kartoffel in Ostdeutschland

Sachsen-Anhalt liegt vorn beim Kartoffelanbau, in Sachsen wird die Knolle besonders oft veredelt. Unsere Landesredakteure haben in den östlichen Bundesländern umgehört und ihre Erkenntnisse in einem Kartoffel-Report für Ostdeutschland zusammengetragen.

Von David Benzin, Detlef Finger, Frank Hartmann, Heike Mildner und Gerd Rinas.

Top-Bedingungen in Mecklenburg-Vorpommern

Der Kartoffelanbau in Mecklenburg-Vorpommern (MV) hat in den vergangenen 30 Jahren einen dramatischen Niedergang erlebt. Wurden 1990 laut Agrarbericht des Landes noch 72.791 ha landwirtschaftliche Nutzfläche (LF) mit Knollen bestellt, verringerte sich diese schon ein Jahr später auf 27.705 ha. Nach einem Anstieg 1992 auf 29.146 ha ging die Anbaufläche in den folgenden Jahren immer mehr zurück.

Zwischen 2007 und 2012 wurden laut Statistischem Amt MV durchschnittlich 14.200 ha mit Kartoffeln bestellt. Von 2013 bis 2018 waren es im Mittel 11.900 ha LF. Im vorigen Jahr stieg die Anbaufläche auf 12.400 ha und 2019 nach vorläufigen Angaben auf etwa 13.000 ha an.

1990 wurden durchschnittlich 216,1 dt/ha Kartoffeln geerntet. Für 2007 bis 2012 weist die Statistik einen Durchschnittsertrag von 360,4 dt/ha aus. 2013 bis 2018 wurden im Mittel 363,1 dt/ha gerodet, wobei im Trockenjahr 2018 durchschnittlich 275,1 dt/ha  und dieses Jahr nach vorläufigen Angaben 356,7 dt/ha zu Buche schlagen. Insgesamt wurden 2013 bis 2018 im Schnitt jährlich 430.800 t Kartoffeln geerntet, 2018 waren es 340.900 t und 2019 nach vorläufigen Angaben 463.300 t.

Etwa 85.000 t Mecklenburger Knollen werden in Stavenhagen bei Pfanni (Unilever) und in Hagenow bei der Mecklenburger Kartoffelveredlung GmbH (Emsland Group) zu Veredlungserzeugnissen verarbeitet. Über 300.000 t Knollen aus MV werden in Dallmin (Avebe Kartoffelstärkefabrik Prignitz/Wendland GmbH) und Kyritz (Emsland Group), Brandenburg, zu Stärke verwertet. In MV gibt es 380 Kartoffelanbauer und drei Erzeugergemeinschaften: die EZG Qualitätskartoffeln Vorpommern (Lieferkapazität 30.000 bis 40.000 t), die EZG Stärkekartoffeln Loitz (25.000 t) und die EZG Norddeutsche Saaten Partner (NSP), Teterow (5.000 bis 10.000 t).

Aufgrund seiner Gesundlagen bietet Mecklenburg-Vorpommern für die Pflanzkartoffelvermehrung ideale Bedingungen. Pflanzgut aus MV wird in 30 Länder exportiert. Mit etwa 20 % Anteil an der Pflanzgutproduktion nimmt Mecklenburg-Vorpommern im bundesweiten Vergleich den zweiten Platz nach Niedersachsen ein.

Kartoffeln: Brandenburgs Stärke

Nicht nur in Mecklenburg-Vorpommern, sondern in allen ostdeutschen Bundesländern ist der Kartoffelanbau, der die DDR bis 1989 zu ernähren hatte, zusammengebrochen. Noch 1989 wurden in den ostdeutschen Bundesländern 9,2 Mio. t Kartoffeln geerntet, die auf 431.274 ha herangewachsen waren; 2011 waren es hingegen nur noch 1,4 Mio. t von 47.000 ha. In Westdeutschland nahm der Kartoffelanbau in dieser Zeit zu. Die Anbaufläche stieg von 200.655 ha (1989) auf 229.300 ha.

Eine Zeitreihe des Landesamtes für Statistik belegt für 1991 eine Anbaufläche von 36.300 ha bei einem Ertrag von 198,1 dt/ha. Die Erträge schwanken von 155,4 dt/ha (1992) bis 428,1 dt/ha (2014). 2019 wurden auf 11.000 ha Kartoffeln angebaut (Ertrag: 318 dt/ha).

Ein Viertel der Brandenburger Kartoffeln sind Speisekartoffeln. Mit dem großen Rest werden die drei Kartoffelstärkefabriken in Dallmin (jährlich 250.000 t Kartoffeln), Kyritz (jährlich 200.000 t Kartoffeln) und Golßen (jährlich 139.000 t Kartoffeln) beliefert. Der Kartoffelanbau spielt in den Landkreisen Prignitz (Erzeugergemeinschaft für Stärkekartoffeln Dallmin), Ostprignitz-Ruppin  (Erzeugergemeinschaft für Stärkekartoffeln Ostprignitz für Kyritz) und in Südbrandenburg (Erzeugergemeinschaft Niederlausitzer Stärkekartoffeln für Golßen) eine besondere Rolle. Als ideales Kartoffelanbaugebiet in Brandenburg gilt der Fläming.

Sachsen-Anhalt führt beim Kartoffelanbau

Sachsen-Anhalt ist seit einigen Jahren größter ostdeutscher Kartoffelanbauer. Im letzten Jahrzehnt standen hier im Durchschnitt jährlich etwa 13.300 ha der Hackfrucht im Feld. 2019 ist mit rund 15.300 ha ein neuer Rekordwert erreicht worden. Zum Vergleich: 1990 waren es noch fast 73.000 ha.

Landesweit bauen mehr als 400 Betriebe Kartoffeln an. Der Durchschnittsertrag schwankt aufgrund begrenzter Niederschlagsmengen zwischen 400 und 500 dt/ha. Im Rekordjahr 2014 wurden im Mittel 542 dt/ha gerodet. In den Trockenjahren 2018 und 2019 waren es nur 283 dt/ha bzw. 316 dt/ha.

Einen bedeutenden Verarbeitungsstandort gibt es seit 1992 in Oschersleben (Bördekreis) mit einem Werk der Agrarfrost GmbH & Co. KG, Wildeshausen (Niedersachsen). Das Familienunternehmen gehört mit 500.000 t jährlich zu Deutschlands größten Kartoffelveredlern. Die Börde-Kartoffel EZG GmbH kümmert sich in Oschersleben um die Lagerung der Verarbeitungsknollen.

Zu den größeren Vermarktern gehören die Bio Kartoffel Nord GmbH & Co. KG in Lüchow (Niedersachsen) samt ihrem Erzeugerzusammenschluss, die Grocholl GmbH & Co. KG, Clenze (Niedersachsen) mit ihrer Agrarveredlungsgesellschaft mbH in Kalbe/Milde (Altmark) und die Hans-Willi Böhmer Verpackung und Vertrieb GmbH & Co. KG, Mönchengladbach, mit einem Standort in Adersleben (Nordharz) sowie die Weickelsdorfer Kartoffellagerhaus GmbH der Tonkens Agrar AG.

Die einzige ansässige VO-Firma (Organisation Vermehrung und Vertrieb Pflanzkartoffeln) ist
die Cobbelsdorf-Fläming-Kartoffel Handels GmbH in Cobbelsdorf bei Wittenberg. Die Vermehrungsfläche stieg landesweit von 2014 bis 2018 von 500 ha auf 815 ha.

Mit dem Förderverein Kartoffelanbau gibt es einen Akteur, der den Informations- und Erfahrungsaustausch der Branche gemeinsam mit der Landesanstalt für Landwirtschaft und Gartenbau organisiert. Plattform dafür ist der jährliche Bernburger Kartoffeltag Anfang Dezember.

Sachsen veredeln Kartoffeln oft

Im südöstlichsten Bundesland hat sich die Kartoffelanbaufläche in den vergangenen fünf Jahren auf einem stabilen Niveau gehalten. Sie lag laut aktuellem Agrarbericht bei rund 5.900 ha im vergangenen Jahr. 2014 waren es noch 1.000 ha mehr, mit langsam fallender Tendenz. Noch stärker als die Anbauflächen gingen die Erträgein den letzten Jahren zurück.  Im letzten Jahr wurden lediglich 315 dt/ha geerntet. In den Jahren zuvor waren es 489 dt/ha (2015) und 451 dt/ha (2017). Die Produktionsmenge halbierte sich in etwa von rund 340.000 t (2014) auf 185.000 t im Jahr 2018.

In der Friweika eG in Weidensdorf werden jährlich 70.000 t Kartoffeln zu 35.000 t Veredlungsprodukten. 1970 als LPG gegründet, konnte sich das auf die Kartoffel spezialisierte Unternehmen am Markt behaupten und beschäftigt heute 380 Mitarbeiter. Ein Handelsunternehmen für sächsische Kartoffeln ist die Falkenhain GmbH & Co. KG. Hier werden pro Jahr 60.000 t Speisekartoffeln abgepackt. Die zwei Unternehmen gehören unter anderem der Marktgemeinschaft Erdäpfel – Kartoffeln aus Sachsen GbR – der einzigen Erzeugerorganisation in Sachsen. Seit 1994 werden unter der Marke „Erdäpfel“ in Sachsen erzeugte Qualitätskartoffeln vermarktet.Als Dachverband der Kartoffelwirtschaft ist der Sächsische Qualitätskartoffelverband mit 75 Mitgliedern tätig.

Thüringen feiert den “Kartoffeltag”

Wuchsen in Thüringen Anfang der 1990er noch rund 10.000 ha Kartoffeln heran, waren es 2009 nur noch 2.320 ha. Zuletzt stagnierte der Anbau bei 1.600 ha, davon 340 ha Pflanzenkartoffeln.

Nach Einschätzung des Erzeugnisverbandes Thüringer Qualitätskartoffeln (THÜKAV) entfallen
90 % der Kartoffelernte auf seine 52 Mitgliedsbetriebe. Unter ihnen finden sich auch die fünf größeren Händler und mit der Ablig Feinfrost GmbH (Klöße) der einzige nennenswerte Verarbeiter. Abzüglich der Pflanzware und geschätzten 10 % Industriekartoffeln, erfolgt die Vermarktung der Thüringer Ernte als Speisekartoffeln, davon etwa 10 % direkt.

Im THÜKAV sind drei Erzeugergemeinschaften (EZG) organisiert: EZG Heichelheim; EZG Westthüringer Qualitätskartoffeln; EZG Ostthüringen. Mit Unterstützung des Landesamtes für Landwirtschaft (TLLLR) führt der Verband in den Betrieben einen jährlichen Qualitätscheck durch, der den „kontrollierten Anbau“ bescheinigt. Unter dem Dach des Erzeugnisverbandes verantwortet der Förderverein „Heichelheimer Kartoffel“ gemeinsame Marketingaktionen wie das Schulprojekt „Kids an die Knolle“. Darüber hinaus können die Thüringer im Herbst auf diversen Märkten die „Thüringer Kartoffel des Jahres“ wählen. Die Krönung erfolgt zum Thüringer Kartoffeltag am 6. November in der TLLLR-Versuchsstation in Friemar.

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